{"id":87189,"date":"2003-02-06T00:01:17","date_gmt":"2003-02-05T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87189"},"modified":"2024-05-03T07:12:34","modified_gmt":"2024-05-03T05:12:34","slug":"eine-erinnerung-an-das-trauerspiel-der-turm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/06\/eine-erinnerung-an-das-trauerspiel-der-turm\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an das Trauerspiel &#8222;Der Turm&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seinem neuen Trauerspiel \u00bbDer Turm\u00ab greift Hofmannsthal auf die Gestaltenf\u00fclle des Barock zur\u00fcck. Als der geheimnisreichsten einer aus der Menge tritt Calderons Prinz Sigismund in ein neues Leben. Dem Drama liegt ein Stoff im eminenten Sinne, der des spanischen \u00bbLa vida es sue\u00f1o\u00ab zugrunde: Das Leben ein Traum. Der K\u00fcnstler aber wirkt nur in den Stoff hinein, indem er ihm gehorcht. Hei\u00dft \u00bbdichten\u00ab einen Stoff zur Auseinander\u00adsetzung mit sich selber bringen, so f\u00fchrt es oft durch eine Reihe von Stationen. Die gro\u00dfen Themen staffeln sich in Formen, von denen eine in die andere greift. Und nirgends gilt dies strenger als im Drama. Denn seine Form ist ein sehr wichtiger Index vom sch\u00f6pferischen Willen eines Kollektivs. Dessen Gesetz aber besagt, da\u00df in der Spannung zwischen Urform und Variante die echte, die produktive Intensit\u00e4t sich ausschwingt. Sie ist zu aller blo\u00dfen \u00bbOriginalit\u00e4t\u00ab der Gegensatz. Die Zahl der fruchtbaren dramatischen Stoffe ist begrenzt; unendlich sind nur die Motive, die sie Form gewinnen lassen. Erfindung schlechtweg ist gerade im Dramatischen die Passion des Dilettanten. Der glaubt in ihr die \u00bbOriginalit\u00e4t\u00ab verb\u00fcrgt. Sie aber liegt, ihrem Begriffe nach, au\u00dferhalb des Kraftfeldes der historischen Spannungen, die das eigenste Leben des gro\u00dfen Dramas bestimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die geschichtliche Spannung, wie dieses neue Werk sowohl in sich wie im Verh\u00e4ltnis zu dem Calderonschen Urbild sie entfaltet, macht ihr h\u00f6chstes Interesse aus. Man wei\u00df, im Mittelpunkte jenes Dramas steht der Traum. Ein K\u00f6nigreich Polen \u00bbmehr der Sage als der Geschichte\u00ab ist dort, wie auch bei Hofmannsthal, der Schauplatz. Darinnen herrscht Basilius als K\u00f6nig. Von seiner verstorbenen Gemahlin hat er einen Sohn Sigismund. Die Astrologen sehen dessen Horoskop voll Unheil. Der Mutter brachte er im Wochenbett den Tod, der Vater f\u00fcrchtet weitere Erf\u00fcllung jenes Spruchs, der angibt, da\u00df der Sohn die v\u00e4terliche Krone rauben werde. Daher verbirgt man ihn an einem abgelegenen Ort. In einem Turme w\u00e4chst der junge Sigismund heran. Mit niemandem als seinem W\u00e4rter darf er reden, nicht frei umhergehen, Ketten schmieden ihn an sein Gef\u00e4ngnis. Der v\u00e4terliche Argwohn des Tyrannen steht bei Calderon, dem hohen Funktion\u00e4r an Philipps Hofe, nicht au\u00dfer allem Verh\u00e4ltnis zu Natur- und Staatsrecht. In seiner Weisheit gibt vielmehr der F\u00fcrst dem Prinzen die Gelegenheit zu einer Probe. Den Schlafenden entf\u00fchrt man auf das v\u00e4terliche Schlo\u00df, und hier erwacht er, wird als Prinz begr\u00fc\u00dft und zeigt in Spiel und Gegenspiel sein wahres Wesen. Zorn, Wollust, Mi\u00dfgunst, Hochmut brechen aus dem Innern des f\u00fcrstlichen Caliban. Es bleibt nichts \u00fcbrig als ihn zu entfernen und dem von neuem in die Kerkernacht versenkten \u00bbDies alles ist ein Traum gewesen\u00ab einzusch\u00e4rfen. Was kommt, entscheidet sich in dieser zwiefach irrealen Schicht vermeinten Tr\u00e4umens. Der Prinz im Gr\u00fcbeln, dekretiert am Ende: \u00bbDoch sey&#8217;s Traum, seys Wahrheit eben: \/ Recht thun muss ich; war&#8216; es Wahrheit, \/ Desshalb, weil sie&#8217;s ist; und war&#8216; es \/ Traum, um Freunde zu gewinnen, \/ Wenn die Zeit uns wird erwecken.