{"id":87308,"date":"2010-11-29T00:01:44","date_gmt":"2010-11-28T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87308"},"modified":"2021-10-12T13:16:42","modified_gmt":"2021-10-12T11:16:42","slug":"ein-aussenseiter-macht-sich-bemerkbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/11\/29\/ein-aussenseiter-macht-sich-bemerkbar\/","title":{"rendered":"Ein Au\u00dfenseiter macht sich bemerkbar"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uralt, vielleicht so alt wie das Schrifttum selber, ist in ihm der Typus des Mi\u00dfvergn\u00fcgten. Thersites, der homerische L\u00e4sterer, der erste, zweite, dritte Verschworene der Shakespeareschen K\u00f6nigsdramen, der N\u00f6rgler aus dem einzigen gro\u00dfen Drama des Weltkrieges, sind wechselnde Inkarnationen dieser einen Gestalt. Aber der literarische Ruhm der Gattung scheint ihren lebendigen Exemplaren nicht Mut gemacht zu haben. Sie pflegen anonym und verschlossen durchs Dasein zu gehen, und f\u00fcr den Physiognomiker ist es schon ein Ereignis, wenn einer aus der Sippe sich einmal bemerkbar macht und auf offener Stra\u00dfe erkl\u00e4rt, da\u00df er nicht mehr mitspiele. So ganz namentlich freilich auch der nicht, mit dem wir es diesmal zu tun haben. Ein lakonisches S. vor dem Nachnamen warnt uns, zu schnell uns einen Vers auf seine Erscheinung zu machen. Auf andere Weise begegnet der Leser diesem Lakonismus im Innern: als Geburt der Humanit\u00e4t aus dem Geiste der Ironie. S. tut einen Blick in die S\u00e4le des Arbeitsgerichts und das unbarmherzige Licht enth\u00fcllt ihm selbst hier \u00bbnicht eigentlich armselige Menschen, sondern Zust\u00e4nde, die armselig machen\u00ab. Soviel steht immerhin fest: da\u00df dieser Mann nicht mehr mitspielt. Da\u00df er es ablehnt, f\u00fcr den Karneval, den die Mitwelt auff\u00fchrt, sich zu maskieren \u2013 sogar den Doktorhut des Soziologen hat er zu Hause gelassen \u2013, und da\u00df er sich grobianisch durch die Masse hindurch\u00adrempelt, um hie und da einem besonders Kessen die Maske zu l\u00fcften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leicht zu verstehen, wenn er sich dagegen verwahrt, sein Unternehmen eine Reportage nennen zu lassen. Erstens sind neuberliner Radikalismus und neue Sachlichkeit, diese Paten der Reportage, ihm in gleichem Ma\u00dfe verha\u00dft. Zweitens l\u00e4\u00dft sich ein St\u00f6renfried, der die Maske l\u00fcftet, nicht gerne einen Portr\u00e4tisten schimpfen. Entlarven ist diesem Autor Passion. Und nicht als orthodoxer Marxist, noch weniger als praktischer Agitator, dringt er dialektisch ins Dasein der Angestellten, sondern weil dialektisch eindringen hei\u00dft: entlarven. Marx hat gesagt, da\u00df das gesellschaftliche Sein das Bewu\u00dft\u00adsein bestimmt, zugleich aber, da\u00df erst in der klassenlosen Gesellschaft das Bewu\u00dftsein jenem Sein ad\u00e4quat werde. Das gesellschaftliche Sein im Klassenstaat, folgt daraus, ist in dem Grade unmenschlich, da\u00df das Bewu\u00dftsein der verschiedenen Klassen ihm nicht ad\u00e4quat, sondern nur sehr vermittelt, uneigentlich und verschoben entsprechen kann. Und da ein solches falsches Bewu\u00dftsein der unteren Klassen im Interesse der oberen, der oberen in den Widerspr\u00fcchen ihrer \u00f6konomischen Lage begr\u00fcndet liegt, so ist die Herbeif\u00fchrung eines richtigen Bewu\u00dftseins \u2013 und zwar erst in den Unterklassen, welche von ihm alles zu erwarten haben \u2013 die erste Aufgabe des