{"id":86893,"date":"2023-08-19T00:01:38","date_gmt":"2023-08-18T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86893"},"modified":"2022-02-25T19:06:12","modified_gmt":"2022-02-25T18:06:12","slug":"er-denkt-an-sein-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/19\/er-denkt-an-sein-land\/","title":{"rendered":"Er denkt an sein Land"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Es galt, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten. Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Es galt, die Grenzen des Sagbaren \u2013 oder Unsagbaren \u2013 immer weiter hinauszutreiben, in Regionen, in denen ihre Sprache eine eigene Wirklichkeit schuf. Das Wissen \u00fcber den Glauben war verloren gegangen, der Glaube an das Wissen \u00fcberlebte. Am Ende galt es, den Glauben an das Wissen durch das Wissen selbst zu verlieren.\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Blatt, das die Kopiermaschine ansaugte, gem\u00e4\u00df ihrer Bestimmung, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten, war leer. Oder nicht? Als es wieder hinaus glitt, war es ein anderes. Es war <i>markiert. <\/i>Die erwartete Kopie des Originals blieb aus. Die Maschine signalisierte einen Defekt.<br \/>\nIch griff nach dem Original. Nach dem, was ich f\u00fcr das Original hielt. Dort gab es in der Mitte des Blattes eine dunkle Zeile, Buchstaben, die an den Rundungen unterbrochen waren, wieder ins Wei\u00dfe hinein. Das Wort lie\u00df sich lesen, es hie\u00df <i>Wiederholung<\/i>. Das aber war nicht mein Wort.<br \/>\nSeit einigen Tagen kopierte ich in dem B\u00fcro am Mariannenplatz das Material f\u00fcr eine kleine Publikation visueller Poesie. Diesen Fragmenten ging es wie dem letzten Menschen eines ausgestorben geglaubten Stammes, den es erkl\u00e4rungslos in die westliche moderne Welt verschlagen hatte und der, von ein paar Sonnenstrahlen getroffen, dort erwacht. Ich hatte Monate zuvor einen Roman dar\u00fcber geschrieben, ihn in eine kleine Holzkiste gepresst und diese f\u00fcr immer zugenagelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das B\u00fcro lag isoliert von allen anderen R\u00e4umen am \u00e4u\u00dfersten Rand des Komplexes. In dem ehemaligen Krankenhausgeb\u00e4ude einen Steinwurf vom Sperrgebiet der deutsch-deutschen Grenze entfernt verbrachte ich 6 Monate eines Kulturstipendiums. Ich hatte einen Kopierschein. Ich schuf mir damit die Arbeitsgrundlage f\u00fcr mein Stipendium. Doch jetzt hatte ich eine Zwangspause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schreibkraft am Schreibtisch nahe der T\u00fcr hielt in ihrem emsigen Schlagen auf Buchstabentasten inne. Sie schlug die Sprache, die sie auf wei\u00dfe Bl\u00e4tter \u00fcbertrug, das hatte ich deutlich im Kopf. Sie riss das engbeschriebene Blatt heraus und spannte in Windeseile ein neues ein. Hektisch setzte sie mit allen 1o Fingern zugleich ein einziges Wort aufs wei\u00dfe Papier. Dann riss sie das Blatt wieder heraus. Sie schrie auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blass war sie, ihre rosa geschminkten Lippen bebten, als sie zu mir ans wuchtige Kopierger\u00e4t trat, das parallel zu den breiten unverhangenen Fenstern aufgestellt war. Die Fenster gaben die Aussicht auf den unbegr\u00fcnten, in langen Bahnen geharkten Grenzstreifen und den in seinen Konturen scharf heraus stechenden Kontrollturm frei. Das sp\u00e4tnachmittagliche Oktoberlicht schien in der Gr\u00e4unis der zugemauerten Fassaden gegen\u00fcber ersoffen. Dort war die andere Welt, einen olympischen Steinwurf entfernt. Und doch ferner als Australien. Der Wachturm schien nahe heranger\u00fcckt. Man konnte hinter dem l\u00e4nglichen Fenster des Turms den anonymen Oberk\u00f6rper des diensthabenden Postens sehen. Er richtete sein Fernglas direkt in unser B\u00fcro. Offenbar galt sein Interesse nicht uns, die wir uns unschl\u00fcssig im Zimmer hin und herbewegten, sondern dem Kopierger\u00e4t und der beeindruckend gro\u00dfen elektrischen Schreibmaschine weiter hinten auf dem Tisch nahe der T\u00fcr. Das\u00a0teilten uns seine hektisch das Glas f\u00fchrenden Bewegungen zwischen den beiden Ger\u00e4ten mit. Es war im Jahr 1986. Jetzt erst bemerkte ich, dass die Schreibdame, die mir nur wenig vertraut war, das Blatt in der Hand hielt. Ihre Hand zitterte und auf dem Blatt stand d a s Wort. Konnte der Kopierer ein Original verschlucken und es gegen ein anderes austauschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Flur kein Laut, es war kurz vor Feierabend. Der