{"id":86566,"date":"2010-09-27T00:01:06","date_gmt":"2010-09-26T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86566"},"modified":"2021-10-25T13:51:45","modified_gmt":"2021-10-25T11:51:45","slug":"auf-dem-weg-zu-den-eulenkaefigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/27\/auf-dem-weg-zu-den-eulenkaefigen\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zu den Eulenk\u00e4figen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe manchmal dar\u00fcber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen vergleichen lie\u00dfen. Es machte mich oft in ihrer N\u00e4he unruhig, da\u00df ich keinen Ma\u00dfstab f\u00fcr ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei Gespr\u00e4chen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte, stotterte meine Vorstellung, m\u00f6chte ich sagen, und brachte niemals einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer Dunkelheit, die ist \u00fcber Schwarz hinaus, eine abgr\u00fcndigere Farbe, vielleicht m\u00fc\u00dfte man diese Augen Saturnschwarz nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist, und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein wenig ehebrecherisch getr\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht f\u00fcr Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mu\u00dfte am Morgen ein kleines Gedicht dar\u00fcber schreiben. Das Gedicht schilderte ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war vom Hals bis zum Fu\u00df in einen wei\u00dfen Seidenschal schlank eingewickelt, und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich f\u00fcr diesen Blick, sondern nur den ganz bl\u00f6den romanhaften, da\u00df Claudias Auge \u00e4hnlich einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich wei\u00df nicht, ob ich sagen soll zum Gl\u00fcck oder zum Ungl\u00fcck, an dem sich behend Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im T\u00fcrbrett stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen Vergleich. Aber\u00a0jetzt brauche ich mich \u00fcberhaupt nicht mehr abzum\u00fchen, mir die Augen Claudias zu erkl\u00e4ren. Sie selbst hat es neulich getan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen, unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas versp\u00e4tet aus einer Kunstausstellung und dachte, da\u00df alle Freunde schon gekommen w\u00e4ren. Durch die gro\u00dfen Scheiben des Auto blickte ich unruhig der Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei, denn die Versp\u00e4tung \u00e4rgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, da\u00df ich all dieses Schwarz, in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Stra\u00dfe erschien, zuerst gesehen h\u00e4tte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem\u00a0mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich weit aus dem Gesicht fortger\u00fcckt scheint. Nicht Leben, das einem entgegenkommt. Man k\u00f6nnte sagen, da\u00df man eine aufgezeichnete Landkarte vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute, wenn der Blick jener Frau einen traf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren Zoologischen Garten ein, wo die bl\u00e4tterlosen B\u00e4ume \u00f6de gegen den mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias, nur Lebenslinien, hoch von der Erde wegger\u00fcckt, Haltung und Bestimmung zeigten, aber keine bl\u00e4tterrauschende Sommerfreude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo wollen wir zuerst hin?\u201c fragte einer den andern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer dazwischen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber zu den Eulen m\u00fcssen wir auch gehen! Ihr wi\u00dft nicht, wie sch\u00f6n die Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch, es sind wundersch\u00f6ne V\u00f6gel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie l\u00e4chelte. Und ich mu\u00dfte an den Rattenf\u00e4nger von Hameln denken, der an der Spitze einer Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichm\u00e4\u00dfigen Fl\u00f6tenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den Ahnungslosen schlie\u00dfen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gingen diese schwarzen Augen, die ich bis zu jener Stunde immer noch nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Fl\u00f6tenlauten \u00e4hnlich, anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern w\u00e4ren pl\u00f6tzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder