{"id":87257,"date":"2005-12-25T00:01:38","date_gmt":"2005-12-24T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87257"},"modified":"2021-07-11T15:12:33","modified_gmt":"2021-07-11T13:12:33","slug":"zwei-buecher-ueber-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/25\/zwei-buecher-ueber-lyrik\/","title":{"rendered":"Zwei B\u00fccher \u00fcber Lyrik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation: \u00bbSo singt es und klingt es, die Sinne in bestrickendem Wohllaut umschmeichelnd, schier endlos.\u00ab Heyden: Deutsche Lyrik, S. 99.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Situationen, da kann einer gar nichts kl\u00fcgeres tun, als sich dumm stellen. Es sind nicht die Ungef\u00e4hrlichsten, die diese Taktik verlangen. Und wir rechnen die Situation, in die diese \u00bbNachschaffenden Betrachtungen lyrischer Gedichte\u00ab den Leser versetzen, nicht zu den harmlosen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verfasser nimmt keinen Anstand, zum Genu\u00df lyrischer Dichtungen einzuladen. Andere an dem \u00bbim Genu\u00df\u00ab Empfundenen teilnehmen zu lassen, das ist eingestandenerma\u00dfen die Absicht. Bleiben wir beim Genu\u00df. Auf dem Tisch steht eine Schokoladentorte. Bestimmt wird die gute Hausfrau zum Genusse derselben einladen. Aber wird sie in der \u00bbnachschaffenden Betrachtung\u00ab der Torte Mittel zu dessen Steigerung oder gar dessen Wesen sehen? Bestimmt nicht. Sie wird sogar diese nachschaffende Betrachtung eher zu vermeiden suchen. Und es ist gar nicht erfindlich, warum wir ihren guten Tischsitten nicht an geisterhafteren Tafeln Respekt verschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleiben wir begriffsstutzig. Stutzen wir bei dem Begriffe: Genu\u00df. Der ist doch nur die erste Etappe, das Vorspiel der Einverleibung. Mit der Einverlei\u00adbung, die dem Genu\u00df folgt, setzt das Hauptst\u00fcck des Vorgangs erst ein. Was hielten wir von einer Physiologie der Ern\u00e4hrung, die es nur mit den Freuden des Geschmacksinns zu tun hat? Nichts. Genau so viel von dem Buch, das hier vorliegt. Denn gerade f\u00fcr das lyrische Gedicht wie f\u00fcr sonst nichts im Schrifttum gilt: nur wo es einem ganz zu Fleisch und Blut geworden ist, beginnt es sein Werk. Der Schauplatz aber alles F\u00f6rderlichen, Nahrhaften, Nutzbaren, das der Lyrik einwohnt, hei\u00dft Ged\u00e4chtnis und ist in diesem Buche nirgends betreten. \u00bbWerde auswendig\u00ab, das ist das Gehei\u00df, mit dem jede lyrische Dichtung ins Leben tritt. Schauplatz seiner Erf\u00fcllung ist das Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht die St\u00e4rke, sondern die Dauer des gro\u00dfen Gef\u00fchls macht den gro\u00dfen Menschen\u00ab schreibt Nietzsche. Nun \u2013 das Gedicht ist die besondere Speise, die St\u00e4rke des Gef\u00fchls in organische Dauer umzusetzen bestimmt ist, die Gef\u00fchle \u00fcberw\u00e4ltigt und einverleibt. Das ist sein einzig echter, einzig erheblicher \u00bbp\u00e4dagogischer\u00ab Sinn. Und in nichts dem reformp\u00e4dagogischen Vorwitz verwandt, der hier ein witterndes Naschen vorwagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Gedicht nach jahrelangem Wissen Gewohnheit wird, das bestimmt sein Ethos. N\u00e4mlich griechisch: Ethos = Gewohnheit. Dann hat ein herbes Werk der Zersetzung es in solchem Grade verwandelt und so sehr jenseits von alledem was einst an ihm \u00bbgenu\u00dfreich\u00ab war gestellt, da\u00df nun von ihm zu reden m\u00f6glich wird. \u00bbAuswendig\u00ab heben wir das Gedicht aus den Angeln. Wie geringer ist es geworden und nur weniges an ihm f\u00fchlbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die Klosterzelle, das Ged\u00e4chtnis, in dem die S\u00e4tze, Verse, Worte wie Trappisten stumm in die S\u00e4rge ihrer Buchst\u00e4blichkeit sich zur Ruhe legen. Von diesem rechten, sprengenden, ja in St\u00fccke sprengendem Sterben des Werkes h\u00e4tte der Verfasser wohl etwas erkennen k\u00f6nnen, wenn er in der neuen, nachgeorgischen Lyrik sich umgetan, Brecht und Ringelnatz auf seinem Schreibtisch gefunden und so die Todeskrisis einer ganzen Gattung von Lyrik sich f\u00fcr ihn erschlossen h\u00e4tte. Des Liedes n\u00e4mlich. Denn das Lied, das noch in seinem hohlsten Nachklang (Falke, Brandes) dem Verfasser das A und O der Lyrik bedeutet, ist doch selbst in seinen erhabensten Lauten diesem rechtzeitig-zeitweiligen Verstummen gerade jetzt ausgeliefert. Seine Betrachtung kann nur so trostlose Begriffe wie den der \u00bbuneigentlichen Sprache\u00ab, des \u00bbseelischen Fluidums\u00ab, des \u00bblyrischen Hauches\u00ab zutage f\u00f6rdern. F\u00fcr den \u00bbDeutschunterricht\u00ab sind sie kein \u00bbFortschritt\u00ab, f\u00fcr den Sch\u00fcler eine Qual, f\u00fcr den Denkenden Unfug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Deutsche Lyrik<\/strong>. Nachschaffende Betrachtungen lyrischer Gedichte von Franz Heyden. Hamburg, Berlin, Leipzig: Hanseatische Verlagsanstalt (1929). 236 S.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Situation: \u00bbSo singt es und klingt es, die Sinne in bestrickendem Wohllaut umschmeichelnd, schier endlos.\u00ab Heyden: Deutsche Lyrik, S. 99. Es gibt Situationen, da kann einer gar nichts kl\u00fcgeres tun, als sich dumm stellen. 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