{"id":8666,"date":"2012-12-20T00:01:00","date_gmt":"2012-12-19T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8666"},"modified":"2022-02-23T13:29:39","modified_gmt":"2022-02-23T12:29:39","slug":"die-vokabulatur-des-knospenspaziergangs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/20\/die-vokabulatur-des-knospenspaziergangs\/","title":{"rendered":"Die Vokabulatur des Knospenspaziergangs"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8670 alignright\" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Cover-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"132\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Cover-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Cover.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 132px) 100vw, 132px\" \/><\/a><span style=\"color: #000080;\">Die Macht des Staunens:<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sie einen auch angesichts des anbrechenden Stillstands in der Raserei am Fabulieren h\u00e4lt, k\u00f6nnte sie mittlerweile die eigentliche Avantgarde sein. Anders als die vielen sich totlaufenden Konstrukte der konkreten Poeten und die sich wegduckenden \u0152uvr\u2019lein der mit dem Strich geb\u00fcrsteten Generationen ist das Werk von Friederike Mayr\u00f6cker, die Grande Dame der deutschsprachigen Literatur, selbst dann\u00a0nicht belanglos, wenn es um \u203agrausames Herumsitzen\u2039 geht, das letztlich nur die zuweilen langwierigen Synapsen-\u00dcberg\u00e4nge bis zum neuen Staunen birgt \u2026 wenn sie sich in den Spielformen der Aufzeichnung ergeht.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Mayr\u00f6cker steht drauf,<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">und es ist Mayr\u00f6cker drin, ein aus zahlreichen Tag- und Nachtbruchst\u00fccken zusammengesetztes Ganzes ergibt sich in <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/ich_sitze_nur_grausam_da-friederike_mayroecker_42283.html\"><span style=\"color: #000080;\">ich sitze nur GRAUSAM da<\/span><\/a><\/span>, dem es an keiner Stelle an Frische mangelt, das selbst den \u00dcberdruss bem\u00e4ntelt und die Realit\u00e4t mit der Traumsprache derer, die \u00fcber den Dingen wandeln, verzwirbelt. Die Melange ergibt so etwas wie Halt, das Zwiegespr\u00e4ch mit Ely, einem weiteren Alter Ego von Ernst Jandl, das Friederike seit dessen Tod mit ihm f\u00fchrt, tr\u00e4gt nun nicht mehr den Ton des Bitteren, es vermittelt eine Art Sicherheit in der Anwesenheit in einer von Begegnungen und Telefonanrufen selten durchkreuzten Welt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Der Glanz einer solchen Existenz,<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">wie sie die Dichterin f\u00fchrt, tr\u00e4gt auch das Elends des Au\u00dfenseins, des zuweilen Wie-festgenagelt-Seins mit sich (<em>ich n\u00e4here mich nicht den Freunden im Auto, bin wie festgewachsen<\/em>), sie ist wohl auch von den Zumutungen des Zur\u00fcckbleibens getr\u00fcbt \u2013 indes, mit welcher Meisterschaft und Konsequenz dieses Zur\u00fcckbleiben bew\u00e4ltigt wird, es macht einen von Zeit zu Zeit atemlos:\u00a0<em>meine Seele ist 1 kl.Taschenlampe, meine Seele ist 1 kl.Tier \u2013 es krabbelt in meinem Brustkorb umher ich kann sp\u00fcren wie es krabbelt (\u2026) meine Seele geht zum Komponieren auf 4 Beinen, sage ich, sie krabbelt in meinem Brustkasten<\/em> \u2026 Nachrichten aus der Welt \u00fcbermitteln die Anrufe der verwandten Seelen, die Berliner Dichterschwester Elke Erb, der Bernburger Avantgarde-K\u00fcnstler Ulrich Tarlatt haben in diesem Bestiarium Mayr\u00f6ckerscher Tage neben vielen anderen Gestalten und Zitaten aus der Umgebung des Sitzens und Formulierens ihren Cameo-Auftritt; aber die Triftwege der jeweiligen Form sind durch den halben Dialog