{"id":87027,"date":"1991-04-11T00:01:47","date_gmt":"1991-04-10T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87027"},"modified":"2025-07-11T13:41:43","modified_gmt":"2025-07-11T11:41:43","slug":"der-serial-killer-als-popstar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/04\/11\/der-serial-killer-als-popstar\/","title":{"rendered":"Der Serial Killer als Popstar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Lecter ist kein Ed Gein oder Ted Bundy, der wahllos Menschen t\u00f6tet. Dass auch dieses Morden zum berechnenden System erhoben werden kann, unterstrich John McNaughton 1986 in seinem beunruhigenden Henry.<br \/>\n<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Critic.de<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <em>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/em> betrachten wir ein B-Movie in der Tradition eines Jack Arnold, in dem wir die Darsteller aus der G\u00fcteklasse-A von Hollywood bereits kennen. \u00c4hnlich wie weiland <em>Psycho<\/em> von Sir Alf oder <i>Opera<\/i> von Dario Argento tr\u00e4gt dieser Film darzu, die Hemmschwelle f\u00fcr guten Filmgeschmack, sagen wir: auszuweiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das M\u00e4dchen aus Taxi Driver.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die junge FBI-Anw\u00e4rterin <em>Clarice Starling<\/em> befindet sich noch in der Ausbildung, als sie an einem besonders schwierigen Fall mitarbeiten darf. Das FBI ist auf der Jagd nach einem Serienm\u00f6rder, der von den Boulevard-Medien \u201eBuffalo Bill\u201c getauft worden ist. Dieser hat bereits mehrere junge Frauen ermordet und post mortem Teile ihrer Haut entfernt. Da die Ermittler unter der Leitung von <em>Jack Crawford<\/em> keinen Schritt weiterkommen, entschlie\u00dfen sie sich zu einer ungew\u00f6hnlichen Taktik. Ausgerechnet der inhaftierte Serienm\u00f6rder <em>Hannibal Lecter<\/em>, der mit Vorliebe die Innereien seiner Opfer verspeiste, soll ihnen bei der Aufkl\u00e4rung des aktuellen Falls helfen. Der Psychopath ist zwar einerseits hochgef\u00e4hrlich, hat aber als erfahrener Psychiater einen entscheidenden Vorteil gegen\u00fcber der Polizei: Er kann sich in die Gedanken des T\u00e4ters hineinversetzen und seine n\u00e4chsten Schritte erahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kunst kann abscheulich sein, weil die Realit\u00e4t abscheulich ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clarice besucht Hannibal in der von Dr. Frederick Chilton geleiteten Anstalt, dem Baltimore Forensic State Hospital. Dort wird Lecter in einer fensterlosen Zelle unter h\u00f6chsten Sicherheitsvorkehrungen gefangen gehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Kann man den Kannibalen und Serienm\u00f6rder als K\u00fcnstler bezeichnen?<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kannibalistische M\u00f6rder zeigt sich nach einigem Z\u00f6gern kooperativ, stellt aber eine Bedingung: <em>Quid pro quo<\/em>. F\u00fcr jede Information, die er Starling gibt, will er von ihr ein Erlebnis aus ihrem Privatleben erfahren. Im Verlauf der in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden mit Lecter gef\u00fchrten Gespr\u00e4che wird deutlich, dass Clarice unter einem psychischen Trauma leidet. Als Kind hat sie ihren Vater verloren, der als Polizist bei einem Einsatz ums Leben kam. Danach lebte sie kurze Zeit auf dem Hof ihres Onkels, fl\u00fcchtete aber. Denn dort gab es einen Schlachthof, und sie konnte es nicht ertragen, dass sie noch nicht einmal den L\u00e4mmern das Leben retten konnte, die sie schreien h\u00f6rte. Wenn Clarice schlafen geht, h\u00f6rt sie manchmal die L\u00e4mmer immer noch schreien. Hannibal erkennt ihre Zwangslage und provoziert sie damit. Er unterstellt ihr, dass sie davon tr\u00e4ume, mit der Verhaftung von \u201eBuffalo Bill\u201c ihr Trauma zu \u00fcberwinden, und dass dann die L\u00e4mmer schweigen werden. Im Verlauf der Gespr\u00e4che zeigt sich, dass Lecter so etwas wie Sympathie f\u00fcr die aus kleinen Verh\u00e4ltnissen kommende, ehrgeizige und willensstarke FBI-Agentin empfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was macht die Faszination eines Serienm\u00f6rders aus?