{"id":87268,"date":"2005-06-07T00:01:14","date_gmt":"2005-06-06T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87268"},"modified":"2021-07-04T15:31:51","modified_gmt":"2021-07-04T13:31:51","slug":"die-hoelderlinkrankheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/06\/07\/die-hoelderlinkrankheit\/","title":{"rendered":"Die H\u00f6lderlinkrankheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00bbDie H\u00f6lderlinkrankheit des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts ist wie die Ossiankrankheit des endenden achtzehnten daf\u00fcr reif, &#8230; von nobleren Leserklassen abgesch\u00fcttelt zu werden\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schrieb unl\u00e4ngst Rudolf Borchardt in der Anmerkung zu seinem Aufsatz \u00bbH\u00f6lderlin und endlich ein Ende\u00ab. Man kann sich fragen, ob dies strenge und nicht restlos gerechte Urteil bei Gelegenheit einer Schrift zu erinnern ist, die im einzelnen sehr gewinnende Z\u00fcge hat. Auch ist H\u00f6lderlins Krankheitsproduktion \u2013 so k\u00f6nnte man einwenden \u2013 f\u00fcr sie nicht Gegenstand, sondern nur Beispiel. Zuge\u00adgeben. Aber was ist dem Autor Gegenstand? Worum geht es ihm? Das \u00bbFazit\u00ab seiner Untersuchung liegt ganz und gar im Rahmen jener popul\u00e4ren \u00bbGenie- und- Irrsinn\u00ab-Schablone, die bei wechselndem wissenschaftlichen Anstrich seit Lombroso dieselbe geblieben ist. Das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen der Gro\u00dfartigkeit des Materials auf der einen, dem gedanklichen Ertrag auf der anderen Seite f\u00e4llt hier um so viel deutlicher der Fragestellung zur Last, als die Sorgfalt der Untersuchung gewachsen ist. Der Leser wird Bewunderung f\u00fcr die Konzentration und die Erfahrung f\u00fchlen, die dem Verfasser die Deutung von schwierigen Krankentexten erlaubt und das hohe Ma\u00df von Menschlichkeit, das aus ihr spricht, jedem Psychiater w\u00fcnschen. Nichtsdesto\u00adweniger wird er gut tun, dem, was hier getrieben wird, fernzubleiben. Denn die Intentionen des Autors sind bei weitem nicht tief und umfassend genug, um das Operieren mit so gef\u00e4hrlichen Sprachgemengen zu rechtfertigen. Weder die Schizophrenie noch die Lyrik sind hier neu, ja \u00fcberhaupt nur gedacht worden. Darum hat dies Spiel mit Symptomen, dies Kombinieren schizophrener und lyrischer Texte etwas Desperates. Dem Verfasser fehlte die Entschlossenheit, seine scharfen und gl\u00fccklichen Analysen f\u00fcr eine Theorie der Krankheit zu verwerten, ja ihr zugrunde zu legen, statt sie in einer Psychologie des lyrischen Dichters zu strapazieren. Er h\u00e4tte dann weder bei den unfruchtbaren Demarkationsversuchen zwischen schizophrener und dichterischer Produktion sich aufgehalten, noch, statisch und typologisch, den Wahnsinnigen mit dem Gesunden verglichen. Vielmehr h\u00e4tte er die Schizophrenie, dialektisch und kollektivistisch, als Bewegung im Medium der Sprache, und damit als eine Erscheinung erkannt, die nur in ihrem lebendigen Gegensatz zur Sprachgemeinschaft verst\u00e4ndlich ist. Die Urzeit \u2013 im Bilde zu reden: die Tiefsee \u2013 der Sprache, das ist das Medium, in das sie beide, der Dichter und der Kranke, herabtauchen. Der Lyriker tut es in der Taucherglocke der Kunstform, verantwortlich und auf Zeit, der Kranke nackt und blo\u00df, so da\u00df er bei den Sch\u00e4tzen da unten, die er zu heben nicht imstande ist, verbleibt. Hat man dergestalt den Raum der Individualit\u00e4t mit ihrem tr\u00fcgerischen Kunstbegriff verlassen, so kl\u00e4ren sich die Dinge von selber. Denn auch hier tritt das wahrhaft Aktuelle uns am Ende einer historischen Perspektive entgegen. Dagegen ist es beim Verfasser zu kurz gegriffen. Sein apologetisches Interesse f\u00fcr die Lyrik des Expressionismus ist daf\u00fcr der beste Beweis. Denn nicht darum versagt der Schizophrene in seinem expressionistischen Bed\u00fcrfnis nach \u00bbWesenserfassung, unmittelbarer Wiedergabe des Gef\u00fchlten &#8230;, weil zu seiner Objektivierung ein geistiger Fond und ein sprachliches und logisches Leistungsverm\u00f6gen n\u00f6tig w\u00e4re, die nur dem genialen Dichter und Philosophen zur Verf\u00fcgung stehen\u00ab, sondern weil diese Objektivierung kollektiv von der Sprache selber bereits geleistet und der Kranke bem\u00fcht ist, in einem Sprachproze\u00df Berufung einzulegen, der in der letzten Instanz vor Jahrhunderten ist entschieden worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDie H\u00f6lderlinkrankheit des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts ist wie die Ossiankrankheit des endenden achtzehnten daf\u00fcr reif, &#8230; von nobleren Leserklassen abgesch\u00fcttelt zu werden\u00ab schrieb unl\u00e4ngst Rudolf Borchardt in der Anmerkung zu seinem Aufsatz \u00bbH\u00f6lderlin und endlich ein Ende\u00ab. 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