{"id":87164,"date":"2003-12-04T00:01:21","date_gmt":"2003-12-03T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87164"},"modified":"2022-02-21T11:23:11","modified_gmt":"2022-02-21T10:23:11","slug":"rueckblick-auf-stefan-george","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/04\/rueckblick-auf-stefan-george\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick auf Stefan George"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zum 70. Todestag von Stefan George erinnert KUNO an ihn mit einer Studie \u00fcber den Symbolisten, die Walter Benjamin angefertigt hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span lang=\"X-NONE\">Stefan George schweigt seit Jahren. Indessen haben wir ein neues Ohr f\u00fcr seine Stimme gewonnen. Wir erkennen sie als eine prophetische. Das hei\u00dft nicht, da\u00df George das historische Geschehen, noch weniger, da\u00df er dessen Zusammenh\u00e4nge vorausgesehen h\u00e4tte. Das macht den Politiker, nicht den Propheten. Prophetie ist ein Vorgang in der moralischen Welt. Was der Prophet voraussieht, sind die Strafgerichte. Sie hat George dem Ge\u00adschlecht der \u00bbeiler und gaffer\u00ab, unter welches er versetzt war, vorausgesagt. Die Weltnacht, deren Nahen ihm die Tage verd\u00fcsterte, ist neunzehn\u00adhundert\u00advierzehn angebrochen. Und da\u00df er ihr Ende noch nicht ermi\u00dft, hat er in einem vielsagenden Titel seines letzten Gedichtbuchs ausgesprochen: \u00bbEinem jungen F\u00fchrer im ersten Weltkrieg.\u00ab Neue Lichter und Schatten haben in den tief geschnittenen Z\u00fcgen dieses Hauptes sich angesiedelt. Und noch kennen wir nicht den Feuerschein, mit welchem die Geschichte seine Z\u00fcge am Tage, da sie ihren Ausdruck f\u00fcr die Ewigkeit erhalten, beleuchten wird.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wohnt aber in diesem Dichter selbst ein Gegenspieler des Propheten. Je deutlicher die Stimme des letzteren vernehmbar wird, desto ohnm\u00e4chtiger sinkt die des andern \u2013 die Stimme eines Reformators \u2013 in sich zusammen. George, dem die eigene strenge Zucht, und angeborener Sp\u00fcrsinn f\u00fcr das N\u00e4chtige, Vorwissen um die Katastrophe gegeben hat, vermochte doch als F\u00fchrer oder Lehrer nur schw\u00e4chliche und lebensfremde Regeln oder Verhal\u00adtungsweisen vorzuschreiben. Die Kunst galt ihm als jener \u00bbSiebente Ring\u00ab, mit dem noch einmal eine Ordnung, die schon in allen Fugen nachgab, zusammengeschmiedet werden sollte. Kein Zweifel, da\u00df sich diese Kunst als streng und triftig, der Ring als eng und kostbar erwiesen hat. Doch was er fa\u00dfte, war die gleiche Ordnung, die \u2013 wenn auch mit viel weniger edlen Mitteln \u2013 den alten M\u00e4chten aufrecht zu erhalten am Herzen lag. George ist es darum nicht gelungen, seine Dichtung dem Bannkreis von Symbolen zu entziehen, die keineswegs \u2013 wie die von H\u00f6lderlin \u2013 gleich Quellen, die aus dem Erdreich einer gro\u00dfen \u00dcberlieferung gesickert waren, an die Oberfl\u00e4che traten. Vielmehr ist die Symbolik dieses Werks sein Br\u00fcchigstes. Sie ist im Kern nicht unterschieden von dem Aufgebot, das zu der Zeit, in dem der \u00bbKreis\u00ab sich um den Meister zusammenfand, Barres in Frankreich an den ganzen Stamm symbolischer Vorstellungen und Bilder ergehen lie\u00df, die er in Volk und Kirche antraf. Sein Aufgebot hat den Charakter einer Abwehr, oft einer verzweifelten. So scheint der Schatz der in Georges Dichtung einge\u00adsenkten geheimen Zeichen heute schon als \u00e4rmstes, \u00e4ngstlich bewahrtes Eigentum des \u00bbStils\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner gro\u00dfen Besprechung des \u00bbSiebenten Rings\u00ab im Jahrbuch \u00bbHesperus\u00ab hat als erster Rudolf Borchardt