{"id":87202,"date":"2010-07-11T00:01:51","date_gmt":"2010-07-10T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87202"},"modified":"2021-10-25T11:27:58","modified_gmt":"2021-10-25T09:27:58","slug":"eine-chronik-der-deutschen-arbeitslosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/11\/eine-chronik-der-deutschen-arbeitslosen\/","title":{"rendered":"Eine Chronik der deutschen Arbeitslosen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Versuchen der Schriftsteller, \u00fcber das Dasein und die Lebensbedingungen der Proletarier zu berichten, haben Vorurteile im Wege gestanden, die nicht an einem Tage zu \u00fcberwinden gewesen sind. Eines der nachhaltigsten sah im Proletarier den \u00bbeinfachen Mann aus dem Volke\u00ab, der im Gegensatz nicht sowohl zum gebildeten als zum differenzierten Angeh\u00f6rigen einer h\u00f6heren Schicht steht. Im Unterdr\u00fcckten ein Kind der Natur zu sehen, war im achtzehnten Jahrhundert der aufsteigenden B\u00fcrgerklasse das Naheliegende gewesen. Nach dem Sieg dieser Klasse konfrontierte sie dem Unterdr\u00fcckten, dessen Platz sie selbst inzwischen an das Proletariat abgetreten hatte, nicht mehr die feudale Entartung, sondern die eigene Gestuftheit, die nuancierte b\u00fcrgerliche Individualit\u00e4t. Die Form, in der sie ausgestellt wurde, war der b\u00fcrgerliche Roman; sein Gegenstand das inkalkulable \u00bbSchicksal\u00ab des Einzelnen, dem gegen\u00fcber jede Aufkl\u00e4rung sich als unzul\u00e4nglich erweisen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die letzte Jahrhundertwende haben einige Romanciers dieses b\u00fcrgerliche Privileg angetastet. Es ist nicht zu leugnen, da\u00df unter anderen Hamsun mit dem \u00bbeinfachen Menschen\u00ab in seinen B\u00fcchern aufger\u00e4umt hat und da\u00df seine Erfolge zum Teil auf der sehr komplexen Natur seiner kleinen Leute vom Lande beruhen. Danach ersch\u00fctterten gesellschaftliche Vorg\u00e4nge das in Rede stehende Vorurteil. Der Krieg brach aus, und in den Nachkriegsjahren wuchs der Psychiatrie in der Rentenneurose eine Disziplin zu, in der der \u00bbMann aus dem Volke\u00ab mehr als ihm lieb sein konnte zu seinem Rechte kam. Einige Jahre sp\u00e4ter und die Massenarbeitslosigkeit kam ins Land. Mit dem neuen Elend zeichneten sich neue Gleichgewichtsst\u00f6rungen, neue Wahnvorstellungen und neue Abnormit\u00e4ten im Verhalten der von ihm Betroffenen ab. Aus Subjekten der Politik wurden sie zu oft pathologischen Objekten der Demagogen. Mit dem \u00bbVolksgenossen\u00ab erlebte der \u00bbeinfache Mann aus dem Volk\u00ab seine Auferstehung \u2013 geknetet aus dem Stoff der Neurotischen, der Unterern\u00e4hrten und Mi\u00dfgeschickten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat fand der Nationalsozialismus eine Bedingung seines Wachstums in der Ersch\u00fctterung des Klassenbewu\u00dftseins, der das Proletariat mit der Arbeitslosigkeit ausgesetzt wurde. Das neue Buch von Anna Seghers hat es mit diesem Vorgang zu tun. Es spielt in einem Montandorf in Oberschlesien und erz\u00e4hlt von dem, was sich dort nach der Stillegung seiner Grube abspielt. Obenhin gesehen ist es wenig genug. Denn auch hier herrscht das Unrecht, und die Emp\u00f6rung ist selten. \u00bbSelbst die allerrotesten, allerwildesten, welche diese ganze unertr\u00e4gliche Welt zerschlagen wollten, sagten offen: \u203aJetzt kommen die Kohlr\u00fcben wieder dran\u2039 oder \u203aMit dem Radio ist es Essig\u2039. Ihnen aber standen solche Worte garnicht zu, dachte Bentsch, in ihrem Munde waren sie sinnlos.