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den beiden Protagonisten entwickelt sich ein psychologisches Duell auf hohem Niveau. Als Clarice bei der Obduktion eines Mordopfers einen seltenen verpuppten Schmetterling (<em>Acherontia<\/em>) findet, der dort offensichtlich vom T\u00e4ter platziert worden ist, weist Lecter sie darauf hin, dass der T\u00e4ter die eigene Identit\u00e4t hasse, sich nach der Verwandlung in etwas Sch\u00f6nes sehne und wahrscheinlich eine Frau werden m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nachdem die Tochter einer Senatorin entf\u00fchrt worden ist, behauptet Lecter, den T\u00e4ter zu kennen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verlangt bessere Haftbedingungen und eine Verlegung aus dem Forensic State Hospital. Die Senatorin l\u00e4sst ihn nach Memphis bringen und bietet ihm eine Verbesserung der Haftbedingungen an, wenn er bei der Ergreifung des T\u00e4ters helfe. Lecter wird im Gerichtsgeb\u00e4ude <em>Tennessee Courthouse<\/em> unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gefangen gehalten. Dennoch gelingt ihm eine tollk\u00fchne Flucht, die zwei Polizisten, Mitarbeiter eines Rettungswagens und ein Tourist mit dem Leben bezahlen m\u00fcssen. Lecter verschwindet unerkannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Steckt in jedem von uns ein finsterer Trieb?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clarice versucht, mit Hilfe der Erinnerung an die Gespr\u00e4che mit Lecter und einiger seiner Notizen den Fall zu l\u00f6sen. Lecter hatte ihr mitgeteilt, dass der M\u00f6rder <em>begehren<\/em> w\u00fcrde. Sie schlie\u00dft daraufhin, dass der M\u00f6rder begonnen habe, etwas zu begehren, was er t\u00e4glich gesehen habe, und f\u00e4hrt nach Belvedere, Ohio. Als sie die Familie des ersten Mordopfers besucht, versteht sie das Mordmotiv: Der M\u00f6rder entf\u00fchrt korpulente Frauen, l\u00e4sst sie eine Zeit lang hungern, ermordet sie und zieht ihnen die Haut ab. Aus dieser Haut n\u00e4ht er sich ein Kleid, welches er tragen kann, da er sich danach sehnt, eine Frau zu sein. Clarice trifft bei ihren weiteren Ermittlungen auf einen Mann namens <em>Jack Gordon<\/em> aus dem Bekanntenkreis des ersten Mordopfers. Dieser introvertierte Schmetterlingsfreund hei\u00dft mit wirklichem Namen Jame Gumb und entpuppt sich schlie\u00dflich als der M\u00f6rder \u201eBuffalo Bill\u201c. In dessen Haus, in dem er sich nach einem absichtlich verursachten Stromausfall mit einem Nachtsichtger\u00e4t orientiert, das er bereits bei der Entf\u00fchrung der Tochter der Senatorin benutzte, kommt es zum Showdown. Starling erschie\u00dft ihn in Notwehr und befreit die Tochter der Senatorin, die in Gumbs Keller gefangen gehalten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Starling machtan der FBI-Akademie ihren Abschluss und erh\u00e4lt w\u00e4hrend der Abschlussfeier einen Anruf:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lecter meldet sich vom Flughafen der Karibikinsel Bimini, wo gerade sein ehemaliger Gef\u00e4ngnisdirektor Dr. Frederick Chilton eingetroffen ist. Er fragt Clarice, ob die L\u00e4mmer nun schweigen, und w\u00e4hrend er den nerv\u00f6s und gehetzt wirkenden Dr. Chilton aus der Ferne beobachtet, verabschiedet er sich von Clarice mit der Bemerkung, er habe noch ein Abendessen mit einem alten Freund.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein gute Chianti? Eher nicht!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Geschmack von Dr. <em>Lecter<\/em> vermag KUNO nicht zu teilen. Zu Leber pa\u00dft <span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Zweigelt, Sankt Laurent und Blaufr\u00e4nkisch mittelkr\u00e4ftig. Fruchtige Rotweine mit wenig Tannin erg\u00e4nzen die zarten R\u00f6staromen der Leber ohne unharmonische Bitternoten zu erzeugen. Wahrscheinlich ist uns dieser Film im Nachgang eher s\u00e4uerlich aufgesto\u00dfen.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Schweigen der L\u00e4mmer<\/strong>, Regie Jonathan Demme, die Hauptrollen spielten Jodie Foster als Clarice Starling und Anthony Hopkins als Hannibal Lecter.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87031 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-216x300.jpg 216w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-737x1024.jpg 737w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-768x1066.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-560x778.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-260x361.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover-160x222.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/04\/laemmer_Cover.jpg 870w\" sizes=\"auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik <\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lecter ist kein Ed Gein oder Ted Bundy, der wahllos Menschen t\u00f6tet. Dass auch dieses Morden zum berechnenden System erhoben werden kann, unterstrich John McNaughton 1986 in seinem beunruhigenden Henry. 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