{"id":86732,"date":"1996-09-11T00:01:36","date_gmt":"1996-09-10T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86732"},"modified":"2022-10-03T07:47:58","modified_gmt":"2022-10-03T05:47:58","slug":"der-letzte-avantgardist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/09\/11\/der-letzte-avantgardist\/","title":{"rendered":"Der letzte Avantgardist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Emigration Benjamins war ein Akt, der untrennbar ist von seinem Werk. Dieses Werk, das ist bereits vorausprojiziert in Partien der Einbahnstra\u00dfe, lebt aus der unmittelbaren Erfahrung der Emigration.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helmut Hei\u00dfenb\u00fcttel unterscheidet zwischen erfundenem und vorgefundenem Material. Er pl\u00e4diert f\u00fcr eine Literatur des Zitats. Nicht mehr die Phantasie, nicht mehr das Erschaffen fingierter Bezugsebenen steht f\u00fcr ihn im Vordergrund. Durch die historischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts hat sich, laut Hei\u00dfenb\u00fcttel, das Verst\u00e4ndnis vom menschlichen Subjekt grundlegend ver\u00e4ndert. Das Individuum ist seiner Selbstst\u00e4ndigkeit beraubt worden; kein personeller Kern existiert mehr im Menschen, der die komplexe Erfahrungswelt noch hierarchisch strukturieren k\u00f6nnte. Das Subjekt zerf\u00e4llt demnach in eine Vielzahl von individuellen Kernen, die f\u00fcr Hei\u00dfenb\u00fcttel vor allem sprachlicher Natur sind. Im Zentrum von Hei\u00dfenb\u00fcttels Literatur (aber auch seinem umfangreichen kritischen und essayistischen Werk) steht die Beschaffenheit der Sprache. Der Autor \u00fcberpr\u00fcft zitierend die unterschiedlichsten Sprachmaterialien.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nicht nach neuen Klassikern suchen. Wer sich als Klassiker anbietet, ist schon verd\u00e4chtig. Wer Klassiker anzupreisen versucht, ist noch verd\u00e4chtiger. Irritation und Destruktion dem Gefestigten vorziehn, aber diesen Grundsatz auch umsto\u00dfen und vielleicht gerade einen Stillen im Lande bevorzugen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helmut Hei\u00dfenb\u00fcttel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur selten hat der heute verstorbene Hei\u00dfenb\u00fcttel so nachdr\u00fccklich bei einem Schriftsteller auf die Wichtigkeit der Lebensgeschichte, auf die unmittelbare Verschr\u00e4nkung von Existenz und schriftlichem Ausdruck gepocht wie im Falle Walter Benjamins. \u00dcberraschend wechselt er dabei auch den Modus: Von diskursiven \u00c4u\u00dferungen \u00fcber den Rundfunkautor oder den Briefeschreiber geht er \u00fcber zur literarischen Formulierung in der \u00bbNacht in den Pyren\u00e4en\u00ab, worin er die letzten Tage Benjamins nachzeichnet. Die in diesem Band gesammelten Texte sind zwischen 1967 und 1983 publiziert bzw. gesendet worden. (Einige werden hier zum ersten Mal gedruckt.) In diesem Zeitraum hat sich nicht nur Benjamins Bild in der \u00d6ffentlichkeit ver\u00e4ndert, sondern ebenfalls Hei\u00dfenb\u00fcttels Auffassung von Literatur. Stets argumentiert Hei\u00dfenb\u00fcttel auch aus der Position des Produzierenden, des dichterisch T\u00e4tigen &#8211; in den sp\u00e4teren Beitr\u00e4gen mit der f\u00fcr ihn einschneidenden Erfahrung, da\u00df die politisch-kulturellen Hoffnungen der \u00bbgoldenen\u00ab sechziger Jahre nicht realisiert wurden; dichtend konnte die Welt nicht ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-86735 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover-260x411.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover-160x253.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1996\/09\/u\u0308ber-benjamin_9783518224304_cover.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/><\/a>\u00dcber Benjamin<\/i> ist das Zeugnis einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Leben und Werk, die zugleich den, der sich da auseinandersetzt, anschaulich mitcharakterisiert. Aus guten Gr\u00fcnden ruft das Nachwort von Christina Weiss die Gestalt Hei\u00dfenb\u00fcttels, des fast schon Verschwundenen, zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch KUNO war nach der Re:Lekt\u00fcre der <i>Einbahnstra\u00dfe <\/i>beeindruckt, es ist eine Sammlung kurzer Texte, die nur rund 80 Druckseiten umfa\u00dft und wegen ihrer vielen aphoristischen Formulierungen bekannt ist, f\u00fcr KUNO ist dies ein Vorl\u00e4ufer der neuen Literaturrichtung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Emigration Benjamins war ein Akt, der untrennbar ist von seinem Werk. Dieses Werk, das ist bereits vorausprojiziert in Partien der Einbahnstra\u00dfe, lebt aus der unmittelbaren Erfahrung der Emigration. Helmut Hei\u00dfenb\u00fcttel unterscheidet zwischen erfundenem und vorgefundenem Material. 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