\u00ab (S. 97) Bentsch hat die Stimme von Anna Seghers. Er ist in ihrer Erz\u00e4hlung die Hauptperson. Man lernt ihn als einen \u00e4lteren gesetzten Grubenarbeiter kennen, der nichts auf seinen Herrgott und seinen Pfarrer kommen l\u00e4\u00dft. Er ist von Hause aus kein politischer Kopf, und ein radikaler am allerwenigsten. Man mu\u00df ihm zugeben: er geht seinen Weg allein. Viele m\u00fcssen ihn heute allein gehen. Auch Proletarier, die gleich wenig von der tauben Subtilit\u00e4t des B\u00fcrgers haben wie von der verlogenen Simplizit\u00e4t des \u00bbVolksgenossen\u00ab. Es ist \u00fcbrigens ein langer Weg. Er f\u00fchrt Bentsch in das Lager der Klassenk\u00e4mpfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr behutsam ber\u00fchrt das Buch den politischen Sachverhalt. Er ist dem Wurzelwerk zu vergleichen. Wo die Verfasserin es mit zarter Hand aushebt, haftet an ihm der Humus der privaten Verh\u00e4ltnisse \u2013 nachbarschaftlicher, erotischer, famili\u00e4rer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Proletarier m\u00fcssen bei ihrem immer geringeren Einkommen zugleich ein immer geringeres Erleben strecken. Sie verfangen sich in nichtssagende Gepflogenheiten; sie werden umst\u00e4ndlich; sie f\u00fchren \u00fcber jeden Pfennig ihres eingeschr\u00e4nkten psychischen Haushalts Buch. Danach halten sie sich an Exaltationen schadlos, zu denen fragw\u00fcrdige Raisonnements oder fadenscheinige Gen\u00fcsse sie schnell bereitfinden. Sie werden labil, sprunghaft und unberechenbar. Ihr Versuch, so zu leben wie andere Leute, entfernt sie nur immer mehr von denen, und es geht ihnen wie ihrem Findlingen, dem Bergarbeiterdorf, wo sie zu Hause sind. \u00bbDie Menschen hatten auch an sonderbaren Stellen begonnen, die Erde umzugraben, um ein paar Bohnen zu <a id=\"page532\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page532\"><\/a>ziehen oder Rhabarber, aber gerade dadurch wurde Findlingen einem richtigen Dorf immer un\u00e4hnlicher.\u00ab (S. 100)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu jedem Segen der Arbeit kommt der, da\u00df sie die Wonne des Nichtstuns erst sp\u00fcrbar macht. Die M\u00fcdigkeit des Feierabends nennt Kant einen h\u00f6chsten Genu\u00df der Sinne. M\u00fc\u00dfiggang ohne Arbeit ist eine Qual. Zu jeder Entbehrung der Arbeitslosen tritt sie hinzu. Sie unterliegen dem Zeitlauf als einem Inkubus, von dem sie wider ihren Willen geschw\u00e4ngert werden. Sie geb\u00e4ren nicht, haben aber exzentrische Gel\u00fcste wie Schwangere. Jedes einzelne von ihnen ist aufschlu\u00dfreicher als ganze Enqueten \u00fcber die Arbeitslosen. \u00bbWenn seine letzten G\u00e4ste weg waren, hatte Bentsch immer den Wunsch, selbst auf die Stra\u00dfe zu laufen und seine K\u00fcchent\u00fcr nicht von innen, sondern von au\u00dfen zuzuschlie\u00dfen. Dieser Wunsch kam ihm aber selbst so sonderbar und sinnlos vor, da\u00df er immer rasch g\u00e4hnte oder sagte: \u203aNa, endlich\u2039\u00ab. (S. 115) Wievieler Heimatlosigkeit die Erz\u00e4hlerin in dieser K\u00fcche Quartier gemacht hat, ist zum Erstaunen. Sie ist das Gegenst\u00fcck zu der \u203agro\u00dfen, wenig benutzten Fl\u00e4che des Bismarckplatzes\u2039 (S. 320), \u00fcber der der \u203asteife und gelbliche\u2039 Himmel (S. 44) steht. Dort hat einer so wenig ein Dach \u00fcber dem Kopf wie hier. Darum kann Bentsch sich nicht entschlie\u00dfen, zu Bett zu gehen, und er sitzt oft in der dunklen K\u00fcche als s\u00e4\u00dfe er auf einer Bank auf dem Bismarckplatz. Dann geht es ihm durch den Kopf, da\u00df es seit Kriegsausbruch f\u00fcnfzehn Jahre sind. \u00bbDie waren schnell vergangen. Er erschrak nicht; er war nur immer erstaunt, da\u00df das alles gewesen war. Er wunderte sich. Einer mu\u00dfte doch wissen, wer er war. Wieso hatte Er nichts anderes mit ihm vorgehabt?