{"id":86976,"date":"2009-12-10T00:01:13","date_gmt":"2009-12-09T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86976"},"modified":"2026-02-10T04:15:38","modified_gmt":"2026-02-10T03:15:38","slug":"ohne-herkunft-keine-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/10\/ohne-herkunft-keine-zukunft\/","title":{"rendered":"Ohne Herkunft keine Zukunft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Mit der Schneckenpost setzte sich der Briefroman durch.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mit dem Photokopierer konnte jeder Nonkonformist zum Verleger werden.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mit dem Microbloggingdienst kam die 140-Zeichen-Twitteratur.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literarisch befasst sich KUNO seit 1989 mit der Unerforschlichkeit des Subjekts, mit der Abgr\u00fcndigkeit des Ichs, mit der Nichtfestlegbarkeit des Individuums. Das Lesen macht uns seither kl\u00fcger und d\u00fcmmer zugleich. Je mehr wir lesen, desto mehr Fragen stellen wir uns in der Redaktion. Und je intensiver wir lesen und die nonkonformistische Literatur in diesem Inlinemagazin dokumentieren, desto deutlicher wird uns, dass es darum nicht geht, sondern um den Zugewinn an Leben, den wir uns durch das Lesen, das Reflektieren und das Erz\u00e4hlen von Geschichten verschaffen. Die Fiktion ist im Zeitalter des www genau der Ort, wo Dinge \u2013 sowohl so als auch \u2013 nicht so sind wie sie scheinen, wo Welten existieren, an die wir fest glauben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend wir zugleich wissen, dass sie nicht existieren, m\u00f6glicherweise nicht existiert haben und wahrscheinlich niemals existieren werden. Und diese sch\u00f6ne Komplikation war nie bedeutsamer als in unserem Zeitalter der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Vereinfachung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aphoristiker bekennen sich zu allem und jedem, jedoch auch nicht gegen alles oder jedes.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Jahr erschien die Textsammlung: <em>Twitterature. The World\u2019s Greatest Books Retold Through Twitter<\/em> von Alexander Aciman und Emmet Rensin. Die Sammlung enth\u00e4lt Palimpseste einiger Werke der Weltliteratur in netzaffiner Jugendsprache. Dies beschr\u00e4nkt auf 140 Zeichen. <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span> ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, sie scheint auf besondere Weise verf\u00fcgbar und dienstbar zu sein. Bestand die Modernit\u00e4t dieser Mikrogramme bisher in ihrer Operativit\u00e4t, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Sp\u00e4tmoderne. Inwieweit diese neue Literaturgattung die <em>Nonkonformistische Literatur<\/em> fortf\u00fchren kann, wird sich in den kommenden Jahren erst noch erweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was die Schriftsteller A.J. Weigoni, Joanna Lisiak, und Holger Benkel eint ist die Pr\u00e4gung durch einen nonkonformistischen Eigensinn.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bei jeder neuen Literaturgattung gibt es Vorl\u00e4ufer. Weigoni, Lisiak und Benkel zeigen in ihren Werken eine Ablehnung traditioneller literarischer Konventionen. Sie experimentieren mit Sprache, Form und Inhalt. Dies ist ein gemeinsames Element in den Arbeiten der genannten Autoren, die das Feedback und die Reaktionen ihres Publikums in ihren kreativen Prozessen ber\u00fccksichtigen. Die genannten Schriftsteller bieten unterschiedlichste Perspektiven auf diese neue Form der Literatur und benehmen sich oft subversiv gegen\u00fcber den Erwartungen des Publikums. Mit ihrem Eigensinn tragen Weigoni, Lisiak und Benkel, die Grenzen der Poesie zu erweitern und neue Wege des literarischen Ausdrucks zu erkunden. Ihre Werke sind nicht nur Texte, sondern auch Kommentare zu den sich wandelnden Kommunikationsformen in der modernen Welt. Benkels <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\"><em><span style=\"color: #ff0000;\">Gedanken, die um Ecken biegen<\/span><\/em><\/a> gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine R\u00e4nder verstehbar zu machen. