{"id":87339,"date":"2005-05-05T00:01:25","date_gmt":"2005-05-04T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87339"},"modified":"2022-02-20T14:00:25","modified_gmt":"2022-02-20T13:00:25","slug":"wider-ein-meisterwerk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/05\/05\/wider-ein-meisterwerk\/","title":{"rendered":"Wider ein Meisterwerk"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00e4be es einen deutschen Konservativismus, der auf sich h\u00e4lt, in diesem Buche m\u00fc\u00dfte er seine magna charta erblicken. Seit achtzig Jahren gibt es keinen mehr. Und so sind wir vermutlich der Wahrheit nicht fern mit der Annahme, da\u00df Kommerell kaum eine eingehendere Kritik gefunden hat als die folgende, die ihm von einer anderen Seite begegnet. Dies Buch bringt einen jener seltenen, dem Kritiker denkw\u00fcrdigen Momente, da keiner ihm die Qualit\u00e4t des Werks, die Stilform, die Befugnis des Verfassers abfragt. Sie alle sind gar nicht anzuzweifeln. Selten ist so Geschichte der Dichtung geschrieben worden: ihre vielseitigen Darlegungen, die scharf gekantete, undurchdringliche Oberfl\u00e4che jener symmetrischen, diamantenen Gewi\u00dfheit, die wir seit langem als den schwarzen Stein in der Kaaba der Georgischen Schule kennen. Vom Preis des Blutes, der Verachtung der Musik, dem Ha\u00df der Menge bis zur Knabenliebe nicht ein Motiv, das nicht auf lauten oder fl\u00fcsternden Appell zur Stelle, und nicht gewachsen w\u00e4re, seit wir ihm zuletzt begegneten. Die kritischen Maximen, die Wertma\u00dfst\u00e4be, die noch in Gundolfs Schriften so meistersingerlich klappernd gehandhabt wurden, sind hier zum alten Eisen geworfen, vielmehr in der Glut einer Erfahrung dahingeschmol\u00adzen, die auf die hieratische Trennung von Werk und Leben verzichten konnte, weil sie an beiden die physiognomische, im strengsten Sinne unpsycho\u00adlogische Sehart bew\u00e4hrt. Darum ist fast alles, was sich \u00fcber die einzelnen, und weniger noch \u00fcber ihre Person als \u00fcber ihre Freundschaften, Fehden, Begegnungen, Trennungen findet, von einziger Genauigkeit und K\u00fchnheit des Blicks. Der Reichtum echt anthropologischer Einsichten ist hier \u2013 wie in den Horoskopen, den chiromantischen, \u00fcberhaupt esoterischen Schriften so oft \u2013 zum Erstaunen. Diesen okkulten Disziplinen ist ja die Georgische Lehre vom Heros hinzuzurechnen. Hier hebt sie in den Gestalten des weimarschen Musenhofs bald eine mantische, bald eine panische, bald eine satyrhafte, ja kentaurische Seite ans Licht. Man f\u00fchlt, wieviel die Klassiker zu Pferde gesessen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie diese Bewegtheit \u00fcber Gestalten kam, die so bereit sind, in den Posen ihrer Denkm\u00e4ler zu erstarren? Der Verfasser hielt sich nicht an das Gewesene allein: auch was sich nicht ereignet hat, entdeckt er. Wohlver\u00adstanden, er erfindet es nicht \u2013 etwa als Phantasiebild \u2013 sondern schlicht und deutlich entdeckt er&#8217;s, n\u00e4mlich der Wahrheit nach als ein Nichtgeschehenes. Sein Geschichtsbild taucht aus dem Hintergrunde des M\u00f6glichen auf, gegen den das Relief des Wirklichen seine Schatten wirft. Dazu stimmt, da\u00df nichts auf Effekte und Glanzlichter komponiert und das Abgelegene und Dunkle am durchformtesten scheint. Zum ersten Male sind in diesem Werk die gro\u00dfen