das dichterische Verm\u00f6gen von George abzusch\u00e4tzen gesucht. Und ohne dieser Frage mehr Bedeutung, als ihr in dem Gesamtzusammenhange dieser Erscheinung geb\u00fchrt, zuzuge\u00adstehen, hat er auf eine nicht geringe Anzahl machtloser und verfehlter Strophen den Blick gelenkt. In den f\u00fcnfundzwanzig Jahren, die seit jener Ver\u00ad\u00f6ffentlichung dahingegangen sind, hat der Blick f\u00fcr solche Ausfallserschei\u00adnungen sich versch\u00e4rft. Es will aber im Grunde das Gleiche sagen, wenn etwas wie ein \u00bbStil\u00ab in den Gedichten Georges mit einer Drastik sichtbar geworden ist, die bisweilen ihren Gehalt verdr\u00e4ngt und in den Schatten stellt. St\u00fccke, in denen seine Kraft versagte, fallen meist genau mit denjenigen zusammen, in welchen dieser Stil Triumphe feiert. Es ist der Jugendstil; mit andern Worten der Stil, in dem das alte B\u00fcrgertum das Vorgef\u00fchl der eignen Schw\u00e4che tarnt, indem es kosmisch in alle Sph\u00e4ren schw\u00e4rmt und zukunftstrunken die \u00bbJugend\u00ab als Beschw\u00f6rungswort mi\u00dfbraucht. Hier taucht, zun\u00e4chst nur programmatisch, zum ersten Mal die Regression aus der sozialen in die nat\u00fcrliche und biologische Realit\u00e4t auf, welche seitdem wachsend sich als Symptom der Krise best\u00e4tigt hat. Das biologische Idol verbindet in der Idee des \u00bbKreises\u00ab sich dem kosmischen. Daraus entsteht dann sp\u00e4ter die Figur des mythischen Vollenders Maximin. Man hat von den gequ\u00e4lten Ornamenten, die damals M\u00f6bel und Fassaden \u00fcberzogen, gesagt, sie stellten den Versuch vor, Formen, die erstmals in der Technik zum Durchbruch kamen, ins Kunstgewerbliche zur\u00fcckzubilden. Der Jugendstil ist in der Tat ein gro\u00dfer und unbewu\u00dfter R\u00fcckbildungsversuch. In seiner Formen\u00adsprache kommt der Wille, dem, was bevorsteht, auszuweichen, und die Ahnung, die sich vor ihm b\u00e4umt, zum Ausdruck. Auch jene \u00bbgeistige Bewegung\u00ab, welche die Erneuerung des menschlichen Lebens erstrebte, ohne die des \u00f6ffentlichen zu bedenken, kam auf eine R\u00fcckbildung der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche in jene ausweglosen, tragischen Kr\u00e4mpfe und Spannungen hinaus, die f\u00fcr das Leben kleiner Konventikel bezeichnend sind. Einzig geschichtliche Besinnung, die weit \u00fcber den Rahmen literarhistorischer Behandlung hinausgreift, kann zu Schl\u00fcssen \u00fcber die Gestalt und \u00fcber das Werk gelangen, welche vor vierzig Jahren die \u00bbgeistige Bewegung\u00ab ins Leben riefen. Auch ist es unbestreitbar, da\u00df das Werk von Koch aus diesem Rahmen mit Entschiedenheit heraustritt. Es ist daher auch nirgends jenen tristen Schablonen pflichtig, welche gerade in der literarhistorischen Behandlung Georges so oft begegnen. Historische Gesichtspunkte jedoch sind dieser neuen Arbeit g\u00e4nzlich fremd. Sie tritt befangen, in der \u00dcberzeugung von einer \u00bbewigen\u00ab Geltung der Gehalte, die es bedingen, an Georges Werk. Doch dies geschieht dann, andererseits, mit soviel Umsicht und methodischer Gewissenhaftigkeit, da\u00df ihre Leistung einen Platz behauptet, von dem sie nichts sobald verdr\u00e4ngen wird.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Methode dieser Arbeit ist: die \u00bbAnalyse eines dichterischen Werkes, die den Ausdruck nur zu verstehen vorgibt, weil sie den Gehalt verstanden zu haben glaubt\u00ab. Und ihre Leistung: eine aufschlu\u00dfreiche Periodisierung dieses Werkes, die auf den \u2013 selbstverst\u00e4ndlich eng verschr\u00e4nkten \u2013 Phasen beruht, in denen sich Georges Weltbild entfaltet hat. Grundlage dieser Untersuchung ist ihm die schreckliche Allgegenwart, mit der dem Dichter George sich in aller tieferen Erfahrung der Natur das Chaos selbst als Grundkraft des Geschehens vor Augen stellt.