von den d\u00fcsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des ganzen Gartens\u00a0und die sch\u00f6nsten V\u00f6gel der Welt. Und ich konnte mich bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu gehen als zu den Eulen. So ging es schlie\u00dflich allen, die um Claudia waren. Die Eulen wurden f\u00fcr jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und w\u00e4hrend die Stimme der schwarz\u00e4ugigen Frau die Eulen pries, wie ich es noch nie von jemandem geh\u00f6rt hatte, und w\u00e4hrend einer nach dem andern seine eigenen W\u00fcnsche fallen lie\u00df, sah ich auf dem F\u00fcnfminutenweg hin zu den Eulenk\u00e4figen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte. Man sagt, da\u00df einem von einem Turm oder Berg St\u00fcrzenden innerhalb der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen vor\u00fcberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den Eulenk\u00e4figen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie selbst mir viel erz\u00e4hlt. Nur Andeutungen, nur S\u00e4tze und nur kurze Geschehnisse, erz\u00e4hlt von gemeinsamen Freunden \u00fcber sie, lagen zerstreut in mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber schossen mir alle diese Eindr\u00fccke, wie von einem Magneten angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen\u00a0Lebensbilde zusammen, da\u00df mich jeder Schritt marterte, den ich neben Claudia weitergehen mu\u00dfte. Und doch lockte mich die Erhabenheit eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Fl\u00f6tenlaute bestricken und uns fortf\u00fchren k\u00f6nnen in ein Dickicht, durch Stacheln und Dornen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde, tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt, trotzdem er ihr Grauen einfl\u00f6\u00dft, trotzdem er t\u00e4glich M\u00fchlsteine an ihre Seele h\u00e4ngt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts f\u00fcr ihr Gebet gibt, keine andere Gewi\u00dfheit als den Tod. Dagon, der Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, f\u00fcr den die Blumen welken, die V\u00f6gel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere geh\u00fcllt steht, w\u00e4hrend nur ein\u00a0Drittel der Erde Dagon die Stirnen der Berge als Widerstand hinstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend sie dabei war. Denn wie stark der Gott allm\u00e4chtiger Willk\u00fcr in dem Geliebten verk\u00f6rpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen f\u00fchrte, wenn sie den jungen Mann und zuk\u00fcnftigen Lebensgef\u00e4hrten beobachtete. Es belustigte sie, den Geliebten auf Widerspr\u00fcchen zu ertappen, aus denen er sich l\u00e4chelnd und k\u00fchl \u00fcberlegend oder mit einem gewandten Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entr\u00fcckte. Damals merkte sie zuerst, da\u00df jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein, die Wahrheit und die L\u00fcge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit wird, \u00e4hnlich wie H\u00e4user am\u00a0Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergr\u00fcndlich aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes Zerrbild der Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren Unergr\u00fcndlichkeiten verbl\u00fcffend, die Ufer des Lebens wieder, indem es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es f\u00fcr unergr\u00fcndlich ausgab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte auch, als es noch nicht allgemein war, da\u00df Frauen Zigaretten rauchten. Sie w\u00e4re vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich K\u00fchne erregte sie, da ihr eigener junger K\u00f6rper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll gegen\u00fcbertrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte sie eines Tages in ihrem Studentenzimmer auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, ob sie nicht die Frau seines Freundes werden wollte. Als sie \u201enein\u201c sagte, schlug der Abgesandte, der ein ernster und zielbewu\u00dfter Mensch war, in ehrlichem Zorn mit der Hand auf den Tisch und fragte Claudia, was sie veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen Mannes mit einem Nein abzuweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gefragte sagte ganz einfach, da\u00df sie bereits gew\u00e4hlt habe, und nannte den Namen Dagons.