{"id":87348,"date":"2005-08-31T00:01:21","date_gmt":"2005-08-30T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87348"},"modified":"2021-07-04T15:12:45","modified_gmt":"2021-07-04T13:12:45","slug":"baudelaire-unterm-stahlhelm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/08\/31\/baudelaire-unterm-stahlhelm\/","title":{"rendered":"Baudelaire unterm Stahlhelm"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz elende Schriften haben mit ganz vorz\u00fcglichen dies gemein, ihr Wesen im Sprachlichen vollkommen offenkundig und pr\u00e4sent zu haben. Jede dantesche Terzine g\u00e4be in der prosodischen Betrachtung ein Schattenbild von dem, was Faktisches oder Geschehenes in ihr gesagt wird. So gibt jeder Satz eines Peter Klassen das sprachliche Widerspiel der Roheit, mit der der Verfasser treibt, was er f\u00fcr Denken h\u00e4lt. Es kann ihm nicht zugute gehalten werden, da\u00df es nicht eigene K\u00fcmmerlichkeit allein, sondern der Verfall einer ganzen Schule ist, was ihn an diesen Punkt gebracht hat. Denn wie man \u00fcber diese Schule \u2013 wir sprechen von der Stefan Georges \u2013 auch denken mag, so hat sie in den Schriften eines Hellingrath oder Kommerell doch auch Vorbilder eines in die Sache eingehenden Forschens gegeben. Davon ist in diesem nach Ton und Haltung h\u00f6chst anspruchsvollen Buch, das einen Ossa von Klischees auf einen Pelion von Ha\u00df t\u00fcrmt und damit glaubt, sich zu der H\u00f6he Baudelaires gehi\u00dft zu haben, nichts zu sp\u00fcren. Die Klischees gelten dem \u00bbAll von M\u00e4chten, Schauern, Wuchten\u00ab als dessen \u203aekstatisch-traumhafter Prophet\u2039 der \u00bbbluthafte K\u00fcnstlergeist\u00ab im \u00bbWeiheraum seiner Dichtung\u00ab thront; der Ha\u00df \u2013 hier d\u00fcrfen wir uns k\u00fcrzer fassen \u2013 gilt Frankreich. Baude\u00adlaire, sein \u00bbdem deutschen so verwandtes\u00ab Denken \u00bbaus einer urspr\u00fcng\u00adlichen Mysteriensicht\u00ab gespeistes Dasein \u2013 und als Pendant der Untermensch, der Franzose, der unf\u00e4hig ist, \u00bbnaturhaftes Wachstum anders denn als k\u00fcnstliches Gewirk zu betrachten\u00ab, \u00bbwie Landschaft und Leib des Menschen ihn erst durch k\u00fcnstliche Beformung und Aufsch\u00f6nung ansprechen\u00ab: c&#8217;\u00e9tait \u00e0 trouver wie die Franzosen sagen; und ausgedr\u00fcckt ist das in einem Deutsch, aus welchem man mit langen S\u00e4tzen in die fremde Sprache fl\u00fcchtet. Der Schwulst, den sich diese Schule geschaffen hat und gegen welchen Marinismus, Euphuismus, Gongorismus hausbackene Varianten einer Umgangssprache scheinen, hat es schwer, gegen das Deutsche sich durchzusetzen. Aber die M\u00fche ist lohnend. Denn wer w\u00fcrde solche B\u00fccher noch lesen, wenn da statt des \u203aLebenstriebs des leibhaften Daseins, des Eros\u2039 etwa: Liebe, statt der \u00bbSchau des Beginnlichen\u00ab etwa: Einsicht in den Ursprung st\u00fcnde, und wenn er unterm \u00bbalgabalhaft Vornaturischen\u00ab oder dem \u203aweltvernichtenden Geistblicke des vom M\u00e4chtewind umschauerten Paria\u2039 \u00fcberhaupt sich das mindeste vorstellen k\u00f6nnte. Der Referent kann es (und hat begriffen, da\u00df es sich hier um eine Empfehlung der Sklaverei vom kosmetischen Standpunkt handelt), aber eben darum findet er solche B\u00fccher nicht lesenswert. Da\u00df ein Autor, welcher dergestalt alle H\u00e4nde voll zu tun hat, \u00fcberall nach dem Rechten schauen, aus dem Gestaltenden das \u00bbGestalterische\u00ab, aus dem Nutzen den \u00bbNutz\u00ab, aus der Kraftlosigkeit eine \u00bbKr\u00e4ftelosigkeit\u00ab, daf\u00fcr dann aus der Menschen\u00adweisheit eine \u00bbMenschweisheit\u00ab machen mu\u00df, f\u00fcr Baudelaire nicht viel Zeit \u00fcbrig beh\u00e4lt, ist klar. Er entsch\u00e4digt sich durch Exkurse. Die Feststellung beispielsweise, da\u00df \u00bbdas Vordringen des demokratisch-freiheitlichen Geistes mit dem Vordringen der Lustseuche Hand in Hand ging\u00ab, wird der Leser sobald nirgend sonst finden. Es sei denn, er h\u00e4tte das Pamphlet Baudelaires gegen Belgien zur Hand und stie\u00dfe auf den ersch\u00fctternden Schlu\u00dfsatz des Dichters, der in jenen Monaten keinen Zweifel \u00fcber die Natur seiner Krankheit mehr hegen konnte: \u00bbNous avons tous l&#8217;esprit republicain dans les veines, comme la v\u00e9role dans les os, nous sommes d\u00e9mocratis\u00e9s et syphilis\u00e9s.\u00ab \u00dcber einen Autor, dem solcher Schrei gut genug ist, die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf seine armselige Privatmeinung zu lenken, bedarf es keiner weiteren Information. F\u00fcr die Schule, die ihn sich zog, hat die letzte Stunde geschlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Baudelaire. Welt und Gegenwelt<\/strong>, von Peter Klassen. Weimar: Erich Lichtenstein Verlag (1931).<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ganz elende Schriften haben mit ganz vorz\u00fcglichen dies gemein, ihr Wesen im Sprachlichen vollkommen offenkundig und pr\u00e4sent zu haben. 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