Gegnerschaften \u2013 Jacobis wider den jungen, Herders wider den Weimarer Goethe, Schillers wider die Schlegel, Klopstocks wider den K\u00f6nig \u2013 gestaltet und erst im Wechselspiel mit ihnen haben die Freundschaften der klassischen Zeit ihr festes Gef\u00fcge bekommen. Da\u00df die Darstellung dieser Gegnerschaften parteilos sei, wird man weder erwarten noch w\u00fcnschen. Wie aber die Akzente fallen, ist f\u00fcr das Werk und seine geheime Absicht bezeichnend. Nichts ist hier Zufall, aber weniges aufschlu\u00dfreicher als die Vernichtung der beiden Schlegel in einer Konfrontation mit Schiller. Absurd, darin \u00bbhistorische Gerechtigkeit\u00ab zu suchen. Es geht um anderes. Die Romantik steht im Ursprung der Erneuerung deutscher Lyrik, die George vollzog. Sie steht auch im Ursprung der philosophischen und kritischen Entwicklung, die sich heute gegen dies Werk erhebt. Sie in den Hintergrund zu r\u00fccken, ist, strategisch gesehen, kein m\u00fc\u00dfiges, noch weniger aber ein unverd\u00e4chtiges Unternehmen. Es verleugnet mit den Urspr\u00fcngen der eigenen Haltung die Kr\u00e4fte, die aus ihrer Mitte sie \u00fcberwachsen. Jene Klassik, von der wir hier h\u00f6ren, ist eine sp\u00e4te und sehr staatsm\u00e4nnische Entdeckung des Kreises. Nicht umsonst unternimmt sie ein Sch\u00fcler von Wolters. Jede dialektische Betrachtung der Georgeschen Dichtung wird die Romantik ins Zentrum stellen, jede heroisierende, orthodoxe kann nichts Kl\u00fcgeres tun, als sie so nichtig wie m\u00f6glich zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat: das Buch begr\u00fcndet mit einem Radikalismus, den keiner seiner Vorg\u00e4nger im Kreise erreichte, eine esoterische Geschichte der deutschen Dichtung. Dies ist Literaturgeschichte nur f\u00fcr den profanum vulgus; in Wahrheit eine Heilsgeschichte der Deutschen. Eine Geschichte, die in Begegnungen, B\u00fcndnissen, Testamenten und Weisungen ablaufend, jeden Augenblick droht, ins Apokryphe, Uns\u00e4gliche und Verd\u00e4chtige umzuspringen. Eine Lehre vom wahren Deutschtum und den unerforschlichen Bahnen des deutschen Aufstiegs kreist zukunftsschwanger um die Verwandtschaft des deutschen und des griechischen Ingeniums. Der Deutsche ist der Erbe der griechischen Sendung; die Sendung Griechenlands die Geburt des Heros. Es versteht sich, da\u00df diese Griechheit aus allen Zusammenh\u00e4ngen gel\u00f6st als mythologisches Kraftfeld erscheint. Auch klingt es wohl nicht zuf\u00e4llig, ob auch leise, an eine ber\u00fchmte Briefstelle H\u00f6lderlins \u00fcber griechischen Geist und den deutschen an, wenn von der vaterl\u00e4ndischen Dichtung gefordert wird das innigste Durchdrungensein von der Art des Stammes, zugleich jedoch der h\u00f6chste innere Abstand von ihm, und wenn ihre untr\u00fcglichste Beglaubigung die Scham genannt wird. Worte die ahnen lassen, welch bedeutende Bildung die Kr\u00e4fte ins Spiel setzt, die hier an einer germanischen G\u00f6tterd\u00e4mmerung dichten. Denn Rune, Deute, Ewe, Blut, Geschick, sie stehen nun, nachdem die Lechter-Sonne, die sie einst in ihre Glut getaucht hat, zur R\u00fcste ging, als eben so viele Gewitterwolken am Himmel. Sie sind es, die jene Blitze uns zu Wegk\u00fcndern geben, nach denen, wie es Florens Christian Rang, der tiefste Kritiker des Deutschtums seit Nietzsche, sagt, \u00bbNacht nur um so dunkler uns