\u00ab Da ruft der Vater aus freien St\u00fccken ihn auf den Thron, der Spruch der Weisen erf\u00fcllt sich zu aller Gl\u00fcck, die Drohung der d\u00e4monischen Natur aber hat christliche Vorsicht vereitelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist der Stoff, der um neues Leben den Dichter anging. Der Traum als Angelpunkt historischen Geschehens \u2013 das ist seine faszinierende, befremdliche Formel. Was konnte Hofmannsthal bestimmen, ihrem Aufruf zu entsprechen? Durch das, was nur \u00bbVariante\u00ab eines Stoffes ist, gl\u00fcckt ihm, aufs tiefste eine Form zu wandeln, zu bewegen. Calderon schrieb ein \u00bbSchauspiel\u00ab, in dem die spielerischen, die romanisch-romantischen Momente zu erstaunlichster Entfaltung kommen. Der Spanier umrei\u00dft die ganze, h\u00f6chst barocke Spannung seines Stoffes innerlich. Als Reflexion, in der Volute rollt er ihn zusammen. Im \u00bbTurm\u00ab ist, was sich dort verschlungen, aufgerollt. Die Unnatur jener v\u00e4terlichen Gewalt, das Martyrium dieses prinzlichen Daseins sind beim Namen genannt. Vielmehr in einer \u2013 auch im Theatralischen \u2013 unvergleichlichen Hauptszene nennen sie sich selber beim Namen. In den Schranken dieser neuen \u00bbTraumszene\u00ab rast nicht die blinde Kreatur sich aus, die leidende h\u00e4lt \u00fcber ihren Peiniger Gericht. Und da der Vater aus Gr\u00fcnden der Staatsr\u00e4son \u2013 um eine Rebellion zu stillen \u2013 seinen Sohn zu sich erheben will, schl\u00e4gt Sigismund ihm ins Gesicht. \u00bbWer bist du Satan, der mir Vater und Mutter unterschl\u00e4gt? Beglaubige dich?\u00ab Damit hat die Funktion jenes Traums sich im tiefsten gewandelt. Wo er bei Calderon, wie ein Hohlspiegel, in einem unerme\u00dflichen Grunde die Innerlichkeit als transzendenten siebenten Himmel aufrei\u00dft, da ist bei Hofmannsthal er eine wahrere Welt, in welche ganz und gar die Wachwelt hineinwandert. \u00bbWir wissen von keinem Ding wie es ist, und nichts ist, von dem wir sagen k\u00f6nnten, da\u00df es anderer Natur sei als unsere Tr\u00e4ume.\u00ab \u00bbSie haben zu mir gesagt: du hast getr\u00e4umt und immer wieder: du hast getr\u00e4umt! Dadurch, wie wenn einer einen eisernen Finger unter den T\u00fcrangel steckt, haben sie vor mir eine T\u00fcr ausgehoben und ich bin hinter eine Wand getreten, von wo ich alles h\u00f6re, was ihr redet, aber ihr k\u00f6nnt nicht zu mir und ich bin sicher vor euren H\u00e4nden!\u00ab Durchaus hat alles sich im Wirklichen zusammengezogen wie unter der Einwirkung einer \u00e4tzenden Einsicht. Das breite Liebesspiel der spanischen B\u00fchnentradition ist ebenso dahingefallen wie die transzendente Moralit\u00e4t des Traumlebens. Hofmannsthals Szenar kennt keine bedeutsamere Frauenrolle. Ein m\u00e4nnliches Nebenspiel tritt an den Platz der parallelen Liebeshandlung. Julian, der f\u00fcr den Prinzen haftet, ihn bewacht, liebt Sigismund und sucht dennoch zugleich f\u00fcr den Ehrgeiz seines eigenen Strebens ihn auszunutzen. Der Mann, dem nichts als ein winziges Aussetzen des Willens, ein einziger Moment der Hingabe fehlt, um des H\u00f6chsten teilhaft zu werden, ist nie so leibhaft \u00fcber die Bretter gegangen. Sein Gegenspieler, der Arzt, Herr seiner Kunst und Kundiger von ihren tiefsten Gr\u00fcnden, eine paracelsische Erscheinung, der seinesgleichen, seinen Oberen in der bl\u00f6den Kreatur erkennt, als welche Sigismund am Anfang der Geschehnisse, fast ohne Sprachverm\u00f6gen, aus dem Turme ihm entgegenkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Drama ist ein weiteres, entschiedenstes Vordringen in einem Bezirk, der gleich sehr dem dramatischen Gestalten seines Dichters wie der neueren Szene schlechtweg vorbestimmt scheint. Das \u00bbVortragische\u00ab mag man ihn nennen. Aus dem Ritual ist das Drama erwachsen, Urtypus der dramatischen