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Unholdenhaft nicht ganz gestalte kr\u00e4fte:<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Allh\u00f6rige zeit die jedes schwache poltern<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Eintrug ins buch und alles staubgeblas<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Vernahm nicht euer unterirdisch rollen.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Von fr\u00fch auf aber hat sie dieser Dichter vernommen. Wie er im Sinn der christlichen Symbolik zun\u00e4chst, jedoch vergeblich, sich bem\u00fcht, den Bann, der ihm entgegenwirkt, zu brechen und dann mit dem Erscheinen Maximins ihn von sich genommen und Vers\u00f6hnung sich geschenkt f\u00fchlt \u2013 das macht den Gegenstand von Kochs Betrachtung. Im Sinne einer neueren theologischen Umschreibung des Objekts der Religion stellt der Verfasser die Natur\u00aderfahrung Georges unter dem Begriff des \u00bbAndern\u00ab vor. Es ist ihm leicht, mit einigen zwingenden Belegen das D\u00fcstere, Chthonische, das von dorther urspr\u00fcnglich als das Herrschende den Dichter ansprach, aufzuweisen. Zugleich gewinnt er so die F\u00fchlung mit Problemen, wie sie dem neuen Stande seiner Wissenschaft entsprechen. Er nimmt darauf Bezug, da\u00df im besonderen seit der j\u00fcngeren Romantik der Blick mancher Dichter auf die Erschlie\u00dfung der Welt von ihrer chthonischen Seite her gerichtet gewesen sei. \u00bb\u00dcber die dichterische Behandlung dieses Problems fehlen noch die grundlegenden Arbeiten. Die Ursache daf\u00fcr ist in der Tatsache zu sehen, da\u00df die Literaturwissenschaft in der Hauptsache bis jetzt eine formal-\u00e4sthetische Wissenschaft war, sei es, da\u00df ihre Bem\u00fchungen auf die \u203aGestalt\u2039 als individuelle, ideelle oder soziologische Gr\u00f6\u00dfe, oder auf das \u203aK\u00fcnstlerische\u2039 als Anwendung der Sprache abzielten. Der tats\u00e4chliche \u203aBoden\u2039 einer Dichtung und damit auch f\u00fcr die sie betrachtende Wissenschaft ist aber immer im Religi\u00f6sen zu suchen, aus dem sich Idee, Motiv, Gestalt und Sprache des Dichters erst als Folge ergeben.\u00ab Da\u00df mit einer Formulierung, in der das Sprachliche als \u00bbFolge\u00ab des Religi\u00f6sen erscheint \u2013 da es in Wahrheit doch dessen Medium darstellt \u2013 auch der gewissenhaftesten Forschung Grenzen gesetzt sind, die, je gr\u00f6\u00dfer ihr Objekt, sich um so enger erweisen m\u00fcssen, daran gemahnt die unvermittelte Gewaltsamkeit, mit der Kochs Studie abbricht. Das aber kann nicht hindern, auf die sehr wertvollen Feststellungen hinzuweisen, welche er im Verlauf ihr abgewinnt.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Es handelt sich dabei in immer neuen Wendungen um Georges Ringen mit der ihm eigenen Naturerfahrung. \u00bbGeorges Bild der Natur als eines d\u00e4monischen Wesens\u00ab, schreibt Koch, \u00bbist in seinem b\u00e4uerlichen Naturgef\u00fchl verwurzelt.\u00ab Mit diesen Worten streift der Autor die Zusammenh\u00e4nge, die ihm den Blick in die geschichtliche Werkstatt h\u00e4tten er\u00f6ffnen k\u00f6nnen, in der Georges Dichtung entstanden ist. Der Bauernsohn, dem die Natur eine \u00fcber\u00adlegene Macht ist, \u00bbdie er nie bezwingt, der er h\u00f6chstens einige Gewohn\u00adheiten absieht, mit der er im Kampfe lebt, gegen die er sich verteidigen und sch\u00fctzen mu\u00df\u00ab \u2013 ihm bleibt sie auch als einem Literaten, einem Bewohner gro\u00dfer St\u00e4dte, welcher er geworden ist, in aller ihrer Macht und allem ihrem Schrecken gegenw\u00e4rtig. Die Hand, welche sich nicht mehr um den Pflug ballt, ballt sich noch im Zorne gegen sie. In dieser unvers\u00f6hnlichen Geb\u00e4rde durchdringen sich die Kr\u00e4fte seines Ursprungs und die des sp\u00e4teren, von diesem Ursprung weit abgelegenen Lebens, das er f\u00fchrte. Die Natur erscheint ihm \u00bbverkommen \u2013 an der Grenze v\u00f6lliger \u203aEntgottung\u2039 angelangt. Deshalb ist es \u203aWeltnacht\u2039, in der nur noch schwach vernehmbar (\u203astarr und m\u00fcde\u2039) gestaltgebende Kr\u00e4fte wahrgenommen werden.