Marxismus. In diesem Sinne, und urspr\u00fcnglich nur in ihm, denkt der Verfasser marxistisch. Freilich f\u00fchrt gerade sein Vorhaben ihn um so tiefer in den Gesamtaufbau des Marxismus, als die Ideologie der Angestellten eine einzigartige \u00dcberblendung der gegebenen \u00f6konomischen Wirklichkeit, die der des Proletariers sehr nahe kommt, durch Erinnerungs- und Wunschbilder aus dem B\u00fcrgertum darstellt. Es gibt heute keine Klasse, deren Denken und F\u00fchlen der konkreten Wirklichkeit ihres Alltags entfremdeter w\u00e4re als die Angestellten. Mit anderen Worten aber will das hei\u00dfen: Die Anpassung an die menschenunw\u00fcrdige Seite der heutigen Ordnung ist beim Angestellten weiter gediehen als beim Lohnarbeiter. Seiner indirekteren Beziehung zum Produktionsproze\u00df entspricht ein viel direkteres Einbegriffensein in gerade jene Formen zwischenmenschlicher Beziehung, die diesem Produktionsproze\u00df entsprechen. Und da die Organisation das eigentliche Medium ist, in welchem die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen sich abspielt \u2013 das einzige \u00fcbrigens auch in dem sie k\u00f6nnte \u00fcberwunden werden \u2013, so kommt der Verfasser notwendig zu einer Kritik am Gewerkschaftswesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Kritik ist nicht partei- oder lohnpolitisch. Sie ist auch weniger mit einer Stelle zu belegen als aus allen herauszulesen. Kracauer hat es nicht mit dem zu tun, was die Gewerkschaft f\u00fcr den Angestellten leistet. Er fragt: Wie schult sie ihn? Was tut sie, um ihn aus dem Bann von Ideologien zu befreien, die ihn fesseln? Bei der Antwort auf diese Fragen kommt nun sein konsequentes Au\u00dfenseitertum ihm sehr zu statten. Er ist auf nichts von alledem festgelegt, womit Autorit\u00e4ten, um ihn zur Ruhe zu verweisen, auftrumpfen k\u00f6nnten. Die Gemeinschaftsidee? Er entlarvt sie als Spielart eines wirtschaftsfriedlichen Opportunismus. Der h\u00f6here Bildungsgrad des Angestellten? Er nennt ihn illusorisch und beweist, wie ohnm\u00e4chtig der verstiegene Anspruch auf Bildung den Angestellten in der Wahrung seiner Rechte macht. Die Kulturg\u00fcter? Sie fixieren, hei\u00dft f\u00fcr ihn, jener Meinung Vorschub zu leisten, derzufolge \u00bbdie Nachteile der Mechanisierung mit Hilfe geistiger Inhalte zu beseitigen seien, die wie Medikamente eingefl\u00f6\u00dft werden\u00ab. Diese ganze ideologische Konstruktion \u00bbist selber noch ein Ausdruck der Verdinglichung, gegen deren Wirkungen sie sich richtet. Sie wird von der Auffassung getragen, da\u00df die Gehalte fertige Gegebenheiten darstellten, die sich ins Haus liefern lassen wie Waren.\u00ab In solchen S\u00e4tzen spricht nicht nur die Stellung zu einem Problem. Dies ganze Buch ist vielmehr Auseinandersetzung mit einem St\u00fcck vom Alltag, bebautem Hier, gelebtem Jetzt geworden. Der Wirklichkeit wird so sehr zugesetzt, da\u00df sie Farbe bekennen und Namen nennen mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Name ist Berlin, das dem Verfasser die Angestelltenstadt par excellence ist; so sehr, da\u00df er sich durchaus bewu\u00dft ist, einen wichtigen Bei\u00adtrag zur Physiologie der Hauptstadt geliefert zu haben. \u00bbBerlin ist heute die Stadt der ausgesprochenen Angestelltenkultur; das hei\u00dft einer Kultur, die von Angestellten f\u00fcr Angestellte gemacht und von den meisten Angestellten f\u00fcr eine Kultur gehalten wird. Nur in Berlin, wo die Bindungen an Herkunft und Scholle soweit zur\u00fcckgedr\u00e4ngt sind, da\u00df das Weekend gro\u00dfe Mode werden kann, ist die Wirklichkeit der Angestellten zu erfassen.