{"id":87250,"date":"2010-09-11T00:01:54","date_gmt":"2010-09-10T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87250"},"modified":"2021-10-25T14:17:22","modified_gmt":"2021-10-25T12:17:22","slug":"rueckblick-auf-chaplin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/11\/rueckblick-auf-chaplin\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick auf Chaplin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00bbZirkus\u00ab ist das erste Alterswerk der Filmkunst. Charlie ist \u00e4lter ge\u00adworden seit seinem letzten Film. Aber er spielt sich auch so. Und das Ergrei\u00adfendste an diesem neuen Film ist, zu f\u00fchlen, da\u00df Chaplin den Kreis seiner Wirkungsm\u00f6glichkeiten nun \u00fcberblickt, entschlossen ist, mit ihnen und nur mit ihnen seine Sache zu Ende zu f\u00fchren. \u00dcberall geht die Variante seiner gr\u00f6\u00dften Motive in voller Herrlichkeit auf. Die Verfolgung ist in einen Irrgarten verlegt, das unerwartete Auftauchen mu\u00df einen Zauberer verbl\u00fcffen, die Maske des Unbeteiligtseins macht ihn zur Marionette in einer Jahrmarktsbude &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lehre und die Mahnung, die aus diesem gro\u00dfen Werke herausblicken, haben Philippe Soupault den Ansto\u00df zu einem ersten Versuche gegeben, das Bild von Chaplin als historische Erscheinung zu beschw\u00f6ren. Die ausgezeich\u00adnete Pariser Revue \u00bbEurope\u00ab (Rieder, Paris), auf die wir demn\u00e4chst ausf\u00fchrlicher hinweisen werden, brachte im Novemberheft einen Essay des Dichters, der eine Reihe von Gedanken entwickelt, um die ein endg\u00fcltiges Bild des gro\u00dfen K\u00fcnstlers sich eines Tages wird kristallisieren k\u00f6nnen.<sup>1)<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist zun\u00e4chst einmal mit allem Nachdruck gesagt, da\u00df Chaplins Verh\u00e4lt\u00adnis zum Film im Grunde ganz und gar nicht das des Akteurs, geschweige des Stars ist. In Soupaults Sinne d\u00fcrfte man geradezu sagen: Chaplin ist, in seiner Totalit\u00e4t gesehen, so wenig Akteur wie der Schauspieler William Shakespeare. Soupault sagt es und sagt es mit Recht: \u00bbDie unbestreitbare \u00dcberlegenheit von Chaplins Filmen &#8230; beruht darauf, da\u00df in ihnen eine Poesie waltet, auf die jeder im Leben st\u00f6\u00dft, ohne es freilich immer zu wissen.\u00ab Nat\u00fcrlich hei\u00dft das nicht, Chaplin sei \u00bbDichter\u00ab seiner Film<i>manuskripte<\/i>. Er ist eben Dichter von seinen Filmen, d.h. Regisseur. Soupault hat gesehen, da\u00df Chaplin zuerst (die Russen sind ihm darin gefolgt) den Film auf Thema, Variation, kurz auf Komposition, gestellt hat, und da\u00df das Alles zum her\u00adk\u00f6mmlichen Begriff von spannender Handlung in v\u00f6lligem Gegensatz steht. Soupault hat darum auch so entschieden wie bisher wohl noch niemand, den Gipfel von Chaplins Produktion in \u00bbL&#8217;opinion publique\u00ab erkannt. Jenem Film, in dem er selbst bekanntlich gar nicht auftritt und der in Deutschland unter dem t\u00f6richten Titel \u00bbDie N\u00e4chte einer sch\u00f6nen Frau\u00ab lief. (Die \u00bbKamera\u00ab sollte ihn jedes halbe Jahr wiederholen. Er ist eine Stiftungsurkunde der Filmkunst.