B\u00fcroraum lag am \u00e4u\u00dfersten Ende des Geb\u00e4udes. Auf einem gro\u00dfen Tableau an der Flurwand hatte ein K\u00fcnstler einige Dutzend schlecht pr\u00e4parierte tote Tauben angenagelt, in dessen Umfeld goldschimmernde Motten flatterten. Niemand hielt sich in den andren R\u00e4umen auf. Vereiste Zeit, eine Zeit ohne Vereinbarungen, ohne augenzwinkernde Zukunft. Im Raum das kanonische Summen der beiden Ger\u00e4te. Vernetzte <i>hardware <\/i>war zu dieser Zeit in normal funktionierenden B\u00fcros nicht selbstverst\u00e4ndlich wie heute und kaum mit Erfahrungswerten in Ber\u00fchrung gekommen. In dem B\u00fcro gab es kein Schreibger\u00e4t, das mit einem Druckger\u00e4t kausal verbunden war und schon gar nicht mit dem Kopierer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sanfte Wellen verbrauchter Luft aus den Gebl\u00e4sen der Ger\u00e4te versetzten unser Haar in flimmrige Vibration. Das war die einzige unkalkulierbare Bewegung in diesem Raum.<br \/>\n\u201eIch wollte es nicht schreiben\u201c, stotterte die Frau mehr f\u00fcr sich, \u201edie Maschine tat es f\u00fcr mich\u2026meine Finger\u2026\u201c<br \/>\n\u201eSie <i>mussten <\/i>das Wort schreiben?\u201c fragte ich neugierig.<br \/>\n\u201eNein\u201c, erwiderte sie. \u201eIch <i>wollte <\/i>es, ich <i>schrieb <\/i>es, aber ich wei\u00df wirklich nicht, warum der Kopierer es protokolliert und gedruckt hat.\u201c<br \/>\nDer Raum war eine B\u00fchne. Eine B\u00fchne mit Augen. <i>Er <\/i>beobachtete uns.<br \/>\nSie richtete ihren Blick auf das Blatt, das <i>ich <\/i>nun in der Hand hielt. Sie schrie auf, grell, wechselte die Gesichtsfarbe: \u201e Das Kopierger\u00e4t muss ein <i>Empf\u00e4nger <\/i>sein !\u201c Hochrot im Gesicht atmete sie theatralisch zwei Mal tief durch und sprach im genervten Tonfall weiter: \u201eIch bin jetzt f\u00fcnfzehn Jahre hier und gucke immer auf diesen verdammten <i>Streifen<\/i>. Die B\u00fcroordnung gestattet weder Vorh\u00e4nge noch Jalousien. Ich habe einmal nachgefragt, warum eigentlich. Das Zimmer sei gro\u00df genug, um der Sonne auszuweichen, hie\u00df es. \u201e Warum erz\u00e4hlen Sie mir das ?\u201c, fragte ich. \u201eWeil <i>sie <\/i>uns ma-ni-pu-lieren \u2013 <i>sie <\/i>st\u00f6ren t\u00e4glich meine Arbeit, <i>sie <\/i>beeinflussen sie, <i>sie <\/i>verfremden sie!\u201c<br \/>\nIch war beeindruckt. Mir gefiel, was sie sagte, weil es mehrdeutig war. Damals liebte ich das, weil es ein Schreibversprechen war. Sie deutete auf ihren Arbeitsplatz nahe der T\u00fcr. \u201eSehen Sie, ich hab es mit <i>Distanz <\/i>versucht. Da sind aber die Balkone und Fenster, dr\u00fcben, sehen Sie, alles in Ostfarbe, graubrauntr\u00fcb. Sie arbeiten dahinter. Da ist immer jemand.\u201c Sie kicherte. Das Kichern wirkte traurig und selbstbeschwichtigend.<br \/>\n\u201eL\u00e4nger als zwei Minuten krieg ich da keinen zu Gesicht. Die schaffen sich immer schnell ihre Abg\u00e4nge. Ist ja auch kein Anblick, <i>das <\/i>hier, dieses <i>B\u00fcrro<\/i>.\u201c Sie sprach das Wort zynisch und fast hasserf\u00fcllt aus. Man sp\u00fcrte, sie mochte <i>sich <\/i>nicht und auch nicht ihre Arbeit. Aus ihrem Mund gepresst stand das Wort wie ein politisch brisanter Begriff im Raum. Er passte nicht zu ihr.<br \/>\nSie war das, was man eine <i>nette Person im besten Alter <\/i>nennt, trug eine r\u00f6llchengelegte Frisur um den runden Kopf mit dem immer etwas zu bunt geschminkten Gesicht mit randloser Brille, jugendlich betonte Kleidung rund um den leicht f\u00fclligen Leib drapiert oder gewickelt. Die paar Male, die ich sie beim Kopieren erlebt hatte,verrieten: sie konsumierte gern S\u00fc\u00dfes, trank Auratee und war unpolitisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Unpolitische war ein bedeutender Teil ihrer Pers\u00f6nlichkeit, wie sie gerne betonte. Sie verwischte mit der R\u00fcckhand fahrig ihren Lippenstift. \u201eAber die da, <i>die, die zwei, <\/i>die machen sich einen Spa\u00df mit mir<i>. Die <\/i>kenne ich,\u201c sie rang nach Luft, \u201everstehen Sie, ich bin f\u00fcr die ein <i>Opfertyp<\/i>, Ost gegen West, Sie verstehen, ich k\u00f6nnte ganze Romane dar\u00fcber zusammenschreiben, wenn ich es hier nach Feierabend nur l\u00e4nger aushielte.\u201c Mit leisem Stolz f\u00fcgte sie, auf die Maschine weisend, hinzu: \u201eDas Ding da, das schreibt n\u00e4mlich <i>wie gedruckt<\/i>.\u201c Und dann, gequ\u00e4lt: \u201eAch, und die Abl\u00f6sungen! Tagt\u00e4glich diese Abl\u00f6sungen! Wenn man nur die Uhr danach stellen k\u00f6nnte!