{"id":87183,"date":"2010-07-02T00:01:37","date_gmt":"2010-07-01T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87183"},"modified":"2021-10-12T13:36:08","modified_gmt":"2021-10-12T11:36:08","slug":"max-brod-franz-kafka-eine-biographie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/02\/max-brod-franz-kafka-eine-biographie\/","title":{"rendered":"Max Brod, Franz Kafka. Eine Biographie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch ist durch den fundamentalen Widerspruch gekennzeichnet, der zwischen der These des Verfassers einerseits, seiner Haltung andererseits obwaltet. Dabei ist die letztere danach angetan, die erstere einigerma\u00dfen zu diskreditieren, zu schweigen von den Bedenken, die sich gegen diese sonst erheben. Die These ist, da\u00df Kafka sich auf dem Wege zur Heiligkeit befunden habe (S. 65). Die Haltung des Biographen ihrerseits ist die vollendeter bonhommie. Der Mangel an Distanz ist ihre markanteste Eigent\u00fcmlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Da\u00df<\/i> sich <i>diese<\/i> Haltung zu <i>dieser<\/i> Ansicht des Gegenstandes finden konnte, beraubt das Buch von vornherein seiner Autorit\u00e4t. Wie sie es tat, das illustriert z.B. die Redewendung, mit der (S. 127) \u00bbunser Franz\u00ab dem Leser auf einem Photo vor Augen gef\u00fchrt wird. Intimit\u00e4t mit den Heiligen hat ihre bestimmte religionsgeschichtliche Signatur; n\u00e4mlich den Pietismus. Brods Haltung als Biograph ist die pietistische einer ostentativen Intimit\u00e4t; mit anderen Worten die piet\u00e4tloseste, die sich denken l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Unreinlichkeit in der \u00d6konomie des Werkes kommen <a id=\"page527\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page527\"><\/a>Gepflogenheiten zugute, die der Verfasser sich in seiner Berufst\u00e4tigkeit hat erwerben m\u00f6gen. Jedenfalls ist es kaum m\u00f6glich, die Spuren journalistischen Schlendrians bis hinein in die Formulierung seiner These zu \u00fcbersehen: \u00bbDie Kategorie der Heiligkeit &#8230; ist \u00fcberhaupt die einzig richtige, unter der Kafkas Leben und Schaffen betrachtet werden kann.\u00ab (S. 65) Ist es n\u00f6tig, anzumerken, da\u00df Heiligkeit eine dem Leben vorbehaltene Ordnung ist, der das Schaffen unter gar keinen Umst\u00e4nden zugeh\u00f6rt? und bedarf es des Hinweises darauf, da\u00df das Pr\u00e4dikat der Heiligkeit au\u00dferhalb einer traditionell begr\u00fcndeten Religionsverfassung einfach eine belletristische Floskel ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fehlt Brod jedes Gef\u00fchl f\u00fcr die pragmatische Strenge, die von einer ersten Lebensgeschichte Kafkas zu fordern ist. \u00bbVon Luxushotels wu\u00dften wir nichts und waren dennoch unbeschwert lustig.\u00ab (S. 128) Infolge eines auffallenden Mangels an Takt, an Sinn f\u00fcr Schwellen und Distanzen flie\u00dfen Feuilletonschablonen in einen Text ein, der durch seinen Gegenstand zu einiger Haltung verpflichtet w\u00e4re. Das ist minder der Grund als ein Zeugnis daf\u00fcr, wie sehr jede origin\u00e4re Anschauung von Kafkas Leben Brod versagt geblieben ist. Besonders anst\u00f6\u00dfig wird dieses Unverm\u00f6gen, der Sache selbst gerecht zu werden, wo Brod (S. 242) auf die ber\u00fchmte testamentarische Verf\u00fcgung zu sprechen kommt, in der Kafka ihm die Vernichtung seines Nachlasses auferlegt. Hier wenn irgendwo w\u00e4re der Ort gewesen, grunds\u00e4tzliche Aspekte von Kafkas Existenz aufzurollen. (Er war offenbar nicht gewillt, vor der Nachwelt die Verantwortung f\u00fcr ein Werk zu tragen, um dessen Gr\u00f6\u00dfe er doch wu\u00dfte.