\u00ab Zum Weekend geh\u00f6rt auch der Sport. Die Kritik der Sportbegeisterung unter den Angestellten beweist, wie wenig der Verfasser gesonnen ist, seine ironische Behandlung der Kulturideale bei Wohlgesinnten durch ein desto innigeres Bekenntnis zur Natur wettzumachen, weit entfernt. Der Instinktunsicherheit, wie sie von der herrschenden Klasse gez\u00fcchtet wird, tritt hier gerade der Literat als Wahrer unverdorbener sozialer Instinkte entgegen. Er hat sich auf seine St\u00e4rke besonnen, die darin besteht, die b\u00fcrgerlichen Ideologien, wenn schon nicht restlos, so in allem zu durchschauen, wo sie noch mit dem Klein\u00adb\u00fcrgertum in Verbindung stehen. \u00bbDie Ausbreitung des Sports\u00ab, hei\u00dft es bei Kracauer, \u00bbl\u00f6st nicht Komplexe auf, sondern ist unter anderem eine Verdr\u00e4n\u00adgungserscheinung gro\u00dfen Stils; sie f\u00f6rdert nicht die Umgestaltung der sozia\u00adlen Verh\u00e4ltnisse, sondern ist insgesamt ein Hauptmittel der Entpolitisierung.\u00ab Und noch entschiedener an anderer Stelle: \u00bbMan richtet ein vermeintliches Naturrecht gegen das heutige Wirtschaftssystem auf, ohne sich dar\u00fcber klar zu sein, da\u00df gerade die Natur, die sich ja auch in den kapitalistischen Begierden verk\u00f6rpert, einer seiner m\u00e4chtigsten Verb\u00fcndeten ist und ihre ungebrochene Verherrlichung zudem der planm\u00e4\u00dfigen Organisation des Wirtschaftslebens widerstreitet.\u00ab Dieser Naturfeindschaft entspricht, da\u00df der Verfasser eben da \u00bbNatur\u00ab denunziert, wo die herk\u00f6mmliche Soziologie von Entartungen reden w\u00fcrde. Ihm dagegen ist ein gewisser Reisender in Tabakfabrikaten, die Ke\u00dfheit und Versiertheit selber, Natur. Da\u00df bei so konsequenter Durchdenkung der \u00d6konomik, die den elementaren, um nicht zu sagen, den barbarischen Charakter der Produktions- und Tausch\u00adverh\u00e4ltnisse noch in ihren heutigen, abgezogenen Formen aufdeckt, die vielberufene Mechanisierung einen sehr anderen Akzent gewinnt als sie f\u00fcr die Sozialpastoren ihn besitzt, bedarf kaum des Hinweises. Wieviel verhei\u00dfungsvoller ist diesem Betrachter der seelenlose mechanisierte Handgriff des ungelernten Arbeiters, als das so ganz organische \u00bbMoralisch-Rosa\u00ab, das nach der unsch\u00e4tzbaren Formulierung eines Personalchefs der Teint des guten Angestellten zeigen soll. Moralisch-Rosa \u2013 das ist also die Farbe, die die Wirklichkeit des Angestelltendaseins bekennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Redeblume des Personalchefs beweist, in welchem Grade der Jargon der Angestellten mit der Sprache des Verfassers kommuniziert, welch Ein\u00adverst\u00e4ndnis zwischen diesem Au\u00dfenseiter und der Sprache des Kollektivs ist, auf das er es abgesehen hat. Ganz von selbst erfahren wir, was Blutorangen und Radfahrer, was Schleimtrompeten und Prinzessinnen sind. Und je genauer wir mit alldem Bekanntschaft machen, desto mehr sehen wir, wie Erkenntnis und Menschlichkeit in Spitznamen und Metaphern gefl\u00fcchtet sind, um dem breitspurigen Vokabular der Gewerkschaftssekret\u00e4re und Profes\u00adsoren aus dem Wege zu gehen. Oder handelt es sich in all den Artikeln zur Erneuerung, Durchseelung, Vertiefung der Lohnarbeit weniger um ein Vokabular als um eine Pervertierung der Sprache selber, die