\u201c Sie setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf. Es wirkte wirklich aufgesetzt. Und mit fl\u00fcchtigem Blick auf das Blatt in meiner Hand tadelnd: \u201eWas soll das, Verschwenderin? Sie haben das leere Blatt belichtet.\u201c Ich sagte: \u201eTut mir leid, ich habe das wei\u00dfe Blatt nicht belichten wollen. Naja, ganz leer ist es nicht. Dieses eine Wort darauf ist vielleicht in Ihren Augen nicht der M\u00fche wert. Was in mich gefahren ist, es doch zu kopieren, wei\u00df ich nicht. Vielleicht diese immer gleichen Handgriffe der letzten Tage. Ich kann mich an dieses Wort gar nicht erinnern. Sie wenigstens tun mit Kopf <i>und <\/i>Hand das Ihre. Ich aber t\u00e4tige das meinige nur mit den H\u00e4nden.\u201c<br \/>\n\u201e<i>Ich <\/i>muss <i>mir <\/i>das Mitdenken leider immer verbieten\u201c, sagte die Schreibkraft pl\u00f6tzlich patzig, als habe ich ihr gerade ein Privileg genommen. \u201eOb ich was abschreibe oder nach skizzierten Anweisungen oder vom Diktaphon schreibe \u2013 ich schalte <i>das da <\/i>ab.\u201c Dabei tippte sie mit dem rosa lackierten Zeigefinger gegen die Stirn. Sie hatte Stummelfinger, an deren stumpfen Enden lange rosa Fingern\u00e4gel klebten. Was sie sagte, glich ihren Fingern. \u201eImmer ab schalte ich, <i>immer ab<\/i>. Ich entscheide hier nicht \u2013 , nein, niemals! \u2013 eigenm\u00e4chtig. Ich arbeite eins zu eins. <i>Man <\/i>vertraut mir vollkommen.\u201c<br \/>\n\u201eSie ist nun ausgeklinkt\u201c, dachte ich.<br \/>\nMeine Schulter ber\u00fchrte die ihre. Ihr fades Parf\u00fcm vermischte sich mit dem Schwei\u00df eines 8-st\u00fcndigen B\u00fcrotages. Wir standen nebeneinander vor dem Fenster, jede mit einem wei\u00dfen Blatt Papier in der Hand, auf dem ein einziges, das selbe Wort in Druckbuchstaben stand. Irgendwie gelang es uns nicht, vom Fenster wegzutreten. Wir h\u00e4tten auf dem Gang eine rauchen k\u00f6nnen, um die Motten zu erschrecken. Im Archivraum einen Kaffee trinken k\u00f6nnen.<br \/>\nAuf unseren Gesichtern brannte der Fernblick der fremden Grenzbeamten. Menschen, die wir niemals kennenlernen w\u00fcrden. Ihre Blicke wanderten \u00fcber die Fl\u00e4chen unserer Gesichter, tasteten unsere K\u00f6rper ab, untersuchten jeden Gegenstand im Raum. In mir schwelte eine fast leidenschaftliche Unlust an der Situation, eine l\u00e4hmende Gem\u00fctstr\u00fcbnis, der keine \u00dcbelkeit folgen wollte, \u00dcberdrussempfinden, das aus Ohnmacht entsteht. Wir waren wie abbildhaft fixiert und vollkommen unsinnlich, wir h\u00e4tten nackt dastehen k\u00f6nnen, beschmutzt, vergreist. Als Fremde oder als Feindinnen und zu niemandes Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs muss eine Verbindung geben zwischen dem Kopierger\u00e4t und Ihrer elektrischen Schreibmaschine,\u201c sagte ich angesichts der deckungsgleichen Worte auf den Bl\u00e4ttern in unseren H\u00e4nden. Damals war es tats\u00e4chlich unvorstellbar, was heute selbstverst\u00e4ndlich ist. Und es konnte auch keine Verbindung geben, weil niemand je eine solche in Betracht gezogen hatte. Man schrieb in der Regel in normalen B\u00fcros auf einer mechanischen oder elektrischen Maschine, und wenn man es w\u00fcnschte, kopierte man das Getippte noch einmal. Der Kopiervorgang pro Blatt dauerte eine Zeitlang. Es war ein langsamer Umwandlungs- und Produktionsprozess, bei dem\u00a0man als Wartender mitdachte. Man stand, atmete flach und gestaltete Zeit ganz f\u00fcr sich, bis so ein Blatt langsam das Ger\u00e4t verlassen hatte. Man atmete Gase ein, die das Gebl\u00e4se ausstie\u00df. Das Ger\u00e4t, in dessen Innern chemische und physikalische Prozesse l\u00e4rmend an einem sichtbaren Ergebnis arbeiteten, war rigide, launisch und in seiner Erscheinung aufdringlich und nahezu gewaltt\u00e4tig. Wenn ich heute das damals so Selbstverst\u00e4ndliche zu erkl\u00e4ren versuche, sch\u00e4me ich mich etwas. Ich habe das Gef\u00fchl, etwas Vertrautes zu verraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt <i>keine <\/i>Verbindung,\u201c sagte die Schreibkraft schroff, fast b\u00f6se.<br \/>\n\u201eDann sind es Strahlungen\u201c, erwiderte ich aufs Geradewohl.<br \/>\nPl\u00f6tzlich fuhr die Schreibkraft auf. \u201cDarf man erfahren, was Sie seit einer Woche st\u00e4ndig zu kopieren haben?\u201c Sie steigerte sich in einen Verh\u00f6rjargon: \u201eWie ich beobachten konnte, sind das immer <i>nur ein paar Worte auf den vielen Bl\u00e4ttern<\/i>, lohnt sich das? F\u00fcr wen machen Sie das? Wozu? Sie verschwenden Zeit und Material. \u201c Ich war verletzt und st\u00fcrzte in zittrige Unsicherheit, als sei ich dabei, wissentlich einen irreparablen Fehler zu begehen. \u201e<i>F\u00fcr mich<\/i>.