{"id":87338,"date":"2010-07-22T00:01:51","date_gmt":"2010-07-21T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87338"},"modified":"2021-10-25T11:05:35","modified_gmt":"2021-10-25T09:05:35","slug":"oskar-maria-graf-als-erzaehler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/22\/oskar-maria-graf-als-erzaehler\/","title":{"rendered":"Oskar Maria Graf als Erz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zwei Jahren hat Oskar Maria Graf seine sch\u00f6nen Kalenderge\u00adschichten\u00a0erscheinen lassen. \u00bbGeschichten vom Land\u00ab hie\u00df der eine, \u00bbGeschichten aus der Stadt\u00ab der andere Band, und man hat zu dieser Einteilung richtig bemerkt, da\u00df sie seinen eigenen Werdenszwiespalt dokumentiert, \u00bbden Bauernsohn vom Starnberger See, der in der Stadt M\u00fcnchen zum Dichter wurde\u00ab. Auf eine festgef\u00fcgte Gesellschaft nun aber ist er in beiden Lebenskreisen nicht mehr gesto\u00dfen. Und so sind diese \u00bbKalender\u00adgeschichten\u00ab weniger Beh\u00e4ltnisse einer Moral, die ihnen jeder Leser entnehmen k\u00f6nnte, als bittend vorgestreckte H\u00e4nde, denen man, vor\u00fcbergehend, schamhaft den \u00bbSinn\u00ab wie einen Bettelpfennig zustecken m\u00f6chte. Diese Geschichten waren pointenlos, entsch\u00e4digten f\u00fcr billigen Gehalt durch eine lautere und exakte Beobachtung und waren sch\u00fcchterne Versuche, die alten Kalendergeschichten in eine Richtung zu lenken, die eine neue Schule die \u00bbepische\u00ab nennt. Denn dieser Begriff, der zuerst am Theater exemplifiziert wurde, hat doch auch f\u00fcr die Prosa seinen guten Sinn, und da kann man sagen, da\u00df er das Lehrhafte gegen das Insichgekehrte, den Erz\u00e4hler gegen den Romancier zur Geltung bringt. Das m\u00fcndlich Tradierbare, das Gut der Erz\u00e4hlung, ist n\u00e4mlich von anderer Beschaffenheit als das, was den Bestand des Romans ausmacht. Es hebt den Roman scharf gegen alle \u00fcbrigen Formen der Prosa: M\u00e4rchen, Sage, Sprichwort, Schwank, Witz ab, da\u00df er aus m\u00fcndlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Die Geburtskammer des Romans ist, geschichtlich gesehen, die Einsamkeit des Individuums, das sich \u00fcber seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch aussprechen kann, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Die F\u00e4higkeit, Geh\u00f6rtes weiterzugeben und im Erlebten den Geist der Geschichte, das Erz\u00e4hlbare zu erwecken, diese simple Gabe, objektiv und interessant zugleich zu sein, sie ist gebunden an die reine Erschlossenheit des inneren Menschen. Durch jede, noch die schlichteste Erz\u00e4hlung geht ein gro\u00dfer Luftzug; wir machen uns selten einen Begriff davon, wieviel Freiheit dazu geh\u00f6rt, die kleinste Geschichte zum besten zu geben. Jede Befangenheit raubt dem Erz\u00e4hler ein St\u00fcck seiner Sprachfertigkeit und nicht nur, wie man meinen m\u00f6chte, ein Thema. Es ist also eine Lebensbedingung des Epischen im neuen Sinne, dies Private, aus welchem der Roman sein Recht nimmt, zu liquidieren. Da nun das vornehme Sichselbstgen\u00fcgen, die Sublimierung des Privaten in jenem Schweigen, an welches der Roman grenzt (w\u00e4hrend das Erz\u00e4hlen reihum geht), bei uns ein Privileg des Bildungsromans ist, so ist es nur nat\u00fcrlich, da\u00df er unsern neuen Epiker provoziert. Geht also der Bildungsroman auf den Aufbau einer Pers\u00f6nlichkeit aus, wird der Epiker es lieber