{"id":87222,"date":"2010-02-03T00:01:25","date_gmt":"2010-02-02T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87222"},"modified":"2021-10-25T07:02:58","modified_gmt":"2021-10-25T05:02:58","slug":"drei-franzosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/03\/drei-franzosen\/","title":{"rendered":"Drei Franzosen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Proust, Gide und Val\u00e9ry, das ist, wenn man so will, das gleichseitige Dreieck der neuen franz\u00f6sischen Literatur und Souday hat mit seiner kriti\u00adschen Feder den umgeschriebenen Kreis darum geschlagen. Es wurde also eine fast kanonische Figur. Und dazu pa\u00dft, da\u00df ihre Linien auf dem gro\u00dfen Papier verlaufen, das mit dem Namen \u00bbTemps\u00ab gestempelt ist. Souday ist literarischer Chronist des Blattes. Das sichert dieser Sammlung von Referaten vorab den dokumentarischen Wert. Das lockere Hin und Wieder seiner Reflexionen, die mit jedem Buche von neuem einsetzen, hat alle Chancen, die besondere Atmosph\u00e4re, die beim Erscheinen um die 40 B\u00e4nde war, die hier behandelt sind, den heutigen Lesern f\u00fchlbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist am interessantesten im Falle Proust. Souday war 1913 einer der wenigen, die in dem ersten Werk der gro\u00dfen Folge \u2013 \u00bbDu cot\u00e9 de chez Swann\u00ab \u2013 etwas anderes sahen als ein verdrie\u00dfliches Geflecht nichts\u00adsagen\u00adder Notizen und krankhafter Gr\u00fcbeleien. Nichts schwieriger f\u00fcr einen Rezen\u00adsenten als dieses Werk, ich sage nicht, zu lesen, zu erfassen, sondern dem Publikum vorzustellen. Ehe der Krieg mit einem Schlage allen, indem er sie hart vor ihr Lebensende stellte, das eigene Dasein in der scharf verk\u00fcrzten Perspektive zeigte, die Proust als Kranker auf sein Schicksal hatte, ehe der Krieg f\u00fcr ihn ein Publikum formierte, hat dieser Kritiker es verstanden, den Charme, die Distinktion des verwirrenden Buches ins Licht zu setzen. Die Masse seiner Kollegen brauchte sechs Jahre, ihm auf den vorgeschobenen Posten zu folgen. Dann f\u00e4llt im Jahre 1919 der Goncourtpreis an den Dichter und von da ab verwandelt die Kritik seines Werks sich mehr und mehr in Geschichtschreibung seines Ruhms. Weil aber eine \u00bbGenesis des Ruhmes\u00ab trotz Julian Hirschs vorz\u00fcglicher Studie noch immer zu schreiben bleibt, ist das, was hier auf sehr verschiedene Art an den drei Dichtern sich darstellt, so fesselnd. Andererseits darf man es gerade darum bedauern, da\u00df der Verfasser den journalistischen Ursprung seiner Notizen in etwas verwischte. Man vermi\u00dft das bei solchen Sammlungen \u00fcbliche Vorwort und das Erscheinungsdatum der einzelnen Rezensionen. Wie dem nun sei: in kleinsten W\u00f6lkchen \u00fcberm intellektuellen Horizont der Zeit hat dieses Auge die Staublawine eines nahenden Ruhmes erkannt. Ob es dann sp\u00e4ter auch in jedem Falle sie durchdrang und genau begriff, was dahinter vorging, ist eine zweite und komplexere Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einiges, was hier \u00fcber Gide zu lesen steht, k\u00f6nnte deren Beantwortung zweifelhaft machen. Auch diesem Autor gegen\u00fcber ist Souday, als die Erstlingswerke in den neunziger Jahren erschienen, erstaunlich schnell im Bilde gewesen. Aber damit war f\u00fcr die Folge noch nichts gesichert. Proust mag sehr vielen Lesern verschlossen bleiben. Doch wem er sich er\u00f6ffnet (jeder Satz kann Torspalt