stickt: diese grauenvolle Weltansicht des Welt-Tods statt Welt-Lebens\u00ab. Wie kraftlos aber und wie weitschweifig der phraseologische Donner, der ihnen folgt. Er dr\u00f6hnt ja in allen B\u00fcchern des Kreises. Es nimmt nicht unbedingt f\u00fcr das, was sie lehren, ein, es \u00fcberzeugt nicht, f\u00fchlt man, wie da den Sprechen\u00adden nirgends der Atem ausgeht. \u00bbDa\u00df man bei allen Predigern und Werbern \u2013 und w\u00fcrben sie f\u00fcr die reinste Sache und predigten sie von nichts als Liebe \u2013 schlie\u00dflich leer ausgeht, weil sie auch den reichsten Menschen nur als Stoff f\u00fcr ihre Absicht nehmen\u00ab \u2013 diese so meisterhaft von Kommerell formulierte Erfahrung, die Goethe an Lavater zu machen bestimmt war, etwas von ihr vermittelt auch sein Buch dem Leser. Je l\u00e4nger, je mehr zergeht auch das Bild von Hellas im Blendlicht eines Morgen, \u00bbwo die Jugend die Geburt des neuen Vaterlandes f\u00fchlt in gl\u00fchender Einung und im Klirren der vordem allzu tief vergrabenen Waffen\u00ab. \u00bbDurch diese Wirklichkeit\u00ab, hei\u00dft es an anderer Stelle, \u00bbist unser Wort \u203aHeld\u2039 noch nicht gegangen &#8230; Aber ein noch nicht Wirkliches umwittert dies Wort: wenn die Nachbarv\u00f6lker ihre Benamung des Helden von den Griechen entlehnen, besitzen wir den selbw\u00fcchsigen Wortstamm und damit die Anwartschaft auf das Ding das er nennt. Wird aber unter ihm und in ihr Held zu Halbgott: wer scheute dann noch den h\u00e4rtesten Hammer und die hei\u00dfeste Esse unsres k\u00fcnftigen Schicksals?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blumige Bildersprache? Ach nein; das ist das Scheppern st\u00e4hlerner Runen, der gef\u00e4hrliche Anachronismus der Sektensprache. Ganz kann man dieses Buch nur verstehen aus einer grunds\u00e4tzlichen Betrachtung des Verh\u00e4lt\u00adnis\u00adses, welches die Sekten zur Geschichte haben. Nie ist sie ihnen Gegenstand des Studiums, stets Objekt ihrer Anspr\u00fcche. Als Ursprungstitel oder Paradigma suchen sie das Gewesene sich zuzuschlagen. So wird hier die Klassik zum Vorbild. Es ist das gro\u00dfe Anliegen des Verfassers, an der Klassik den ersten kanonischen Fall eines deutschen Aufstands wider die Zeit, eines heiligen Kriegs der Deutschen gegen&#8217;s Jahrhundert, wie ihn George sp\u00e4ter ausrief, zu konstruieren. Es w\u00e4re Eines, diese These zu begr\u00fcnden, ein Zweites, nachzuforschen, ob dieser Kampf siegreich ausging, ein Drittes, zu pr\u00fcfen, ob er wahrhaft ein vorbildlicher gewesen ist. F\u00fcr den Verfasser steht eins im andern, aber das dritte an erster Stelle. So zwar, da\u00df er den Kampf als Paradigma ansieht, darum ihn f\u00fcr siegreich erkl\u00e4rt und endlich \u00fcber seinen Gegenstand, die Stellung der Parteien, sich die Haare nicht grau werden l\u00e4\u00dft. Ja, wie standen die Parteien? Ist es ang\u00e4ngig, diesen kom\u00adplexen und gerade in seiner Komplexion \u2013 Goethe zeigt es \u2013 so be\u00addr\u00fccken\u00adden Vorgang auf das Spiel und das Widerspiel des Heroischen und des Platten zu reduzieren? Es gibt Heroisches genug in den M\u00e4nnern der Klassik: sie selbst war alles andere als eine heroische, sie war eine resignierende Geisteshaltung. Und keiner als der einzige Goethe hat sie bis ans Ende, ohne zu zerbrechen, behaupten k\u00f6nnen. Schiller und Herder