{"id":87229,"date":"2010-01-13T00:01:53","date_gmt":"2010-01-12T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87229"},"modified":"2021-10-25T06:56:04","modified_gmt":"2021-10-25T04:56:04","slug":"heimliches-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/13\/heimliches-berlin\/","title":{"rendered":"Heimliches Berlin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kleinen Treppen, die s\u00e4ulengetragenen Vorhallen, die Friese und Architrave der Tiergartenvillen sind in diesem Buche beim Wort genommen. Der \u00bbalte\u00ab Westen wurde der antike, aus dem die westlichen Winde den Schiffern kommen, die ihren Kahn mit den \u00c4pfeln der Hesperiden langsam den Landwehrkanal herauffl\u00f6\u00dfen, um bei der Br\u00fccke des Herakles anzulegen. So unverwechselbar hebt dies Quartier sich aus dem H\u00e4usermeer der Stadt heraus, als h\u00fcteten seinen Zugang Schwellen und Tore. Sein Dichter ist ein Schwellenkundiger in jedem Sinn \u2013 es sei denn dem fragw\u00fcrdigen der experi\u00admentellen Psychologie, die er nicht liebt. Die Schwellen aber, die Situationen, Stunden, Minuten und Worte voneinander trennen und abheben, f\u00fchlt er eindringlicher unter den Sohlen als irgendeiner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und eben, weil er auch die Stadt so f\u00fchlt, erwarte man von ihr nicht Beschreibungen oder Stimmungsgem\u00e4lde bei ihm zu finden. \u00bbHeimlich\u00ab an diesem Berlin ist kein windiges Wispern, kein leidiges Liebeln, einzig dies strenge und antike Bild-Sein einer Stadt, einer Stra\u00dfe, eines Hauses, ja einer Stube, die als cella das Ma\u00df des Geschehens in diesem Buche wie das von Tanzfiguren in sich fa\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Architektur, die den Namen verdient, l\u00e4\u00dft ihr Bestes nicht blo\u00dfen Blicken sondern dem Raumsinn zugute kommen. So \u00fcbt auch jener schmale Uferstreifen zwischen Landwehrkanal und Tiergartenstra\u00dfe seine Kraft an den Menschen auf sanfte, geleitende Art: hermetisch und hodegetrisch. In Dialogen schreiten sie hin und wieder die steinerne B\u00f6schung ab. Und wie in den vierzehn erdachten Gestalten seiner \u00bbSieben Dialoge\u00ab<sup>1)<\/sup> der Autor das R\u00f6merherz zum Schlagen, die griechische Zunge zum Reden bewegte, so auch in diesen gebrechlichen Kindern der Welt. Es sind nicht Griechen oder R\u00f6mer in modernen Kost\u00fcmen, noch weniger Zeitgenossen in humanistischen Karnevalstrachten, sondern dies Buch steht technisch der Photomontage nahe: Hausfrauen, K\u00fcnstler, mondaine Damen, Kaufherren, Gelehrte sind von den schattenhaften Umrissen platonischer und menandrischer Maskentr\u00e4ger scharf \u00fcberschnitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn dieses heimliche Berlin ist die B\u00fchne eines alexandrinischen Singspiels. Vom Griechendrama hat es die Einheit des Orts und der Zeit: in vierundzwanzig Stunden sch\u00fcrzt und l\u00f6st sich die Liebesverwirrung. Von der Philosophie die aufgehobene, die gro\u00dfe griechische Fragemoral, die vordem, in ihrer klassischen Formung, der Geschichte von der Matrone zu Ephesos, der Dichter in einem Versst\u00fcck <sup>2)<\/sup> behandelt hat. Von der Griechensprache seine musikalische Instrumentierung. Es gibt heute keinen Autor, der der deutsch-griechischen Neigung zur Wortverbindung verst\u00e4ndnisvoller und freier entgegenk\u00e4me als dieser. In seinem Munde werden die Worte Magne\u00adten, die andere Worte unwiderstehlich anziehen. Seine Prosa ist von solchen magnetischen Ketten durchsetzt. Er wei\u00df, eine Sch\u00f6nheit kann \u00bbnordblond\u00ab, eine Kassiererin \u00bbSitzg\u00f6ttin\u00ab, eine Friseurwitwe \u00bbkuchensch\u00f6n\u00ab, ein fader Tugendbold ein \u00bbTunichtb\u00f6s\u00ab und der Zwerg ein \u00bbGerneklein\u00ab sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf andere Weise aber sind auch die niemals zweisamen, immer und immer freundges\u00e4umten Liebespaare, die diesen Roman durchziehen, nur eben Glieder einer wohlgef\u00fcgten magnetischen Kette. Und ob wir nun an die Geschichte vom \u00bbSchwan kleb an\u00ab oder ans Rattenf\u00e4ngerlied erinnern \u2013 Clemens Kestner hei\u00dft hier der Rattenf\u00e4nger \u2013 es bleibt dabei, da\u00df diese Prozession junger Berliner Menschen, so wenig musterhaft der Einzelne, so wenig beneidenswert sein Lebensweg sei, den Leser auf der schmalen Uferstra\u00dfe hinter sich drein zieht, vorbei an der \u00bbUferlandschaft mit der geschwungenen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, den gabeligen Kastanien\u00e4sten und den drei Trauerweiden\u00ab, die \u00bbetwas Fern\u00f6stliches behalten, wie es in manchen Augenblicken einige der kleinen m\u00e4rkischen Seen haben\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher stammt dem Erz\u00e4hler die Gabe, das winzige Revier seiner Geschichte so r\u00e4tselhaft mit allen Perspektiven der Ferne und der Vergangenheit auszuweiten? In einer Generation von Dichtern, deren kaum einer von der Erscheinung Stefan Georges unber\u00fchrt geblieben ist, hat Hessel Jahre, die anderen \u00fcber der Verbreitung von Dogmen, \u00fcber einem schon wankenden Bau der Erziehung vergingen, mythologischen Studien, Homer und dem \u00dcbersetzen zugut kommen lassen. Wer seine B\u00fccher zu lesen versteht, f\u00fchlt, wie sie alle zwischen den Mauern alternder Gro\u00dfst\u00e4dte, den Ruinen des vorigen Jahrhunderts, die Antike beschw\u00f6ren. Doch wenn er so mit weitgespanntem Bogen seine Lebens- und Schaffenskreise durch Griechenland, Paris, Italien schl\u00e4gt, die Mitte dieses Zirkels hat immer in seiner Stube am Tiergarten aufgeruht, die seine Freunde selten ohne ein Wissen von der Gefahr betreten, in Helden verwandelt zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>1)\u00a0<\/sup>Franz Hessel, Sieben Dialoge. Mit sieben Radierungen von Ren\u00e9e Sintenis, Berlin 1924.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>2)\u00a0<\/sup>Franz Hessel, Die Witwe von Ephesos. Dramatisches Gedicht in 2 Szenen, Berlin 1925.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die kleinen Treppen, die s\u00e4ulengetragenen Vorhallen, die Friese und Architrave der Tiergartenvillen sind in diesem Buche beim Wort genommen. 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