\u00ab Der Verfasser hat vollkommen recht, einen Quellpunkt der dichterischen Kraft Georges in den beiden ber\u00fchmten Strophen aus dem \u00bbSiebenten Ring\u00ab zu suchen:<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Und wenn die grosse N\u00e4hrerin im zorne<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Nicht mehr sich mischend neigt am untern borne\u00b7<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>In einer weltnacht starr und m\u00fcde pocht:<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>So kann nur einer der sie stets befocht<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Und zwang und nie verfuhr nach ihrem rechte<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Die hand ihr pressen packen ihre flechte\u00b7<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Dass sie ihr werk willf\u00e4hrig wieder treibt:<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Den leib vergottet und den gott verleibt.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Da\u00df aber der Griff, mit dem diese Flechte der natura naturans gepackt sein will, die Ordnung und die Umordnung der menschlichen Verh\u00e4ltnisse ist, und sonst nichts \u2013 besonders nicht der Kult des Maximin \u2013, das ist die Einsicht, die erst das kritische Verm\u00f6gen des Forschers h\u00e4tte befreien k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Denn es ist in aller Erkenntnis, nicht in der Kritik allein \u2013 wie Hegel schon gelehrt hat \u2013 das Salz Verneinung. Handeln l\u00e4\u00dft sich aus vorbehaltloser Bejahung heraus; denken nicht. So kann denn auch die \u00bbAnn\u00e4herung an das Werk\u00ab, welche soeben unter dem Titel \u00bbDie ersten B\u00fccher Stefan Georges\u00ab Eduard Lachmann <sup>2)<\/sup> erscheinen l\u00e4\u00dft, es nicht weit bringen. Doch sein Buch l\u00e4\u00dft keinen Vergleich mit Kochs wertvoller Studie zu. In einem selbst im Schrifttum um George bemerkenswerten Ma\u00dfe fehlen dem Autor Distanz und jede F\u00e4higkeit, die Werke des Dichters anders zu bewerten als vollendete, ja anders ihnen sich zu n\u00e4hern, als in solchem Sinn sie wertend. Die leeren Zeremonien, die einmal von einem Lothar Treuge vorm Altar des Kreises in Versen sind begangen worden, tauchen nun hier, am Ende der Bewegung, nochmals in Prosa auf. Schranke wird diese Schrankenlosigkeit in der Be\u00adjahung aber auch Besonnenen. Die Auseinandersetzung mit der dichteri\u00adschen Figur, die in Gestalt des Maximin die Schwellengottheit vor dem Sp\u00e4twerk von George bildet, kommt bei Koch nicht mehr zustande. Vielmehr tr\u00e4gt der Verfasser kein Bedenken, dem \u00bbMaximin-Erlebnis\u00ab als dem \u00bbKern der Georgeschen <i>Religion<\/i>\u00ab mit dieser Meinungs\u00e4u\u00dferung zu begegnen: \u00bbDie psychologische und die geistesgeschichtliche Erkl\u00e4rungsmethode mu\u00df durch eine Ph\u00e4nomenologie des religi\u00f6sen Bewu\u00dftseins erg\u00e4nzt, ja auf diese mu\u00df alles gegr\u00fcndet werden. <i>Denn das religi\u00f6se Verantwortungsgef\u00fchl ist der nicht psychologisch und nicht geschichtlich erkl\u00e4rbare Ansto\u00df zum Maximin-Mythus<\/i>.