{"id":87138,"date":"2022-02-02T00:02:18","date_gmt":"2022-02-01T23:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87138"},"modified":"2022-02-20T08:21:13","modified_gmt":"2022-02-20T07:21:13","slug":"eine-welt-der-ausgeschalteten-logik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/02\/eine-welt-der-ausgeschalteten-logik\/","title":{"rendered":"Eine Welt der ausgeschalteten Logik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der als Copyright der Matthes &amp; Seitz Berlin Verlagsgesellschaft erschienene Band stellt eine Auswahl der Erz\u00e4hlungen des russischen Schriftstellers Daniil Charms dar. Sie beruht auf der bislang vollst\u00e4ndigsten deutschsprachigen Ausgabe Daniil Charms <em>Alle F\u00e4lle. Das unvollst\u00e4ndige Gesamtwerk in zeitlicher Folge<\/em>, Z\u00fcrich 1995. Herausgegeben und \u00fcbersetzt von Peter Urban, war diese Ausgabe sehr schnell vergriffen. Die nun vorliegende Auswahl beschr\u00e4nkt sich, wie Urban in seiner editorischen Notiz anmerkt, \u201eauf die erz\u00e4hlende Prosa, und hier auf die besten St\u00fccke, vermehrt um etwa ein Dutzend neu entdeckter Texte. Sie verzichtet auf die theoretisch-philosophischen Arbeiten, die an anderen Orten zug\u00e4nglich gemacht sind.\u201c (S. 331) Der an dieser Stelle fehlende Verweis auf die vierb\u00e4ndige deutschsprachige Ausgabe der Werke von Daniil Charms, herausgegeben im Galiani-Verlag (Hrsg. Vladimir Glozer, Alexander Nitzberg, 2009-2010), ist offensichtlich auf die stark konkurrierenden Bem\u00fchungen um eine \u201eendg\u00fcltige\u201c deutschsprachige Publikation der Texte von Charms zu werten, zumal sich zwischen den Herausgebern und \u00dcbersetzern beider Editionen h\u00e4ufig gravierende strittige Meinungen \u00fcber die \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c g\u00fcltiger \u00dcbersetzungen herausbildeten. F\u00fcr die vorliegende Ausgabe der \u201eF\u00e4lle\u201c, so Urban in der Personalunion als Herausgeber und \u00dcbersetzer, \u201ewurden s\u00e4mtliche Texte erneut verifiziert anhand der Ausgabe \u201ePolnoe sobranie so\u010dinenij, \u2026 Sankt-Peterburg 1997 und 2001, \u2026, herausgegeben von Valerij Sa\u017ein.\u201c Sa\u017ein habe, so Urban, zwischen abgeschlossenen Texten und Fragmenten getrennt. Er ordnet die Texte, wie er selbst bekundet, unabh\u00e4ngig davon, \u201eob Fragment oder nicht, in chronologischer Reihenfolge.\u201c Dieser Editionsordnung folgt der Herausgeber, indem er im einleitenden\u00a0 Inhaltsverzeichnis nach Jahren getrennt (1927 bis 1941) alle Titel der Texte mit unterschiedlichen Genres auflistet und in den abschlie\u00dfenden Anmerkungen auf 32 Druckseiten minuti\u00f6se Erl\u00e4uterungen zu Textstellen, Personen, Ortsnamen, etymologisch aufgeladenen Begriffen,\u00a0 stilistischen Varianten, Verballhornungen u.a. vornimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitaus komplexer als die gattungsspezifische Zuordnung der Charms-Texte erweist sich eine literaturkritische und \u00fcbersetzungsrelevante Bewertung der vorliegenden \u201eF\u00e4lle\u201c, die George Saunders, Kolumnist der The New York Times Book Review, auf dem vorliegenden hard-cover-Band so beschreibt: \u201eBrillante, umwerfend komische, gewaltt\u00e4tige kleine Erz\u00e4hlungen.\u201c Es sind drei adjektivische Zuordnungen, die Urban in seiner editorischen Notiz mit den Begriffen \u201ahintergr\u00fcndig\u2018 und \u201agrotesk-komisch\u2018 belegt. Er folgt damit den Bewertungskriterien der akademischen Literaturgeschichtsschreibung, die Daniil Charms als Klassiker des russischen absurden Humors bezeichnet. Dass sie in dieser Nomenklatura nur einer \u00fcberlieferten, in der Zwischenzeit obsolet gewordenen Zuschreibung folgt, kritisiert der Herausgeber Urban mit dem Verweis auf die Charms-Biografin Gudrun Lehmann. Sie habe Charms \u2013 als Daniil Ivanovi\u010d Juva\u010dev 1905 in St. Petersburg geboren -als wahren Realisten, als Chronisten \u201eder zunehmenden Verrohung einer Gesellschaft \u2026 [als] Chronist einer brutal voranschreitenden Sowjetisierung des Alltags\u201c bezeichnet. Diese beiden, in unterschiedlichen Textformen pr\u00e4sentierten Aspekte sind es, die der Leser beobachtet und zugleich schmerzlich-lustvoll empfindet, wenn er zwischen gebremstem Gel\u00e4chter \u00fcber alogische Abl\u00e4ufe und j\u00e4hem Erschrecken auf Textpassagen st\u00f6\u00dft, die Verweise auf k\u00f6rperlich brutale wie auch psychisch unertr\u00e4gliche Situationen enthalten. Die Lekt\u00fcre der sowohl mit als auch ohne \u00dcberschriften versehenen Texte erweist sich immer dann als befreiend, wenn der pr\u00fcfende Blick auf die textlichen Erl\u00e4uterungen im Abschnitt \u201aAnmerkungen\u2018 f\u00e4llt, wie. \u201eDie Geschichte Ruckrr Apprr\u201c aus dem Jahr 1929 (vgl. S. 18-27). Sie ist ein beredtes Beispiel