\u00ab (S. 115)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Gedanke der Ausgesteuerten hoch immer um ihre Grube kreist, hat, ohne da\u00df sie viel darum w\u00fc\u00dften, ein entscheidender Vorgang eingesetzt. Drau\u00dfen in der Welt geht es nicht mehr um einen Montanbetrieb mehr oder weniger. Es geht um das Bestehen des Kapitalismus selbst. Die National\u00f6konomen beginnen, der Lehre von der strukturellen Arbeitslosigkeit nachzugehen. Die Lehre aber, die die Leute aus Findlingen sich anzueignen haben, lautet: um wieder in die Grube fahren zu d\u00fcrfen, m\u00fc\u00dft ihr den Staat erobern. Unendliche Schwierigkeiten hat diese Wahrheit auf dem Wege in die K\u00f6pfe zu \u00fcberwinden. Sie ist erst bis zu wenigen vorgedrungen. F\u00fcr die steht Lorenz, <a id=\"page533\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page533\"><\/a>ein junger Arbeitsloser, der vor seiner Ermordung die leuchtende Spur in dem grauen Dorf hinterl\u00e4\u00dft, die Bentsch niemals vergessen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese wenigen sind die Hoffnung des Volkes. Anna Seghers berichtet von ihm. Es bildet aber nicht ihre Leserschaft. Noch weniger kann es heute zu ihr sprechen. Nur sein Fl\u00fcstern kann zu ihr dringen. Das Bewu\u00dftsein davon verl\u00e4\u00dft die Erz\u00e4hlerin nicht einen Augenblick. Sie erz\u00e4hlt mit Pausen wie einer, der auf die berufenen H\u00f6rer im Stillen wartet und, um Zeit zu gewinnen, manchmal inneh\u00e4lt. \u00bbJe sp\u00e4ter auf den Abend, desto sch\u00f6ner die G\u00e4ste.\u00ab Diese Spannung durchzieht das Buch. Es ist weit entfernt von der Promptheit der Reportage, die nicht viel nachfragt, an wen sie sich eigentlich wendet. Es ist ebenso weit entfernt vom Roman, der im Grunde nur an den <i>Leser<\/i> denkt. Die Stimme der Erz\u00e4hlerin hat nicht abgedankt. Viele Geschichten sind in das Buch eingesprengt, welche darin auf den <i>H\u00f6rer<\/i> warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht die Gesetzlichkeit des Romans, in dem die episodischen Figuren im Medium einer Hauptfigur vorkommen, wirkt sich in der Gestaltenf\u00fclle des Buches aus. Dieses Medium \u2013 das \u00bbSchicksal\u00ab \u2013 fehlt. Bentsch hat kein Schicksal: h\u00e4tte er eines, so w\u00e4re es in dem Augenblick abgeschafft, wo er, am Schlu\u00df der Geschichte, unter den k\u00fcnftigen Illegalen als ein namenloser verschwunden ist. Der Bekanntschaften, die der Leser macht, wird er zuv\u00f6rderst als Zeugen eingedenk sein. Es sind M\u00e4rtyrer im genauen Wortsinn (martyr, griechisch: der Zeuge). Der Bericht von ihnen ist eine Chronik. Anna Seghers ist die Chronistin der deutschen Arbeitslosen. Die Grundlage ihrer Chronik ist eine Fabel, die, wenn man so will, den romanhaften Einschlag des Buches bildet. Am neunzehnten November 1929 werden unter 53 Versch\u00fctteten sieben, die noch am Leben sind, aus einem Stollen geborgen. Das ist \u00bbdie Rettung\u00ab. Sie stiftet den Verband, den diese sieben bilden. Die Erz\u00e4hlerin folgt ihnen mit einer stummen Frage: welche Erfahrung wird neben der bestehen, die die Verlorenen im Schacht gemacht haben, als sie drunten das letzte Wasser und das letzte Brot mit einander teilten? Werden sie die Solidarit\u00e4t, die sie in der Naturkatastrophe bew\u00e4hrt haben, in der Katastrophe der Gesellschaft bew\u00e4hren k\u00f6nnen? \u2013 Sie sind noch nicht aus dem Hospital <a id=\"page534\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page534\"><\/a>entlassen, als die dumpfen Anzeichen dieser Katastrophe zu ihnen dringen. \u00bbSie machen&#8217;s vielleicht wie dr\u00fcben in L. Lohnt sich nicht mehr. Stillegungsantrag.\u00ab (S. 31)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Antrag wird gestellt und nach ihm verfahren. \u00bbSechsundzwanzig Wochen lang kriegt man elf Mark f\u00fcnfunddrei\u00dfig Erwerbslosenunterst\u00fctzung, dann kriegt man acht Mark achtzig. Sechsundzwanzig Wochen mindestens, kommt auf die Stadt an, das war die Krise, dann kommt die Wohlfahrt, macht sechs Mark f\u00fcnfzig, pro Kind zwei Mark im Monat Zuschlag. Nachher kommt nichts anderes mehr.\u00ab (S. 94) Das erfahren die Leser aus dem Buche, die Betroffenen aus dem Mund einer Katharina, die als das M\u00e4dchen aus der Fremde durch die Erz\u00e4hlung geht. Sie ist von ausw\u00e4rts in mehr als einem Sinn. Und so gleicht diese vom \u00bbungewohnten Klang\u00ab einer ruhigen Stimme getragene Auskunft einem. Urteile, das aus weiter Ferne \u00fcber die Arbeitslosen gesprochen wird. Es bestimmt weiterhin das Leben, das sie aus der Grube gerettet haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen tr\u00fcben Verlauf f\u00e4llt der erste Jahrestag der Begebenheit, die \u00bbdie Rettung\u00ab hei\u00dft und den Untergang eben der Geretteten mit sich f\u00fchrt. \u00bbIst es erst ein Jahr her?\u00ab hei\u00dft es. Den Arbeitslosen scheint dieses Jahr l\u00e4nger als die, da sie ihre Schicht machten. Sie sitzen in der Kneipe bei Aldinger. \u00bb\u203aBentsch, Du hast Dir die Zunge an uns fusselig geredet. Da\u00df wir ja aus diesem Rattenloch herauskommen. Wenn Du gewu\u00dft h\u00e4ttest, da\u00df es hier drau\u00dfen wird, wie es geworden ist, h\u00e4ttest Du Dich dann auch angestrengt?\u2039 \u203aJa.\u2039 Er hatte sich das noch nie \u00fcberlegt, aber er wu\u00dfte das doch. \u203aJa?\u2039 sagte Sadovski erstaunt. Nebenan an den Tischen horchten sie auch scharf hin. \u203aGanz gewi\u00df will man immer wieder raus. Mit allen andern zusammen sein.\u2039 Bentsch machte eine Bewegung mit dem Arm \u00fcber die, die herum sa\u00dfen.\u00ab (S. 219\/20) Kaum weniger stumm als die stumme Frage, von der die Rede war, ist die Antwort, welche ihr so zuteil wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es unterscheidet die Chronik von der Geschichtsdarstellung im neueren Sinne, da\u00df ihr die zeitliche Perspektive fehlt. Ihre Schilderungen r\u00fccken in n\u00e4chste N\u00e4he derjenigen Formen der Malerei, die vor der Entdeckung der Perspektive liegen. Wenn die Gestalten der Miniaturen oder der fr\u00fchen Tafelbilder dem Betrachter auf Goldgrund entgegentreten, so pr\u00e4gen sich ihm <a id=\"page535\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page535\"><\/a>ihre Z\u00fcge nicht weniger ein als h\u00e4tte der Maler sie in die Natur oder in ein Geh\u00e4use