Spannung die Spannung zwischen Wort und Aktion. Nicht was man in l\u00e4\u00dflicher Rede so nennt: nicht eine Spannung im Bereich der Worte selber (nicht die der Debatte) noch auch die des sprachlosen Ringens (des Kampfes schlechthin) ist dramatisch. Das ist allein die Spannung des Rituals, die zwischen Tun und Rede selber, im Polaren, \u00fcberspringt. Dem so verstandenen innerlichsten Zirkel des Dramatischen ist selbst das Tragische schon \u00e4u\u00dferlich. Es tr\u00e4gt die Spannung zwischen Leib und Sprache \u2013 von Aktion und Wort \u2013 rein sprachlich aus und die Debatte als ein Sp\u00e4teres, ein Vereinzeltes und als Variante des Dramatischen schlechtweg kommt auf. Dieses Dramatische selbst aber ist ein Vortragisches. Als \u00bb\u00d6dipus\u00ab, \u00bbElektra\u00ab und \u00bbAlkestis\u00ab des Dichters vor mehr als zwanzig Jahren erschienen, da dr\u00e4ngte eine Auseinandersetzung mit der griechischen Trag\u00f6die ans Licht, wie sie der barocken Dramatik in Opitz&#8216; \u00bbTroerinnen\u00ab vorangegangen war. In ganz Europa wuchs damals die neue Form, die sich in Deutschland als das \u00bbTrauerspiel\u00ab wenn nicht am reinsten so am radikalsten pr\u00e4gte. Ein \u00bbTrauerspiel\u00ab hei\u00dft nicht umsonst der \u00bbTurm\u00ab. Und so entsagt er der Chim\u00e4re einer neuen \u00bbTragik\u00ab. Was er im Prinzen Sigismund beschw\u00f6rt, das ist vor allem der geschundene Leib des M\u00e4rtyrers, dem gerade Sprache \u2013 nicht umsonst \u2013 sich weigert. Damit nimmt dieses letzte Drama des Dichters die kostbare Tradition der deutschen B\u00fchne so k\u00fchn wie sicher an dem Punkte auf, wo sie der Klassizismus unterbrach. Und wenn die Dramaturgen (die doch wahrlich nicht \u00dcberflu\u00df an edlen Materialien haben) den Stoffen minder als den Kr\u00e4ften neuer Texte das wahrhaft Rechtzeitige abzumerken trachten w\u00fcrden, so w\u00e4re vielleicht gerade dieses Werk heute schon \u00fcber die deutschen B\u00fchnen gegangen. Es sind Szenen darinnen, welche die gewaltigen Anforderungen an Darsteller und Spielleiter mit der tiefsten Ersch\u00fctterung des Publikums lohnen w\u00fcrden. Der blutige K\u00f6nig, wie er sich, gleich Shakespeares Claudius ins Gebet, in die Sch\u00f6nheit eines Herbstabends verliert; der Prinz, wie er vorm Alkoven seiner Mutter zur\u00fcckschauert und doch nicht wei\u00df, wovor er sich befindet; Julian, sein W\u00e4chter, wie der Arzt ihm die Entscheidungsfrage stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alte Trauerspiel schlug seinen Bogen zwischen Kreatur und Christ. In dessen Scheitelh\u00f6he steht der vollkommene Prinz. Wo Calderons christlicher Optimismus den sah, da zeigt sich der Wahrhaftigkeit des neueren Autors Untergang. Sigismund geht zugrunde. Die d\u00e4monischen Gewalten des Turms werden seiner Herr. Die Tr\u00e4ume steigen aus der Erde auf und der christliche Himmel ist l\u00e4ngst aus ihnen gewichen. Im Aufruhr tritt ein sagenhafter \u00bbKinderk\u00f6nig\u00ab die wahre Erbschaft dieses Prinzen an, wie Fortinbras die Hamlets in der Thronbesteigung. Im Geist des Trauerspiels hat der Dichter den Stoff des Romantischen entkleidet und uns blicken die strengen Z\u00fcge des deutschen Dramas daraus entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Turm<\/strong>. Ein Trauerspiel in f\u00fcnf Aufz\u00fcgen von Hugo von Hofmannsthal. (M\u00fcnchen: Verlag der Bremer Presse 1925.)<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87150 size-medium alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a> KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit seinem neuen Trauerspiel \u00bbDer Turm\u00ab greift Hofmannsthal auf die Gestaltenf\u00fclle des Barock zur\u00fcck. Als der geheimnisreichsten einer aus der Menge tritt Calderons Prinz Sigismund in ein neues Leben. 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