\u201c sagte ich nicht ohne leise Besch\u00e4mung, die sich aus der Erkenntnis sch\u00e4lte, dass tats\u00e4chlich niemand verstehen k\u00f6nne, was es mit den Textfragmenten auf sich hatte. \u201eIch erforsche, wie sich Buchstaben, wenige Buchstaben und Buchstabenformationen, auf dem Papier verhalten\u2026sozusagen. Ich f\u00fcge ihnen sp\u00e4ter etwas Eigenes hinzu.\u201c Lie\u00df sich das so erkl\u00e4ren? Und nach einer Atempause sagte ich: \u201cAndere Buchstaben. Ich f\u00fcge neue Buchstaben hinzu. Der Sinn ver\u00e4ndert sich dadurch. Der Sinn wird ein v\u00f6llig anderer dadurch!\u201c Ich war erleichtert. Ich konnte meine Arbeit Menschen erkl\u00e4ren, die nicht einen Schimmer von ihr hatten. \u201eUnd au\u00dferdem\u201c setzte ich noch eins drauf, \u201ehabe ich einen Kopierschein. Rt ist Teil meiner F\u00f6rderung. Es geht <i>Sie <\/i>nichts an, <i>was <\/i>ich kopiere.\u201c<br \/>\n\u201e<i>Erforschen, hinzuf\u00fcgen, ver\u00e4ndern<\/i>!\u201c Die Worte kollerten ver\u00e4chtlich aus dem verwischten nassrosa Mund der Frau, wertvolle Worte, die gefangen gehalten wurden in ihrem verst\u00fcmmelten Lachen, das die Atmosph\u00e4re im Raum h\u00e4sslich f\u00e4rbte.<br \/>\nIch blieb verletzt. Ich r\u00fcckte von ihr ab und sah auf den d\u00e4mmrigen Grenzstreifen an diesem isabellfarbenen Oktobernachmittag hinaus. Was reimte man sich wohl dort hinten zusammen, w\u00e4hrend man uns beobachtete? Auf einmal f\u00fchlte ich mich dorthin mehr zugeh\u00f6rig als hierher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Wurf Spatzen balgte sich in den exakt gezogenen Furchen der nahezu unkrautfreien Erde des <i>Niemandslandes<\/i>. Lebendige kleine Schattenv\u00f6gel auf grauer Erde im gelbgrau gesprenkelten letzten Tageslicht.<br \/>\nDort m\u00fcsste einmal Saat aufgehen, dachte ich wehm\u00fctig. Ein Beet ausgewachsener Kohlk\u00f6pfe, violetter, gr\u00fcner und gelber Kohlk\u00f6pfe. Dazwischen scheckige Kaninchen. Kleine goldene Hamster und gefleckte Meerschweinchen. Und bunte Futterh\u00e4uschen dazwischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Turm dr\u00fcben regte sich etwas. Was die beiden Grenzer in Bewegung brachte, geh\u00f6rte nicht zum \u00fcblichen Dienstvollzug dieser M\u00e4nner, das sp\u00fcrte ich. Einer der beiden hastete in dem kleinen Hochverlies zwischen den 4 Fenstern hin und her. In Richtung der gegen\u00fcberliegenden verwaisten Balkone riss er mehrfach sein Glas hoch und lie\u00df es wieder sinken, hastete zwischen den Himmelsrichtungen hin und her. Erwarteten sie etwas? Das schnurgerade auf die Grenze und auf unser B\u00fcro\u00a0zulaufende Grau wurde durch ein zweimenschengro\u00dfes, helles Gescho\u00df pl\u00f6tzlich verst\u00f6rt. Verst\u00f6rt und dann aufgerissen. Eine kleine, helle, bewegliche, menschenkompakte Masse. Und schon hielt im her\u00fcberkreischenden Bremsl\u00e4rm, umw\u00f6lkt vom Rauch des Dreitakters ein knallgelber Trabant. <i>Sein Fahrer entwich dem Gef\u00e4hrt wie ein Gas<\/i>, nicht un\u00e4hnlich den unter grell eingeschalteten Scheinwerfern dinghaft geballten Auspuffgasen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verschwand im Schatten der <i>Mauer<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gebannt hatten die beiden Uniformierten das undecodierbare Geschehen vom Wachturm verfolgt. Uns verband ein gemeinsames Bildgeschehen, ein Augenblicksfilm. Dann verschwanden sie aus dem Blickfeld des Turmfensters und tauchten auf dem Streifen vor dem Turm wieder auf, anonyme, uniformierte unbewegliche Verwischungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte die B\u00fcrodame gar nichts bemerkt? \u201eDas ist Blattverschwendung!