hineingestellt. Sie grenzen an einen verkl\u00e4rten Raum, ohne an Genauigkeit einzub\u00fc\u00dfen. So grenzen dem Chronisten des Mittelalters seine Charaktere an eine verkl\u00e4rte Zeit, die ihr Wirken j\u00e4h unterbrechen kann. Das Reich Gottes ereilt sie als Katastrophe. Es ist gewi\u00df diese Katastrophe nicht, die die Arbeitslosen erwartet, deren Chronik \u00bbdie Rettung\u00ab ist. Aber sie ist etwas wie deren Gegenbild, das Heraufkommen des Antichrist. Dieser \u00e4fft bekanntlich den Segen nach, der als messianischer verhei\u00dfen wurde. So \u00e4fft das dritte Reich den Sozialismus nach. Die Arbeitslosigkeit hat ein Ende, weil die Zwangsarbeit rechtens geworden ist. Nur wenige Seiten im Buch der Seghers haben es mit dem \u00bbAufbruch der Nation\u00ab zu tun. Aber das Grauen der Nazikeller ist schwerlich jemals so wie auf ihnen beschworen worden, die von deren Praktiken nicht mehr verraten als ein M\u00e4dchen erfahren kann, das in einer S. A.-Kaserne nach ihrem Freunde, der Kommunist war, fragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erz\u00e4hlerin hat der Niederlage, die die Revolution in Deutschland erlitten hat, in die Augen zu sehen gewagt \u2013 eine m\u00e4nnliche F\u00e4higkeit, notwendiger als sie verbreitet ist. Diese Haltung kennzeichnet ihr Werk auch sonst. Sie ist weit entfernt von der Absicht, sich in Elendsschilderungen hervorzutun. Die Achtung vor dem Leser, die ihr den billigen Appell an sein Mitgef\u00fchl untersagt, verbindet sie mit der Achtung vor den Erniedrigten, die ihr Modell waren. Dieser Reserve hat sie es zu verdanken, da\u00df ihr, wo sie einmal die Dinge beim Namen nennt, der Sprachgeist des Volkes selber zur Seite tritt. Und wenn ein Arbeitsloser von ausw\u00e4rts, auf die Findlinger Stempelstelle verschlagen, sich an der Feststellung orientiert: \u00bbHier stank es genau so wie in Kaiingen\u00ab \u2013 so macht sie mit einem einzigen Griff die Klassengesellschaft selber dingfest. Sie besitzt vor allem einmal die Mittel, mit der Sprache auf eine Weise hauszuhalten, die nichts mit der verlogenen Schlichtheit zu schaffen hat, die in der modernen Heimatkunst \u00fcblich ist. Eher erinnert es an die echte Volkskunst \u2013 auf die sich einst der \u00bbBlaue Reiter\u00ab berufen hat \u2013 wie sie mit geringf\u00fcgigen Verr\u00fcckungen des Gel\u00e4ufigen abgelegene Kammern im Alltag freigibt. Als die Polizei die Stube bei Bentsch durchsucht, tauscht seine Frau einen Blick mit ihm. \u00bbEr l\u00e4chelte ein wenig. Es war, <a id=\"page536\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page536\"><\/a>als seien sie all die Jahre nur zusammengewesen, um f\u00fcr diesen Augenblick etwas einzu\u00fcben.\u00ab (S. 498\/99) Oder: \u00bbKatharina machte aus zwei nicht drei, so wenig wie die Katze\u00ab. (S. 118)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rede ist von der befremdlichen Kreatur, Bentsch&#8217;s Stieftochter, die in seiner Familie zu Gaste ist. Aber nicht behauster als Melusine, wenn sie auf eine Weile bei einem Manne wohnt. Es zieht sie in den Palast zur\u00fcck, der auf dem Grunde der Quelle errichtet ist. So zieht es Katharina nach Haus. Doch das Menschenkind hat noch kein Zuhause. Es steht und putzt die Fenster: \u00bbWo waren denn die Scheiben, die man nicht blank genug haben konnte, damit ein klares, aber nicht grelles Licht in alle Winkel der Stube schien, in der der Tisch gedeckt, das Bett bereit steht, nicht hastig und zum Notbehelf sondern von jeher und f\u00fcr immer \u2013 endlich Katharina!