{"id":86600,"date":"2018-08-29T00:01:44","date_gmt":"2018-08-28T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86600"},"modified":"2022-02-24T14:17:01","modified_gmt":"2022-02-24T13:17:01","slug":"briefe-von-max-dauthendey","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/29\/briefe-von-max-dauthendey\/","title":{"rendered":"Briefe von Max Dauthendey"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich bin deutscher Schriftsteller und habe in Europa in Petersburg, Berlin, M\u00fcnchen, London, Stockholm, Paris, Venedig und Sizilien Literatur, Malerei und Musik studiert.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So schreibt, Oktober 1897, Dauthendey \u2013 und zwar aus Mexiko, das die Reihe seiner au\u00dfereurop\u00e4ischen Reiseziele er\u00f6ffnet. Japan und Neu-Guinea, Colorado und Niederl\u00e4ndisch-Indien sollten folgen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ein Reisebrief-Buch? Kaum. Denn eine andere Exotik spricht aus ihm viel kr\u00e4ftiger als die entlegener L\u00e4nderstriche, welche dieser Dichter gern in den gleichen satten Farben schildert, mit denen schon die Heimat ihn berauscht. Was diesem Buch den Hauptreiz gibt, das ist, um es mit einem Wort zu sagen, die Exotik des Jugendstils. Die Briefe, die es bekannt macht, sind ein au\u00dferordentlich wertvolles Dokument dieser von den Historikern noch vernachl\u00e4ssigten Geistesbewegung. Bereits die Namen, die in ihnen \u2013 wenn auch selten als Adressaten eine Rolle spielen, deuten darauf hin: Klinger und Munch, Sattler und B\u00f6cklin unter bildenden K\u00fcnstlern und unter Dichtern Wille und Dehmel, Schlaf und Scheerbart, Strindberg und Przybyszewski.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentlich taucht auch George auf, mit einer kurzen Bemerkung, die die Wiedergabe lohnt: \u00bbStefan George\u00ab \u2013 so hei\u00dft es 1893 \u2013 \u00bblebt meist in Paris und ist auf der Durchreise von Wien hier. Er sagte mir unter anderem, meine Sachen w\u00e4ren das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollst\u00e4ndig neu dastehe. Es w\u00e4re eine eigenartige Kunst, die reicher genie\u00dfen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.\u00ab Derart naive Formeln sind durchaus nicht ohne Wert \u2013 von dem der Seltenheit ganz abgesehen. Man begegnet ihnen nur an versteckten Stellen, in der Fr\u00fchzeit von geistigen Bewegungen. Sie sagen vieles von dem, was sp\u00e4ter zu verdecken die Aufgabe gereifterer Formeln ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So sammelte sich damals unterm Zeichen der neuromantischen Bewegung nicht nur die wiederkehrende Bereitschaft f\u00fcr die Sprache der gro\u00dfen Dichtung \u2013 Klopstocks, H\u00f6lderlins \u2013 und mithin nicht nur die Revolte gegen Plattheiten der Naturalisten, sondern auch ein starkes Aufgebot des B\u00fcrgertums, mit dem zum letzten Mal der Versuch gemacht wurde, die Dichtung in dem Kreis der \u00fcbrigen Reiz- und Genu\u00dfprodukte festzuhalten. Daher denn das Paradoxon des Jugendstils, in dem ein hoher idealischer Elan sich nur in \u00fcppigen und schwelgerischen oder morbiden und gebrochenen Situationen und Stimmungen zum Ausdruck bringen kann: ein Paradoxon, das sowohl am Drama von Ibsen sich bew\u00e4hrt wie an der Lyrik Georges. In ihrer Haltung und im Lebensstil entspricht dem die Boheme, in deren Kreis Max Dauthendey heraufkam und die heute in Nebeln einer Vorzeit zu liegen scheint. \u00bbEuch Lieben h\u00e4tte ich\u00ab, so schildert er ein abendliches Fest bei Dehmel, \u00bbgern das Vergn\u00fcgen geg\u00f6nnt, diese Tafel zu sehen, wie sie angebrochen war, und in der schwellenden \u00dcppigkeit die strotzende silberne Bowle wie eine schwere Silberdolde in der Mitte, und die Rubingl\u00e4ser und die gr\u00fcnen venezianischen Drachengl\u00e4ser und dazwischen die satten, roten Orangen auf dem Kristall und dem Damast, und mitten zwischen dem Metall und Glas hohe bleiche Orchideen, bla\u00dflila und in feuchtem Schmelz und stolz aufgestiegen und schwer gebeugt.