mit dem innigsten Wort die sch\u00e4bigste Wirklichkeit, mit dem vornehmsten die gemeinste, mit dem friedfertigsten die feindseligste deckt? Wie dem auch sei, es liegen in Kracauers Analysen, besonders der akademischen tayloristischen Gutachten, Anf\u00e4nge der lebendigsten Satire, die ja l\u00e4ngst sich aus dem politischen Witzblatt zur\u00fcckzog, um einen epischen Spielraum zu beanspruchen, der der Unerme\u00dflichkeit ihres Gegenstandes entspricht. Ach, diese Unerme\u00dflichkeit ist Trostlosigkeit. Und je gr\u00fcndlicher sie aus dem Bewu\u00dftsein der von ihr erfa\u00dften Schichten verdr\u00e4ngt ist, desto sch\u00f6pferischer erweist sie sich \u2013 dem Gesetz der Verdr\u00e4ngung gem\u00e4\u00df \u2013 in der Bilderzeugung. Es liegt sehr nahe, die Vorg\u00e4nge, in denen eine unertr\u00e4glich angespannte \u00f6konomische Situation ein falsches Bewu\u00dftsein erzeugt, mit denen zu vergleichen, die den Neurotiker, den Geisteskranken aus uner\u00adtr\u00e4glich angespannten Privatkonflikten zu seinem falschen Bewu\u00dftsein f\u00fchren. Solange wenigstens die marxistische Lehre vom \u00dcberbau nicht durch die dringend erforderliche von der Entstehung des falschen Bewu\u00dftseins erg\u00e4nzt ist, wird es kaum anders m\u00f6glich sein, als die Frage: Wie entsteht aus den Widerspr\u00fcchen einer \u00f6konomischen Situation ein ihr unangemes\u00adsenes Bewu\u00dftsein? nach dem Schema der Verdr\u00e4ngung zu beantworten. Die Erzeugnisse des falschen Bewu\u00dftseins gleichen Vexierbildern, in denen die Hauptsache aus Wolken, Laub und Schatten nur eben hervorlugt. Und der Verfasser ist bis in die Inserate der Angestelltenzeitungen herabgestiegen, um jene Hauptsachen ausfindig zu machen, die in den Phantasmagorien von Glanz und Jugend, Bildung und Pers\u00f6nlichkeit vexierhaft eingebettet erschei\u00adnen: n\u00e4mlich Konversationslexika und Betten, Kreppsohlen, Schreibkrampf-Federhalter und Qualit\u00e4tspianos, Verj\u00fcngungsmittel und wei\u00dfe Z\u00e4hne. Aber das H\u00f6here begn\u00fcgt sich nicht mit der Phantasieexistenz, und setzt sich seinerseits im Alltag des Betriebes genau so vexierhaft durch wie das Elend im Glanz der Zerstreuung. So erkennt Kracauer im neopatriarchalischen Bureaubetrieb, der schlie\u00dflich auf unbezahlte \u00dcberstunden hinauskommt, das Schema der mechanischen Orgel, der verschollene Klangfolgen entsteigen, oder in der Fingerfertigkeit der Stenotypistin die kleinb\u00fcrgerliche Trostlosig\u00adkeit der Klavieret\u00fcde. Die eigentlichen Symbolzentralen dieser Welt sind die \u00bbPl\u00e4sierkasernen\u00ab, der stein-, vielmehr der stuckgewordene Wunschtraum des Angestellten. In der Durchforschung dieser \u00bbAsyle f\u00fcr Obdachlose\u00ab er\u00adweist die traumgerechte Sprache des Verfassers ihre ganze Verschlagenheit. Erstaunlich, wie sie gef\u00fcgig all diesen stimmungsvollen K\u00fcnstlerkellern, all diesen lauschigen Alkasaren, all diesen intimen Mokkabuchten sich an\u00adschmiegt, um sie als ebenso viele Schwellungen und Geschw\u00fcre abgegossen dem Licht der Vernunft preiszugeben. Wunderkind und enfant terrible in einer Person, plaudert der Verfasser hier aus der Traumschule. Und viel zu sehr ist er im Bilde, um diese Anstalten etwa nur als Verdummungsinstrumente im Interesse der herrschenden Klasse betrachten und ihr die alleinige Verantwortung f\u00fcr sie geben zu wollen. So eingreifend seine Kritik am Unternehmertum ist, es teilt f\u00fcr