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">joanna lisiak, die sonst lyrik, kurzprosa, dramatik, h\u00f6rspiele und essays schreibt, verkn\u00fcpft in ihren \u00bbWederendungen\u00ab redewendungen zu miniaturen, die aphorismen, sentenzen, maximen oder epigrammen \u00e4hneln.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Holger Benkel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/11\/10\/gedankenstrich-47\/\"><em>Gedankenstriche<\/em><\/a><\/span> lautete der Titel einer Abfolge von Prosaminiaturen, die ab 2006 auf KUNO regelm\u00e4\u00dfig pr\u00e4sentiert wird. G\u00e4be es eine Geographie lyrischer Formen, dann l\u00e4ge sie wahrscheinlich zwischen Haiku, Tanka und Monostichon, neudeutsch <em>Twitteratur<\/em>. Aufgrund seiner extremen K\u00fcrze werden diese Gattungen vor allem f\u00fcr Formen verwendet, die aus Verknappung und Verdichtung ihren \u00e4sthetischen Reiz ziehen, also literarische Kleinstformen wie Gnome, Epigramm, Sinnspruch, Sprichwort, Sentenz und \u00c4hnliches. Joanna Lisiaks <em>Gedankenstriche<\/em> zeigen, wie das Leben so spielt, sie spiegeln einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, eine fortgeschriebene Com\u00e9die Humaine, die durch den inszenierten Zufall wirklich Leben bekommt. Ihre Prosaminiaturen sind ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen und Verschwinden, gegen Entfremdung und das langsame Sterben an allgemeiner Ratlosigkeit. Mitunter flie\u00dfen auch Typologien zur Literatur als poetologische Selbstreflexion ein. Die Autorin unterwirft sich mit ihrer <em>Twitteratur<\/em> keinen strengen Regeln, ihre K\u00fcrzestprosa besteht oft aus wenigen Worten, es sind Momentaufnahmen, eine per W\u00f6rterzoom herangeholte Einzelheit oder Beobachtung. Diese Einfachheit, die zum Kern der Sache vordringt, eine Idee komprimiert, verdichtet Lisiak zu einer Poesie des Alltags, sie mischt sich ein, kommentiert, stellt Fragen, unaufdringlich und schlicht, aber durchaus scharfz\u00fcngig. Mit der K\u00fcrze entsteht eine Konzentration auf das Elementare. Es sind Texte, denen jede Klage \u00fcber die Vergangenheit fremd sind, sie zeigen das gerade dort, wo es am wichtigsten ist: im Alltag. Und sie zeigen das, was dabei herauskommt, in aller Sch\u00f6nheit und Faszination.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn es Videoclips gibt, muss auch die Literatur auf die ver\u00e4nderten medialen Verh\u00e4ltnisse reagieren.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">A.J. Weigoni<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/11\/erkundungen-fuer-die-unerbittliche-praezisierung-des-sprachgefuehls\/\"><em>Mikrogramme<\/em><\/a><\/span> von A.J. Weigoni stellen einen spannenden \u00dcbergang zwischen zwei bedeutenden Epochen der Literatur dar: der klassischen literarischen Moderne und der digitalen Echtzeit-\u00c4sthetik. Diese kurze und pr\u00e4gnante Form der Literaturexpression spiegelt nicht nur den Zeitgeist wider, sondern \u00f6ffnet auch das Tor zu neuen Formen des Schreibens und Lesens, die wir heute in sozialen Medien wie Twitter erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Notate von Weigoni sind tief in der Tradition der klassischen Moderne verwurzelt und antizipieren zugleich die fragmentierte, fl\u00fcchtige \u00c4sthetik des digitalen Zeitalters. Lange bevor soziale Medien die literarische Verknappung zum Standard erhoben, experimentierte Weigoni mit der radikalen Verdichtung von Sinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Weigonis Mikrogramme stehen in einer ehrw\u00fcrdigen Ahnenreihe. Wer den Begriff h\u00f6rt, denkt unweigerlich an Robert Walser, dessen winzige Bleistift-Manuskripte eine Intimit\u00e4t und Zerbrechlichkeit ausstrahlten, die sich gegen das \u201eGro\u00dfe\u201c und \u201ePomp\u00f6se\u201c sperrten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch w\u00e4hrend <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/15\/robert-walser\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Robert Walser<\/span><\/a>s Mikrogramme durch die physische Kleinheit der Schrift definiert waren, setzt Weigoni auf eine strukturelle Mikrologie. Er greift die Tradition des Aphorismus (Lichtenberg, Nietzsche) und des lyrischen Fragments auf. Es geht um die Emanzipation des Einzelwortes: Jedes Zeichen muss eine enorme semantische Last tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der heutigen Zeit ist Literatur