{"id":87144,"date":"2005-12-16T00:01:23","date_gmt":"2005-12-15T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87144"},"modified":"2022-02-18T12:01:23","modified_gmt":"2022-02-18T11:01:23","slug":"scherlok-cholms","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/16\/scherlok-cholms\/","title":{"rendered":"Scherlok Cholms"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vor 100 Jahren wurde Daniil Charms geboren<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daniil Charms erlebte als Erwachsener den Umbruch zwischen zaristischer Vergangenheit und sowjetischer Zukunft. Als er im Revolutionsjahr 1905 geboren wurde, war St. Petersburg seit zwei Jahrhunderten Hauptstadt und bis 1918 Schauplatz aller wichtigen Revolutionen. Die nach der Oktoberrevolution einsetzende Hungersnot und der B\u00fcrgerkrieg lie\u00df die Einwohnerzahl von 2,5 Millionen auf 722.000 im Jahr 1920 sinken. Auch die Familie Juwatschow verlie\u00df die Stadt und verbrachte einige Zeit im Haus der Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits in der Gegend von Saratow.<sup id=\"cite_ref-15\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Umsturz endete auch das Silberne Zeitalter mit seinen literarischen Hauptstr\u00f6mungen Symbolismus, Akmeismus und Futurismus. Die heterogene, provokative Richtung des Futurismus spielte besonders mit den Wortwurzeln und Klangelementen der Sprache und war Vorbild f\u00fcr Charms. In der Malerei dr\u00fcckte sich der Futurismus in der abstrakten Kunst aus, deren wichtigster Vertreter in St. Petersburg Kasimir Malewitsch (\u201eKubofuturismus\u201c) war.<\/p>\n<div class=\"image_wrapper \" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"img_container\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"immediate ntmb alignright\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/0e\/Black_circle.jpg\/440px-Black_circle.jpg\" alt=\"\u201eSein bestes Werk m\u00fc\u00dfte ich unbedingt ansehen\u201c, forderte Charms seine Ehefrau Marina zum Besuch einer Ausstellung von Kasimir Malewitsch auf. \u201eUnd es steht mir bis heute vor Augen: ein schwarzer Kreis im wei\u00dfen Quadrat.\u201c[16]\" width=\"220\" height=\"217\" data-w=\"440\" data-h=\"434\" data-fw=\"550\" data-fh=\"543\" data-original=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/0e\/Black_circle.jpg\/440px-Black_circle.jpg\" data-href=\"\/wiki\/Datei:Black_circle.jpg\" \/><i class=\"img_enlarge\"><\/i><\/div>\n<div class=\"caption\">\u201eSein bestes Werk m\u00fc\u00dfte ich unbedingt ansehen\u201c, forderte Charms seine Ehefrau Marina zum Besuch einer Ausstellung von Kasimir Malewitsch auf. \u201eUnd es steht mir bis heute vor Augen: ein schwarzer Kreis im wei\u00dfen Quadrat.\u201c<sup id=\"cite_ref-16\" class=\"reference\"><\/sup><\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">1925 lernte Charms den Dichter Alexander Wwedenski kennen, der seit der gemeinsamen Schulzeit mit dem Philosophen Leonid Lipawski und Jakow Druskin befreundet war. Charms fand Anschluss an diesen Kreis, mit dem er sein Leben lang eine enge Freundschaft \u00fcber alle Gruppierungen hinweg pflegte. Druskin nennt in seinen Tageb\u00fcchern Namen und Titel, die ihn und seine Freunde pr\u00e4gten. Dazu geh\u00f6ren die Philosophen Nikolai Losski und Wladimir Solowjow, die Dichter und Futuristen Welimir Chlebnikow, Alexei Krutschonych und der fr\u00fche Majakowski sowie die Filme <i>Das Cabinet des Dr. Caligari<\/i> oder <i>Dr. Mabuse, der Spieler<\/i>. Als pr\u00e4gende Schriftsteller werden Gustav Meyrink, Knut Hamsun und besonders die Werke von Sigmund Freud genannt, von denen bis zum Verbot 1936 allein im Staatsverlag 28 der 50 russischen \u00dcbersetzungen erschienen waren.<sup id=\"cite_ref-19\" class=\"reference\"><\/sup> In den 1920er Jahren hatte die psychoanalytische Bewegung in der Sowjetunion ihren H\u00f6hepunkt und besch\u00e4ftigte auch andere Vertreter der Avantgarde.