{"id":87360,"date":"2003-08-03T00:01:28","date_gmt":"2003-08-02T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87360"},"modified":"2024-05-04T11:38:49","modified_gmt":"2024-05-04T09:38:49","slug":"nietzsche-und-das-archiv-seiner-schwester","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/03\/nietzsche-und-das-archiv-seiner-schwester\/","title":{"rendered":"Nietzsche und das Archiv seiner Schwester"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Baron Friedrich von Schennis, den Else Lasker-Sch\u00fcler in den \u00bbGesichten\u00ab so unverge\u00dflich beschrieben hat, gab hin und wieder eine Geschichte zum besten, die gewi\u00df nicht als verb\u00fcrgt gelten darf, aber selbst wenn sie erfunden sein sollte, das Grauen f\u00fchlbar macht, das wohlbe\u00adschaffene Leute bei dem Gedanken an den Betrieb des Nietzsche-Archivs w\u00e4hrend der ersten Jahre beschlich. Er schilderte die langgezogene Tafel, die \u2013 mit dem oberen Ende an eine Estrade sto\u00dfend \u2013 zur Feier eines der letzten Geburtstage Nietzsches im Weimarer Haus, dessen obersten Stock er bewohnte, gedeckt war. Ein violetter Vorhang habe jene Estrade von dem R\u00e4ume getrennt, in dem das Festmahl stattfand, gegen dessen Schlu\u00df aber, berichtete Schennis, habe der Vorhang sich auseinandergetan, und in einem Sessel sei der Kranke, gekleidet in ein toga\u00e4hnliches Gewand, sichtbar geworden. Anst\u00f6\u00dfige Episoden, von denen die greifbarste die Auslieferung Nietzsches an den Scharlatan Langbehn gewesen ist, hatten einen Kreis Kundiger fr\u00fchzeitig mit Argwohn gegen die Haltung erf\u00fcllt, in welcher die Schwester \u2013 \u00bbdie stadtbekannte Schwester des weltber\u00fchmten Bruders\u00ab, wie S. Friedlaender sie genannt hat \u2013 das Erbe des Denkers antrat. Das erste Alarmsignal gab dann Bernoullis Buch \u00bbFranz Overbeck und Friedrich Nietzsche\u00ab und der dieser Publikation sich anschlie\u00dfende Proze\u00df, den noch heute eine Anzahl unkenntlich gemachter Stellen in der Originalausgabe in die Erinnerung rufen. Hand in Hand mit der Aufkl\u00e4rung jener Machenschaften, die den vorbildlichen Overbeck zu diskreditieren bestimmt waren, gingen die Aufschl\u00fcsse \u00fcber die Fahrl\u00e4ssigkeiten und Willk\u00fcrakte in der Herausgabe und Verwaltung von Nietzsches Nachla\u00df. Anl\u00e4\u00dflich der Debatte \u00fcber die Schutz\u00adfrist f\u00fcr Werke der Kunst und Literatur hat dann \u00bbDie Literarische Welt\u00ab die Forderung nach einer Lex Nietzsche erhoben, die den schriftstellerischen und k\u00fcnstlerischen Nachla\u00df ganz allgemein gegen unverantwortliche Behandlung durch Erben sicherzustellen h\u00e4tte. In diese Reihe gegen das Archiv gerichteter Aktionen sind die Schriften Podachs einzubeziehen.<sup>1)<\/sup> Das hei\u00dft aber nicht, da\u00df sie Kampfschriften w\u00e4ren, vielmehr nur, da\u00df die Lage auch in diesem engen Sektor der Zeitgeschichte so kritisch geworden ist, da\u00df jede gewichtige \u00c4u\u00dferung von vornherein die Waagschale findet, in die sie f\u00e4llt. Im \u00fcbrigen mu\u00dfte gerade der Kampf gegen den Geist des Archivs aus den letzten deutschen Begebenheiten neuen Ansto\u00df erhalten. Nirgends ist w\u00e4hrend der wilhelminischen \u00c4ra die Mobilmachung provinziellen Spie\u00dfer\u00adtums, das heute seine politischen Fr\u00fcchte zeigt, sorgf\u00e4ltiger als im Archiv vorbereitet worden. Wenn also der Kampf gegen diese Stelle zuerst einen lediglich privaten Charakter zu haben schien, sodann einen juristischen gewonnen hat, so ist zur Zeit sein politischer schon erkennbar. Dem vor allem, dem in dem neuen Podachschen Werk die Dokumentensammlung zur s\u00fcdamerikanischen Expedition Bernhard F\u00f6rsters vorliegt. An der Seite dieses F\u00f6rster \u2013 F\u00fchrerin eher als Gef\u00fchrte \u2013 ist 1884 Elisabeth F\u00f6rster-Nietzsche nach Paraguay aufgebrochen, um dem Nibelungentum eine St\u00e4tte auf Erden zu erobern, wie sie im Geiste sp\u00e4ter im Werk des Bruders ihm eine sichern wollte. Die Folge von besch\u00e4menden Vorf\u00e4llen, die jene Kolonialprojekte zum Scheitern brachten, stellt der Verfasser eindringlich dar. Auch sonst f\u00e4llt manch neues Licht auf die Menschen, die in Nietzsches n\u00e4herer Umgebung auftauchten, aber selten ist es ein sonniges. Alle, von denen hier die Rede ist, Mutter und Schwester, Rohde, Peter Gast, Langbehn, haben, wenn sie ihm \u00fcberhaupt je gewachsen gewesen sind, in dem oder jenem Stadium seiner Entwicklung sich von