{"id":87197,"date":"2010-11-07T00:01:08","date_gmt":"2010-11-06T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87197"},"modified":"2021-10-25T14:27:50","modified_gmt":"2021-10-25T12:27:50","slug":"uebersetzungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/11\/07\/uebersetzungen\/","title":{"rendered":"\u00dcbersetzungen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer \u00fcbersetzt, arbeitet in zwei Sprachen. Sein Material vielmehr: sein Organ \u2013 ist neben seiner Muttersprache nicht sowohl der fremde Text als vielmehr dessen Sprache. Aus beiden Sprachen baut er etwas auf und kann gemeinhin schon von Gl\u00fcck sagen, wenn sein Ger\u00fcst ein wenig l\u00e4nger als ein Kartenhaus sich h\u00e4lt. Und wie beklommen folgt man der leichten Hand, die Vers auf Vers wie Stockwerk auf Stockwerk t\u00fcrmt, bis oftmals ein gering\u00adf\u00fcgiger Fehler im letzten das Ganze sang- und klanglos zu Fall bringt. Wie willig aber neigt daf\u00fcr das Ephemere, der Effekt, sich dieser Gattung; er hat im Schrifttum nirgendwo ein h\u00f6heres Recht als hier. Von neuem sieht man dies an \u00dcbertragungen Verlainischer Gedichte best\u00e4tigt, die Alfred Wolfen\u00adstein <u><sup>1)<\/sup><\/u> soeben ver\u00f6ffentlicht. Es sind sehr gegl\u00fcckte darunter. Bei Verlaine will das viel sagen. Vergebens griffe einer sehr weit aus, um diese Dichtungen ins Deutsche einzubringen. Hier liegt die Kunst des \u00dcbersetzens in der Entspannung. Wie ein Tr\u00e4umender mit der schw\u00e4chsten Geb\u00e4rde, der kaum eben sich regenden Hand, in seiner N\u00e4he langgesuchte Sch\u00e4tze zu greifen glaubt, so greift der deutsche Sprachgeist wirklich nur in seiner n\u00e4chsten N\u00e4he die Worte, aus denen Verlaines z\u00f6gernder Stimmfall zur\u00fcck\u00adt\u00f6nt. Was er in ihnen dichtet, ist deutscher Poesie unnennbar verwandt. Nur wer im allerbeschr\u00e4nktesten R\u00e4ume die Sicherheit und die Gelassenheit der Geste sich wahrt, kommt zu Gl\u00fccksfunden wie: Wehm\u00fctige Zwiesprache \u2013 Weisheit \u2013 Sonette VIII \u2013 Das Meer ist sch\u00f6ner \u2013 Kasper Hauser singt \u2013 Die Abendsuppe. Da\u00df gerade die restlose \u00dcbertragung der \u00bbRomances sans paroles\u00ab nur in einer l\u00fcckenlosen Folge geneigtester Stunden gelingen k\u00f6nnte, beweist das ber\u00fchmte \u00bbII pleut sur mon c\u0153ur\u00ab, das in deutscher Gestaltung, nicht gerade gl\u00fccklich, den Band er\u00f6ffnet. Wenn anderswo unscheinbare Zus\u00e4tze, wie aus technischer Verlegenheit ein \u00dcbersetzer sie einschmuggelt, den Versbau (wie die H\u00f6llenmaschine einen Palast) ver\u00adheeren, so ist das ein altes Leidwesen, das sich nat\u00fcrlich auch in diesem Bande hin und wieder best\u00e4tigt. Dem ungeachtet bleiben diese ehrfurcht- und liebevollen \u00dcbertragungen ein sehr w\u00fcrdiger Anla\u00df, erneut im Verlaine zu bl\u00e4ttern. Man t\u00e4te es mit ungest\u00f6rterem Genu\u00df, wenn das Register den Standort der einzelnen St\u00fccke in der gro\u00dfen Messeinschen Ausgabe nachweisen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig publiziert man eine \u00dcbersetzung Rimbauds, des \u00bbAntipoeten\u00ab, wie Wolfenstein diesen berufensten Widersacher der Dichtung k\u00fcrzlich ge\u00adnannt hat. In diesem Punkte ist sein \u00dcbersetzer, Franz von Rexroth,<u><sup>2)<\/sup><\/u> ihm sehr kongenial. Doch warum Ironie, geschweige denn Galle, an eine Neuer\u00adscheinung verschwenden, welche die literarische Unm\u00fcndigkeit ihres Autors so entschieden bekundet, da\u00df die Kritik es bestenfalls mit dem Verlag als dessen Vormund zu tun h\u00e4tte. Der Autor scheint auf Schonung ein Recht zumal in Anbetracht des Flei\u00dfes zu haben, der ihn von Rimbaud nicht allein alles, was nicht niet- und nagelfest (will sagen: nicht Prosa) ist, in zierliche Verschen im Sinne der Frida Schanz \u00fcbertragen hie\u00df, sondern dazu ihm eingab, die Leichtigkeit dieses Unternehmens dadurch zu bekr\u00e4ftigen, da\u00df er gelegentlich in \u00bbfehlerhaften\u00ab Sonetten Rimbauds im Vorbeigehen die obliga\u00adten vierfachen Reime nachtr\u00e4gt (Ma Boh\u00e8me, Le Mal, Au Cabaret Vert). Weni\u00adger leicht als das Reimen f\u00e4llt das Franz\u00f6sische ihm: \u00bbSi jamais j&#8217;ai quelque or\u00ab \u00fcbersetzt er: \u00bbWenn mir kein Gold mehr eigen\u00ab. Proben der eigentlich dichterischen Leistung m\u00f6gen unterbleiben. Wenn eine Einleitung von Dr. R. Dereich am Schlusse l\u00e4ngerer ungemein \u00bbeinf\u00fchrender\u00ab Darlegungen \u00fcber Rimbaud bemerkt: \u00bbDie Neu\u00fcbertragungen Franz von Rexroths sind bei aller architektonischen und dichterischen Strenge erf\u00fcllt von einer inneren Musik und in ihrem expressionistischen Faltenwurf verbl\u00fcffend zeitgem\u00e4\u00df\u00ab, so haben wir dem nichts hinzuzuf\u00fcgen als drei Ausrufungszeichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>1)\u00a0<\/sup>Paul Verlaine, Armer Lelian. Gedichte der Schwermut, der Leidenschaft und der Liebe. \u00dcbertr. von Alfred Wolfenstein. Berlin: Paul Cassirer 1925. 79 S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>2)\u00a0<\/sup>Arthur Rimbaud, Gedichte. \u00dcbertr. von Franz von Rexroth. Mit einer Einl. von Dr. R. Dereich. Wiesbaden: Dioskuren-Verlag (1925). XIV, 109 S.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer \u00fcbersetzt, arbeitet in zwei Sprachen. Sein Material vielmehr: sein Organ \u2013 ist neben seiner Muttersprache nicht sowohl der fremde Text als vielmehr dessen Sprache. 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