ihn, als Klasse betrachtet, mit der ihm untergebenen den Charakter des Subalternen zu sehr, um als eigentlich bewegende Kraft und zurechnungsf\u00e4higer Kopf im Wirtschaftschaos anerkannt werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf politische Wirkung, wie man sie heute versteht \u2013 auf demagogische also \u2013 wird diese Schrift nicht nur um solcher Einsch\u00e4tzung des Unternehmer\u00adtums willen verzichten m\u00fcssen. Das Bewu\u00dftsein \u2013 um nicht zu sagen das Selbstbewu\u00dftsein davon wirft Licht auf des Verfassers Abneigung gegen alles, was mit Reportage und neuer Sachlichkeit zusammenh\u00e4ngt. Diese linksradikale Schule mag sich geb\u00e4rden wie sie will, sie kann niemals die Tatsache aus der Welt schaffen, da\u00df selbst die Proletarisierung des Intellektuellen fast nie einen Proletarier schafft. Warum? Weil ihm die B\u00fcrgerklasse in Gestalt der Bildung von Kindheit auf ein Produktionsmittel mitgab, das ihn auf Grund des Bildungsprivilegs mit ihr und, das vielleicht noch mehr, sie mit ihm solidarisch macht. Diese Solidarit\u00e4t kann sich im Vordergrund verwischen, ja zersetzen; fast immer aber bleibt sie stark genug, den Intellektuellen von der st\u00e4ndigen Alarmbereitschaft, der Front\u00adexistenz des wahren Proletariers streng auszuschlie\u00dfen. Kracauer hat mit diesen Erkenntnissen Ernst gemacht. Darum ist seine Schrift im Gegensatz zu den radikalen Modeprodukten der neuesten Schule ein Markstein auf dem Wege der Politisierung der Intelligenz. Dort der Horror von Theorie und Erkenntnis, der sie der Sensationslust der Snobs empfiehlt, hier eine konstruktive theoretische Schulung, die sich weder an den Snob noch an den Arbeiter wendet, daf\u00fcr aber etwas Wirkliches, Nachweisbares zu f\u00f6rdern imstande ist: n\u00e4mlich die Politisierung der eigenen Klasse. Diese indirekte Wirkung ist die einzige, die ein schreibender Revolution\u00e4r aus der B\u00fcrgerklasse heute sich vorsetzen kann. Direkte Wirksamkeit kann nur aus der Praxis hervorgehen. Er aber wird sich arrivierten Kollegen gegen\u00fcber in Gedanken an Lenin halten, dessen Schriften am besten beweisen, wie sehr der literarische Wert politischer Praxis, die direkte Wirkung von dem r\u00fcden Fakten- und Reportierkram entfernt ist, der sich heut f\u00fcr sie ausgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So steht von Rechts wegen dieser Autor am Schlu\u00df da: als ein Einzelner. Ein Mi\u00dfvergn\u00fcgter, kein F\u00fchrer. Kein Gr\u00fcnder, ein Spielverderber. Und wollen wir ganz f\u00fcr sich uns in der Einsamkeit seines Gewerbes und Trachtens ihn vorstellen, so sehen wir: Einen Lumpensammler fr\u00fche im Morgengrauen, der mit seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um sie murrend und st\u00f6rrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser ausgeblichenen Kattune \u00bbMenschen\u00adtum\u00ab, \u00bbInnerlichkeit\u00ab, \u00bbVertiefung\u00ab sp\u00f6ttisch im Morgenwinde flattern zu lassen. Ein Lumpensammler, fr\u00fche \u2013 im Morgengrauen des Revolutionstages.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Angestellten<\/strong>. Aus dem Neuesten Deutschland, von Siegfried Kracaue. Frankfurt a.M.: Frankfurter Societ\u00e4tsdruckerei 1930.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Uralt, vielleicht so alt wie das Schrifttum selber, ist in ihm der Typus des Mi\u00dfvergn\u00fcgten. 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