{"id":87297,"date":"2010-12-06T00:01:58","date_gmt":"2010-12-05T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87297"},"modified":"2021-09-30T17:27:16","modified_gmt":"2021-09-30T15:27:16","slug":"was-schenke-ich-einem-snob","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/06\/was-schenke-ich-einem-snob\/","title":{"rendered":"Was schenke ich einem Snob?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Snob beschenken hei\u00dft, sich auf eine Pokerpartie einlassen. Die Seele des Snobismus ist n\u00e4mlich der Bluff. Bluff aus Frechheit oder aus Angst, das kann man hier so wenig wie im Poker unterscheiden. Jedenfalls k\u00f6nnte man gar keinen gr\u00f6\u00dferen Fehler machen als in die Defensive zu gehen, als sich sch\u00fcchtern zu fragen: Was kann er gegen ein Reisenecessaire einwen\u00adden, wie wird er sich zum Muster des Pyjamas \u00e4u\u00dfern, welche Fratze wird er zu einem Cointreau ziehen? Snobs sollen provoziert werden. Je ver\u00e4chtlicher sie den Weihnachtstisch zu inspizieren pflegen, desto beil\u00e4ufiger soll man ihnen das Ihre zuschieben. Man erspare ihnen keine Zweideutigkeiten. B\u00fccher nur eingewickelt schenken. Preis deutlich mit Bleistift nachziehen. Noch wichtiger als die Auswahl der B\u00fccher selbst \u2013 und Snobs kann man gar nicht aggressiver, verschlagener als mit B\u00fcchern beschenken \u2013 ist die Geste, mit dem man seinen h\u00f6flich tastenden Blick als Netzball zur\u00fcckschl\u00e4gt. <i>Charlotte Westermann: \u00bbKnabenbriefe\u00ab (Georg M\u00fcller). <\/i>Er wird mit dem schmalen Band etwas ratlos dastehen. Und dann werden Sie sagen: \u00bbIch verschenke n\u00e4mlich nur B\u00fccher, die ich selbst habe. Ich lese es hin und wieder. Es hat der Verfasserin weder Namen noch Geld gebracht, es ist nicht Auftakt eines zweiten Buches geworden, nur ein Erkennungszeichen f\u00fcr ein paar Leute, die es gelesen haben und sich nicht davon trennen wollen.\u00ab Sie werden, wie Sie hieraus ersehen, vermeiden, dem Snob die Stichworte zur Verf\u00fcgung zu stellen, die ihm sein asoziales Gewerbe erleichtern. Sie werden also hier ebensowenig von Conrad Ferdinand Meyer sprechen, wie auf Wedekind anspielen, wenn Sie statt dieses klassizistischen etwa ein gleich verschollenes aber dekadentes Frauenbuch ihm unter seinen Mistelzweig (Weihnachtsbaum lehnt der Snob ab) legen: <i>Henriette Riemanns \u00bbPierrot im Schnee\u00ab (Erich Rei\u00df).<\/i> Das k\u00f6nnten Sie um so eher w\u00e4hlen, als es ein rechtschaffen schlechtes und dennoch interessantes Buch ist und aus einer Zeit stammt, wo beim Zusammenprall der Boh\u00e9mienne mit dem Libertin noch die Funken stoben. Oberhaupt schenken Sie was Sie wollen. Das Entlegendste, Vergilbteste kann ihn genau so wehrlos machen wie <i>\u00bbIm Westen nichts Neues\u00ab (Ullstein). <\/i>Nur h\u00fcten Sie sich vor Einem. Nichts w\u00fcrde der gesunde, durchtrainierte Snob Ihnen mehr ver\u00fcbeln als die R\u00fccksicht auf seine Interessensph\u00e4re. Da h\u00e4tte er leichtes Spiel. Sie werden sie also im besten Fall persiflieren. Ist er Politiker, so schenken Sie <i>\u00bbBella\u00ab (Insel-Verlag)<\/i>, das wahre Snobsbuch der Politik. Ist er Regisseur, so bekommt er ein Handbuch der Liturgie. Hat jemand Beziehungen zu den Herren, die den Tresoreinbruch am Wittenbergplatz gekonnt haben (es ist alles zu wetten, da\u00df sie Snobs sind), so soll er ihnen das \u00bbBastelbuch\u00ab schenken. Vielleicht ist er aber \u00fcber Weihnachten auf ein Gut eingeladen. Der Gutsherr ist leidenschaftlicher Snob und interessiert sich f\u00fcr nichts als f\u00fcr seine Treibh\u00e4user. Man m\u00fc\u00dfte dann schon so borniert wie er selbst sein, um ihm mit einschl\u00e4giger Literatur oder selbst mit alten, kostbaren Parkatlanten zu kommen. Eine kleine Novelle aber, die vor vielen Jahren bei <i>Rei\u00df <\/i>erschien, wird ihn bis in die Wurzeln seines Stammbaums ersch\u00fcttern. Sie hei\u00dft: <i>\u00bbDie Menschenzwiebel Kzradock oder der fr\u00fchlingsfrische Methusalem\u00ab.<\/i> Ist er zudem Familienvater und hat er Kinder, so schenken Sie ihm (nicht denen) noch au\u00dferdem das sch\u00f6nste aller neuen Kinderb\u00fccher: <i>\u00bbDas Zauberboot\u00ab (Herbert Stuffer). <\/i>Nun mag er zusehen, wie er in den Feiertagen mit seinen Kindern sich auseinandersetzt. Gutwillig wird er es nicht aus den H\u00e4nden geben. \u2013 Schenken ist eine friedliche Kunst. Aber dem Snob gegen\u00fcber mu\u00df sie martialisch gehandhabt werden. Freilich k\u00f6nnte da eine Komplikation entstehen: Wenn Sie ihn lieben. F\u00fcr diesen au\u00dferordentlichen Tatbestand gibt es nun freilich auch einige au\u00dferordentliche Nothelfer. Das sind die Klassiker des Snobs, die gro\u00dfen Dichter, die beim Schreiben nichts so entsetzte wie der Gedanke, sie k\u00f6nnten vor dem Snob, den sie selber im Innern trugen \u2013 \u00bble serpent\u00ab hat Baudelaire ihn in einem Gedichte genannt \u2013 sich blo\u00dfstellen.<i> Stendhal (Insel-Verlag) <\/i>und <i>Thackeray (Georg M\u00fcller) <\/i>sind die gr\u00f6\u00dften. Die schenken Sie ihm vielleicht in alten Ausgaben. Und wollen Sie ein \u00fcbriges tun, so schreiben Sie, mit Rundschrift, hinein: \u00bbWeihnachten 1929 von Deiner &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Einen Snob beschenken hei\u00dft, sich auf eine Pokerpartie einlassen. Die Seele des Snobismus ist n\u00e4mlich der Bluff. Bluff aus Frechheit oder aus Angst, das kann man hier so wenig wie im Poker unterscheiden. 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