\u00ab (S. 118) Sie geht an einem Abortus ein, den man mit ihr vorhat. Ihren schmalen Weg hat sie stumm und ehe man es dachte zur\u00fcckgelegt. Sie kam, sie wu\u00dfte sich nicht zu helfen und sie verschwand. Doch w\u00e4re diese Katharina nicht was sie ist und um ihr Bestes \u00e4rmer, st\u00fcnde sie nicht um soviel wie diesseits der Lebensklugheit auch jenseits ihrer. Darin ist sie die Schwester des Katherlieschen, mit der das M\u00e4rchen so sch\u00f6n zu verstehen gibt, welche Verhei\u00dfung die klugen Leute an den t\u00f6richten Jungfrauen haben. Ihr L\u00e4cheln ist mit der Welt nicht stimmig, und sie sind es auch nicht mit sich. Ihnen eilt nicht, bei sich zu Haus zu sein, solange das Herz in der Welt nur eine Zuflucht ist, nicht die Mitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mu\u00df was erfinden\u00ab, denkt Katharina, die gerade eine kluge Auskunft von Bentsch mitanh\u00f6rt, die an einen Dritten gerichtet ist, \u00bbwas ich ihn um Rat fragen k\u00f6nnte. Sie dachte nach. Es fiel ihr aber nichts ein. Sie hatte keine Hoffnung, die zu scheitern drohte. Ihr fehlte nichts und sie hatte nichts. Sie hatte nicht das Geringste vor, wozu sie Rat gebraucht h\u00e4tte. Sie war v\u00f6llig ratlos.\u00ab (S. 120) Diese Worte geben den Blick auf die epische Form des Buches frei. Ratlosigkeit ist das Siegel der inkommensurablen Pers\u00f6nlichkeit, an der der b\u00fcrgerliche Roman seinen Helden hat. Ihm geht es, wie man gesagt hat, um das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich \u00fcber seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Wenn das Buch, sei es auch unbewu\u00dft, dieses Geheimnis streift, so verr\u00e4t es, wie fast <a id=\"page537\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page537\"><\/a>alle bedeutenden Romanwerke aus den letzten Jahren, da\u00df die Romanform selber im Umbau begriffen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Struktur des Werkes gibt dies vielf\u00e4ltig zu erkennen. Ihm fehlt die Gliederung in Episode und Hauptverlauf. Es dr\u00e4ngt zu \u00e4lteren epischen Formen, zu der Chronik, zum Lesebuch. Kurze Geschichten stecken in F\u00fclle darin, bilden oft seinen H\u00f6hepunkt. So die vom 19. November 1932, an dem der Jahrestag der Rettung zum letztenmal im Verlauf der Erz\u00e4hlung wiederkehrt. Niemand feiert ihn mehr: Daran wird f\u00fchlbar, was er bedeutet hatte. Diesen Arbeitslosen steht er f\u00fcr alles ein, was jemals Licht in ihr Leben getragen hatte. Sie k\u00f6nnten zu diesem Tage sagen, er sei ihr Ostern, ihr Pfingstfest und ihr Weihnachten. Nun ist er in Vergessenheit geraten, und die Verfinsterung ist vollends hereingebrochen. \u00bbDie Stunde war l\u00e4ngst \u00fcberschritten, die man gew\u00f6hnlich einhielt um den Tag zu feiern. Wirklich, man hat mich vergessen, dachte Zabusch. Oder die wollen unter sich sein. Mit mir ist kein Staat zu machen. \u203aKnips das Licht an\u2039, sagte seine Frau. \u203aKnips selbst an\u2039, sagte Zabusch. So blieb es unangeknipst.\u00ab Schlie\u00dflich h\u00e4lt er es nicht mehr im Dunkeln aus. Er geht die Findlinger Stra\u00dfe hinunter, \u00f6ffnet die T\u00fcr zur Wirtschaft mit einem Ruck. \u00bb\u203aEin Helles, ein Dunkles?