\u201c stie\u00df sie in meine Richtung hervor, als habe es die wenige Sekunden zwischen uns andauernde Solidarit\u00e4t <i>in Notwehrstimmung <\/i>nie gegeben. Ich registrierte diesen Satz und beantwortete ihn sofort mit einem unsanften Puff in ihre gepolsterte Seite. Denn in diesem Moment hechtete ein gedrungener, eher kleiner Herr in dunklem Anzug, mit gro\u00dfen, seiner K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe unangemessenen Spr\u00fcngen \u00fcber den Todesstreifen Richtung Kontrollturm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Der <\/i>darf\u201c, lie\u00df die Schreibkraft anerkennend vernehmen, sie hatte den Grund ihrer Ver\u00e4rgerung vergessen. Aus den verwaisten Abschottungen der Fenster und Balkone auf der anderen Seite konnten pl\u00f6tzlich bewegliche grelle Lichtstreifen nach au\u00dfen dringen und uns ungebrochen erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der fliehende Mann war ein Fremdk\u00f6rper. Er hielt beim Laufen in seiner rechten Hand etwas Rundes, Kompaktes hoch wie einen Ausweis. Erst war es nur eine Scheibe mit gleichm\u00e4\u00dfig bemustertem Rand, wurde plastisch im N\u00e4herkommen. Es war ein Wecker, ein billiger nostalgischer Wecker, wie man ihn im Kaufh\u00e4usern bekommt, ein Wecker f\u00fcr ein grausames, g\u00e4nzlich untherapeutisches Wecken, der jetzt im Scheinwerferlicht bronzefarben aufblitzte. Einer der Uniformierten verharrte mit dem R\u00fccken zu uns unbeweglich, w\u00e4hrend sich ihm der Weckermann n\u00e4herte. Der zweite Grenzposten war nicht mehr zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin hohes Tier\u201c, murmelte die Schreibkraft hypnotisiert, \u201eein <i>sehr <\/i>hohes Tier. Dabei rollte sie auf russische Weise das r. Und weiter: \u201eDas ist keine Kontrolle und auch keine Abl\u00f6sung, auch kein Fall von Republikflucht,- oder ist es\u2026<i>die <\/i>Abl\u00f6sung?\u201c Und sie wiederholte: \u201e<i>Die <\/i>Abl\u00f6sung?\u201c Als der Posten beflissen Dienstm\u00fctze, Jackett und Koppel richtete, um schlie\u00dflich mit herab gefallenen Armen mit Blick auf den Weckermann zu erstarren, murmelte sie noch einmal : \u201e<i>Das <\/i>ist was H\u00f6heres.\u201c Dr\u00fcben tockerte noch immer der gelbe Trabi, produzierte dicken grauen Nebel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lichtstreifen hinter den Fenstern und Balkonen schalteten sich alle zugleich ab. Die beiden Menschen im Niemandsland schienen in verwischter Zeitlupe weiterzuexistieren. Die Berliner D\u00e4mmerung, die schon Ende Oktober ab mittags fast \u00fcberall Zimmerbeleuchtung erforderlich macht, verbreitete jetzt eine falsche Traulichkeit, ver\u00f6dete diesen Ort am Ende alles Weltl\u00e4ufigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt also auch hier Schlupfl\u00f6cher\u201c, bemerkte ich in Verkennung der Lage, \u201eman m\u00fcsste sich seine Spuren merken und dann\u2026\u201c<br \/>\n\u201eDas probier\u02bcn Se mal,\u201c berlinerte die B\u00fcrokraft zur\u00fcck. Sie hatte ihr distinguiertes Angestelltengebaren abgestreift, als sie mich anfuhr : \u201cSie\u2026Sie falsches Original!\u00a0<i>Nichts <\/i>verstehen Sie! Sehen Sie genau hin! <i>Der da<\/i>, der da jetzt dem Grenzer den Wecker auf seinen ollen Ducksch\u00e4del haut, <i>der da<\/i>\u2026.\u201c und tats\u00e4chlich sank der Uniformierte unendlich langsam nieder, \u201e\u2026<i>der da <\/i>wei\u00df es! DER wiederholt sich nie!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gedrungene Zivile mit dem Wecker wirkte unbeholfen. Wer verwendete schon einen Wecker als Waffe? Und das auf einem der gef\u00e4hrlichsten Grundst\u00fccke der Welt? <i>Gefahren warten doch nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren<\/i>. Ein wenig hektisch geworden, als habe er mit der Ohnmacht des Beamten nicht gerechnet, versuchte er ihn Richtung Kontrollturm zu schleifen, ja, er musste ihn die Treppen hoch gezerrt haben, denn nach einer Weile sah man ihn oben angelangt mit dem erschlafften K\u00f6rper agieren, \u2013 einmal sah man einen hochgerissenen Arm, eine flatternde Hand, einen grobbeschuhten Fu\u00df, in der Luft abgeknickt. Endlich schien er zur Ruhe gekommen zu sein und sichtlich ersch\u00f6pft st\u00fctzte sich der gedrungene Zivile irgendwo auf. Der zweite Posten blieb verschwunden. Pl\u00f6tzlich sahen wir das Fernglas auf uns gerichtet. Der fremde Zivile \u2013 seine etwas unbeholfenen Bewegungen lie\u00dfen auf einen Mann um die f\u00fcnfzig schlie\u00dfen \u2013 nahm uns ins Visier. \u201eSchluss jetzt!\u201c, schrie die B\u00fcrodame,\u201c ich hab auch was! Ja, da wir\u02bcste staunen, ich kann n\u00e4mlich auch!\u201c Sie riss ihre Brille vom Gesicht, das auf einmal ganz flach geworden war und wehrlos wirkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Mann dr\u00fcben, so hechtete jetzt sie mit Riesenschritten durch den schlauchartigen B\u00fcroraum zu ihrem Schreibtisch an der T\u00fcr, riss eine Lade auf und bef\u00f6rderte ein elegantes gold-glitzerndes Opernglas zutage. Triumphierend hielt sie es hoch und war schon wieder am Fenster. Was passiert, wenn zwei Augenpaare \u00fcber eine erhebliche Strecke hinweg durch Ferngl\u00e4ser einander treffen? Verschmelzen sie zu e i n e m Augenblick jenseits beider Blicke?