{"id":87290,"date":"2010-08-09T00:01:10","date_gmt":"2010-08-08T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87290"},"modified":"2021-10-25T13:23:31","modified_gmt":"2021-10-25T11:23:31","slug":"hinterland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/09\/hinterland\/","title":{"rendered":"Hinterland"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNatur ist, wo du ohne dich allein bist\u00ab \u2013 in dieser Definition steckt nicht nur Polgars ganze Sprachkunst; sie ist der archimedische Punkt, von wo aus er die Welt sieht. \u00bbDer archimedische Punkt, von wo aus er die Welt sieht\u00ab \u2013 das ist es eben: er wird die Welt nicht bewegen, sondern beschauen. Wieso aber sein Weltbeschauen dennoch Aktion ist, und er also im Hebelpunkte philosophiert, davon sp\u00e4ter. Das wollen wir aber an seinem Begriff von Natur gleich festhalten, da\u00df er Partei nimmt. Unbedingt gegen den Menschen, wo er nicht \u00bbohne sich allein\u00ab ist, wie Liebende oder Kinder. Diese Natur liebt er, die in sich versunken ist, den welthistorischen Belangen den R\u00fccken kehrt, Wien und das Salzkammergut im Scho\u00df h\u00e4lt, S\u00fc\u00dfes f\u00fcr ihre Kinder, aber nichts f\u00fcr ihre Erwachsenen \u00fcbrig hat. In ihrem Schatten hat sich sein Spott gek\u00fchlt und seine Trauer ist auf ihren H\u00f6hen wetterfest geworden. Und nun ermesse man, was in ihm vorging, als eines Tages alle Menschenschmach begann, \u00fcber die Gewaltige hinzusp\u00fclen. Er blieb ihr aber nur desto eigen\u00adsinniger treu und erduldete was geschah \u00bbaus der Perspektive von damals; aus der Ohnmachts-Perspektive also\u00ab. Heute ver\u00f6ffentlicht er \u00bbHinterland\u00ab, die Folge im Weltkrieg und im anschlie\u00dfenden Weltfrieden erschienener Skizzen, die sich so scharf von den \u00bbSchilderungen\u00ab abheben, der gut abge\u00adhangenen, durchr\u00e4ucherten Schwarte Weltgeschichte, die vorsorgliche Autoren zur Zeit aus dem Rauchfang holen. Der Leser dieser Polgarschen Skizzen st\u00f6\u00dft, post festum, auf die Befehle und Direktiven, die damals nur verstohlen \u00fcber Nacht der gro\u00dfen Formation der Refrakt\u00e4re, Simulanten, Defaitisten zugestellt wurden, den Korps, die im R\u00fccken des uniformierten Heeres den Heldenkampf auf Seiten der Natur und gegen die Gesellschaft gefochten haben. Der Krieg hat die \u00fcberraschendsten Avancements gesehen und eines von ihnen war das dieses Epikur\u00e4ers, des soignierten Herrn, der, was es nur Vertrauensw\u00fcrdiges, Beruhigendes gibt, die Verl\u00e4\u00dflichkeit des j\u00fcdischen Arztes, des j\u00fcdischen Bankiers, des j\u00fcdischen Anwalts in sich vereint, zum Wortf\u00fchrer aller Streitkr\u00e4fte der passiven Resistenz. Da\u00df ein \u00d6sterreicher dies werden mu\u00dfte, war vorbestimmt. Es ist nachgerade \u00fcberhaupt die europ\u00e4ische Rolle des \u00d6sterreichertums geworden, aus seinem ausgepowerten Barockhimmel die letzten Erscheinungen, die apokalyptischen Reiter der B\u00fcrokratie zu entsenden: Kraus, den F\u00fcrsten der Querulanten, Pallenberg, den geheimsten der Konfusionsr\u00e4te, Kubin, den Geisterseher in der Amtsstube, Polgar, den Obersten der Saboteure. Und diese seine \u00f6sterreichische Rolle f\u00fchrt er in jeder erdenklichen Ausstaffierung, vom Ketzer zum Kasperl, vom Terroristen zum Trottel durch und kann dabei in so unscheinbaren Kost\u00fcmen wie dem des Panoramadieners vor der \u00bbSchlacht beim Berge Isel\u00ab erscheinen, wo \u00fcberall Tote liegen, aber \u00bbbei den Franzosen viel, viel mehr als bei den Tirolern. Warum? \u2013 Nur der Panoramadiener kann das erkl\u00e4ren.\u00ab Wirklich kann er&#8217;s. Von der strotzenden Volute des Kanzelredners bis zur idiosynkratischen Reflektionsspirale von Nestroy verschlingen sich in seiner Sprache noch einmal alle Abbreviaturen und Arabesken des Wienerischen. Abraham a Santa Claras Beredsamkeit hat kein gro\u00dfartigeres Bild gefunden als Polgar f\u00fcr den Frieden von Brest-Litowsk. \u00bbDas Rad des Geschehens ging \u00fcber den Friedensvertrag, nahm ihn mit, wie das Wagenrad ein St\u00fcck Papier mitnimmt, das auf dem Fahrweg liegt. \u2013 Nach ein paar Umdrehungen verschwindet es im Schmutz der Stra\u00dfe.\u00ab Dieser emblematische Lakonismus herrscht \u00fcberall. Wie ein Ausschlag kam am verfallenden Wien eine verborgene Bildwelt zum Vorschein, und an den H\u00e4userw\u00e4nden, von denen der Kalk sich l\u00f6ste, erschien als wei\u00dfer Flecken das Siegel unter dem Menetekel, das Polgar l\u00e4ngst auf ihnen gelesen hatte. Darum ist diese von seinen wienerischen Schriften die Quintessenz. Endlich beginnt die Stadt, die so lange unter seinem Brennglas gelegen hat, Feuer zu fangen. Und da sitzt er im \u00bbAbendlande des Unterganges\u00ab, der Heurige treibt ihm die Tr\u00e4nen aus beiden Augen, auf der Estrade wird der letzte Zapfenstreich angezettelt und der Wiener Strudl verschlingt den Gast.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hinterland<\/strong>, von\u00a0<span lang=\"X-NONE\">Alfred Polgar<\/span>, <span lang=\"X-NONE\">Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1929.<\/span><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<figure class=\"alignleft\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Artikel aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/21\/aus-dem-hinterland-der-lyrikrezeption\/\">Hinterland<\/a> der Lyrikrezeption.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbNatur ist, wo du ohne dich allein bist\u00ab \u2013 in dieser Definition steckt nicht nur Polgars ganze Sprachkunst; sie ist der archimedische Punkt, von wo aus er die Welt sieht. \u00bbDer archimedische Punkt, von wo aus er die Welt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/09\/hinterland\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":49881,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3035,428],"class_list":["post-87290","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alfred-polgar","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87290"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87290\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}