f\u00fcr eine Mischung aus Skurrilem, Brutalem, Slapstick-Elementen, abgr\u00fcndigem Humor und Satirischem. Die Anmerkung zu diesem Text (vgl. S. 337) bringt nur schemenhafte Erl\u00e4uterungen zu den Dialogen zwischen Andrej, Pjotr und einem durchgedrehten Professor. Auf jeden Fall bleibt die Deutung von <em>Ruckrr-Apprr<\/em> als eine Anspielung auf die 1932 aufgel\u00f6ste Russische Assoziation Proletarischer Schriftsteller, die unter der Kontrolle der kommunistischen Partei stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonders auff\u00e4lliges Beispiel f\u00fcr den bewussten soziopolitischen Normenbruch und zugleich f\u00fcr den groben moralischen Versto\u00df gegen die von der Partei vorgeschriebene Lebensweise ist ein \u201ePaschquill\u201c, der bewusst gegen die sexuelle Zuordnung verst\u00f6\u00dft. Der Beweis ist schl\u00fcssig: Der ber\u00fchmte Rezitator Anton Isaakovi\u010d \u0160., eine historische Pers\u00f6nlichkeit, kommt nach Hause und sagt zu ihrer Frau: \u201eAlso mein Liebes, nun koch mir doch mal was Sch\u00f6nes mit Nudeln.\u201c (S. 240) Anschlie\u00dfend geht er zu ihrer Frau ins Bett. Der im Jahr 1940 handschriftlich angefertigte Paschquill, also in diesem Fall einer Parodie auf eine Schm\u00e4hschrift, verdeutlicht die Haltung des literarischen Au\u00dfenseiters. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits seit den fr\u00fchen 1930er Jahren im Visier der Geheimpolizei und landet zu Beginn der 1940er Jahre in der Psychiatrie, wo er als Zwangspatient im Sankt Peterburger Kresty-Gef\u00e4ngnis 1942 den Hungertod erleidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charms spielt auch mit dem Normengef\u00fcge des Begriffs \u201aErz\u00e4hlungen\u2018. In f\u00fcnf unvollendete Erz\u00e4hlungen (vgl. S. 209f.) unterbricht ein Wir-Erz\u00e4hler viermal den Erz\u00e4hlfluss und wendet sich ohne Angabe von Gr\u00fcnden der n\u00e4chsten Geschichte zu. In der Passage 13 schl\u00e4gt ein Philosoph auf eine Trommel und verk\u00fcndet: \u201eDas ist ein philosophischer L\u00e4rm\u201c, behauptet \u201eunsinniges\u201c Zeug, legt sich mit sich selbst an und will, falls es keinen L\u00e4rm geben sollte, diesen erzeugen. Doch dazu kommt es nicht, denn der Wir-Erz\u00e4hler ist bereits in der n\u00e4chsten Sequenz gelandet, in der der Philosoph unter B\u00e4umen spaziert und schweigt, \u201edenn die Inspiration hatte ihn verlassen.\u201c (S. 210)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit immer frischen Inspirationen aber werden Leser*innen versorgt, wenn sie mit einer Mischung aus ungl\u00e4ubigem Staunen und glucksendem Lachen sich von Fall zu Fall bewegen, ohne zu st\u00fcrzen. Dieser Band ist prall gef\u00fcllt mit absurden F\u00e4llen aus dem russischen Alltag, l\u00f6st Lachkaskaden aus und gibt sich alogischen Visionen hin. Diese Kurzgeschichten, Szenen und Briefe sind angef\u00fcllt mit bl\u00fchendem Bl\u00f6dsinn, der uns immer wieder verbl\u00fcfft, selbst wenn es um brutale zwischenmenschliche Beziehungen geht, selbst wenn \u2026 ach greifen Sie selbst zu diesen \u201eF\u00e4llen\u201c, schon die urkomische Zeichnung auf dem Titelblatt mit der Clownsfratze, einem Ohr und einer verrutschten Nase f\u00fchrt Sie mittenhinein in die Charms\u2019schen Welt der ausgeschalteten Logik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00e4lle<\/strong>. Und weitere Prosa, Szenen, Dialoge, von Daniil Charms. Herausgegeben und aus dem Russischen von Peter Urban. Berlin (Friedenauer Presse) 2021.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-87142 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms-560x887.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms-260x412.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms-160x254.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Charms.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der als Copyright der Matthes &amp; Seitz Berlin Verlagsgesellschaft erschienene Band stellt eine Auswahl der Erz\u00e4hlungen des russischen Schriftstellers Daniil Charms dar. Sie beruht auf der bislang vollst\u00e4ndigsten deutschsprachigen Ausgabe Daniil Charms Alle F\u00e4lle. Das unvollst\u00e4ndige Gesamtwerk in zeitlicher&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/02\/eine-welt-der-ausgeschalteten-logik\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98252,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3028,1158],"class_list":["post-87138","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-daniil-charms","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87138"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98696,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87138\/revisions\/98696"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98252"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}