<br \/>\nDort drau\u00dfen standen die sp\u00e4therbstlichen Abendnebel unwirklich und kompakt mit durchsichtigen Zwischenr\u00e4umen: Gestalten aus noch unentschiedener Materie auf dem Niemandsstreifen. Dr\u00fcben produzierte noch immer der gelbe Trabi L\u00e4rm und dicken grauen Nebel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich hielt noch immer das umsonst belichtete Blatt Papier mit dem einen Wort in der Hand. Ich sah auf das Blatt und las das Wort <i>Wiederholung: <\/i>noch einmal.<br \/>\n\u201eIch wiederhole ihn, ich kopiere ihn!\u201c rief die Sekret\u00e4rin unbeherrscht, lie\u00df das Glas sinken und riss mir das Blatt aus der Hand. Sie las das Wort noch einmal still f\u00fcr sich, wobei sie die Lippen lautlos bewegte. \u201eSie werden sehen, er versteht uns!\u201c Sie gab mir das Blatt zur\u00fcck. \u201eHalten Sie es hoch, nein, nicht so Herzchen, so, ja, zu ihm, mit der Schriftseite zu ihm, in seine Richtung! \u201e Sie kommandierte: \u201eSie geben das Signal, ich \u00fcberpr\u00fcfe die Wirkung!\u201c Und legte das kleine Glitzerfernglas wieder an. Ich dachte: \u201eWenn du jetzt nicht einfach gehst, landest du in einem Albtraum. Nicht zu wissen, warum die Dinge geschehen, st\u00fcrzt dich aus allen Halterungen vertrauter Ichvisionen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blieb.<br \/>\nIch hielt das Blatt hoch. <i>Ich nehme ein Blatt vor den Mund<\/i>, dachte ich. Der Zivile schien es zu lesen, gelesen zu haben. Es l\u00f6ste eine kleine Freude in mir aus, dass er mich bemerkt hatte, war ich doch Teil eines Ablaufs von vielleicht schon lange geplanten Vereinbarungen, an denen ich keinen Anteil hatte. Dann lie\u00df er sein Fernglas sinken und wandte sich wieder ins Innere des Turmraumes.<br \/>\nIch legte das Blatt beiseite, nahm der Anderen das Opernglas aus der Hand. Seltsamerweise lie\u00df sie es geschehen. Ich richtete die Sch\u00e4rfe des Glases ein und\u00a0erschrak vor der N\u00e4he des fernen Ortes. Er wirkte karg und leer ger\u00e4umt in dem matten Neonlicht. Der vorherrschende Ton tendierte zu einem matten Oliv-schwarz- wei\u00df. Der mutma\u00dflich von der Weckerwaffe unsch\u00e4dlich gemachte junge Soldat hatte sich aufgerichtet. Wie er so wackelig dort stand, zeigte sein Gesicht Verbl\u00fcffung und \u2013 ich war fassungslos \u2013 Respekt. \u201e<i>Er <\/i>hat ihn <i>nicht <\/i>niedergeschlagen\u201c, fasste ich meinen Eindruck zusammen \u201eder Mann ist beim Anblick des anderen Mannes ohnm\u00e4chtig geworden und sein Kamerad hat die Fassung verloren und ist geflohen!\u201c \u201eHalt den Rand!\u201c lie\u00df die B\u00fcrofrau vernehmen und nahm das Glas wieder an sich, ehe ich noch das Gesicht des Zivilen erforschen konnte, \u201eIhr Studierten wollt es immer anders gesehen haben, damit\u02bcs hinterher einen Rest Aufkl\u00e4rungsbedarf gibt, so oder so, euch ist das Geheimnisvolle immer passender, statt der nackten Wahrheit ins Auge zu blicken!\u201c Und nach zwei hektischen Atemz\u00fcgen: \u201e<i>Er schlug ihn mit dem Wecker nieder, pariert? <\/i>Er schlug ihn nie-der, <i>zack <\/i>\u2013 und basta! Der Grenzer hat <i>nur <\/i>seine Pflicht getan!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIndem er niedersank\u201c, erg\u00e4nzte ich. Der gedrungene Zivile bewegte sich langsam, unge\u00fcbt, ungelenk. Der Grenzer war nicht mehr zu sehen. Er war \u2013 wohin auch immer \u2013 gegangen, wohl, um Meldung zu machen. Das Motorenger\u00e4usch des gelben Trabis geh\u00f6rte nun ins Bild \u2013 als zweite Sinneswahrnehmung- oder T\u00e4uschung. Doch das Fahrzeug war in dem selbst produzierten Nebel nur noch zu ahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offenbar schaltete der Fremde dr\u00fcben an Kontrollvorrichtungen herum, die man nicht sehen konnte; der Kopf war halb gesenkt, sein ab und zu aufschauendes Gesicht verriet ratlos konzentrierte Anspannung. Im Turm wurde es um einige Nuancen heller, es reichte aber kaum aus, Vertrauen in einen mutma\u00dflich allt\u00e4glichen Vorgang zu verbreiten. Der zu Kr\u00e4ften gekommene Grenzsoldat bewegte sich nur minimalistisch nah am K\u00f6rper des Anderen, es wirkte, als versuche er ihm vergeblich Deckung zu geben. Manchmal hielt er sich die Hand vor den Mund, als ob er hustete. Dann umklammerte die Hand des Zivilen etwas L\u00e4ngliches, Dunkles mit einer langen Schnur daran, ein Mikrophon! Er versuchte, dahinein zu sprechen; seine legere Haltung signalisierte, dass er keine Befehle erteilte. In kleinen Schritten durchma\u00df er das n\u00fcchterne Turmzimmer, der Soldat in kleinen Schritten folgend, er schien zu plaudern, gestikulierte sparsam wie ein Moderator, doch mit fahrigen Blicken. Dann legte er das Mikrophon ab, griff in die Innentasche seines Jacketts, um ein wei\u00dfes, offenbar beschriebenes Papier herauszuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAha?\u201c, lie\u00df die B\u00fcrofrau vernehmen, als habe sie genau das erwartet, sei aber nicht v\u00f6llig sicher. Der Mann auf der anderen Seite faltete das Blatt langsam auseinander. Mit der rechten Hand hielt er das Blatt vor sein Gesicht, genauer gesagt, vor den Mund, denn die Augen blieben sichtbar. Die andere hielt wieder den Wecker in gleicher H\u00f6he hoch. Dabei blickte er eindeutig in unsere Richtung. Die Sekret\u00e4rin legte ihr Opernglas ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWiederholung\u201c stand auf meinem Blatt, das ich noch immer in der Hand hielt. Es war \u201emein\u201c Wort, aber ich wusste nicht, woher es gekommen war. \u201eIn Herzh\u00f6he Ihr Blatt halten!\u201c, befahl die Sekret\u00e4rin und: \u201ein seine Richtung \u2013 Herz gegen Herz!\u201c Ich parierte, warum, war mir nicht klar. \u201eEine Minute lang\u201c, befahl die Frau und z\u00e4hlte leise bis 60. Dabei lie\u00df sie ihren Blick nicht von dem Mann gegen\u00fcber, der wie ich nun das Blatt in Herzh\u00f6he hielt. Dort war so etwas wie ein schmales, l\u00e4nglich kompaktes nicht ganz in den Aufgaben gel\u00f6stes Rechenk\u00e4stchen, in der Mitte des Blattes platziert, erkennbar. Als g\u00e4be es zwischen beiden Bl\u00e4ttern eine Verbindung, dachte ich und:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Gibt es Fernsympathie? <\/i>fragte ich mich. Warum <i>mochte <\/i>ich diesen wildfremden ein wenig dicklichen Menschen an einem so wildfremden Ort, der mir ferner als Australien war in dieser mehr als absurden Situation? Dann lachte die B\u00fcrofrau irre auf. Es h\u00f6rte sich wie ein Schluchzer an. \u201eJetzt d\u00fcrfen Sie\u201c, und ich wusste, was gemeint war, ergriff das Opernglas erneut. Meine Augen fanden schnell hin\u00fcber, er hatte Blatt und Wecker niedergelegt und schaute mich per Fernglas direkt an. Ein volles, gebr\u00e4untes, wirklich nicht unsympathisches Gesicht, der ganze Mann atmete in einer Art energetischer Gefasstheit, ein Mann Mitte f\u00fcnfzig, die ganze Gestalt durch ein L\u00e4cheln gepr\u00e4gt,- aber dieses L\u00e4cheln war schmerzlich neutral, unbeteiligt, ein Medienl\u00e4cheln, ich war entt\u00e4uscht \u2013 hatte ich diesen Mann schon gesehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf seinem fast kahlen Kopf war eine dunkle Spur zu sehen, r\u00f6tlich landkartenartig zur Stirn hin ausuferndes Gerinsel, war er verletzt worden? Da war etwas, das ich sicher kannte, etwas war durch die Medien gegangen, an mir vorbei, eine Stimme, sie sprach nicht meine Sprache, eine Trib\u00fcne, eine Delegation, alte M\u00e4nner, Blitzlichter, Menschenmassen, die an der Trib\u00fcne teilnahmslos bunt und kontrolliert l\u00e4rmend und doch irgendwie teilnahmslos vorbei glitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt hat es mich auch gepackt, dachte ich traurig. Zu Beginn meines Studiums hatte ich Descartes zu denken gelernt und riskiert, ein lebenslanges Get\u00e4uschtwerden vorzudenken, undecodierbare Wahrnehmungspr\u00e4gungen. Ich fand mich damit ab, mich eines Tages in nicht mehr wieder erkennbaren Zusammenh\u00e4ngen vorzufinden, und damit hatte ich eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet, mit Blick auf neue Namen, Bilder, Denklandschaften, B\u00fccher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah seine weinrote Krawatte, seine H\u00e4nde lagen plan auf einem Tisch oder Schaltpult nahe dem Fenster, neben ihm der Wecker, dessen Zifferblatt in unsere Richtung schaute, hinter ihm der fast reglose Uniformierte, der es aufgegeben hatte sich vor ihm zu platzieren. Statt der Ziffern erkannte ich Buchstaben, 12 Buchstaben, und das Wort mit den 12 Buchstaben war ein deutsches, u n s e r Wort, es hie\u00df <i>Wiederholung<\/i>, mit dem gro\u00dfen W auf der 12. Der Mann auf der anderen Seite bewegte sich kaum, er schaute mich an, er wusste, dass meine Augen seine Augen suchten. Meine Augen tr\u00e4nten. Dort dr\u00fcben war es still und