{"id":87194,"date":"2010-10-07T00:01:32","date_gmt":"2010-10-06T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87194"},"modified":"2022-02-22T19:04:52","modified_gmt":"2022-02-22T18:04:52","slug":"ein-drama-von-poe-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/07\/ein-drama-von-poe-entdeckt\/","title":{"rendered":"Ein Drama von Poe entdeckt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor wenigen Monaten hat sich in der Bibliothek Pierpont Morgan ein unbekanntes Manuskript von Poe gefunden. Es ist das Jugenddrama Politian, das damit im Entw\u00fcrfe, \u00fcber den es nie hinausgedeihen sollte, vorliegt. Von zw\u00f6lf ausgef\u00fchrten Szenen ist nur die letzte, abschlie\u00dfende verloren. An sich selbst ist diese Szenenfolge ohne Interesse \u2013 unendlich merkw\u00fcrdig dage\u00adgen als erstes schattenhaftes Gestaltwerden eines Genius. Noch sind die Kr\u00e4fte allzu schwach, die ihn beschw\u00f6ren. Desto erstaunlicher, wie er hie und da vor\u00fcbergehend Gestalt gewinnt, um sofort in nichts zu zergehen. Selbst in mi\u00dfratenen Jugendwerken der Gro\u00dfen erkennt der tiefere Blick nicht selten sp\u00e4ter gleichsam die ungestalte, die konkave Innenseite einer Pr\u00e4gung, der scharf das souver\u00e4ne Medaillon des kommenden Meisterwerkes entspricht. So k\u00f6nnten im Politian die komischen Szenen mi\u00dfgl\u00fcckter nicht sein, jedoch was hier gegorne s\u00e4uerliche Komik ist, wird in den reifen Werken \u00e4tzendste Ironie. Wo die Form dem Dichter noch nicht gehorcht, ist eben dennoch die Inspiration schon die des Meisters. Das gilt auch vom Stoff. Ein blutiges Ereignis aus der Chronik des jungen Staates Kentucky gab dieser Renaissancetrag\u00f6die den Ansto\u00df. Es f\u00e4llt ins Jahr 1825. Ein junges M\u00e4dchen wird von einem Obersten verf\u00fchrt. Einige Jahre sp\u00e4ter fa\u00dft ein anderer Mann f\u00fcr dieses M\u00e4dchen eine Leidenschaft. Es weist ihn lange ab und macht am Ende zur Vorbedingung einer Eheschlie\u00dfung die Rache, die ihr Br\u00e4utigam an dem Verf\u00fchrer zu vollziehen hat. Einem Duell weicht der Oberst aus. Da klopft eines Nachts der Verlobte an seine T\u00fcr, der Oberst \u00f6ffnet und wird erdolcht. Der M\u00f6rder zum Tode verurteilt. Seine Braut darf bei ihm in der Zelle bleiben und wenige Tage vor dem Hinrichtungstermin suchen sich beide das Leben zu nehmen. Die Frau erliegt ihren Wunden, der Mann wird geheilt und geh\u00e4ngt. \u2013 Diesen beispiellosen Stoff hat Poe nicht am bizarren Ende der Kerkerszene aufgegriffen. So h\u00e4tte er vielleicht sp\u00e4ter getan. Die Handlung dieses Dramas spielt in einem r\u00f6mischen Palast sich ab. Wenn Poe die einzigartige Gabe besa\u00df, die Weihe klosterartiger Architekturen durch den Prunk der Palastgem\u00e4cher nur noch zu steigern, mit denen er sie erf\u00fcllt dachte, so gibt diese Verspannung der Phantasie auch f\u00fcr dieses Drama den Schl\u00fcssel: die Dekoration, die im Geist vor dem Dichter stand, ist das wahre Gesetz der mi\u00dflungenen Trag\u00f6die. Und dazu stimmt, da\u00df er dem Plan bis an sein Lebensende nachgehangen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor wenigen Monaten hat sich in der Bibliothek Pierpont Morgan ein unbekanntes Manuskript von Poe gefunden. Es ist das Jugenddrama Politian, das damit im Entw\u00fcrfe, \u00fcber den es nie hinausgedeihen sollte, vorliegt. 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