nicht mehr nur auf gedruckte Buchformen beschr\u00e4nkt. Twitterliteratur erlaubt es, Gedanken in Echtzeit zu teilen und Diskussionen in einem \u00f6ffentlichen Raum anzusto\u00dfen. Dies erfordert eine Form der Kreativit\u00e4t, die Weigonis <em>Mikrogramme<\/em> bereits vorwegnahmen. Seine Mikrogramme fungieren als kulturelles Scharnier zwischen der klassischen Moderne, die oft durch komplexe, verschlungene Erz\u00e4hlweisen und tiefgehende Charakterstudien gekennzeichnet ist, und einer neuen, digitalen Form des Sprechens und Schreibens. Die Verbindung zu Twitter und anderen schnelllebigen Plattformen ist unverkennbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes &#8222;Mikrogramm&#8220; kann als Miniaturwerk betrachtet werden, das zur Reflexion anregt und komplexe Gedanken in knapper Form vermittelt. In beiden Formen \u2013 den Mikrogrammen und der <em>Twitteratur<\/em> \u2013 wird die Rolle des Lesers neu definiert. Der Leser wird aktiv in den Schaffensprozess einbezogen, wird Teil des Dialogs. Diese Interaktivit\u00e4t ist eine der fundamentalen Ver\u00e4nderungseigenschaften der digitalen Kommunikation. Leser reagieren auf Tweets, interpretieren. Mikrogramme und tragen so zur Entstehung eines vielstimmigen Diskurses bei. Diese Variante ist mehr als nur eine literarische Form; sie sind ein Indikator f\u00fcr den Wandel in der internationalen Literatur. Sie markieren den \u00dcbergang von einer Zeit, in der auf tiefgr\u00fcndige Erz\u00e4hlungen Wert gelegt wurde, zu einer \u00c4ra, in der Schnelligkeit, Spreizbarkeit und Kommunikation im Vordergrund stehen. In der heutigen digitalen Welt, in der jede Sekunde z\u00e4hlt, stellt die <em>Twitteratur<\/em> eine Gradwanderung dar, die tief in den Wurzeln der Mikrogramme verankert ist. Weigonis Werk bietet uns einen faszinierenden Blick auf die Synergien zwischen der traditionellen Literatur und der elektrisierenden Energie der digitalen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eMikrogramme\u201c von A.J. Weigoni markieren den Moment, in dem die Literatur lernt, mit der Geschwindigkeit der Moderne zu atmen, ohne ihre Seele an die Oberfl\u00e4chlichkeit zu verlieren. Sie sind das notwendige Bindeglied zwischen der Melancholie des 20. Jahrhunderts und der rasanten Dynamik des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mikrogramme<\/strong> von A.J. Weigoni, KUNO 2006 \u2013 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedankenstriche<\/strong> von Joanna Lisiak, KUNO 2006 \u2013 2016<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel 2006 &#8211; 2019<\/p>\n<div id=\"attachment_90252\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-90252\" class=\"wp-image-90252 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/03\/Twitter-Bird-300x209.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"209\" \/><p id=\"caption-attachment-90252\" class=\"wp-caption-text\">Das erste Twitter-Logo ist ein Design-Klassiker: Der blaue Vogel \u201eLarry&#8220;.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong>\u2192 Die Redaktion bat Holger Benkel um einen <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/21\/kurze-saetze\/\">Rezensionsessay<\/a><\/span> zum Aphorismus gebeten. Ein Portr\u00e4t von Holger Benkel lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/10\/30\/gedankenstrich\/\"><em>Gedankenstriche<\/em><\/a><\/span> von Joanna Lisiak sind eine mischung aus tagebuch, selbstreflexionen, werkstattbuch und alltagsbeobachtungen\u201c, <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/07\/aus-der-werkstatt-eines-kreativen-denkens\/\">schreibt<\/a><\/span> Holger Benkel in einem Rezensionsessay. Lesen Sie auch das <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a><\/span> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Die &#8222;<span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/09\/aphorismus-statt-algorithmus\/\"><em>Mikrogramme<\/em><\/a><\/span>&#8220; von A.J. Weigoni sind eine Serie von Miszellen \u2013 kurzen, essayistischen oder aphoristischen Texten \u2013 die zwischen 2006 und 2011 auf der Plattform KUNO ver\u00f6ffentlicht wurden.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Schneckenpost setzte sich der Briefroman durch. 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