\u2039 Zabusch gab dem Wirt keine Antwort, er sah sich verst\u00f6rt um. Er glaubte zuerst, er h\u00e4tte eine falsche T\u00fcr gegriffen. Doch in der Findlinger Stra\u00dfe gab es nur den Aldinger. Und Aldinger war es auch selbst, er erkannte ihn wieder. Nur seine Stube war ausgetauscht, kein bekanntes Gesicht. Man fing jetzt zu lachen an&#8230; Nur voran. Ist noch Platz. Setz dich, Kamerad.\u2039 All diese Naziburschen f\u00fcllten St\u00fchle und B\u00e4nke \u2013 diese Eckbank war voriges Jahr nicht gewesen, \u2013 mit den breiten Knieen und Ellenbogen von Einheimischen.\u00ab (S. 450\/ 51) Dieser Sturz, der dem Menschen, den keiner braucht, dessen Tage selbst der Kalender zu z\u00e4hlen aufgibt, dem Verlassenen, der sich im Abgrund aufh\u00e4lt, einen tieferen Abgrund er\u00f6ffnet: n\u00e4mlich die strahlende Nazih\u00f6lle, wo sich die Verlassenheit selbst ein Fest gibt \u2013 dieser Sturz konzentriert die Jahre, von denen das Buch erz\u00e4hlt, im Entsetzen eines einzigen Augenblicks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werden sich diese Menschen <i>befreien<\/i>? Man ertappt sich auf dem Gef\u00fchl, da\u00df es f\u00fcr sie, wie f\u00fcr arme Seelen, nur noch eine <i>Erl\u00f6sung<\/i> gibt. Von welcher Seite sie kommen mu\u00df, hat die Verfasserin angedeutet, wo sie in ihrem Bericht auf die Kinder st\u00f6\u00dft. Die Proletarierkinder, von denen sie spricht, wird kein Leser sobald vergessen. \u00bbDamals gab es dort oft solche Art Kinder wie Franz. Irgend jemand brachte sein eigenes mit oder sie kamen von selbst aus der Nachbarschaft oder auch ganz wo anders her, ragten ein wenig \u00fcber den Tischrand hinaus, auf dem man die Flugbl\u00e4tter faltete, liefen einem zwischen den Beinen herum oder rannten und schnauften, um einen Brief wegzutragen oder einen Sto\u00df Zeitungen, oder jemand, den man gerade brauchte, heranzuholen. Von einem Vater mitgeschleift, &#8230; oder durch Neugierde, oder auch angelockt durch das, was die Menschen anlockt, und vielleicht schon bis zum Tode verbunden.\u00ab (S. 440\/41) Auf diese Kinder hat Anna Seghers gebaut. Vielleicht wird die Erinnerung an die Arbeitslosen, von denen sie stammen, einmal die an deren Chronistin einschlie\u00dfen. Bestimmt wird in ihren Augen der Abglanz der Scheiben sein, von denen die fensterputzende Katharina tr\u00e4umt \u2013 der Scheiben, \u00bbdie man nicht blank genug haben konnte, damit ein klares, aber nicht grelles Licht in alle Winkel der Stube schien, in der der Tisch gedeckt, das Bett bereit steht, nicht hastig und zum Notbehelf sondern von jeher und f\u00fcr immer\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span class=\"footnote\"><strong>Die Rettung<\/strong>. Roman von Anna Seghers. Amsterdam: Querido Verlag 1937.<\/span><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Den Versuchen der Schriftsteller, \u00fcber das Dasein und die Lebensbedingungen der Proletarier zu berichten, haben Vorurteile im Wege gestanden, die nicht an einem Tage zu \u00fcberwinden gewesen sind. Eines der nachhaltigsten sah im Proletarier den \u00bbeinfachen Mann aus dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/11\/eine-chronik-der-deutschen-arbeitslosen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3030,428],"class_list":["post-87202","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-anna-seghers","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87202"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87202\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}