{"id":86857,"date":"2022-03-13T00:01:57","date_gmt":"2022-03-12T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86857"},"modified":"2022-02-20T13:11:33","modified_gmt":"2022-02-20T12:11:33","slug":"der-fallensteller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/13\/der-fallensteller\/","title":{"rendered":"Der Fallensteller"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein gerettetes St\u00fcck unbestimmter Sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nur f\u00fcr geschlossne Augen ist der Raum geschaffen,<\/em><br \/>\n<em>und f\u00fcr Singv\u00f6gel. Wieviele heute Fallen stellen,<\/em><br \/>\n<em>bleibt dunkel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hof war von der Au\u00dfenwelt abgeschlossen, nein, <em>wie<\/em> abgeschlossen. Er war ja durch wenige Fenster einsehbar, auch wenn sie tags\u00fcber durch Vorh\u00e4nge verschlossen bleiben. Die fast immer verdunkelten Fenster nahmen den Hof gefangen. Die winzigen Vogelk\u00e4fige aus leichtem, angerostetem Metall, die an den Haken genau mittig vor den Fensterkreuzen hingen, waren leer. So waren sie ein leichtes zeitloses Spielzeug f\u00fcr den Wind. Manchmal segelte eine graue Feder auf den schmutzigen Teerboden, auf dem nur die Tonnen standen und ein winziges St\u00fcck aschebedeckter Rasen vor sich hinfaulte. Laute drangen nicht aus den H\u00e4usern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lange trug er schon den Brief mit sich herum, dass er ihn nie mehr aus der Hand geben wollte. Mit dem Brief w\u00fcrde er sein k\u00fcnftiges Leben <em>einrichten<\/em>. Immer, wenn er an dem Haus vorbeigekommen war, hatte er \u00fcberlegt: Sollte er ihn in den Briefkasten werfen oder in den k\u00fchlen Flur treten, der durch eine weitere weit ge\u00f6ffnete T\u00fcr den Blick in das dunkle Hofgeviert freigab? Die Welt, die er dort ahnte, die sich aus allen nur unvorstellbaren Abwesenheiten zusammensetzte und als eine Art dunkler Materie brodelte, die bis jetzt ohne ihn hatte existieren m\u00fcssen, wollte er nicht deuten noch einordnen. Da war ja der Brief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal dachte er<em>: Pl\u00f6tzlich steht man drinnen f\u00fcr immer, man hat kaum gez\u00f6gert einzutreten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab jetzt verbesserte er sich wie ein Kind, das nicht mehr stottern will. Die Gefahr, in der er lebte, hatte ihm einen besonnenen Schritt diktiert. In seiner Stimme lag immer der drohende Unterton <em>laxer Banditen<\/em> der fr\u00fchen Filmpionierjahre. Abends stand er l\u00e4nger vor den hell erleuchteten Fenstern seines Hauses. In drei Himmelsrichtungen schaute das Haus. Ja, er besa\u00df ein Haus, und in seiner Hosentasche steckte die Hand mit dem Brief. Immer hantierte jemand in den Zimmern <em>seines Eigentums<\/em>. Er dachte an den abweisenden Hof mit den leeren, leichten K\u00e4figen im Wind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging ins Haus zur\u00fcck und verbat sich bei den stillen Bewohnern alles Licht bis auf eine Notbeleuchtung. Man zog sich diskret zur\u00fcck. Dann umrundete er das Haus mehrere Male und sah am Ende immer auf die Uhr. Er dachte an den abweisenden Hof. An die kleinen, grauen Segelfedern. Der Brief in seiner Hand wollte sich nicht aufl\u00f6sen. Im Schlaf ballte er die Faust um das Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieviel Zeit blieb noch, bis er, der sanfte Zerbrecher seiner unseligen Passionen, seine Netze wieder auslegen konnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann hatte er sich entschieden. F\u00fcr eine ma\u00dfgebliche Ver\u00e4nderung konnte jede rissige Oberfl\u00e4che, ob materiell oder ideell, neu gepr\u00fcft werden. Tief drinnen in ihm (und in so manchem auf die Schnelle hergerichteten Kellerlokal) Gel\u00e4chter, das ihn ermunterte und erleichterte. Der kleine Hof war nat\u00fcrlich schon bereit. <em>Die unwichtigsten Denkw\u00fcrdigkeiten sind immer zuerst unter Dach &amp; Fach<\/em>, dachte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sprach in sein Innerstes hinein: <em>Jetzt<\/em>! Das Echo dieses abgegriffenen, notwendigen und zur Alltagssprache geh\u00f6rigen Wortes grub sich in sein Erinnern wie in billigen Satelitenfilmen <em>die knallroten N\u00e4gel einer Leidenschaftlichen<\/em> in einen betagten M\u00e4nnerr\u00fccken. <em>Jetzt<\/em>! Er schrie selbst das z und das t in das, was er <em>meinen abweisenden Kosmos<\/em> nannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er konnte diesen Ruf wirklich weder deuten noch einordnen. Er hielt den Brief in der linken Hand. Blieb er darin? Wie lange noch? <em>Du wei\u00dft es, ich wei\u00df es nicht.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<div id=\"attachment_19500\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19500\" class=\"size-full wp-image-19500\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19500\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gerettetes St\u00fcck unbestimmter Sprache Nur f\u00fcr geschlossne Augen ist der Raum geschaffen, und f\u00fcr Singv\u00f6gel. Wieviele heute Fallen stellen, bleibt dunkel. 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