<span id=\"K\u00fcnstlerische_Zirkel_und_erste_Verhaftung\" class=\"mw-headline\"><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charms war nicht nur in verschiedenen, unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Gruppierungen, er pflegte auch sonst vielf\u00e4ltige Kontakte, die \u00fcber seine systematisch gef\u00fchrten Aufzeichnungen namentlich erschlossen werden k\u00f6nnen. Darunter befanden sich etwa 150 Schriftsteller, mehr als 60 Schauspieler und Regisseure sowie um die 50 Maler.<sup id=\"cite_ref-21\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1925 traf Charms den Dichter und Kunstwissenschaftler Alexander Tufanow, der mit seiner Dichtung an Welimir Chlebnikow ankn\u00fcpfte, f\u00fcr seine phonematischen Experimente bekannt war und zu den letzten geh\u00f6rte, der noch in der zaum\u2019-Lauttradition schrieb. Die erste Schriftstellervereinigung, der Charms beitrat, war der von Tufanow gegr\u00fcndete Orden <i>DSO<\/i>. Im Herbst 1925 benannten sie sich in <i>Samowtschina<\/i>um und anschlie\u00dfend in <i>Linke Flanke<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam mit Wwedenski formierte Charms 1926 die <i>Vereinigung der Tschinari<\/i> (dt. \u201eRang\u201c, \u201eBeamter\u201c), einen privaten Freundeskreis, in dem die beiden Philosophen Druskin und Lipawski eine wichtige Rolle spielen und der sich vor allem mit religi\u00f6sen Fragen besch\u00e4ftigte. Erhalten sind die Protokolle der Gespr\u00e4che aus den Jahren 1933 und 1934.<sup id=\"cite_ref-22\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in offiziellen Verb\u00e4nden war Charms Mitglied. So wurde er am 26. M\u00e4rz 1926 in den <i>Allrussischen Dichterverband<\/i> aufgenommen, aus dem er jedoch wegen nichtgezahlter Mitgliedsbeitr\u00e4ge am 30. September 1929 wieder ausgeschlossen wurde. Am 1. Juli 1934 trat er dem 1932 gegr\u00fcndeten <i>Schriftstellerverband der UdSSR<\/i> bei.<sup id=\"cite_ref-24\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<div class=\"image_wrapper \" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"img_container\"><\/div>\n<div class=\"caption\">1927 gr\u00fcndete er zusammen mit Wwedenski und Nikolai Sabolozki die K\u00fcnstlervereinigung OBERIU (dt. \u201eVereinigung der Realen Kunst\u201c), die in ihrem Manifest die Berechtigung verschiedener Kunstrichtungen \u2013 Literatur, Bildende Kunst, Theater und Film \u2013 nebeneinander forderte. Die erste \u00f6ffentliche Veranstaltung <i>Drei linke Stunden<\/i> fand am 24. Januar 1928 im Haus der Presse statt. W\u00e4hrend der ersten Stunde, die unter dem Motto <i>Die Kunst ist ein Schrank<\/i> stand, krochen, gingen oder sa\u00dfen die Oberiuten auf einem schwarz lackierten Schrank. In der Theaterstunde wurde Charms\u2019 St\u00fcck <i>Jelisaweta Bam<\/i> uraufgef\u00fchrt. Der selbstgedrehte Antikriegsstummfilm <i>Der Fleischwolf<\/i> wurde in der dritten Stunde von Live-Jazzmusik begleitet gezeigt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"caption\">Im April 1930 wurde OBERIU nach kommunistischer Zeitungskritik von der politischen F\u00fchrung f\u00fcr staatsfeindlich erkl\u00e4rt und verboten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"caption\">Seinen vermutlich letzten Auftritt vor einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit hatte Charms auf der Trauerfeier f\u00fcr Malewitsch, als er am 17. Mai 1935 in dessen Wohnung sein Gedicht <i>Auf den Tod Kasimir Malewitsch\u2019 <\/i>vortrug.<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_98252\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98252\" class=\"wp-image-98252 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Daniil-Charms-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98252\" class=\"wp-caption-text\">Daniil Kharms, Photo 1932<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/12\/dr-caligari\/\">Premiere<\/a> von <em>Dr. Caligari<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren wurde Daniil Charms geboren Daniil Charms erlebte als Erwachsener den Umbruch zwischen zaristischer Vergangenheit und sowjetischer Zukunft. 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