{"id":87243,"date":"2010-09-07T00:01:25","date_gmt":"2010-09-06T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87243"},"modified":"2021-10-25T14:00:55","modified_gmt":"2021-10-25T12:00:55","slug":"eine-neue-gnostische-liebesdichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/07\/eine-neue-gnostische-liebesdichtung\/","title":{"rendered":"Eine neue gnostische Liebesdichtung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt B\u00fccher, die dem Leser Gewalt antun. Und das sind nicht die sogenannten Tendenzromane, die im ganzen doch nur an denen ihre Wirkung bew\u00e4hren, die ihnen zu willen sind. Dies neue Buch von Brust aber lie\u00df mich nicht los, trotzdem ich \u2013 und ich werde noch sagen warum \u2013 ihm ganz und gar nicht zu willen gewesen bin. Ja, es zu lesen hat mich mitgenommen, und doppelt, weil der starke gegr\u00fcndete Widerwille gegen die Welt, mit der der Autor hier wie schon fr\u00fcher sich einlie\u00df, durchkreuzt wird von der Bewunderung f\u00fcr die begnadete, episch schlichtende Hand, mit der er sie darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat in diesem Buch ein j\u00fcngstes Zeugnis des alten Ringens zwischen der christlichen und der germanischen Lebenserfahrung und Lebenslehre vor Augen. Ich wei\u00df, es gibt Menschen, die \u00fcberzeugt sind, da\u00df heute keiner aus Eigenem, Erlebtem und Durchlittenem zu solch altem, verd\u00e4mmernden Riesenkampf sich zu \u00e4u\u00dfern vermag. Aber dies Ringen, so alt es ist, ist ungeschlichtet geblieben, und wir wissen alle, aus welchen Kr\u00e4ften der bodenn\u00e4here \u2013 der es im Doppelsinn des Wortes ist: dem Unterliegen und der Muttererde N\u00e4here \u2013 der heidnisch-germanische Partner sich wieder zu regen beginnt. Die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts stehen im Zeichen der Technik. Gut! Aber das sagt nur denen etwas, die wissen, da\u00df sie auch im Zeichen der wiedererwachenden ritualen und kultischen Traditionen verlaufen. Man kann daher das dichterische Schrifttum von M\u00e4nnern wie Brust, das wissenschaftliche von M\u00e4nnern wie Klages trotz allem nicht als Atavismen abtun. So mu\u00df man denn, in der Erwartung auf ein Fundament dieser Dinge zu sto\u00dfen, in Kauf nehmen, was zu lesen einen nicht freut. \u00bbWir Germanen brauchen den sich ausbreitenden indischen Geist nicht. Wir haben eine gr\u00f6\u00dfere Vergangenheit &#8230; Die Weisheiten der Schw\u00e4che, wollen wir auch den schw\u00e4cheren Nationen \u00fcberlassen. Wir haben ja unsere Meister, die wahrlich reineres Wissen verbreiteten, als die schemenhaften Auslegungen jenes Mischmaschs eines rauch-, e\u00df- und fluchlustigen polnischen Mediums. Wir Germanen haben nach Israel die <i>gr\u00f6\u00dften <\/i>Propheten gehabt. Wir haben Paracelsus, Eckehart, Tauler, Seuse, die deutsche Theologie, wir haben den schlesischen Engel und den Schuster B\u00f6hme aus G\u00f6rlitz. Diese Deutschen haben die kommende germanische Religion in schneeiger Reinheit umrissen.