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir erfahren, da\u00df f\u00fcr dieses Werk von 3000 m 125 000 m gedreht wurden, so gibt das einen Begriff von der gewaltigen hingebenden Arbeit, die in Chaplins Hauptwerken steckt. Es gibt aber auch einen Begriff von den Kapitalien, die dieser Mann mindestens so n\u00f6tig wie ein Nansen oder Amundsen braucht, um seine Entdeckungsfahrten nach den Polen der Filmkunst auszur\u00fcsten. Man mu\u00df Soupaults Besorgnisse teilen, da\u00df die gef\u00e4hrlichen finanziellen Anspr\u00fcche von Chaplins zweiter Frau im Verein mit dem Konkurrenzkampf, den die amerikanischen Trusts gegen ihn f\u00fchren, die Produktion des Mannes lahmlegen. Chaplin soll einen Napoleon- und einen Christus-Film planen. M\u00fcssen wir nicht bef\u00fcrchten, solche Projekte seien riesige Paravents, hinter denen der gro\u00dfe K\u00fcnstler seine M\u00fcdigkeit birgt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist gut und n\u00fctzlich, da\u00df im Augenblick, da das Alter sich zum erstenmal in Chaplins Z\u00fcgen abzeichnet, Soupault an die Jugend und den territorialen Ursprung seiner Kunst erinnert. Nat\u00fcrlich ist dieses Territorium die Gro\u00dfstadt, London. \u00bbAuf seinen endlosen G\u00e4ngen durch die Londoner Stra\u00dfen mit ihren schwarzen und roten H\u00e4usern lernte Chaplin beobachten. Er selbst hat erz\u00e4hlt, da\u00df der Gedanke, den Typ des Mannes mit der Melone, den Hack\u00adschritt\u00adchen, dem kleinen kurzgeschnittenen Schnurrbart und dem Bambus\u00adst\u00e4bchen in die Welt zu setzen, ihm zum erstenmal beim Anblick der kleinen Angestellten vom <i>Strand <\/i>kam. Ihm sprach aus dieser Haltung und Kleidung die Gesinnung des Mannes, der etwas auf sich h\u00e4lt. Aber auch die andern Typen, die ihn in seinen Filmen umgeben, stammen aus London: das junge, sch\u00fcchterne, gewinnende M\u00e4dchen, der vierschr\u00f6tige Flegel, der immer drauf und dran ist, mit den F\u00e4usten um sich zu schlagen, und wenn er sieht, da\u00df man vor ihm nicht Angst hat, Rei\u00dfaus zu nehmen, der anma\u00dfende Gentleman, den man am Zylinder erkennt.\u00ab An dieses Selbstzeugnis schlie\u00dft Soupault eine Parallele zwischen Chaplin und Dickens an, die man nachlesen und weiterverfolgen mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chaplin best\u00e4tigt mit seiner Kunst die alte Erkenntnis, da\u00df nur eine sozial, national und territorial aufs strengste bedingte Ausdruckswelt die gro\u00dfe unabgesetzte und doch h\u00f6chst differenzierte Resonanz von Volk zu Volk findet. In Ru\u00dfland weinten die Leute, als sie den P\u00e9lerin sahen, in Deutschland interessiert die theoretische Seite seiner Kom\u00f6dien, in England liebt man seinen Humor. Kein Wunder, da\u00df diese Unterschiede Chaplin selbst verwundern und faszinieren. Mit nichts gibt ja der Film so unverwechselbar zu erkennen, welche gewaltige Bedeutung er haben wird, als da\u00df niemand auf die Idee kam oder kommen k\u00f6nnte, dem Publikum eine h\u00f6here Instanz \u00fcberzuordnen. Chaplin hat sich in seinen Filmen an den zugleich internationalsten und revolution\u00e4rsten Affekt der Massen gewandt, das Gel\u00e4chter. \u00bbAllerdings\u00ab, sagt Soupault, \u00bbChaplin bringt nur zum Lachen. Aber abgesehen davon, da\u00df das das Schwerste ist, was es gibt, ist es auch im sozialen Sinne das Wichtigste.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Philippe Soupault, Charlie Chaplin. In: Europe. Revue mensuelle, Bd. 18, Paris 1928, S. 379-402.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der \u00bbZirkus\u00ab ist das erste Alterswerk der Filmkunst. Charlie ist \u00e4lter ge\u00adworden seit seinem letzten Film. Aber er spielt sich auch so. 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