\u00ab Die Flammenlinie des Jugendstils ist&#8217;s, die in diesen Bl\u00fcten aufz\u00fcngelt und nicht anders mu\u00df die Tafel gewesen sein, an der Ejlert L\u00f6vborg \u00bbin Sch\u00f6nheit sterben\u00ab wollte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dauthendey aber, der bei aller Feinnervigkeit gewichtige Reserven an Lebenskraft und Lebenslust besa\u00df, fand einen Ausweg, der ihn bald in klarere Gesellschaft und in bessere Luft entr\u00fcckte. Er fand ihn als der Tr\u00e4umer, der er war, indem er seinem Traum zu Schiffe folgte. So sah er weit mehr als die halbe, so schrieb er die \u00bbgefl\u00fcgelte\u00ab Erde und kam in die Gesellschaft jenes gro\u00dfen Planetenb\u00fcrgers, der Paul Scheerbart hie\u00df und der in einer Sprache, die so klar und farblos ist wie Glas, die gr\u00f6\u00dften Linsen zur Vorschau in die Zukunft geschliffen hat. Nun blieb zwar Dauthendey ein Tr\u00e4umer, w\u00e4hrend Scheerbart bei seiner Linsenschleiferei \u2013 wie einst Spinoza \u2013 Weiser wurde. Doch viel von den Gesch\u00f6pfen, welche jener in der Zukunft oder im Weltraum sichtete, spricht aus den S\u00e4tzen, die, in einem dieser Briefe, die mexikanische Reise vorbereiten: \u00bbIhr habt mir immer gesagt, da\u00df Mexiko zu hei\u00df sei. F\u00fcr eine tiefe und ernste Kunst kann wohl keine noch so gro\u00dfe Hitze ein Hindernis sein. Die Abende und N\u00e4chte auf den Bergen werden uns gro\u00dfe Eingebungen schenken, und wir werden von den Bergen auf die Erde niederb\u00fccken wie K\u00f6nige im Reich der Kunst. Und wir sind dann Kinder vom Herz des Weltalls. Ich kann mir auf diesen Bergen nur gro\u00dfe Bauten und breite einfache Architektur und gro\u00dfe Statuen denken. Und dort kann nichts Kleines sein.\u00ab<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So k\u00fcndet der noch ungestalte Wunsch, Werke zu schaffen, die weiter reichen als Werke einzelner, sich an. Er greift noch taumelnd aus, nach Pl\u00e4nen einer \u00bbneuen Religion f\u00fcr die Massen\u00ab, einer \u00bbneuen Sprache\u00ab. Das hei\u00dft nur, da\u00df die Zeit f\u00fcr die Erf\u00fcllung noch nicht gekommen war und das erkl\u00e4rt die weiten Fahrten, auf denen der Dichter die eigene Sehnsucht zu bet\u00e4uben suchte. Bei einer dieser \u00bbStudienfahrten\u00ab wurde er durch den Krieg, der ausgebrochen war, von seiner Heimat abgeschnitten. Mehr als drei Jahre harrte er auf Java, bald auf das Ende jenes Krieges, bald auf eine Chance, nach Europa zu gelangen. Die Briefe dieser Jahre sind durchzogen von dem Verlangen, seine Frau und W\u00fcrzburg, seine Vaterstadt, zu sehen. Die zeitgen\u00f6ssischen Ereignisse in ihrem Wechsel spiegeln sich in ihnen kaum. Doch desto sch\u00e4rfer werfen kommende bisweilen ihren Schatten auf die Bl\u00e4tter.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAus diesem Krieg ersteht Europa nie mehr zur alten Macht &#8230; Die Erde h\u00e4utet sich. Das alte Europa verblutet. Der alte Erdteil Asien ist an der Reihe, aufzuleben und die F\u00fchrung der Erde zu \u00fcbernehmen. Was hilft es, wenn Deutschland auch siegt! Die Welt ist nicht blo\u00df ein Futterplatz. Wir haben kein leitendes Ideal mehr. Das Christentum ist abgestorben. Hier in Asien feiert man wenigstens das Leben als ein ger\u00e4uschloses t\u00e4gliches heiliges Fest.\u00ab<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Monate vor Waffenstillstand ist dann Dauthendey gestorben. Als er auf seine Reise ging, da war die Erde eine Farbenkugel, um die die luftigen Schleier neuer Sprache und neuer Dichterinbrunst flatterten. Doch als die Reise endete, da war die gleiche Erde rot gef\u00e4rbt und in der Luft standen die Fluggeschwader, Bomben auf sie herabzuwerfen. Das Leben hatte aufgeh\u00f6rt, ger\u00e4uschlos zu sein und selbst der Tod, es sei denn, da\u00df man ihm in den Bergw\u00e4ldern Tosaris begegnete, wo die Erde dies schw\u00e4rmerische Leben m\u00fctterlich mit einem fr\u00fchzeitigen Ende lohnte.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Herz im L\u00e4rm der Welt<\/strong>. Briefe an Freunde, von Max Dauthendey. M\u00fcnchen: Albert Langen\/Georg M\u00fcller 1933<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} \/-->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"linkDestination\":\"custom\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-100190 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Max_Dauthendey-e1645708408981.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/>Zum 100. Todestag erinnert KUNO an Max Dauthendey. Wir h\u00e4tten keinen besseren Text finden k\u00f6nnen, als diese W\u00fcrdigung durch Walter Benjamin.<\/figure>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Nachdenken \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Essay<\/a>.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph \/-->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph \/-->\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin deutscher Schriftsteller und habe in Europa in Petersburg, Berlin, M\u00fcnchen, London, Stockholm, Paris, Venedig und Sizilien Literatur, Malerei und Musik studiert. 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