auch hier war es still. Ich wollte mir alles genau einpr\u00e4gen. Die Frau neben mir atmete gleichm\u00e4\u00dfig. Sie litt stumm in starrer Haltung. Das B\u00fcro war jetzt ein hermetisch abgeschlossener Beh\u00e4lter, verschworen seine Einrichtung gegen eine erst sp\u00e4t vom Menschen erfundene Zeit, und seine beiden Insassen verloren allm\u00e4hlich an Farbe und Willenskraft. Drau\u00dfen verwischtem die endg\u00fcltig eingefallene D\u00fcsternis und ein fein einsetzender Schneeregen die Sicht auf Einzelheiten. Der unerwartete Schnee verbindet beide durch den STREIFEN voneinander getrennten Umgebungen, dachte ich. Da gab es den Mann mit der weinroten Krawatte und dem Wecker mit den 12 Buchstaben in der hell erleuchteten Wachturmkabine und hinter ihm jemand, der seinen Posten, vielleicht sein Leben, ab heute verwirkt hatte. Ein scharf entwickeltes, beseeltes Fensterfoto mit wegretuschiertem Umraum. \u201eMan sieht uns genau\u201c, sagte die Sekret\u00e4rin, ihre Stimme war kraftlos, als habe sie lange genug gegen etwas angeschrien. Dann ging es sehr schnell. Aus dem Nichts hatten sich mit H\u00f6chstgeschwindigkeit 4 oder 5 schwach erleuchtete Milit\u00e4rfahrzeuge der Mauereinfriedung von der anderen Seite gen\u00e4hert. \u201eDas sind Kleink\u00fcbelwagen\u201c, sagte die Sekret\u00e4rin tonlos, ich kenne die Motoren von den Kontrollfahrten zwischen den F\u00fchrungst\u00fcrmen und sie entriss mir das Glas. Ich sah sie an, \u2013 ihr K\u00f6rper hatte sich gelockert und ihre Bluse raschelte. Die l\u00e4rmenden Dreitakter zerfetzten die Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie eilte zum Lichtschalter und l\u00f6schte das Licht und wir pressten unsere Gesichter an die Scheibe. Eine fast ger\u00e4uschlose Aktion, die Uniformierten glitten durch die Nacht. Einmal h\u00f6rten wir den deutlich gesprochenen Satz \u201eDie Welt ist erkennbar!\u201c. \u201eDas ist die Kennung und normal\u201c, reagierte die Sekret\u00e4rin mit leiser Stimme darauf. Sie hatte sich wieder im Griff. Unter F\u00fchrung zweier leitertragenden Uniformierten preschte der Trupp geduckt zur Mauer vor (gab es denn keine T\u00fcr, keinen Durchlass, wie war denn der gedrungene Zivile auf den STREIFEN gelangt?) und blitzschnell sah man diese explosive Traube bereits darauf agieren, nachdem man nur eine Sekunde lang unschl\u00fcssig auf freier Bahn \u2013 ein lebendes Milit\u00e4rdenkmal \u2013 gestanden hatte. Dort war die Stelle dunkel, der Schnee war sofort unter ihren erhitzten Stiefeln geschmolzen. Die zehn, f\u00fcnfzehn Meter bis zum Turm \u00fcberwanden sie alle ohne Z\u00f6gern, sie trollten sich voran wie junge Hunde, ausnahmslos junge Grenzer. Warum geht keine Mine hoch, fragte ich mich? Ich entriss ihr das Fernglas wieder, und blickte ins Gesicht des Mannes im Turm am Fenster. Seine neutrales Medienl\u00e4cheln war eingefroren und einer gespannten Erwartungsmimik gewichen. Er bewegte sich nicht. \u201eEr ist ein Pantomime\u201c, sagte ich. \u201eEine Attrappe, meine Liebe\u201c, erg\u00e4nzte sie, als habe sie auf diese Bemerkung gewartet. Die Kopiermaschine setzte sich augenblicklich wieder in Gang und stie\u00df wohl endlich mein kopiertes Fragmentgedicht Blatt aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Teil der Soldaten war in den Turm eingedrungen, der Rest nahm kreisf\u00f6rmig Stellung um den Turm herum ein. \u201eEs sind 12 Mann\u201c, sagte die B\u00fcrofrau. Sie schien etwas begriffen zu haben, von dem sie nicht wusste, auf welchem Wege es sie erreicht hatte. Ich sah den Mann am Fenster nicht mehr, gegen\u00fcber im Turm war das Licht gel\u00f6scht worden und der Truppe setzte sich als dicht schlie\u00dfendes Menschenmosaik \u00fcber den Streifen hinweg in Bewegung. Mich beschlich ein Gef\u00fchl, ab jetzt nicht mehr hinschauen zu d\u00fcrfen. Die Andere schaltete das Licht ein. \u201eFeierabend, Sie Wiederholungszwang\u201c, rief sie. Noch geblendet vom kalten Neonlicht tastete ich mich zum Kopierer und griff nach dem Blatt, das er endlich freigegeben hatte. Es war das Fragment, rechenk\u00e4stchenartig mit halbgel\u00f6sten Aufgaben, flatternd an den R\u00e4ndern. Das Trabimotorenger\u00e4usch dr\u00fcben, es war noch immer zu h\u00f6ren.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19507 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es galt, die dunkelsten Stellen auf dem Papier abzulichten. Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. 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