{"id":87331,"date":"2020-07-15T00:01:52","date_gmt":"2020-07-14T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87331"},"modified":"2021-12-05T12:18:13","modified_gmt":"2021-12-05T11:18:13","slug":"zur-wiederkehr-von-hofmannsthals-todestag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/15\/zur-wiederkehr-von-hofmannsthals-todestag\/","title":{"rendered":"Zur Wiederkehr von Hofmannsthals Todestag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich nicht nachbilden, nicht \u00fcbernehmen zu lassen, geh\u00f6rt, wenn nicht zum Wesen des Vornehmen \u00fcberhaupt, ganz bestimmt und im h\u00f6chsten Grade zu dem, welches Hofmannsthal in so vielen Modulationen seines Wesens und seiner Gesch\u00f6pfe von der fr\u00fchen bis zur reifen Zeit auspr\u00e4gte. Es ist nun ein Jahr her, da\u00df die Einsicht in dieses Unnachahmliche qu\u00e4lend, wohl nicht allein seinen Freunden, sich aufdr\u00e4ngte, als der Tod dieses Mannes mit einem Schlage tat, was der Lebende gewi\u00df stets vermieden h\u00e4tte, n\u00e4mlich die Unbeholfenheit der Schreibenden blo\u00dfstellte, die nun, da sie Hofmannsthal wollten \u00bbGerechtigkeit widerfahren lassen\u00ab, glaubten, auf keine andere Weise das tun zu k\u00f6nnen, als indem sie seine Haltung und seine Sprache zu imitieren versuchten: und dabei traten sie beiden zu nahe. Aber ist es nun \u00fcberhaupt m\u00f6glich, das, was Hofmannsthal gab, in einer anderen Sprache anzudeuten, als in der er sprach? Anzudeuten, gewi\u00df nicht; auszudeuten, bestimmt. Doch um es auszudeuten, h\u00e4tte man daran glauben m\u00fcssen. Und gerade da fehlte es. Man war ungl\u00e4ubig, hatte es hier und da vielleicht auch aus triftigen Gr\u00fcnden sein k\u00f6nnen, war es aber zumeist aus den billigsten: man verstand nicht. Es versagte aber nicht nur das Publikum, das in Hofmannsthals Schaffen eigensinnig sich an das Weltl\u00e4ufige, Am\u00fcsante hielt und abr\u00fcckte, als die gro\u00dfen Arbeiten anthologischer, repr\u00e4sentativer Art kamen, die seinem Programm der \u00bbSch\u00f6pferischen Restauration\u00ab dienten; es verleugnete ihn genau so sein fr\u00fchester Gef\u00e4hrtenkreis, und wie hart und blind man unter Stefan Georges Freunden und Sch\u00fclern gegen den \u00bbAbtr\u00fcnnigen\u00ab sein konnte, hat noch zuletzt Wolters in seinem Buch \u00bbStefan George und die Bl\u00e4tter f\u00fcr die Kunst\u00ab in einem sehr viel fragw\u00fcrdigeren Sinne \u00f6ffentlich gemacht, als jemals Hofmannsthal seine esoterischsten Sch\u00f6pfungen. Der grenzenlosen Entfremdung, die um sein Grab war, scheint nun in dieser Sammlung \u00bbLoris, die Prosa des jungen Hofmannsthal\u00ab der Genius des Toten weniger entgegenzutreten, als leidend sich zu entr\u00fccken. Nirgends ist er verletzbarer, nirgends aber auch unverwundbarer an den Tag getreten, und indem er sich wehrlos dem \u00dcbelwollen seiner Zeitgenossen ergibt, trifft ihn nicht ein einziges ihrer Geschosse. Das ist Loris, weniger aus dem Gesichtspunkt seines ersten Erscheinens, als seiner heutigen Wiederkunft angesehen. Wenn eine Gestalt durch erlittenes Unrecht sch\u00f6n werden kann, dann ist es die Hofmannsthals, und gerade dieser Sch\u00f6nheit Z\u00fcge begegnen, dem kommenden Schicksale vorgeformt, schon in dem St\u00fcck, das man diesem Bande mit Recht voranstellte \u2013 den vorher ungedruckten \u00bbStadien\u00ab. Sie stammen aus dem Anfang der neunziger Jahre; erstaunlich, wie tief hier der Abstand vom Erlebten in das Erleben selber eingebettet ist. \u00c4hnlich in fast allen wichtigen Essays dieser selbstbeschauenden Reihe, die doch nirgends ins Reflexive und Analytische fallen. So nahe k\u00f6nnen das Mesquine und das Vornehme beieinanderliegen: die Nachgiebigkeit, das Weniger an Haltung, die Hofmannsthal hier bei Amiel so schroff herausstellt, sind bei ihm selber Siegel des F\u00fcrstlichen. Bisweilen haben ihm wohl die Freunde Georges nichts mehr verdacht als gerade dies F\u00fcrstliche, das von ihrer imperatorischen Haltung so \u00e4u\u00dferst verschieden ist. Einige St\u00fccke \u00fcber Pater und die Schwestern Barrison deuten an, da\u00df er in jener fr\u00fchesten Zeit seine liebsten Bilder in englischem Kost\u00fcm bei sich empfing. Auch hat er Sch\u00f6neres, Unverderblicheres nie geschrieben, als die kleine Studie \u00fcber die Schwestern Barrison, \u00bbEnglischer Stil\u00ab. \u2013 Wer dieser Loris gewesen ist, wird der Leser des Buches wohl f\u00fchlen, erfassen wird es der Kritiker aber minder aus der Betrachtung dieses Bandes, denn aus dem ganzen Werk selbst. Darum ist Max Mell so ganz auf dem richtigen Wege, wenn er in seinem Nachwort, um das Bild des Loris zu fassen, eine der dunkelsten Stellen im sp\u00e4ten Werk Hofmannsthals anzieht und an die k\u00fcnftigen Kinder erinnert, denen der Kaiser der \u00bbFrau ohne Schatten\u00ab in der H\u00f6hle begegnet. Wenn auch dieses Nachwort noch nicht das Letzte \u00fcber Loris sagt, so kann ein Vorwort, wie diese wenigen Zeilen es sind, nur eben auf seinen Schatten weisen, der keinen Platz braucht, um seines Weges zu ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Prosa des jungen Hofmannsthal. Mit einem Nachwort von Max Mell. Berlin: S. Fischer Verlag 1930.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sich nicht nachbilden, nicht \u00fcbernehmen zu lassen, geh\u00f6rt, wenn nicht zum Wesen des Vornehmen \u00fcberhaupt, ganz bestimmt und im h\u00f6chsten Grade zu dem, welches Hofmannsthal in so vielen Modulationen seines Wesens und seiner Gesch\u00f6pfe von der fr\u00fchen bis zur&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/15\/zur-wiederkehr-von-hofmannsthals-todestag\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":18516,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094,428],"class_list":["post-87331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87331"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87331\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}