ihm trennen m\u00fcssen, und ob dem die \u00e4u\u00dfere Entfremdung nun hinzutrat oder nicht, qualvoll sind diese Stationen unter allen Umst\u00e4nden geblieben. Nietzsche empfand sie zugleich als solche auf dem Wege der \u00bbExstirpation des deutschen Geistes zugunsten des \u203adeutschen Reiches\u2039\u00ab. Das hat nicht gehindert, da\u00df man ihn seinerseits zum Reichsgr\u00fcnder gestempelt hat. Und auch das hat Podach erkannt, da\u00df der schlechten sakralen Stilisierung des Nietzsche-Bildes die Herabw\u00fcrdigung Overbecks haarscharf entsprach: \u00bbWas und wie \u00fcber Overbeck von einem K. Strecker und R. M. Meyer bis Kurt Hildebrandt geschrieben wurde, stellt eine schlechthin unerreichbare H\u00f6chstleistung plumpester Dienstbeflissenheit vor dem Archiv und eine beispiellose Ignoranz dar.\u00ab \u2013 \u00bbDie w\u00fcrdigste Gestalt, mit der Nietzsche in nahe Ber\u00fchrung kam, der Mann, dem der Spruch \u203aWarum Gelehrte edler als K\u00fcnstler sind\u2039 gewidmet zu sein scheint, der bei aller mehr selbstaufgezwungenen als naturgegebenen D\u00e4mpfung das besa\u00df und unerbittlich zur Geltung brachte, was Nietzsche von dem t\u00fcchtigen Gelehrten forderte, \u203adie Instinkte eines t\u00fcchtigen Milit\u00e4rs im Leibe\u2039, der Denker, der von Nietzsche leidenschaftlich aufgew\u00fchlte Probleme vor ihm, selbst\u00e4ndig mit unbestechlicher N\u00fcchternheit absteckte, &#8230; dieser Mann wurde in der deutschen Nietzsche-Literatur bestenfalls als ein in Basel zur\u00fcckgelassener Geld Verwalter Nietzsches hingestellt.\u00ab Die Katastrophe stellte die innere Rangordnung der Umgebung sogleich \u00e4u\u00dferlich dar. Overbeck als einziger ging nach Turin. Die Situation dieser Katastrophe hat Podach in einem ersten Buch \u00bbNietzsches Zusammenbruch\u00ab festgehalten. Es mag dahingestellt blei\u00adben, ob dessen Ergebnisse, der Versuch, Nietzsches Wahnsinn psychogen verst\u00e4ndlich zu machen, unbedingt zwingend sind. Sicher ist, da\u00df sie den Versionen \u00fcber die Krankheitsentstehung, die von der Umgebung des Archivs ausgehen, insbesondere der ber\u00fchmten \u00bbHaschischpsychose\u00ab \u00fcberlegen sind. Wenn aber noch unl\u00e4ngst wieder der Versuch gemacht worden ist, Podachs Thesen durch solche Konstruktionen zu beseitigen,<sup>2)<\/sup> so geschah das wohl nicht nur, um der Folgerung aus dem Wege zu gehen, \u203ada\u00df hier ein Mensch durch seine gedankliche Hybris wahnsinnig geworden sei\u2039, sondern aus Scheu, die Abgr\u00fcnde, die in jenen letzten Wochen von Nietzsches Existenz sich auftaten, irgendwie seinem Gedankenmassiv mit einzubegrei\u00adfen. Denn es sind Abgr\u00fcnde, die ihn auf immer vom Geist der Betriebsamkeit und des Philistertums trennen, der im Nietzsche-Archiv der herrschende ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nietzsches Zusammenbruch<\/strong>. Beitr\u00e4ge zu einer Biographie auf Grund unver\u00f6ffentlichter Dokumente, von E. F. Podach. Heidelberg: Niels Kampmann (1930).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gestalten um Nietzsche<\/strong>, von E. F. Podach. Mit unver\u00f6ffentlichten Dokumenten zur Geschichte seines Lebens und seines Werks. Weimar: Erich Lichtenstein Verlag (1932).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Um Nietzsches Untergang<\/strong>. Beitr\u00e4ge zum Verst\u00e4ndnis des Genies, von Paul Cohn. Mit einem Anhang von Elisabeth F\u00f6rster-Nietzsche: Die Zeit von Nietzsches Erkrankung bis zu seinem Tode. Hannover: Morris-Verlag (1931)<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/>Die Redaktion erinnert an Walter Benjamin und l\u00e4\u00dft diesen undogmatischen Denker in der Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Baron Friedrich von Schennis, den Else Lasker-Sch\u00fcler in den \u00bbGesichten\u00ab so unverge\u00dflich beschrieben hat, gab hin und wieder eine Geschichte zum besten, die gewi\u00df nicht als verb\u00fcrgt gelten darf, aber selbst wenn sie erfunden sein sollte, das Grauen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/03\/nietzsche-und-das-archiv-seiner-schwester\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447,428],"class_list":["post-87360","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87360","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87360"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105589,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87360\/revisions\/105589"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}