{"id":87314,"date":"2010-07-16T00:01:11","date_gmt":"2010-07-15T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87314"},"modified":"2021-10-25T13:02:53","modified_gmt":"2021-10-25T11:02:53","slug":"ein-buch-fuer-die-die-romane-satt-haben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/16\/ein-buch-fuer-die-die-romane-satt-haben\/","title":{"rendered":"Ein Buch f\u00fcr die, die Romane satt haben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor kurzem erschien ein Buch \u00bbMen without women\u00ab. Es ist eine Novellen\u00adsammlung. Hier aber soll von einer Sammlung von Essays die Rede sein, die es s\u00e4mtlich mit wirklichen Menschen zu tun haben: Mystikern, \u00c4rzten, Seefahrern, Dichtern; Deutschen, Schweizern, Engl\u00e4ndern, Spaniern. Immer am Leitfaden ihrer Selbstbiographie oder ihrer Werke. Und auch dies Buch \u2013 \u00bbStudien zur europ\u00e4ischen Literatur\u00ab von Fritz Ernst <sup>2) <\/sup>\u2013 k\u00f6nnte gut \u00bbM\u00e4nner ohne Frauen\u00ab betitelt sein. Nicht, da\u00df sie alle unverheiratet, geschweige frauenlos geblieben w\u00e4ren. Aber es ist das M\u00e4nnliche, das, je nachdem, keines Trostes Bed\u00fcrftige oder das Untr\u00f6stbare, worum es dem Autor zu tun war. Es mu\u00df ein solches Buch vielleicht hin und wieder geschrieben werden, um einem klar zu machen, wie \u00fcppig, wie besonnt und wie schlaff die Lebensz\u00fcge \u00bbgro\u00dfer M\u00e4nner\u00ab meistens dargestellt werden. Die S\u00e4tze unseres Autors dagegen m\u00f6chte man mit einem Baldachin vergleichen. Sie ehren, aber beschatten zugleich, wen sie meinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Darstellung trifft kein Wissen, dem nicht eine moralische Haltung sich innig verbindet. Hier ist es nicht die Bewunderung, die so oft zum Unarti\u00adkulierten oder Banalen f\u00fchrt, sondern besonnene in Erfahrung begr\u00fcndete Dankbarkeit. \u00bbLes Egyptiens avoient une loi contre l&#8217;ingratitude. Cette loi s&#8217;est perdue.\u00ab So steht nicht umsonst als Motto vor diesem Bande. Dankbarkeit: denn jede einzelne dieser trostentr\u00fcckten Existenzen ist dem Verfasser selber Trost geworden. Nicht ihr blo\u00dfes Dasein an sich, noch weniger aber dessen Produkte, sondern die verlassenen, die verw\u00fcsteten Lebensbreiten als N\u00e4hrboden seltener, verborgenster Heilkr\u00e4uter. Wirkliche Dankbarkeit leitet den Mann, sein Blick f\u00fcr das versteckte, entscheidende Kennzeichen ist der des Kindes, das Kr\u00e4uter f\u00fcr einen Kranken sammelt. Ein Schwyzer Kind, von dem wir vielleicht einmal ein zweites \u00bbChrut und Uchrut\u00ab f\u00fcr die arme Europa erwarten k\u00f6nnen. Da\u00df er die Wunderkr\u00e4fte der Sprache kennt, beweist nicht sein Reichtum an Themen allein, sondern mehr noch die Haltung, mit der er sie darbringt. Etwas wie diesen \u00bbPestalozzi\u00ab findet man nicht leicht ohne ihn. \u00bbDas Wunder Pestalozzi\u00ab ruft der Verfasser, aber dann rechtfertigt er solchen Titel mit ganz einfachen, unger\u00fchrten Feststellungen. \u00bbEr durfte nicht das Ungew\u00f6hnliche, sondern nur das Gew\u00f6hnliche auf unerh\u00f6rte Art vollbringen.\u00ab \u00bbEs scheint keinen menschlichen Mangel zu geben, den zu beheben ihn nicht Leidenschaft ergriffen h\u00e4tte.\u00ab Oder er stellt die wohltemperierte \u00d6de von Gontscharows Existenz dar und belegt sie mit dem tr\u00fcbseligsten Emblem: \u00bbSein Lieblingstier war das uralte Steckenpferd der Klugheit, n\u00e4mlich der gem\u00e4\u00dfigte Fortschritt, insbesondere solange sich dieser mit dem Bereich materieller Dinge begn\u00fcgte.\u00ab Es ist ein im hohen literarischen Sinne farbloses Buch; denken wir an Gide, der den Deutschen die h\u00f6chste Stilkunst, die F\u00e4higkeit rein zeichnerischer Darstellung abspricht, so werden wir ihn hier mit Freuden L\u00fcgen strafen. Kann man denn sicherer und silberstiftiger \u00fcber K\u00fcgelgens \u00bbJugenderinnerungen eines alten Mannes\u00ab schreiben, als mit den Worten: \u00bbEs geht eine eigent\u00fcmlich greifbare Treue durch das Ganze\u00ab? Die Darstellung K\u00fcgelgens macht neben der Pestalozzis nicht nur den Gipfel, sondern auch das Grundmotiv dieses Buches sichtbar: das ged\u00e4mpfteste, Dantesche \u00bbBesiegt siegt er im Gnaden\u00fcberschwange\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Verfasser ist nichts so nahe gegangen wie dies Bezwungen\u00adwordensein im Leben der Gro\u00dfen. Seine Kunst ist, aus Frost und Nebel, in dem ihr Dasein verstrich, die Wintersonne ihrer Unsterblichkeit zu locken. Mit nichts anderem, als ungeblendet einen Lichtkern fixieren zu k\u00f6nnen, l\u00e4\u00dft die erstaunliche Anziehungskraft dieses Buchs sich vergleichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutsch unter dem Titel \u00bbM\u00e4nner\u00ab. (Ernest Hemingway, M\u00e4nner, \u00fcbertr. von Annemarie Horschitz, Berlin 1929.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fritz Ernst, Studien zur europ\u00e4ischen Literatur. Z\u00fcrich: Verlag der Neuen Schweizer Rundschau (1930).<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87150 size-medium alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor kurzem erschien ein Buch \u00bbMen without women\u00ab. Es ist eine Novellen\u00adsammlung. 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