sind an ihr zugrunde gegangen. Und was au\u00dferhalb Weimars blieb, nicht zuletzt H\u00f6lderlin, verbarg vor dieser \u00bbBewegung\u00ab sein Haupt. Goethe aber \u2013 sein Gegensatz gegen das Zeitalter war der einer restaurativen Herrschernatur. Deren Quellen fl\u00f6s\u00adsen nicht aus irgendeiner antiken Vergangenheit, sondern aus dem Urgestein \u00e4ltester Macht \u2013 ja \u00e4ltester Naturverh\u00e4ltnisse selber. Schiller dagegen konstruierte historisch den Gegensatz. Seine restaurative Haltung war Gesinnung und von Urspr\u00fcnglichkeit weit entfernt. Kommereil wei\u00df das alles so gut wie ein anderer. Aber es gilt ihm nichts. Es ist, als ginge ihm die Antike und damit die Geschichte \u00fcberhaupt mit Napoleon, mit dem letzten Heros, zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00f6\u00dfe dieses Werks ist freilich g\u00e4nzlich an solche Anachronismen gebunden. Denn es nimmt die gro\u00dfe Plutarchische Linie der Biographik von neuem auf. Damit ist weiter noch als sein Abstand von der Gundolfschen Dichtergeschichte der von der neueren Modebiographik eines Ludwig. Plutarch stellt seinen Helden bildlich, oft vorbildlich, immer aber dem Leser durch und durch \u00e4u\u00dferlich hin. Ludwig sucht ihn dem Leser, vor allem aber sich, dem Autor, innerlich zu machen. Er verleibt ihn sich ein, er saugt ihn auf, es bleibt nichts. Der Erfolg solcher Werke liegt darin: sie verhelfen einem jeden zu einem kleinen \u00bbInneren Napoleon\u00ab, einem \u00bbInneren Goethe\u00ab. Wie man geistvoll aber richtig bemerkt hat, da\u00df es wenige Leute gibt, die nicht einmal im Leben aufs Haar Million\u00e4re geworden w\u00e4ren, so kann man von den meisten sagen, da\u00df ihnen die Gelegenheit, ein gro\u00dfer Mann zu werden, nicht gefehlt hat. Ludwigs Geschicklichkeit ist, seine Leser auf schl\u00fcpfrigen Pfaden zu diesen Wendepunkten zur\u00fcckzuf\u00fchren und ihr verwaschenes, abgelebtes Dasein als gro\u00dfen Aufri\u00df eines Heldenlebens ihnen vorzuf\u00fchren. Wenn Kommerell das Bild eines Goethe heraufruft, so teilt es keinen Augenblick die Luft, geschweige denn die Stimmung des Lesers. So kann es geschehen, da\u00df in der Entwicklung des Goetheschen Jugendlebens \u2013 \u00bbDer Wanderer und seine Gesellen\u00ab \u2013 das Werk hin und wieder die Dignit\u00e4t eines Kommentars zu \u00bbDichtung und Wahrheit\u00ab hat. Goethes Jugend so unter den Begriff der Auseinandersetzung mit den Formen des zeitgen\u00f6ssischen F\u00fchrertums zu stellen ist mehr als aufschlu\u00dfreich. Hier liegt der Grund zu seiner Darstellung von des Dichters Verh\u00e4ltnis zu Carl August, das er als den exemplarischen Fall der Menschenbildung und Erziehung in Goethes Leben erkennt und noch in den Beziehungen zu Napoleon und Byron beziehungsvoll widergespiegelt findet, einem Abschnitt, der zu dem wenigen Erleuchteten geh\u00f6rt, das \u00fcber Goethes Leben geschrieben ist. Da\u00df das Verh\u00e4ltnis \u00bbF\u00fcrst und Dichter\u00ab hier historisch und nicht nur zeitlos-mythologisch ergriffen w\u00fcrde, und da\u00df zutage tr\u00e4te, was denn sein Besonderes im deutschen Staat um siebzehn\u00adhundertachtzig war, wird man billig hier nicht erwarten. Es bleibt genug. Der Ton, in dem Schelling den alten Goethe in seinen Briefen anredet, so atemstockend in einer Ehrfurcht, der der Tod noch nichts von ihrer