\u00ab Gewi\u00df hat so etwas einen Nachhall wie aus verr\u00e4ucherten stuckverzierten Versammlungss\u00e4len. Seinen Ursprung aber, zum wenigsten seine s\u00e4uber\u00adlichste Verfassung, erf\u00e4hrt es auf dem Lande, am besten im bittersten Flach\u00adlande, wo die atmosph\u00e4rischen, topographischen Kr\u00e4fte seit Jahrhunderten ihre Richtung nicht wandelten. Und es kann keinen erstaunen, zu h\u00f6ren, da\u00df dieser Dichter in Heidekrug, einem einsamen Dorfe bei Memel, siedelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber kennt er diese Erde. Wo er nicht als gl\u00fcckloser K\u00fcnder germani\u00adscher Wolkenreiche, auf ihr gelagert, \u00bbda\u00df der Leib ein Pentagramm\u00ab beschreibt, sondern als Landmann, als Spazierg\u00e4nger, als G\u00e4rtner sie antritt, da gl\u00fcckt es ihm. Da kommt ihm der sch\u00f6ne, lebendige Einfall, diese Liebesgeschichte statt auf irgendeinem banalen Gutshof in die Einsamkeit einer gro\u00dfen Kultur von Heil- und Arzneipflanzen zu verlegen, die einzig in ganz Deutschland gedacht ist. Der Leser f\u00fchlt: wo immer er sich befindet \u2013 und zweifelhaft genug sind die geistigen Str\u00f6me, die \u00fcber diesem Boden kreisen \u2013 dieser Boden selber bl\u00fcht wunderbar unter der beschreibenden Hand. Die unendliche Peinlichkeit aller Heimatkunst ist diesem Buche und seinem Dichter fern. Was aus ihm wird, wenn er sich seinen leicht verschleierten Blicken statt dem ekstatisch aufgerissenen Auge \u00fcberl\u00e4\u00dft, das sagt am sch\u00f6nsten ein Kapitelschlu\u00df, der seinen Helden auf einem Waldweg mit einmal, grundlos, unerkl\u00e4rlich woher, auf einen Gnomen geraten l\u00e4\u00dft. Von diesen erstaunlichen drei\u00dfig Zeilen m\u00f6gen die letzten hier folgen: \u00bbUnd das b\u00f6se M\u00e4nnchen lief hinweg. Aber es lief behutsam und im Zickzack und in langen Bogen, als verfolge es einen vorgezeichneten Weg und als sei rechts und links von diesem unsichtbaren Wege alles undurchdringlich f\u00fcr den kleinen Geist verbaut.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hilft es? das Buch bliebe sich selber nicht treu, n\u00e4hme es nicht an seinem Teil alle zerrei\u00dfenden Spannungen auf, welche die eigentlich christliche Erscheinung der Natur sind. Sie gruppieren sich um die Forderung der Reinheit. Das geschieht nun aber durchaus nicht im kirchlichen, orthodoxen Verst\u00e4nde. Da\u00df vielmehr jeder akute Zusammensto\u00df der christlichen Welt mit der Welt der V\u00f6lker, der Heiden, im heftigen Aufflammen gnostischer Spekulationen sich kundtut, daf\u00fcr ist dieses Autors bisheriges Werk ein neuer Beweis. Und insofern r\u00fcckt es nahe genug an das Lebenswerk desjenigen Mannes, der in der unvergleichlich umfassendsten, g\u00fcltigsten und entschiedendsten Form diesen Geisterkampf durchlitt und bestand \u2013 das Werk eines in Deutschland noch immer fast Unbekannten, Brusts und meines gemeinsamen Freundes Florens Christian Rang. Dessen Gedankenwelt spricht mich an, wenn in dieser Novelle das Wort vom \u00bbSich-freis\u00fcndigen\u00ab mir begegnet und in eben diesem Wort der entscheidende Einspruch, der gegen die halbheidnischen Begriffe von \u00bbReinheit\u00ab, die hier regieren, laut werden mu\u00df. Echt religi\u00f6ses Anliegen ist von jeher, viel mehr als Reinheit bewahren, sie wiedergewinnen. Und die Forderung ihrer Bewahrung ohne die Aussicht, wie die verlorene sich zu erneuern verm\u00f6ge, f\u00fchrt ebenso tief in ein zweideutiges Sektiererwesen, wie jener ungeheuerliche widermoralische Vorgang der \u00bbPr\u00fcfung\u00ab, in dem Brust die Feuer- und Wasserprobe seiner Liebesleute erblickt. Es hat n\u00e4mlich der Mann sich dort zu \u00fcberwinden, die Braut dem Propheten \u2013 und auf dessen Gehei\u00df \u2013 nackend zu senden, und die Braut dem Gehei\u00df des Geliebten zu folgen. Hier g\u00e4hnt der Abgrund