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist seit Kafkas Tod vielfach er\u00f6rtert worden; es lag nahe, hier einmal innezuhalten. Allerdings h\u00e4tte sie f\u00fcr den Biographen die Einkehr bei sich selbst mit sich gef\u00fchrt. Kafka mu\u00dfte den Nachla\u00df wohl dem vertrauen, der ihm den letzten Willen nicht w\u00fcrde tun wollen. Und weder der Testator noch auch sein Biograph w\u00fcrden bei solcher Betrachtung der Dinge zu Schaden kommen. Aber sie verlangt die F\u00e4higkeit, die Spannungen zu ermessen, von denen Kafkas Leben durchzogen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df diese F\u00e4higkeit Brod abgeht, erweisen die Stellen, an denen er unternimmt, Kafkas Werk oder Schreibweise zu erl\u00e4utern. <a id=\"page528\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page528\"><\/a>Es bleibt da bei dilettantischen Ans\u00e4tzen. Die Sonderbarkeit in Kafkas Wesen und Schreiben ist gewi\u00df nicht, wie Brod meint, eine \u00bbscheinbare\u00ab und ebenso wenig kommt man den Darstellungen Kafkas mit der Erkenntnis bei, da\u00df sie \u00bbnichts als wahr\u00ab (S. 68) sind. Derartige Exkurse \u00fcber Kafkas Werk sind danach angetan, Brods Auslegung seiner Weltanschauung von vorneherein problematisch zu machen. Wenn Brod von Kafka aussagt, da\u00df dieser etwa auf der Linie von Buber gestanden habe (S. 241), so hei\u00dft das, den Schmetterling in dem Netz zu suchen, \u00fcber das er im Hin- und Herflattern seinen Schatten wirft. Die \u00bbgleichsam realistisch-j\u00fcdische Deutung\u00ab (S. 229) des \u00bbSchlosses\u00ab unterschl\u00e4gt die absto\u00dfenden und die grauenhaften Z\u00fcge, mit denen die obere Welt bei Kafka ausgestattet ist, zugunsten einer erbaulichen Auslegung, die gerade dem Zionisten suspekt sein m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentlich denunziert sich diese Bequemlichkeit, die ihrem Gegenstande so wenig ansteht, selbst einem Leser, der es nicht genau nimmt. Es ist Brod vorbehalten geblieben, die vielschichtige Problematik von Symbol und Allegorie, die ihm f\u00fcr die Auslegung Kafkas erheblich scheint, am Beispiel des \u00bbstandhaften Zinnsoldaten\u00ab zu illustrieren, der ein vollg\u00fcltiges Symbol darum vorstelle, weil er nicht nur \u00bbviel &#8230; in die Unendlichkeit Verlaufendes ausdr\u00fcckt\u00ab, sondern \u00bbuns auch mit seinem pers\u00f6nlich detaillierten Schicksal als Zinnsoldat\u00ab (S. 237) nahekommt. Man m\u00f6chte wohl wissen, wie sich das Davidsschild im Lichte einer solchen Symboltheorie ausnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Schw\u00e4che seiner eigenen Kafka-Interpretation macht Brod gegen die von andern empfindlich. Da\u00df er das nicht so t\u00f6richte Interesse der Surrealisten an Kafka wie die teilweise bedeutenden Auslegungen der kleinen Prosa durch Werner Kraft mit einer Handbewegung beiseiteschiebt, wirkt nicht angenehm. Dar\u00fcber hinaus sieht man ihn bem\u00fcht, auch die k\u00fcnftige Kafka-Literatur zu entwerten. \u00bbSo k\u00f6nnte man erkl\u00e4ren und erkl\u00e4ren (man wird es auch noch tun), doch notwendigerweise ohne Ende.