{"id":86577,"date":"2010-08-29T00:01:40","date_gmt":"2010-08-28T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86577"},"modified":"2021-10-09T16:02:41","modified_gmt":"2021-10-09T14:02:41","slug":"die-kurzsichtige-und-der-komet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/29\/die-kurzsichtige-und-der-komet\/","title":{"rendered":"Die Kurzsichtige und der Komet"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel mit blo\u00dfen Augen zu sehen sein sollte, sp\u00e4ter in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jenem Winter sah man t\u00e4glich um die f\u00fcnfte Abendstunde die Leute mit Operngl\u00e4sern in den H\u00e4nden auf verschiedenen freien Pl\u00e4tzen von Berlin sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und l\u00e4rmend wie immer auf dem Stra\u00dfendamm rollte, stockte auf den B\u00fcrgersteigen der Verkehr. Die Leute schoben und dr\u00e4ngten und standen den Eilenden im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen f\u00fcr mich zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort \u00fcber den Kaffeeh\u00e4usern und \u00fcber den D\u00e4chern der Potsdamer Stra\u00dfe und der K\u00f6nigsgr\u00e4tzer Stra\u00dfe gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten des Nachthimmels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Stra\u00dfenbahn nach dem s\u00fcdlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den Parkanlagen des H\u00fcgels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich in der N\u00e4he des Kreuzbergs aus der Stra\u00dfenbahn stieg, bemerkte ich, da\u00df viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den Parkwegen h\u00fcgelaufw\u00e4rts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es war ein allgemeines Wandern, als w\u00e4re da oben ein Jahrmarkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee lag in d\u00fcnner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und\u00a0der klare, eisige Winterhimmel war trotz der sp\u00e4ten Stunde noch leicht hell und schimmerte zwischen den finstern B\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen k\u00fcnstlichen aufget\u00fcrmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen mit lautem Gel\u00e4chter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vor\u00fcber, und die jungen M\u00e4dchen, in Pelzm\u00e4ntel vermummt, kicherten, und die jungen M\u00e4nner erschreckten sie mit pl\u00f6tzlichen Zurufen; und mancher z\u00fcndete ein Streichholz an, um ein Gel\u00e4nder oder eine Treppenstufe zu beleuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald oben, auf der H\u00f6he des H\u00fcgels unter den B\u00e4umen eines verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen, die \u00fcber die H\u00e4userwelt von Berlin wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen war und ein St\u00fcckchen vom zunehmenden Mond blinkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich f\u00e4nde, alle aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen\u00a0w\u00fcnschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem Gef\u00fchlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem H\u00fcgel, der da im weiten steinernen H\u00e4userkranz Berlins wie eine Insel zwischen Wellenk\u00e4mmen lag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man lieh sich gegenseitig Gl\u00e4ser und Brillen und Fernrohre. Man half sich, im n\u00e4chtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die Augen als F\u00fc\u00dfe dienten, und man unterst\u00fctzte sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln am Nachtfirmament.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche P\u00e4rchen sonderten sich ab und setzten sich trotz K\u00e4lte und Schnee auf einsame B\u00e4nke, die da auf der H\u00fcgelh\u00f6he standen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4ltere Herren im Kreise von Bekannten erz\u00e4hlten von fr\u00fcheren Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben ihre Weisheit dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Stra\u00dfenz\u00fcge mit unz\u00e4hligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich f\u00fchlte man von der gro\u00dfen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger K\u00f6rper rund um den H\u00fcgel, ein K\u00f6rper, der sich ins Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedr\u00e4nge der Menschen. Nur der Himmel \u00fcber mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit entr\u00fcckt, m\u00fc\u00dften auf irgendeinem Eiland, wenn es das g\u00e4be, die Schatten der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in\u00a0H\u00f6hen, wo sich keine Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der Ewigkeit in uns und um uns\u00a0\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schatten gingen und neue Schatten kamen \u00fcber den wei\u00dfen, leicht beschneiten Grasfl\u00e4chen. Menschen l\u00f6sten sich aus B\u00e4umen, und andere schienen in B\u00e4ume zu verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schnee, der fein bl\u00e4ulich schimmerte wie eine Phosphormasse, schien mir aus wei\u00dfen, eisigen Bl\u00fcten zu bestehen, den Blumen der Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und \u00fcber denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald wir vergessen k\u00f6nnen, sind wir selbst nicht mehr und werden unendliches Gef\u00fchl ohne Wissen\u00a0\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten \u00fcber den Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen Schattenri\u00df ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in\u00a0meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im R\u00fcckblick Jugend nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer kann aber sagen, da\u00df er jemals altert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zierliche kleine Dame kam n\u00e4her, und ich sah, wie sie sich b\u00fcckte. Zu beiden Seiten ihrer F\u00fc\u00dfe stand je ein kleiner Hund, und sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der Hand hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gest\u00fctzt ich meinen Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm anbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, da\u00df sie noch immer sehr kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, da\u00df sie schon viele Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe, und wollte dann zu ihr treten und sie begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus den Augen verloren, und vielleicht w\u00e4re es gar nicht gut, wenn ich die beinah Vergessene begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde. Vielleicht\u00a0w\u00fcrden die Erinnerungen, die wir aufw\u00fchlen mu\u00dften, Martern werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und wei\u00df niemals, wie tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen, da\u00df er nur k\u00fcnstlich und verg\u00e4nglich ist. Aber wir schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib pl\u00f6tzlich im Blut Sehns\u00fcchte wie Abgr\u00fcnde \u00f6ffnen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gottlob, da\u00df Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Ma\u00dfst\u00e4ben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergr\u00fcnden sind. In seiner Unbegreiflichkeit erg\u00e4nzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wu\u00dfte nicht, sollte ich jene Dame gr\u00fc\u00dfen oder sollte ich ihr ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der H\u00f6he meiner H\u00fcfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zur\u00fcckziehen und wollte einige Schritte weitergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sehe und f\u00fchle ich erstaunend, da\u00df die\u00a0Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock, den sie wohl f\u00fcr einen Baumast hielt, festband.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, w\u00e4hrend mich der eine Hund beschn\u00fcffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese war ganz in ihre m\u00fchsame Arbeit vertieft und band die Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie ganz fl\u00fcchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten, sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich \u00fcberzeugt, da\u00df er fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben f\u00fcr einen der vielen Herumstehenden, die nach dem Kometen suchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah, da\u00df sie ein Opernglas umh\u00e4ngen hatte, und zugleich baumelte an einer langen Kette \u00fcber ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus fr\u00fcheren Jahren kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich niederzulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und ich mu\u00dfte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum st\u00fctzen und hatte alle M\u00fche, meinen Spazierstock festzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte, da\u00df sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbeh\u00e4lter nahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug \u00fcber den Schnee fortgegangen war, fl\u00fcsterte ich den Tieren ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kl\u00e4ffen ein, beschn\u00fcffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen F\u00fc\u00dfen nebeneinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen wieder abgeholt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der H\u00fcgelfl\u00e4che gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das Lorgnon nahm und dann\u00a0wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu suchen und unter den Sternen am Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine Unruhe \u00fcber ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und w\u00e4hrend alle Leute den Kometen im Westen finden wollten, hatte sie sich allein nach der \u00f6stlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sa\u00df damals eines Tages auf der Terrasse des Caf\u00e9 Josti am Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Fr\u00fchlingslebhaftigkeit war \u00fcber allen Menschen. Blumenverk\u00e4uferinnen mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten K\u00f6rben drau\u00dfen vor der Terrassenbr\u00fcstung neben den Zeitungsverk\u00e4ufern. Damen mit neuen Sommerh\u00fcten und Herren mit neuen Strohh\u00fcten spazierten, eilten und schlenderten vor\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die langen Reihen der Stra\u00dfenbahnen, die Autos und Lastkarren stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten Stra\u00dfenm\u00fcndungen die wei\u00dfbehandschuhte Hand hob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah zuf\u00e4llig \u00fcber den Platz hin und bemerkte, da\u00df ein Schutzmann eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm \u00fcberschreiten wollte, her\u00fcbergeleitete, und da\u00df die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Umstehenden lachten. Der vielbesch\u00e4ftigte Schutzmann aber gr\u00fc\u00dfte nur kurz und lie\u00df die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und dar\u00fcber etwas ratlos, gab sie das Geldst\u00fcck, das sie nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverk\u00e4uferin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese meinte nat\u00fcrlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen Moosrosenstr\u00e4u\u00dfchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strau\u00df