blutiger Barbarei, in welchem Schemen aller christlichen Walpurgisn\u00e4chte durcheinander geistern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spielarten apokrypher gnostischer Lehren durchziehen die ganze Erz\u00e4hlung. Hier deutet einer durch ein Schweigen an, Christus, der gro\u00dfe Liebende, sei wohl zu schwach gewesen, \u00bbdie Last der S\u00fcnde aller Suchenden kommender Gezeiten auf sich zu nehmen, wie es die Kirchen durch sein Wort verk\u00fcnden\u00ab. An anderer Stelle wieder hei\u00dft es im Tischgebet: \u00bbDer Gott ist gn\u00e4dig. Seine G\u00fcte ist ewig. Alles danken wir ihm!\u00ab Oder es tauchen alte Sagen auf, Maria sei das Weib Jesu gewesen. Irren wir? sind hier nicht wirklich uralte beklemmende Kr\u00e4fte am Werke, denen verwandt, die im ersten christlichen Zeitraum den gnostischen Doketismus entstehen lie\u00dfen: die Lehre, Gottes Sohn habe zwar auf Erden gewirkt und gewandelt, als aber das vollbracht war und er ans Kreuz geschlagen werden sollte, da habe der Vater einen Scheinleib das Martyrium erdulden lassen, w\u00e4hrend der echte in die Glorie entr\u00fcckt ward. Das ist gewi\u00df zun\u00e4chst nicht mehr als eine theologische Spekulation. Wer aber wei\u00df, ob nicht die \u00fcberschwengliche Verbindung der h\u00f6chsten Majest\u00e4t und tiefsten Leidens, also das Bild des Kruzifixus, von jeher einen Stich ins Unwirkliche, Schein-Heilige hatte? So etwas haftet der gegorenen Nacktheit bayerischer Glasbilder, auch der Heiligengestalt dieses Buches an, mit ihrem nur augenscheinlich so keuschen Namen \u00bbDer Innige\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk nimmt die Mitte zwischen Traktat und Erz\u00e4hlung. Damit tritt es romantischen Formen der Novelle sehr nahe, und ist etwas wie ein heidenchristliches Gegenst\u00fcck zur \u00bbLucinde\u00ab geworden. Geschichten, Reflexionen, eingestreute Gedichte durchziehen eine Liebeshandlung, die in einzelnen Stellen \u2013 vor allem dem gemeinsamen Bade der Liebenden \u2013 den unvergleichlichsten Episoden des Schlegelschen Buches zur Seite zu r\u00fccken ist. Und wenn das meiste von dem, was hier \u00fcber Liebe gesagt ist, die Erstlinge seiner Wahrheit und Einsicht den drohenden M\u00e4chten zum Opfer bringt, so ist, was dem profanen Denken bleibt, um so heller und besser. Soviel vom Gef\u00fcge. Der Umri\u00df aber, die Fabel hat eine straffere, strengere Gestalt, die der verschlossenen Entschiedenheit des Autors, aber auch allem Verbogenen und Starren seines Werkes entspricht. Ein Testament, das zwei Erben bedenkt, g\u00fcltig nur unter der Voraussetzung ihrer gegenseitigen Heirat; ein fremder Wanderer von irgendwoher und irgendwohin; ein geheimnisvoller Brief und zum Schlu\u00df entdeckte Vaterschaft an einem unehelichen Kinde: die Str\u00f6me der Kolportage und der Gnosis begegnen einander. Kurzschlu\u00df der Traditionen gewi\u00df. Aber der Funke, der hier herausspringt, ist echt, nur kann er weder erhellen noch z\u00fcnden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jutt und Jula<\/strong>. Geschichte einer jungen Liebe, von Alfred Brust. Berlin-Grunewald: Horen-Verlag 1928. 168 S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es gibt B\u00fccher, die dem Leser Gewalt antun. Und das sind nicht die sogenannten Tendenzromane, die im ganzen doch nur an denen ihre Wirkung bew\u00e4hren, die ihnen zu willen sind. 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