\u00ab (S. 69) Der Akzent, der auf der Klammer liegt, f\u00e4llt ins Ohr. Da\u00df die \u00bbvielen privaten akzidentellen M\u00e4ngel und Leiden Kafkas\u00ab zum Verst\u00e4ndnis seines Werkes mehr beitragen als theologische Konstruktionen (S. 213), h\u00f6rt man von dem jedenfalls nicht gern, der Entschlossenheit <a id=\"page529\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page529\"><\/a>genug besitzt, seine eigene Darstellung Kafkas unter dem Begriff der Heiligkeit vorzunehmen. Die gleiche wegwerfende Geb\u00e4rde gilt allem, was Brod bei seinem Zusammensein mit Kafka st\u00f6rend vorkommt \u2013 der Psychoanalyse ebenso wie der dialektischen Theologie. Sie erlaubt es ihm, Kafkas Schreibweise der \u00bberlogene[n] Exaktheit\u00ab Balzacs (S. 69) zu konfrontieren (wobei er nichts anderes als jene durchsichtigen Rodomontaden im Sinn hat, die von Balzacs Werk und seiner Gr\u00f6\u00dfe gar nicht zu trennen sind).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles stammt nicht aus Kafkas Sinn. Brod verfehlt allzu oft die Fassung, die Gelassenheit, die diesem eigen war. Es gibt keinen Menschen, sagt Joseph de Maistre, den man nicht mit einer ma\u00dfvollen Meinung f\u00fcr sich gewinnen kann. Brods Buch wirkt nicht gewinnend. Es \u00fcberschreitet das Ma\u00df sowohl in der Art, in welcher er Kafka huldigt, als in der Vertrautheit, mit der dieser von ihm behandelt wird. Beides hat wohl in dem Roman sein Vorspiel, dem seine Freundschaft zu Kafka als Vorwurf diente. Ihm Zitate entnommen zu haben, stellt unter den Mi\u00dfgriffen dieser Lebensbeschreibung keineswegs den geringsten dar. Da\u00df in diesem Roman \u2013 \u00bbZauberreich der Liebe\u00ab \u2013 Fernerstehende eine Verletzung der Piet\u00e4t gegen den Verstorbenen sehen konnten, wundert den Verfasser, wie er gesteht. \u00bbWie alles mi\u00dfverstanden wird, so auch dies &#8230; Man entsann sich nicht, da\u00df Platon sich auf \u00e4hnliche, allerdings weit umfassendere Art sein ganzes Leben lang seinen Lehrer und Freund Sokrates als lebendig weiterwirkend, als mitlebenden, mitdenkenden Wegbegleiter dem Tode abgetrotzt hatte, indem er ihn zum Helden fast aller Dialoge machte, die er nach des Sokrates Tod schrieb.\u00ab (S. 82)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wenig Aussicht, da\u00df Brods \u00bbKafka\u00ab einmal unter den gro\u00dfen gr\u00fcndenden Dichterbiographien, in der Reihe des Schwabschen H\u00f6lderlin, des Franzos&#8217;schen B\u00fcchner, des B\u00e4chtholdschen Keller, wird genannt werden k\u00f6nnen. Desto denkw\u00fcrdiger ist sie als Zeugnis einer Freundschaft, die nicht zu den kleinsten R\u00e4tseln in Kafkas Leben, geh\u00f6ren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen in:\u00a0<i>Erinnerungen und Dokumente. Prag: Verlag Heinr. Mercy Sohn 1937.<\/i><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87150 size-medium alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Buch ist durch den fundamentalen Widerspruch gekennzeichnet, der zwischen der These des Verfassers einerseits, seiner Haltung andererseits obwaltet. Dabei ist die letztere danach angetan, die erstere einigerma\u00dfen zu diskreditieren, zu schweigen von den Bedenken, die sich gegen diese&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/02\/max-brod-franz-kafka-eine-biographie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494,2086,428],"class_list":["post-87183","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka","tag-max-brod","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87183"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87183\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}