mit ihrem Abbau halten. Im Bildungsroman hat der Held seine Erlebnisse; die formen seine Pers\u00f6nlichkeit. Hier, im epischen Raum, macht die Versuchsperson Erfahrungen, und die vermindern sie. Das ist der Fall des Bahnhofsvorstandes Bolwieser, den wir in seiner Maienbl\u00fcte im Vollbesitze eines Sexus kennen lernen, welcher sein armseliges Eheleben h\u00f6chst prunkvoll ausstattet. Wedekind h\u00e4tte das D\u00e4monische solch hemmungsloser Sexualit\u00e4t dargestellt. F\u00fcr Bolwieser kommt es anders. Nicht Abgr\u00fcnde sind es, die der Trieb ihn hinunterst\u00fcrzt, nur bescheidene Kellerstufen, die er ihn Schritt f\u00fcr Schritt abw\u00e4rts leitet. Da unten liegt dann, k\u00fchl eingelagert wie Kartoffeln, die Moral auf seinem Wege, zu der die \u00bbKalendergeschichten\u00ab nicht immer vordrangen. Natur, so mag sie lauten, ist gewohnt, mit Material sich zu behelfen, wie sie&#8217;s grade hat, und das bew\u00e4hrt sie, wenn&#8217;s hart auf hart kommt, selbst am Menschenmaterial. Bolwieser, der sture Spie\u00dfer, der verstockte Kleinb\u00fcrger, auch er ist nicht unverwendbar, man mu\u00df ihn nur abbauen, eingehen, verk\u00fcmmern lassen, so wird er noch ein ganz handliches St\u00fcck im Haushalt Oberbayerns, in den er geh\u00f6rt. Er stirbt der Welt und vor allem den Frauen ab, aber je mehr seine menschlichen Z\u00fcge schrumpfen, desto vertrauenerweckender treten die kreat\u00fcrlichen an ihm heraus, und am Ende ist der beinah namenlose F\u00e4hrmann, der aus dem einstigen Eisenbahner geworden ist, der unfehlbare Wetterprophet der Umgegend, ohne da\u00df er darum nach Menschen fragt, geschweige von ihnen sich fragen lie\u00dfe. \u00bb\u203aKalt Wetter wird&#8217;s\u2039, sagen die Bauern, wenn der Xaverl seine verhutzelte Pelzm\u00fctze, auf der kleinen Bank vor der H\u00fctte sitzend, ausbessert. Es braucht noch lange nicht danach auszusehen. \u2013 \u203aLandregen kommt\u2039, sagen sie, wenn er das Boot nach Feierabend zudeckt. In der anderen Fr\u00fche f\u00e4llt rundum grauer, endloser Regen.\u00ab Das ist kein Roman, sondern die Geschichte von einem, der auszog und der die Kunst lernte, niemand mehr im Wege zu sein. Vielleicht ist es sogar ein M\u00e4rchen: Die Verwandlung des Brunststiers ins Wetterm\u00e4nnchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Kalender-Geschichten von Oskar Maria Graf. M\u00fcnchen: Drei Masken Verlag (1929).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bolwieser. Roman eines Ehemannes, von Oskar Maria Graf. M\u00fcnchen-Berlin: Drei Masken Verlag A.-G. (1931)<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 10. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor zwei Jahren hat Oskar Maria Graf seine sch\u00f6nen Kalenderge\u00adschichten\u00a0erscheinen lassen. \u00bbGeschichten vom Land\u00ab hie\u00df der eine, \u00bbGeschichten aus der Stadt\u00ab der andere Band, und man hat zu dieser Einteilung richtig bemerkt, da\u00df sie seinen eigenen Werdenszwiespalt dokumentiert, \u00bbden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/22\/oskar-maria-graf-als-erzaehler\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2920,428],"class_list":["post-87338","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-oskar-maria-graf","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87338"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87338\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}