aus ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum Eingang der Terrasse des Caf\u00e9s. Die Blumenverk\u00e4uferin wu\u00dfte nun nicht, wem sie das Str\u00e4u\u00dfchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Caf\u00e9s ein. Dort zog er h\u00f6flich den neuen Strohhut, verneigte sich\u00a0und reichte der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrau\u00df. Sie sah den Herrn erstaunt von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu w\u00fcrdigen, lie\u00df sie ihn mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich f\u00fcr einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die \u00dcberreichung des Str\u00e4u\u00dfchens bezwecke eine Ann\u00e4herung. Dann stieg die Dame die wenigen Stufen zur Caf\u00e9hausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze mit offenen M\u00e4ulern sto\u00dfweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise nach meinem Tisch hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen, \u00fcber und neben den K\u00f6pfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam verfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun sa\u00df sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und s\u00e4uberte eifrig die Gl\u00e4ser ihres Lorgnons.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie war unauff\u00e4llig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, da\u00df ein gro\u00dfer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr\u00a0Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war mild und bla\u00df, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und m\u00fcsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre Augen verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte bei dem vor\u00fcberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde f\u00fcr ein paar Augenblicke von einem Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus meinem Glase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich r\u00fchrte mich nicht und lie\u00df die Dame im Glauben, da\u00df das ihre Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich \u00fcber sich \u00e4rgerte. Ich dachte, sie w\u00fcrde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung vorbringen. Sie aber lie\u00df ihr\u00a0Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf den Tisch und murmelte dabei: \u201eDas ist doch unversch\u00e4mt.\u201c Dann stand sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her und verlie\u00df offensichtlich ge\u00e4rgert die Terrasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, da\u00df ihr Taschentuch von ihrem Scho\u00df unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den Ausspruch \u201eDas ist unversch\u00e4mt\u201c so verwundert, da\u00df ich mich nicht gleich b\u00fccken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame kenne, die eben da gesessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa,\u201c sagte er, \u201esie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken unsere Getr\u00e4nkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, da\u00df sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musiksch\u00fclerin, und ich sah sie auch schon \u00f6fters mit einem Geigenkasten vor\u00fcbergehen. Sie mu\u00df hier in der N\u00e4he wohnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der jungen Dame selbst auszuh\u00e4ndigen, wenn ich sie einmal wieder sehen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich am n\u00e4chsten Nachmittag, ungef\u00e4hr um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer Stra\u00dfenecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war auf der anderen Seite der Stra\u00dfe und mu\u00dfte einige Automobile vor\u00fcberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm \u00fcberschreiten konnte. Als ich dann durch das Wagengedr\u00e4nge hin\u00fcberkam, sah ich, wie die Dame, immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Stra\u00dfe ging. Dort mu\u00dfte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich z\u00f6gerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz klopfte ein wenig, als ich \u00fcberlegte, mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch \u00fcberreichen sollte hier an der Stra\u00dfenecke.\u00a0Wahrscheinlich w\u00fcrde sie mich gar nicht anh\u00f6ren, wenn ich mich verbeugen und meinen Hut ziehen w\u00fcrde. Vielleicht w\u00fcrde sie mich kurz angebunden stehen lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten Rosenstrau\u00df hatte stehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wenige Augenblicke \u00fcberlegte ich das alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten w\u00fcrde, wollte ich mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspr\u00e4che. Ich konnte sehen, da\u00df sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres gr\u00fcnseidenen Sonnenschirms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich bemerkte ich aber jetzt, da\u00df die meisten Leute, die an der Dame vor\u00fcbergegangen waren und um jene Stra\u00dfenecke bogen, sich erstaunt, verbl\u00fcfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen war, umsahen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war doch nicht m\u00f6glich, da\u00df sie alle diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, da\u00df ein einziger von ihnen gr\u00fc\u00dfte oder gegr\u00fc\u00dft hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die \u00fcber den wei\u00dfen Asphalt der Stra\u00dfe fielen, da\u00df sich Menschen dort ansammelten, wo sie stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte ich mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren M\u00f6rtel f\u00fcr mich nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster getan hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben, vor\u00fcbergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begriff nun: die Kurzsichtige mu\u00dfte tief in Gedanken sein, und weil sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewu\u00dft zu werden, da\u00df die Wand leer war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diesen Augenblick mu\u00dften alle Umstehenden gewartet haben. Mit demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden war, trennte sie sich pl\u00f6tzlich von der leeren Wand, erleuchtet von einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht vor dem grausamen L\u00e4cheln der anderen. Sie \u00fcberquerte den Fahrdamm und trat dr\u00fcben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wu\u00dfte ich, ich w\u00fcrde ihr \u00f6fters begegnen, und ich beeilte mich nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang gemerkt, da\u00df sie in dieser Stra\u00dfe zu Hause war. Sie schien immer zu dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte aber nicht gedacht, da\u00df ich bald ihren Namen erfahren w\u00fcrde, ohne sie danach gefragt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Tag sp\u00e4ter merkte ich zu meinem Erstaunen, da\u00df von dem Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten\u00a0reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren von den F\u00fc\u00dfen der Stra\u00dfeng\u00e4nger in den Rinnstein geschoben worden. Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Stra\u00dfe, wie wei\u00dfe, kleine Gondeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich eben an der Haust\u00fcre, wo das letzte Visitenkartenh\u00e4ufchen lag, vor\u00fcbergehen wollte, \u00f6ffnete sich diese und eine Frau trat heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mu\u00dfte. Sie schlug die H\u00e4nde zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und als sie mich auch staunen sah, erkl\u00e4rte sie mir, in ihrem Hause wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, da\u00df sie alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haust\u00fcre verloren habe. Die Schachtel, die seitlich zu \u00f6ffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das P\u00e4ckchen zusammengehalten hatte. Die Dame sch\u00e4me sich nun f\u00fcrchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ben\u00fctzte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich im Caf\u00e9 hatte liegen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eO,\u201c sagte die Frau, \u201esie wei\u00df nie, wohin ihre Taschent\u00fccher verschwinden. Aber \u00fcber die ganze Stadt liegen ihre Taschent\u00fccher zerstreut.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fr\u00e4ulein habe die gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und K\u00fcche. Die H\u00e4user seien Zwillingsh\u00e4user und h\u00e4tten dieselbe Einteilung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da scho\u00df es mir durch den Kopf, da\u00df vor einigen Wochen jemand nachts um zw\u00f6lf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen, am Schlo\u00df meiner Flurt\u00fcr mit einem Schl\u00fcssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich geglaubt, es w\u00e4re ein Einbrecher, dann war mir das Ger\u00e4usch doch zu selbstverst\u00e4ndlich erschienen, und ich dachte, es m\u00fc\u00dfte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin weiter erz\u00e4hlte, da\u00df die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haust\u00fcren\u00a0verwechselt h\u00e4tte, wu\u00dfte ich, da\u00df es die Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner T\u00fcr erschreckt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Nachmittag war sch\u00f6nes Wetter, und ich stellte mich ans Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen w\u00fcrde, zu beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen Schrittes am B\u00fcrgersteig hinging bis zum n\u00e4chsten Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten, sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00dfte herzlich f\u00fcr mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie \u00fcberschritt die Stra\u00dfe und ging in eine Konditorei, wo sie in einem stillen Hinterzimmer ungest\u00f6rt ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr bald vermissen! Ich mu\u00df ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr in die Konditorei bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie war wie eine h\u00fcbsche kleine Japanerin,\u00a0harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer der Welt entr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in seine gro\u00dfe braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich h\u00e4tte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er begriff mich erst nicht, und ich mu\u00dfte meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und mich ein wenig geringsch\u00e4tzig von Kopf bis zu Fu\u00df ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, h\u00e4ndigte er mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und abgen\u00fctztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Konditorei dr\u00fcben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung sitzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich n\u00e4herte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin mu\u00dfte ihr erz\u00e4hlt haben, da\u00df ich ihr Taschentuch aufgehoben hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eK\u00f6nnen Sie denn meinen Brief schon\u00a0haben?\u201c fragte sie. Bin ich denn stundenlang hier gesessen und wei\u00df es gar nicht? setzten ihre unruhigen Augen hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUm Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?