B\u00fcrde genommen hat. An solchen Stellen ist die \u00bbDeute\u00ab umgeschlagen, und auf der H\u00f6he ihres Wagemutes und Gelingens zum schlichten, objektiven, untr\u00fcglichen Lesen geworden. Der Verfasser nimmt gelebte Stunden zur Hand wie der gro\u00dfe Sammler Altert\u00fcmer. Es ist nicht, da\u00df er dar\u00fcber redet; man sieht sie, weil er sie so wissend, forschend, and\u00e4chtig, ger\u00fchrt, absch\u00e4tzend, fragend in der Hand dreht, sie von allen Seiten anblickt und ihnen nicht das falsche Leben der Einf\u00fchlung, sondern das wahre der \u00dcberlieferung gibt. Aufs engste dem verwandt ist des Verfassers Eigensinn; ein sammlerischer. Denn wenn beim Systematiker das Positive und das Negative immer gr\u00fcndlich und weltfern auseinanderliegen, sto\u00dfen beide \u2013 Vorliebe und Verwerfung \u2013 hier eng aneinander. Ein einziges Gedicht aus einer Liederreihe, ein einziger Augenblick aus einem Dasein, wird herausgehoben, und der Verfasser scheidet scharf Personen und Gedanken, die gesinnungsm\u00e4\u00dfig sehr nahe verwandt scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wenig er im Grunde es wagen kann, eine \u00bbRettung\u00ab der Klassik zu unternehmen, beweist am besten das Kapitel \u00bbDie Gesetzgebung\u00ab. Nicht umsonst zeigt es, wie g\u00e4nzlich wir dem entfremdet sind, was Goethe auf seiner Italienreise die Offenbarung der antiken Kunst brachte; wieviel Rokoko selbst in seinem Werke verborgen ist, und wie unannehmbar wenn nicht die Maximen, so die Musterbilder seiner Kunstkritik sind. Kommerells Bild der Klassik, sofern es bleibend ist, lebt aus dem Herrschaftsanspruch, den er in ihr erkennt. Die Ohnmacht dieses Anspruchs aber geh\u00f6rt so gut zu ihrem Bilde wie seine Titel. \u00bbBis heute\u00ab, sagt der Verfasser, \u00bbhat der durchschnittlich Gebildete das A und O der Weimarer Bildung nicht voll begriffen und bedeckt eine schimpfliche Bl\u00f6\u00dfe mit den theologischen philosophischen musikalischen Abzeichen des Bettlerstolzes: jenseits vom Scheine zu stehen.\u00ab Wenn das wahr ist \u2013 und es ist wahr \u2013 so mu\u00df wohl eine gewaltige Mi\u00dfverst\u00e4ndlichkeit, ja Zweideutigkeit in ihr selber gelegen haben. Mi\u00dfverst\u00e4ndlich \u2013 sie war es in so schrecklichem Ma\u00df, da\u00df, als um die Jahrhundertmitte das Spie\u00dfertum entschlossen dem edelsten Erbe des Volkes den R\u00fccken kehrte, es das im Namen seines Schiller tat, und da\u00df, um Zweifel an der Vereinbarkeit des Geistes von Weimar und Sedan zu fassen, es eines Nietzsche bedurft hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgerecht, da\u00df des Verfassers Schlu\u00dfwort \u00fcber die Klassik wiederum Sternen- und Schicksalsweisheit zu bleiben verurteilt ist. \u00bbSo reifte uns ein schwer deutbares Geschick wie keinem andern Volke: die Teilung der Herrschaft und ein doppelter Augenblick, der offene und der geheime. H\u00f6lderlins \u00dcberw\u00e4ltigungen durch den Zeitgeist \u2013 obwohl unter dieselbe Jahrziffer fallend \u2013 geh\u00f6ren in eine andre Ewe: sein Augenblick ist nicht minder wahr, deutet aber auf eine andre Mitte als der Augenblick Goethes, und die Traumgestalten Jean Pauls scheinen nur solange blutlos bis ihre irdischen Br\u00fcder \u00fcber unsern Boden gehen. All dies regte sich in r\u00e4tselhafter F\u00fclle im deutschen Umkreis zweier Jahrzehnte und an unsrem Geisterhimmel stand zugleich eine Tagessonne ein Morgenrot und die ewigen Sterne.