{"id":87233,"date":"2005-07-16T00:01:19","date_gmt":"2005-07-15T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87233"},"modified":"2021-07-04T14:16:16","modified_gmt":"2021-07-04T12:16:16","slug":"portraet-eines-barockpoeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/07\/16\/portraet-eines-barockpoeten\/","title":{"rendered":"Portr\u00e4t eines Barockpoeten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ganzen Gebiet der Literarhistorie ist kaum etwas ausfindig zu machen, was undankbarer w\u00e4re, als ein Portr\u00e4t \u2013 ein Lebens- und ein Geistesbild \u2013 der deutschen Barockpoeten einem heutigen Leser vorzustellen. Dieser Aufgabe hat sich Gundolf, nach seinen letzten Ver\u00f6ffentlichungen zu schlie\u00dfen, annehmen wollen. Die Schwierigkeiten liegen hier schon in der Methode. Von dem in dieser Form M\u00f6glichen, Gebotenen und Erlaubten sind die Vorstellungen nur schattenhaft; bis in die Ausgeburt, den literar\u00adhistorischen Roman, gibt es keine Entartung, die sie nicht schon an sich erfahren h\u00e4tte. Aber da\u00df und wie diese Fragen von Gundolf in fr\u00fcheren Schriften gel\u00f6st wurden, wei\u00df man. Und auch wer diese L\u00f6sung anficht, von Virtus und Fortuna, Kairos und Tyche in diesen Zusammenh\u00e4ngen nichts wissen will, wird ihm die Methode vorgeben m\u00fcssen und bei Schriften wie dem \u00bbGryphius\u00ab<sup>1)<\/sup> vor allem auf den baren Gewinn an sachlicher Einsicht in Gestalt und Schaffen des Dichters achten. Diese Einsicht trifft auf Widerst\u00e4nde, die jenseits des methodisch Kontroversen liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dichterfigur des deutschen Barocks als Typus ist allen den kanoni\u00adschen Gestalten \u2013 olympischen G\u00f6tters\u00f6hnen wie romantischen Traum\u00adwandlern \u2013, die sich das vorige Jahrhundert vom Dichter gemacht hat, gleich fremd. Wer heutzutag im Gryphius bl\u00e4ttern will, mu\u00df eine gl\u00fcckliche Hand haben oder tut besser, zu einer jener Anthologien zu greifen, mit denen der Teufel B\u00fcchern, die ihre Seele an ihn verkauft haben, junge, unschuldige Leser in Haufen zuf\u00fchrt. (Dieser Barockanthologien schreibende Teufel \u2013 diab. erud. comm. \u2013 nennt sich, je nach Umst\u00e4nden, Klabund oder Unus.) Und wenn die B\u00fccher dem Neuling verschlossen bleiben, so hat das Schicksal dieser Dichter ihm nicht mehr zu sagen. Opitz, Lohenstein, Gryphius sind B\u00fcrokraten, hohe Beamte im Dienste des schlesischen Adels oder der schlesischen St\u00e4dte gewesen, und ihre Lebenslinie fasziniert bei aller Willk\u00fcr ebenso wenig wie die Silhouette der reichen Amtstracht, in der das Frontispiz ihrer B\u00fccher sie darstellt. Besch\u00e4ftigung mit deren Formenwelt, das ist der einzige Zugang zu dieser Dichtung. Und damit hat es seine eigene Bewandtnis. Denn diese Form wirkt um so spr\u00f6der und grandioser, je besser dem Betrachtenden gelingt, sie lediglich als solche, in ihrem Umri\u00df, unangesehen der Gestalt, die sie im Einzelwerke annimmt, ins Auge zu fassen. Das hei\u00dft aber im Grunde nichts anderes, als man begreift sie nur aus der Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Formen der barocken Dichtung Deutschlands, welche im Trauerspiel, das alle anderen umfa\u00dft, den Gipfel haben, sind vor allem Formen des <i>Ausdruckes<\/i>, dann erst (und in gewissem Sinne sogar nie) der Kunst. Mag diese Dichtung in der Formensprache wie immer dunkel und sinnlos scheinen, das Studium ihrer Sprachform erhellt sie. Aber was hilft es, hier zu insistieren? Gundolfs Gedankeng\u00e4nge und die Wege der Barockforschung sind durchaus divergierende Linien, bilden noch nicht einmal den rechten Winkel der Negation, der in seinem Kleistbuch so sehr frappierte. Von der Formenwelt Gryphiusscher Dichtung, der der Trauerspiele zumal, ist dem Verfasser nichts aufgegangen. \u00bbGryphius&#8216; Dramen\u00ab, so meint er, \u00bbunterscheiden sich von seiner Lyrik grunds\u00e4tzlich nur durch den Umfang.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich nicht radikaler vergreifen. Der K\u00f6nig, der Intrigant, das Martyrium, der Schauplatz, die Apotheose sind ebensoviel sachliche Kristallisationszentren. Genauer, sie bilden das Ger\u00fcst des M\u00e4rtyrerdramas. \u00bbK\u00f6rperliches Leiden als solches\u00ab, wirft Gundolf ein, \u00bbist nicht tragisch\u00ab. So hat einst Lessing diesem Drama den Proze\u00df gemacht. Nichts hoffnungsloser als die magistrale Haltung, magisterhaft ihm nachtun zu wollen. Lessings Recht \u2013 des Polemikers, der mit lebendigen Kr\u00e4ften im Streit lag \u2013 kann nicht das Recht des Historikers sein und kann dem neueren Denker nicht ersparen, den Dingen sachlich auf den Grund zu gehen. Davon ist Gundolf hier weit entfernt. Hegels gro\u00dfe Entdeckung: der Geist sei im historischen Verlaufe niemals, was er sich glaubt, diese magna charta der wahren Geschichtschreibung ist ihm so fremd, da\u00df er genau im Sinn der \u00fcberkommenen W\u00e4lzer das Drama der Epoche aus ihrer Dramaturgie erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Befreiend wirkt einzig seine Behandlung des Gryphiusschen Lustspiels. Hier wird der professoralen Stupidit\u00e4t, die im \u00bbHorribilicribrifax\u00ab den Vorl\u00e4ufer einer deutschen Kom\u00f6die erblickt, der \u00fcberf\u00e4llige Bescheid erteilt. Im \u00fcbrigen bleibt alles beim alten. Und darum hat es nicht viel zu hei\u00dfen, wenn der Verfasser im Vorwort den \u00bbmodischen Taumel, der die erw\u00fcnschte Neuerforschung der deutschen Barockpoesie begleitet\u00ab, Snobismus schilt und seine eigene Untersuchung nach Ma\u00dfgabe der ewigen Normen und Werte zu f\u00fchren verspricht. Mu\u00df gerade ihm entgegengehalten werden, da\u00df Normen nur gestaltet, in Bildern leben? Und was hat ihn bewogen, an Gryphius zu r\u00fchren, wenn er sie nicht in seinem Trauerspiel erkannt hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Gundolf, Andreas Gryphius, Heidelberg: Wei\u00df&#8217;sche Universit\u00e4tsbuch\u00adhandlung 1927.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a> KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im ganzen Gebiet der Literarhistorie ist kaum etwas ausfindig zu machen, was undankbarer w\u00e4re, als ein Portr\u00e4t \u2013 ein Lebens- und ein Geistesbild \u2013 der deutschen Barockpoeten einem heutigen Leser vorzustellen. Dieser Aufgabe hat sich Gundolf, nach seinen letzten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/07\/16\/portraet-eines-barockpoeten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3032,3033],"class_list":["post-87233","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andreas-gryphius","tag-benja"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87233"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87233\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}