\u201c stie\u00df sie gequ\u00e4lt hervor und sank auf einen Stuhl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIm Briefkasten lag es,\u201c sagte ich und zwang mich, ein m\u00f6glichst harmloses Gesicht zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige Erkenntnis \u00fcber sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern h\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und f\u00fcr das Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, da\u00df sie einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort \u201eunversch\u00e4mt\u201c sei ihr aber entfahren, weil sie mich f\u00fcr jenen Herrn gehalten habe, der ihr unversch\u00e4mterweise einen Rosenstrau\u00df am Eingang des Caf\u00e9s angeboten. Sie\u00a0h\u00e4tte im Brief dazugesetzt, da\u00df sie sich pers\u00f6nlich entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann erz\u00e4hlte sie mir seufzend, da\u00df ihre Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wu\u00dfte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer S\u00e4ule ein Springbrunnen pl\u00e4tscherte, um den Wassergl\u00e4ser standen, die zum Kaffee gereicht wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Springbrunnen st\u00f6rte mich ein wenig mit seinem pl\u00e4tschernden Laut, der so einf\u00f6rmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, da\u00df w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4ches die kurzsichtige Dame \u00f6fters leicht bek\u00fcmmert zur Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten Tage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hielt das f\u00fcr eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederrei\u00dfen oder etwas \u00c4hnlichem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie sagte, da\u00df sie das Wetter erst abwarten wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaubte, sie f\u00fchle ein heraufziehendes Gewitter kommen und f\u00fcrchte sich zu Hause allein zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vor\u00fcberkam \u2013 es war inzwischen kein Unwetter gewesen, sch\u00f6ner stiller Himmel und Sommerabend voll Sterne und Klarheit \u2013, da stand der Konditor unter der T\u00fcre und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhre Dame ist eben erst fortgegangen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWelche Dame?\u201c fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim Ger\u00e4usch von meinem Springbrunnen geglaubt, da\u00df es regnet, und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, von dem sie behauptete, da\u00df es von den Regentropfen Flecken bekommen k\u00f6nnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hin\u00fcbergeschickt und hat sich ihren Schirm holen <span id=\"269\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/270\"><span class=\"pagenumber noprint\">[<b><a title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/270\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite%3ADe_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu\/270\">269<\/a><\/b>]<\/span> <\/span>lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gn\u00e4dige Fr\u00e4ulein bei dem sch\u00f6nen klaren Abend einen Schirm n\u00f6tig habe. Wir waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladent\u00fcr kam und verwundert entdeckte, da\u00df kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz w\u00fctend \u00fcber sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich \u00e4rgerlich, da\u00df sie den sch\u00f6nen Abend im Laden verbracht und den pl\u00e4tschernden Springbrunnen f\u00fcr einen Regen gehalten hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich nicht f\u00fcrchte, \u00fcberfahren zu werden, wenn sie so in Gedanken sei, sagte sie: \u201eNein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich mich immer empfehle.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ist das f\u00fcr ein Gott?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Gott der Idioten,\u201c sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines Lachen, das ihr sehr gut stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter anderem war ihr auch einmal passiert, da\u00df sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen gro\u00dfen silbernen L\u00f6ffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie aufmerksam gemacht, da\u00df sie ja einen silbernen L\u00f6ffel mitn\u00e4hme, war sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend, da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer Stra\u00dfe. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas ereignet h\u00e4tte, was sie kopflos machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lie\u00df meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie gr\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen. Aber mein Schrecken war gro\u00df. Kaum, da\u00df meine Glocke schrillte, lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein unsichtbares Fahrrad \u00fcber sie fortgeradelt w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln schien ihr so nah, da\u00df sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen war mit dem Gef\u00fchl, sie sei \u00fcberfahren worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erkl\u00e4rte sie mir, sie w\u00e4re so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch\u00a0auf der Treppe l\u00e4ge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, und sie w\u00fcrde erst im Herbst in die Stadt zur\u00fcckkehren. Sie f\u00fcrchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun w\u00e4re sie fortgerannt, um an der n\u00e4chsten Stra\u00dfenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege quer \u00fcber den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, \u00fcber ihn hinwegzusteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend stiegen wir zusammen hinauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem Stock t\u00fcchtig aufstampfend, um den unversch\u00e4mten Eindringling zu st\u00f6ren, ging ich allein h\u00f6her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts regte sich in der D\u00e4mmerung des Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen\u00a0eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter Reiseschal. Diesen mu\u00df die Kurzsichtige f\u00fcr einen Menschen gehalten haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, da\u00df kein Mensch da w\u00e4re und da\u00df nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie erschreckt h\u00e4tte. Sie behauptete, der Mensch w\u00e4re fortgelaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah es ihr an, wie sie sich sch\u00e4mte, es sich selbst einzugestehen, da\u00df sie wieder get\u00e4uscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen durch ihr Lorgnon gesehen h\u00e4tte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte aber trotzdem nicht zugeben, da\u00df sie den Reiseschal f\u00fcr einen Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen Augenblick bei ihr einzutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drinnen in den Zimmern war alles in gr\u00f6\u00dfter Unordnung. Wie buntes Gem\u00fcse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, da\u00df sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mu\u00dfte zwischen verschiedenen Gegenst\u00e4nden in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann ging sie in die K\u00fcche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan\u00a0schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die an die T\u00fcrklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und half ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Blick fiel zuf\u00e4llig, w\u00e4hrend ich den Knoten l\u00f6ste, auf einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschl\u00e4ge, hatte sie die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, w\u00e4hrend sie den leeren Briefumschlag sorgf\u00e4ltig in ihre Handtasche gesteckt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf gestohlen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter, als sie mir sehr sch\u00f6n auf ihrer Violine vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie m\u00fcsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott der Idioten ausgeliefert habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters,\u00a0der au\u00dfer einem gro\u00dfen Haarb\u00fcschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu bieten schien. Und ich war sicher, da\u00df auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war eifers\u00fcchtig auf diesen Haarmenschen, das f\u00fchlte ich, und ich f\u00fchlte auch, wie leicht es sein w\u00fcrde, diesen Nebenbuhler zu verdr\u00e4ngen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz dr\u00e4ngte, und warb von dieser Stunde an um jenes M\u00e4dchen. Ich folgte ihr nach aufs Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im n\u00e4chsten Winter besuchte ich in Berlin mit ihr Konzerte und Vergn\u00fcgungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem wir gl\u00fcckliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebensw\u00fcrze genossen hatte, wurde ich allm\u00e4hlich von dem Doppelleben, das sie f\u00fchrte, nerv\u00f6s, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden\u00a0mu\u00dfte, um die Abenteuer zu \u00fcberstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ging sp\u00e4ter auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer seltener. Ohne da\u00df wir uns Vorw\u00fcrfe machten, f\u00fchlten wir beide, da\u00df die Zeit unserer Innigkeit vor\u00fcber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, denn sie war liebreizend und von heiterer Gem\u00fctsart und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert wurde.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen F\u00fc\u00dfen sa\u00dfen, an meinem Spazierstock, den sie f\u00fcr einen Baumast gehalten hatte, fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald aber bemerkte ich, da\u00df meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel richtete, sondern da\u00df sie den H\u00fcgelabhang hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er schien sie zu begr\u00fc\u00dfen und schien der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit f\u00fcr seine Hand hielt, wor\u00fcber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich an die Brust warf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da zog ich meinen Stock vom Baum zur\u00fcck und streifte den Riemen, an denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den beiden Tieren: \u201eLauft!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kl\u00e4ffend zu ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich niedersetzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Kurzsichtigen h\u00f6rte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde h\u00e4tten den Baumast abgebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Mann lachte und rief laut: \u201eDas glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an die Luft angebunden haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben m\u00f6gen, da er so respektlos zu ihr sprach.