\u00ab Das ist wahr, sch\u00f6n und bedeutend. Wir aber m\u00fcssen gerade im Angesicht solch blumenhaft offenen, blumenhaft flammenden Blicks zu der unansehnlichen Wahrheit, zum Lakonismus des Samens, der Fruchtbarkeit uns bekennen, damit aber zur Theorie, die den Bannkreis der Schau verl\u00e4\u00dft. Gibt es zeitlose Bilder, so gibt es zeitlose Theorien gewi\u00df nicht. Nicht \u00dcberlieferung kann \u00fcber sie entscheiden, nur die Urspr\u00fcnglichkeit. Das echte Bild mag alt sein, aber der echte Gedanke ist neu. Er ist von heute. Dies Heute mag d\u00fcrftig sein, zugegeben. Aber es mag sein wie es will, man mu\u00df es fest bei den H\u00f6rnern haben, um die Vergangenheit befragen zu k\u00f6nnen. Es ist der Stier, dessen Blut die Gr\u00fcbe erf\u00fcllen mu\u00df, wenn an ihrem Rande die Geister der Abgeschiedenen erscheinen sollen. Diese t\u00f6dliche Sto\u00dfkraft des Gedankens ist es, welche den Werken des Kreises fehlt. Statt es zu opfern, meiden sie das Heute. In jeder Kritik mu\u00df ein Martialisches wohnen, auch sie kennt den D\u00e4mon. Eine, die nichts als Schau ist, verliert sich, bringt die Dichtung um die Deutung, die sie ihr schuldet, und um ihr Wachstum. Nicht zu vergessen, da\u00df die Kritik, um etwas zu leisten, sich selber unbedingt bejahen mu\u00df. Ja, vielleicht mu\u00df sie \u2013 man denke an die Theorien der Br\u00fcder Schlegel \u2013 sich selber den h\u00f6chsten Rang geben. Davon ist der Verfasser sehr weit entfernt. Der Denker nach seinem Bilde ist \u00bbf\u00fcr immer aus der sch\u00f6pferischen Unschuld des K\u00fcnstlers verwiesen\u00ab. Da\u00df niemals Unschuld Sch\u00f6pfertum bewahrt, wohl aber Sch\u00f6pfertum die Unschuld immerfort erschafft, auf diese unbek\u00fcmmerte Wahrheit kann sich der Sch\u00fcler Stefan Georges nicht einlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein H\u00f6lderlin-Kapitel beschlie\u00dft diese Heilsgeschichte des Deutschen. Das Bild des Mannes, das darin entrollt wird, ist Bruchst\u00fcck einer neuen vita sanctorum und von keiner Geschichte mehr assimilierbar. Seinem ohnehin fast unertr\u00e4glich blendenden Umri\u00df fehlt die Beschattung, die gerade hier die Theorie gew\u00e4hrt h\u00e4tte. Darauf aber ist es nicht abgesehen. Ein Mahnmal deutscher Zukunft sollte aufgerichtet werden. \u00dcber Nacht werden Geister\u00adh\u00e4nde ein gro\u00dfes \u00bbZu Sp\u00e4t\u00ab draufmalen. H\u00f6lderlin war nicht vom Schlage derer, die auferstehen, und das Land, dessen Sehern ihre Visionen \u00fcber Leichen erscheinen, ist nicht das seine. Nicht eher als gereinigt kann diese Erde wieder Deutschland werden und nicht im Namen Deutschlands gereinigt werden, geschweige denn des geheimen, das von dem offiziellen zuletzt nur das Arsenal ist, in welchem die Tarnkappe neben dem Stahlhelm h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dichter als F\u00fchrer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, H\u00f6lderlin, von Max Kommerell. Berlin: Georg Bondi 1928<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00e4be es einen deutschen Konservativismus, der auf sich h\u00e4lt, in diesem Buche m\u00fc\u00dfte er seine magna charta erblicken. 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