mit Ely und, augenf\u00e4llig, weil jedem Anschein von Agonie entgegengesetzt, die Natur bestimmt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Nicht von ungef\u00e4hr<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">sind diese Traktatans\u00e4tze umringt von Einlassungen auf Gladiolen und Reseden und nicht zuletzt gerahmt von den Zur\u00fcstungen auf den zweiten Knospenspaziergang. Eine Welt, die der Autorin ganz zueigen ist, und in der die Regeln von Fabulieren und Registrieren sich in einer Weise mischen, dass man damit manch gesetzten Germanistikprofessor um den Block jagen k\u00f6nnte. Wohl dem, dass die mittlerweile 88-J\u00e4hrige eben auch eine Unbeirrbare, Unk\u00e4ufliche bleibt, ungleich, ob sie durch die W\u00e4gbarkeiten des Leibs, den Nachhall ihrer langanhaltenden Trauer gehandicapt ist. Neben der Gestalt des Ely sind es Genet und Petrarca, mit denen sie parliert, und ein Teil der sie in, wie man h\u00f6rt, nun zwei Wohnungen umwuchernden Literaturgebirge \u2026 Fetzen davon finden sich als Reminiszenz im Text, allein, sie \u00fcbertrumpfen nicht die Vision der Pflanzenmasse, auf die die Sprache sich ein\u00fcbt, Ende Februar, im Vorblick des Knospenfortschritts: <em>\u201aich habe Hunger\u2018, schreie ich zu Ely, \u201aschaff mir zu essen\u2018 etc., ausgestreute Gladiolen, kl.Schwerter, ganze Str\u00e4u\u00dfe von Schwertern, sage ich, lasz uns G\u00e4nsebl\u00fcmchen, Sauerampfer, Baumfarne essen \u2026<\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\">Wie jedes Buch der Wienerin<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">eine Herausforderung, auf die man sich einlassen muss; aber wenn man es wagt und zudem jenseits aller literaturwissenschaftlichen Knospenz\u00e4hlerei das Verschwimmen von Autoren- und Erz\u00e4hlerstimme studieren will, vollzieht sich das mit gro\u00dfem Gewinn. Eines der ungew\u00f6hnlichsten Sommerb\u00fccher, im Winter geschrieben, in dem, tats\u00e4chlich, getr\u00e4umter Sommer herrscht, nun auf dem Balkon zu lesen: von der ungeheuerlichen Wucht, f\u00fcr die Friederike Mayr\u00f6cker von einer Reihe Bewunderer mit allem Recht verehrt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Friederike Mayr\u00f6cker: <strong>ich sitze nur GRAUSAM da<\/strong>, 141 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Wir danken Julietta Fix f\u00fcr die Kooperation.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Mehr zum <em>Schwerpunkt Friederike Mayr\u00f6cker<\/em>:<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/theo-breuer-friederike-mayroecker-lust-am-taumel.htm\"><span style=\"color: #000080;\"><strong>\u2192 \u00dcberschwemmt, die Lust am Taumel \u00b7 Teil 1<\/strong><\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5477\"><span style=\"color: #000080;\"><strong>\u2192 Teil 2\/3<\/strong><\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5510\"><span style=\"color: #000080;\"><strong>\u2192 Teil 4\/5<\/strong><\/span><\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5558\"><strong><span style=\"color: #000080;\">\u2192 Teil 6\/7<\/span><br \/>\n<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Der 8teilige Essay <em>\u00dcberschwemmt, die Lust am Taumel<\/em> ist im Juni 2012 in der 28. Ausgabe der <em>Zeitschrift f\u00fcr Literatur und Kunst<\/em> <em><span style=\"color: #000080;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4151\"><span style=\"color: #000080;\">Matrix<\/span><\/a><\/strong><\/span> erschienen.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Macht des Staunens: Wenn sie einen auch angesichts des anbrechenden Stillstands in der Raserei am Fabulieren h\u00e4lt, k\u00f6nnte sie mittlerweile die eigentliche Avantgarde sein. 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