\u00a0Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich mit ihr schon hundert \u00e4hnliche F\u00e4lle erlebt haben und hatte das Recht zum Lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun h\u00f6rte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. Er k\u00f6nne sich \u00fcberzeugen. Der Ast m\u00fcsse abgebrochen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft f\u00fchlte, wo mein Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handh\u00f6he weder oben noch unten irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenh\u00f6he erst setzten die Zweige der Tanne an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, da\u00df sie sich get\u00e4uscht haben m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber es war doch ein daumendicker Ast da,\u201c h\u00f6rte ich sie versichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas du gesehen und gef\u00fchlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,\u201c h\u00f6hnte der junge Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs war ein Ast. Ich habe das Holz gef\u00fchlt. Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,\u201c erkl\u00e4rte sie zuletzt. \u201eDenke dir, was mir gestern wieder passiert ist!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kamen beide im Sprechen n\u00e4her zur Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem\u00a0Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzm\u00fctze sa\u00df und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht zu f\u00fcrchten, da\u00df sie mich erkennen w\u00fcrde. Sie lie\u00df sich in der Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, w\u00e4hrend ihr Begleiter sich neben sie setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um alles zum Backen N\u00f6tige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich in allern\u00e4chster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich b\u00fccke mich mit Milchflasche, Mehlt\u00fcte und Eiert\u00fcte und gehe langsam an dem Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich einen glucksenden Laut und sehe, da\u00df die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat \u00fcber die verschiedenen Serienf\u00e4cher des Ansichtskartenverkaufes gegossen, denn der Kork hatte sich von der Flasche gel\u00f6st.\u00a0Ich war au\u00dfer mir vor Schrecken und rannte davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehlt\u00fcte und das Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner Haust\u00fcr angekommen, scheint mir die Mehlt\u00fcte unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig d\u00fcnn geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich hinter mir eine wei\u00dfe Mehlf\u00e4hrte, die von der Postkartenhandlung bis zu meiner Haust\u00fcre f\u00fchrte. Die T\u00fcte war geplatzt, und das Mehl war ausgelaufen. Ich warf die leere T\u00fcte in den Rinnstein. Als ich oben in meinem Zimmer die Eiert\u00fcte \u00f6ffnete, war nur noch eine gelbe Br\u00fche und zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter sa\u00df. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich klar machen, da\u00df sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch meinend, da\u00df ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich h\u00e4tte mich geirrt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEntschuldigen Sie, das ist mein Stock,\u201c erwiderte ich ruhig und stand auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wu\u00dfte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill neben mir. Da rief der junge Mann, der w\u00e4hrend der ganzen Zeit mit dem Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe den Kometen gefunden!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6rte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: \u201eIch habe auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so schnell, wie er einmal kam.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-86434 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-560x751.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-260x348.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-160x214.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg 764w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Farben und T\u00f6nen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren \u00c4sthetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sinnenhafte Eindr\u00fccke in impressionistische Wortkunstwerke um. Bereits seine erste Gedichtsammlung von 1893 mit dem Titel \u201eUltra-Violett\u201c l\u00e4sst die Ans\u00e4tze einer impressionistischen Bildkraft erkennen, die dichterisch gestaltete Wahrnehmung von Farben, D\u00fcften, T\u00f6nen und Stimmungen offenbart. In seiner sp\u00e4teren Natur- und Liebenslyrik steigerte sich dies bis zur Verherrlichung des Sinnenhaften und Erotischen und traf sich mit seiner Philosophie, die das Leben und die Welt als Fest, als panpsychische \u201eWeltfestlichkeit\u201c begriff. Rilke bezeichnete ihn als einen \u201eunserer sinnlichsten Dichter, in einem fast \u00f6stlichen Begriffe\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel mit blo\u00dfen Augen zu sehen sein sollte, sp\u00e4ter in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/29\/die-kurzsichtige-und-der-komet\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":225,"featured_media":86434,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3011],"class_list":["post-86577","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-max-dauthendey"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/225"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=86577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86577\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=86577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=86577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=86577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}