\u00ab<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>So tritt von neuem dieser Sachverhalt ans Licht: Georges gro\u00dfes Werk ist zu Ende gegangen, ohne im Zeitraum, den sein Wirken ausgef\u00fcllt hat, auf seinen echten und ihm zugeborenen Kritiker gesto\u00dfen zu sein. Es tritt in einem Schwarm von J\u00fcngern fast unkenntlich, doch ohne Anwalt, vor den Richtstuhl der Geschichte. Freilich nicht ohne Zeugen. Welcher Art sie sind? Sie finden sich in einer Jugend, welche in jenen Gedichten gelebt hat. Nicht in der, die sich im Namen ihres Meisters auf Kathedern eingerichtet hat, und nicht in der, welche in seiner Lehre Befestigungen ihrer Position im Macht\u00adkampf der Parteien gefunden hat. Nein, vielmehr in der, welche an ihrem besten Teil schon darum ihr Zeugenamt vorm Richtstuhl der Geschichte versehen kann, weil sie tot ist. Die Verse, die ihr auf den Lippen lagen, entstammten nicht dem \u00bbStern des Bundes\u00ab, selten dem \u00bbSiebenten Ring\u00ab. Sie fand in jener Priesterwissenschaft der Dichtung, die in den \u00bbBl\u00e4ttern f\u00fcr die Kunst\u00ab geh\u00fctet wurde, nie einen Nachhall der Stimme, die \u00bbdas Lied des Zwergen\u00ab oder die \u00bbEntf\u00fchrung\u00ab getragen hatte. Ihr waren die Gedichte von George ein Trostgesang. Trost in Betr\u00fcbnissen, f\u00fcr die er heute schwerlich mehr ein Herz, Gesang in einer Weise, f\u00fcr die er heute schwerlich mehr ein Ohr hat.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>\u00bbGeorge hat die nur \u00e4sthetische Lebenshaltung durch ihre Heroisierung f\u00fcr sich und f\u00fcr solche, die sein Werk wirklich verstehen, aus der Welt geschafft\u00ab \u2013 so hei\u00dft es, zweideutig genug, bei Koch. Denn aus der Welt schaffte er mit der Haltung auch das Leben. Die gro\u00dfe Regression des Jugendstils f\u00fchrt dahin, da\u00df sogar das Bild der Jugend zu einer Mumie einschrumpft, deren Z\u00fcge nicht weniger von Ejlert L\u00f6vborg als von Maximin besitzen. Beide sterben in Sch\u00f6nheit. Das Geschlecht, welchem die reinsten und vollkommensten Gedichte von George ein Asyl gegeben haben, war zum Tode vorbestimmt. Jene Verfinsterung, die mit dem Krieg nur \u00fcber seinem Haupte zusammenzog, was lange schon in seinem Herzen braute, schien ihm so wie dem Dichter, dessen Verse es erf\u00fcllten, als Inbegriff aller Naturgewalt. George war ihm keineswegs der \u00bbK\u00fcnder\u00ab von \u00bbWeisungen\u00ab, sondern ein Spielmann, der es bewegte wie der Wind die \u00bbblumen der fr\u00fchen heimat\u00ab, welche drau\u00dfen l\u00e4chelnd zum langen Schlummer luden. Der gro\u00dfe Dichter ist George diesem Geschlecht gewesen, und er war es als Vollender der Deca\u00addence, deren spielerische Gebarung sein Impuls verdr\u00e4ngte, um in ihr dem Tod den Platz zu schaffen, den er in dieser Zeitenwende zu fordern hatte. Er steht am Ende einer geistigen Bewegung, die mit Baudelaire begonnen hat. Mag sein, da\u00df diese Feststellung einmal nur eine literarhistorische gewesen ist. Inzwischen ist sie eine geschichtliche geworden und will ihr Recht.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><sup>1) <\/sup>Willi Kodi, Stefan George. Weltbild, Naturbild, Menschenbild. Halle\/Saale: Max Niemeyer Verlag (1933). VIII, 114 S.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><sup>2) <\/sup>Eduard Lachmann, Die ersten B\u00fccher Stefan Georges. Eine Ann\u00e4herung an das Werk. Berlin 1933.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87150 size-medium alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO sch\u00e4tzt Walter Benjamin als undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 70. Todestag von Stefan George erinnert KUNO an ihn mit einer Studie \u00fcber den Symbolisten, die Walter Benjamin angefertigt hat. Stefan George schweigt seit Jahren. Indessen haben wir ein neues Ohr f\u00fcr seine Stimme gewonnen. 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