{"id":87208,"date":"2010-01-17T00:01:42","date_gmt":"2010-01-16T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87208"},"modified":"2021-10-25T06:09:56","modified_gmt":"2021-10-25T04:09:56","slug":"der-kaufmann-im-dichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/17\/der-kaufmann-im-dichter\/","title":{"rendered":"Der Kaufmann im Dichter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><sup>\u00a0<\/sup>Jeder Autor hat seine eigne Weise, seine Waare an den Mann zu bringen; \u2013 Ich meines Theils, mag vor den Tod nicht gerne in einem dunkeln Laden stehn und um ein Paar Dukaten mehr oder weniger dr\u00fccken und dingen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Sterne, Tristram Shandy, I, 9<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Dichter als Produzierenden unter die \u00bbProduzenten\u00ab, die \u00bbschaffen\u00adden St\u00e4nde\u00ab einzubegreifen, ist schlecht und recht ang\u00e4ngig. Nur mu\u00df man freilich davon absehen, wieviel Mesquinerie und Frechheit unter dem Bilde des \u00bbgeistigen Arbeiters\u00ab (wie Feuerwanzen unter einem Stein) sich verkriechen. Da\u00df aber Dichter als Kaufleute dargestellt werden, ist neu, alles andere als Floskel und eine Wendung, unter der soeben in Paris \u2013 dieser einzigen Schule der guten Lebensart in der Kritik \u2013 eine elegante, treffende Variation der \u00fcblichen \u00bbCharakteristik\u00ab von Dichtern versucht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat nicht der Dichter wirklich vom Kaufmann mehr als man wahr haben will \u2013 mehr als bisweilen vom Produzenten? Ohne Zweifel gibt es deren genug, die da als gro\u00dfer oder kleiner H\u00e4ndler uralte, edle Stoffe oder modische neue unter die Leute bringen und noch dazu den ganzen Apparat des Kaufmanns, das werbende Vorwort und die Schaufensterdekoration der Kapitelchen, das servile \u00bbIch\u00ab hinterm Ladentisch und die Kalkulationen der Spannung, die Sonntagsruhe hinter jedem sechsten Einfall und das kassierende Inhaltsverzeichnis beanspruchen. Die Schriftsteller aber haben bei solcher Betrachtung mehr zu gewinnen als von einer Mystik der Produktion, die meistens dem Budiker entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles steht nicht in dem Buch, von dem es gilt. Denn dieses hat den Vorzug, keinen Text zu besitzen. \u00bbProchainement ouverture &#8230; de 62 boutiques litt\u00e9raires pr\u00e9sent\u00e9es par Pierre Mac Orlan<\/p>\n<table class=\"NOBORDER\" border=\"0\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>\n<p class=\"c\">Henri Guilac<\/p>\n<p class=\"c\">Architecte<\/p>\n<\/td>\n<td><\/td>\n<td>\n<p class=\"c\">Simon Kra<\/p>\n<p class=\"c\">Entrepreneur<\/p>\n<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"ni\" style=\"text-align: justify;\">\u2013 dies alles auf eine gr\u00fcne Bretterwand, die der Buchdeckel darstellt, gepinselt, besagt zu deutsch: Henri Guilac hat dieses Buch gezeichnet, Pierre Mac Orlan es eingeleitet und Simon Kra es verlegt.<sup>1)<\/sup> Die Bildseiten aber stellen 62 franz\u00f6sische Dichter vor ihren imagin\u00e4ren Kaufladen dar. Hier w\u00fcrde nun jeder Deutsche eine fulminante Satire erwarten. Ihn zu entt\u00e4u\u00adschen ist an diesem Buch das Pariserische. Denn diese Bl\u00e4tter, durchweg mit der Hand, sehr sauber und sehr leuchtend koloriert, haben eine candeur, eine Gutherzigkeit, die sie beinah f\u00fcr alle 62, die davon betroffen werden, zu einem reinen Vergn\u00fcgen machen mu\u00df. Sie stehen in Erwartung ihrer Kunden vor der T\u00fcr, sehen durchs Ladenfenster oder beugen sich \u00fcber die Theke. Wie einleuchtend aber, da\u00df niemand erscheint! Und dies schon in Frankreich! Wie ausgestorben m\u00fc\u00dften nicht bei uns solche L\u00e4den aussehen! Kunden zu malen, ging auch nicht wohl an: oder h\u00e4tte man jedes Tausend der Auflageziffer durch ein M\u00e4nnchen, das einkauft, darstellen sollen? Wie dem auch sei, die Stra\u00dfe ist leer. Gide hat mit seinem Jugendwerk, den \u00bbNourritures Terrestres\u00ab, sich eine Delikate\u00dfwarenhandlung eingerichtet, die Weine aus den \u00bbCaves du Vatican\u00ab zum Verkauf h\u00e4lt. Paul Morand steht als Schlepper in der T\u00fcr eines zweideutigen Etablissements, dessen rote Laterne \u00bbOuvert la Nuit\u00ab (\u00bbNachtbetrieb\u00ab) anzeigt. \u00bbF. Carco\u00ab \u2013 Spezialist in Apachenromanen \u2013 liest man auf einer gr\u00fcnen Marquise, in deren d\u00fcrftigem Schutze \u00bbRien qu&#8217;une femme\u00ab ihre Br\u00fcste am Fenster zeigt. So reiht sich Haus an Haus in dieser literarischen Schlaraffenstadt: Kofferhandlung (Colette), Parf\u00fcmerie, Wechselstube, B\u00e4ckerei, Gartenwirtschaft (Eugene Montfort) und Reisebureau (Charles Vildrac). Am Ende r\u00fcckt man in die banlieue hinaus, wo eine ganze Buden-Foire, ein Jahrmarkt mit Lottozelt, anatomischem Kabinett, einem Quacksalberstand, einer Wutbude (mit dem schm\u00e4chtigen Jean Cocteau als Inhaber), ein Stand mit alten B\u00fcchern \u00bbLes livres du Temps\u00ab sich findet, vor denen Paul Souday, der Literaturkritiker des \u00bbTemps\u00ab placiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man h\u00f6rt von einem alten, aufgegebenen Plan, literarische Marktschreier\u00adbuden in dieser Art wirklich zu bauen und den Dichter selber in ihnen aufzupflanzen. Mit Mac Orlan bedauert man, da\u00df so etwas bei der Exposition des Arts et M\u00e9tiers nicht zustande gekommen ist. Denn sicher hat die Vorrede recht, in der er die Schriftsteller darauf hinweist, sie k\u00f6nnten sich keinen Begriff davon machen, in welchem Grade, was sie tun, dem Volk belanglos scheint, und da\u00df sie eines Tages daf\u00fcr w\u00fcrden zahlen m\u00fcssen. Solche ingeni\u00f6se Spielerei mit Literaturdingen k\u00f6nnte dem abhelfen, wenn sie bei allem Charme nicht sehr privat und sehr vereinzelt bliebe. So mu\u00df man sich denn ganz im stillen an ihr freuen, weil die Schwalbe, die keinen Sommer macht, das Haustier unseres Zeitalters ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prochainement ouverture<\/strong> &#8230; de 62 boutiques litt\u00e9raires, von Henri Guilac und Pierre Mac Orlan. Paris: Simon Kra (1925)<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Jeder Autor hat seine eigne Weise, seine Waare an den Mann zu bringen; \u2013 Ich meines Theils, mag vor den Tod nicht gerne in einem dunkeln Laden stehn und um ein Paar Dukaten mehr oder weniger dr\u00fccken und dingen. Sterne,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/17\/der-kaufmann-im-dichter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-87208","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87208"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87208\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}