dieses Sesams werden), der ist in seinem Bannkreise ein f\u00fcr allemal zu Hause. Nichts dergleichen bei Gide. Hier haben Bann und Zauber nichts zu schaffen. Denn er geh\u00f6rt zu jener schrecklichen Rasse von Dichtern, welche im Publikum nicht die Menschheit, den Gott, das Weib sehen, sondern die Bestie. Gide \u2013 darin Oskar Wilde verwandt \u2013 ist dompteur \u00e8s lettres. Ein in Freiheit dressiertes Publikum ist sein Traum. Und man vernahm in ganz Paris das Grollen, mit dem es letzthin einige Nummern verdarb, in denen es sein B\u00e4ndiger zu zeigen gedachte. An diesen neuen Unbotm\u00e4\u00dfigkeiten ist Souday nicht ganz schuldlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er w\u00e4re nicht der Referent des \u00bbTemps\u00ab, nicht der gebildete, geistvolle Repr\u00e4sentant einer b\u00fcrgerlich gefestigten Mitte, wenn er gegen die \u00bbFaux Monnayeurs\u00ab, den \u00bbCorydon\u00ab und die sch\u00f6ne Autobiographie von Gide, die unterm Titel \u00bbSi le grain ne meurt\u00ab erschienen ist, nicht die Rechte des \u00bbgesunden\u00ab Instinkts mit einiger R\u00fccksichtslosigkeit in Schutz n\u00e4hme. So eigenwillig n\u00e4mlich dieser Publizist seine besonderen Maximen und Launen herausstellt, im Grunde ist er an den besten Traditionen des franz\u00f6sischen B\u00fcrgers geschult. Hugo ist sein Gott, der Klerus sein rotes Tuch und die Demokratie sein Glaubensbekenntnis. Ein durch und durch humanistischer Rationalismus macht ihn denn wie von selber zu einem der interessantesten unter den vielen, nicht immer willkommenen Interpreten von Val\u00e9ry. Man kennt diesen Dichter und Philosophen als den bedeutendsten unter den Gegnern der surrealistischen, tiefenpsychologischen, psychoanalytischen Str\u00f6mungen, der Kulte des Unbewu\u00dften und der Inspiration. Das hat nicht hindern k\u00f6nnen, da\u00df mit dem Augenblick seines Ruhms, als die Konturen dieser erstaunlichen Existenz mit dem Ma\u00df seiner \u00f6ffentlichen Beachtung an Sicherheit einb\u00fc\u00dften, ein sch\u00f6ngeistiger Abb\u00e9 sich einiger seiner besten Gedanken bem\u00e4chtigte und eine bl\u00e4\u00dfliche, nichtssagende Er\u00f6rterung \u00fcber die Verwandtschaft der po\u00e9sie pure mit dem Gebet monatelang in Revuen sich breit machte. In der Auseinandersetzung mit dergleichen Spielereien, denen Val\u00e9ry (nicht zu seiner Ehre) sich leiht, findet man diesen Mann in seinem eigensten Element: der Polemik. Und wenn er damit dem Durchschnittstypus des franz\u00f6sischen Kritikers fernr\u00fcckt, so wird er deutschen Lesern gerade darin um so leichter eingehen. F\u00fcr sie sind diese drei B\u00e4ndchen der angenehmste Abri\u00df der neusten franz\u00f6sischen Literaturk\u00e4mpfe, den sie sich w\u00fcnschen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Souday, Marcel Proust. \u00bbLes Documentaires\u00ab. Paris: Simon Kra (1927). 107 S. \u2013 Paul Souday, Andr\u00e9 Gide. \u00bbLes Documentaires\u00ab. Paris: Simon Kra (1927). 126 S. \u2013 Paul Souday, Paul Val\u00e9ry. \u00bbLes Documentaires\u00ab. Paris: Simon Kra (1927). 145 S.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Proust, Gide und Val\u00e9ry, das ist, wenn man so will, das gleichseitige Dreieck der neuen franz\u00f6sischen Literatur und Souday hat mit seiner kriti\u00adschen Feder den umgeschriebenen Kreis darum geschlagen. Es wurde also eine fast kanonische Figur. 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