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDann prophezeie ich Ihnen, da\u00df sie niemals gl\u00fccklich werden,\u201c entfuhr es dem heftig Erregten, der seinen Freund verdr\u00e4ngt sah von einem, der ihm Widerwillen einfl\u00f6\u00dfte. \u201eAber sagen Sie mir, ehe ich gehe,\u201c f\u00fcgte er hinzu, \u201ewas haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa\u00df er adelig ist,\u201c antwortete ihm frei und stolz die junge Studentin, \u201eist der Grund, der immer bleiben w\u00fcrde, wenn ich nicht bereits einen andern vor ihm gew\u00e4hlt h\u00e4tte. Ich will nicht, da\u00df man in seiner Familie auf mich als auf eine B\u00fcrgerliche herabschaut.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern.\u00a0Nur einmal, als ich sie tief ungl\u00fccklich antraf und ganz nat\u00fcrlich fragte: \u201eWie sind Sie denn mit diesem Mann zusammengekommen, der Ihnen jetzt so viel Qualen bereitet?\u201c, da erz\u00e4hlte sie diese kleine Verlobungsperiode, und sie schlo\u00df: \u201eGerade weil mich der Freund jenes Adeligen vor Dagon warnte und mir Unheil prophezeite, gerade das war es, was mich herausforderte, Dagon erst recht zu w\u00e4hlen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft Verwandlungsf\u00e4hige seiner Seele reizte die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe in mir. Mir war, als k\u00f6nnte Dagon alles Feste in Wolken aufl\u00f6sen. Mir war, als s\u00e4he ich einem Zauberer zu, wenn er mich leise und l\u00e4chelnd schon in der ersten Zeit unseres Bekanntwerdens bel\u00fcgen konnte. Dann drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir war, als m\u00fc\u00dfte ich das L\u00fcgen aus ihm ausbrennen. Er l\u00e4chelte wieder und log hilflos weiter und tat, als h\u00e4tte ich wirklich das leichte L\u00fcgen an der feinsten Wurzel in ihm abget\u00f6tet. Aber ich ahnte ja nicht, da\u00df er immer wieder neue F\u00e4den der L\u00fcge hinter sich herziehen konnte, wie die Spinne ihre F\u00e4den, daran sie tanzt, daran sie sich \u00fcber Abgr\u00fcnde schwingt.\u00a0W\u00e4hrend ich aber glaubte, in Dagon die L\u00fcge abzut\u00f6ten, wurde ich langsam von ihm abget\u00f6tet, entkr\u00e4ftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, und nur Unheil war er f\u00fcr mein ganzes Leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Claudia erz\u00e4hlte weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAm ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen als Verlobte feiern wollten, reiste ich zum erstenmal in meinem Leben zum Fest nicht nach Hause, trotz der Bitten meiner Eltern und Geschwister und obwohl ich wu\u00dfte, da\u00df mein Vater alt und krank war. Aber am Nachmittag des Weihnachtsabends, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich ein Telegramm, das mir den Tod meines Vaters anzeigte. Ich sa\u00df eine Stunde sp\u00e4ter im Eisenbahnzug und durfte den Abend weder bei dem geliebten Mann, noch in meiner geliebten Familie verbringen, sondern war in einer H\u00f6lle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen hin und her schwankend, zwischen dem Ziel des Lebens und dem Ziel des Todes. Leidend, weinend und ersch\u00fcttert sa\u00df ich in der weihevollen Nacht als einziger Reisender im leeren Zug, von Selbstvorw\u00fcrfen gepeinigt, weil ich meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht erf\u00fcllt hatte, ihn auf seinem Krankenbett am Weihnachtsabend zu besuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte nun an diesem Abend nichts, weder den Geliebten, noch das Heim. Ich hatte die Leere. Das war der Anfang des Verschlingens, das von Dagon ausgeht. Aber ich hatte mir Dagon gew\u00e4hlt, das mu\u00dfte ich mir immer wieder sagen. Ich h\u00e4tte auf dem Landgut des Adeligen vielleicht ein ruhiges, se\u00dfhaftes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, gepflegt von einem mich aufrichtig Liebenden. Ich hatte es nicht gewollt. Mich hat der Kampf mit dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wu\u00dfte es damals nicht: es ist der Kampf mit dem Nichts gewesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erz\u00e4hlte mir Claudia ohne Pathos, ohne gro\u00dfe Geste, mit schwarzblanken Augen, die gl\u00e4nzend zu sein schienen von den Abgr\u00fcnden ihres Ungl\u00fcckes. Es war auch, als triumphiere in ihrem Blick das Bewu\u00dftsein des Unentrinnbaren, als k\u00e4me sich jene Frau selbst erstaunlich vor und als lie\u00dfe sie ihr Erstaunen \u00fcber sich aus ihrer Augenschw\u00e4rze strahlen. Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles erleben. Sie lebt in einer Ungl\u00fccksekstase, und mir scheint, ihre Augen werden immer gl\u00e4nzender, je ungl\u00fccklicher sie von Jahr zu Jahr wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. Da verfl\u00fcchtigte sich das Feuer ihres Willens zum Ungl\u00fcck. Ihre Augen sahen so verkl\u00e4rt aus, als ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen wie eine Traumwandlerin auf den D\u00e4chern der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet waren und sie sich schwanger werden f\u00fchlte, waren sie beide nach Kanada ausgewandert. Sie wu\u00dfte nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt hatte. Sicher blieb nur, da\u00df es ihr Ungl\u00fcck war, da\u00df er ausgef\u00fchrt wurde. Sie, die schon damals f\u00fchlte, da\u00df sie in dem Mann so wenig Sicherheit hatte, als wenn sie sich an seinen Schatten anklammern w\u00fcrde, hatte begeistert den Weg ins freiheitliche Amerika angetreten, schw\u00e4rmend f\u00fcr alles Gro\u00dfz\u00fcgige, Unbegrenzte, nie Dagewesene. Dort in dem jugendlichen Land Amerika, wo die Frau den Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon allein f\u00fcr sich zu bekommen und seine Augen, die alle Frauen wie Irrlichter umgleiten konnten, zum festen Blick zu zwingen, der sich dann von ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. Denn Claudia wollte Dagons eidechsenhaften Seelenbewegungen die schwerthafte St\u00e4rke ihrer Augen geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte nur wie nasses Pulver, da Dagons Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum waren beide in Amerika gelandet, so erhielten sie die Nachricht, da\u00df Dagon seinen Vater verloren habe und wegen wichtiger Erbschaftsangelegenheiten nach Deutschland zur\u00fcckkehren m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte eben ihr erstes Kind geboren und lag zu Bett. Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet hatte. Der Ozean trennte sie bald. Sie, die keine Stunde ohne ihn sein wollte, war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum andern nachzuklagen. Und als Dagon sp\u00e4ter Claudia nachkommen lie\u00df und sie in Europa erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter sich gelassen, als sie sich wieder die H\u00e4nde reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb der erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane folgten, die sich einer an den andern reihten. Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit der und jener Frau betrogen, mit der und jener Freundin. Wenn sie auch immer Gest\u00e4ndnisse aus ihm herauslockte, das Urversprechen einer Treue, einer m\u00e4nnlichen Festigkeit,\u00a0auf der ihre schwarzen Augen ruhen wollten, konnte sie Dagon nie abringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia warf sich dann auf die Arbeit. Sie hatte studiert, hatte ihr Examen gemacht. Sie wurde \u00c4rztin und arbeitete an Dagons Seite unentwegt und damals noch ungel\u00e4hmt. Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren Mann zu ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon hatte kein Verm\u00f6gen geerbt, wie sie beide es erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten es vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, seinen leichtlebigen Sohn zu enterben, ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und dieses Geld sollte Claudias Kindern und nicht Dagon ausgezahlt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn sie hatten beide hohe Lebensanspr\u00fcche. Die Luft um Dagon wurde immer tr\u00fcber. Er blieb halbe Tage fort, ohne da\u00df Claudia wu\u00dfte, wo er war. Sie erfuhr immer wieder von neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller Kreise, die Dagon fesselten und die er ausleben mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er selbst spa\u00dfte nur dar\u00fcber, als w\u00e4ren seine Liebeserlebnisse nicht mehr als kleine Warzen an der Hand, die kommen und gehen und dem Wohlergehen nicht weiter sch\u00e4dlich sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes hoffte Claudia, es w\u00fcrde das letzte sein. In jener Zeit war es einmal, da\u00df ihr die Geduld pl\u00f6tzlich ri\u00df und sie ein Messer nach Dagon schleuderte, das in der T\u00fcr stecken blieb. Und endlich mu\u00dfte sie erkennen, da\u00df ihres Mannes Seele, wenn sie nach ihr griff, immer ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen W\u00fcstensand nicht in der Hand behalten kann; denn wenn man die Faust zudr\u00fcckt, rieselt dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte Sand durch die Fingerritzen, und wenn man die Faust \u00f6ffnet, hat man nichts in der Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war das Herz Dagons in der Hand Claudias. Wenn sie es noch eben festhielt,\u00a0\u2013 es war nicht mehr da, wenn sie die Hand \u00f6ffnete und nachsah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber wurde ihr eigenes Herz d\u00fcrr. Es wurde von den Leiden und Schmerzen und von der Leidenschaft vers\u00fc\u00dft wie getrocknete Datteln, die zuckriges Fleisch um einen steinharten Kern tragen. Den Stein in Claudias Herzen l\u00f6ste nichts auf. Der Stein sa\u00df im s\u00fc\u00dfen Fleisch unbeweglich, und das s\u00fc\u00dfe Fleisch welkte und d\u00f6rrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung gepackt. Ich war damals nicht in <span id=\"162\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/163\"><span class=\"pagenumber noprint\">[<b><a title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/163\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite%3ADe_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu\/163\">162<\/a><\/b>]<\/span> <\/span>ihrer N\u00e4he und h\u00f6rte nur aus Briefen meiner Freunde, da\u00df jene Frau ihrem Mann Gleiches mit Gleichem vergolten und sich einen Freund genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit dem sie fortgereist war, um ihre gereizten Gef\u00fchle zu beschwichtigen. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, da\u00df sie diesen Freund wieder verlassen, ihr und Dagons Kind zu sich genommen habe und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. Sie hatte nach dem Tode ihrer Mutter ein Verm\u00f6gen geerbt, und da ihr die Arbeit keine Freude mehr machte, lebte sie in dem Genu\u00df des M\u00fc\u00dfiggangs. Die Liebeslust und die Arbeitslust waren in ihr abget\u00f6tet. Sie lebte dem Kinde, das sie fernhalten wollte von dem Unheilschatten jenes Mannes, dem sie glaubte entronnen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, bald dort, in den verschiedensten St\u00e4dten, vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann pl\u00f6tzlich eines Tages, als ich in jene Gro\u00dfstadt kam, wo Claudia und Dagon vorher gewohnt hatten, h\u00f6rte ich, da\u00df beide wieder zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da hingen im Korridor gro\u00dfe welke Kr\u00e4nze mit\u00a0langen breiten Seidenb\u00e4ndern. Dagon glaubte pl\u00f6tzlich eine musikalische Begabung bei sich entdeckt zu haben und hatte \u00f6ffentlich eigene Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, welche jene beiden Menschen bewohnten, den gleichen hellen und lichten Reiz eines gl\u00fccklichen Heims. Niemand konnte in diesen weiten, behaglichen und l\u00e4ssig vornehm eingerichteten R\u00e4umen vermuten, da\u00df hier zwei hausten, die sich marterten. Beider Zartf\u00fchligkeit traf sich hier und vereinigte sich im Ausdruck von M\u00f6beln, Spiegel und Bildern. Die innere Zartf\u00fchligkeit Claudias gab den R\u00e4umen vornehme Ruhe, und die \u00e4u\u00dfere Zartf\u00fchligkeit Dagons gab den R\u00e4umen jene unnachahmbare l\u00e4ssige Vornehmheit, die den Besucher gl\u00fccklich einlullte. Erlesene B\u00fccher, erlesene Kunstwerke und Musikinstrumente t\u00e4uschten jeden, der nicht eingeweiht war in die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen zwei Lebenskameraden abspielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr Kind gl\u00fccklich und wu\u00dfte sich immer ihren Freunden in ihrem \u00c4u\u00dferen reizvoll modisch in Kleid, Haartracht und Schmuck zu zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht b\u00fcrgerlich langweilige Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genu\u00df, wenigstens \u00e4u\u00dferlich gl\u00fccklich zu wirken \u2013 auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren schwarzen Augen zu lesen verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange Zeit erschien sie immer als gl\u00fcckliche Gattin, die, leicht die Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und viele m\u00f6gen verbl\u00fcfft gewesen sein, als Claudia pl\u00f6tzlich mit dem Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim n\u00e4heren Hinsehen verdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun zur\u00fcckgekehrt, scheint sie die Rolle der Gl\u00fccklichen nicht mehr harmlos spielen zu k\u00f6nnen. Dazu ist ihr Gesicht doch zu bla\u00df geworden, und ihre Z\u00fcge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern in ihrem Herzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen G\u00e4sten eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden Weihnachtsb\u00e4umen ihres Salons beschenkte, da schien es f\u00fcr Sekunden, als k\u00f6nnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals\u00a0weich werden und schmelzen. Dann aber, als es w\u00e4hrend des Abendessens klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden, auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann. Trotzdem die Zimmer von der W\u00e4rmeleitung und den Weihnachtskerzen hei\u00df waren, bat sie, da\u00df man die Fenster schlie\u00dfen m\u00f6chte, das eine der eingeladenen Damen ge\u00f6ffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen heraus. Ich glaube, sie mu\u00df ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend gef\u00fchlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer T\u00fcrklinke brennend kalt f\u00fchlt, wenn man die Hand darauf legt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagon hat schon l\u00e4ngst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das letzte Schamgef\u00fchl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er will, da\u00df Claudia nichts f\u00fchlen soll und nichts mit ihm teilen soll als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit ihm genie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Ungl\u00fcck zu sp\u00fcren\u00a0ist. Die hellen wei\u00dfen und himmelblauen Gem\u00e4cher, mit gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und B\u00fcchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine irisierende Haut \u00fcber einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und gef\u00e4lligen R\u00e4umen erlebt, kommt nicht von den B\u00fcchern in den Schr\u00e4nken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den ungl\u00fccksgl\u00e4nzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das Weinen schon l\u00e4ngst kein Trost und keine Erl\u00f6sung mehr ist, gl\u00e4nzen vor Schmerzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder. Sie stand an ihrem Teetisch und trug \u00fcber dem schwarzen Seidenrock eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und W\u00e4rme auszustr\u00f6men, und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen waren entkr\u00e4ftet und schienen au\u00dferhalb des Zimmers traumwandelnd herumzugehen. Ich erfuhr dann, da\u00df sie krank sei, sie hustete, sie hatte Fieber. Es war eine rein \u00e4u\u00dferliche Krankheit, und Claudia trug diese\u00a0Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie, die einstmals so stark war, da\u00df sie nicht f\u00fcr den Tod geboren schien, freute sich, da\u00df ihr Fieber t\u00e4glich stieg, freute sich, da\u00df ihre Augen erl\u00f6schen wollten. Und wenn man sagte, da\u00df sie sich pflegen m\u00fc\u00dfte, l\u00e4chelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tod kam nicht. Die Schw\u00e4che ging vor\u00fcber. \u201eWeshalb?\u201c fragte sie erschrocken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst gerungen und gek\u00e4mpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich t\u00e4glich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia wei\u00df nie, wohin Dagon geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater f\u00e4hrt, wohin sie geht. Und das ist vielleicht noch schmerzlicher f\u00fcr sie zu ertragen, da\u00df er sie gehen l\u00e4\u00dft, wohin sie will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen und sieht und versteht und h\u00f6rt alles. Und das ist das Allerschmerzlichste f\u00fcr Claudia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der selbstherrliche Mann schont die beiden Frauen nicht, nicht die Tochter und nicht die Mutter. Er l\u00e4chelt \u00fcber sie hinweg, plaudert\u00a0zu den beiden von seinen Erfolgen bei den Frauen, will, da\u00df sie mit ihm \u00fcber die Scherze, die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen Herzen treibt, lachen sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Dagon l\u00e4chelt sein allesverschlingendes L\u00e4cheln, wenn die beiden Frauen ihm ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, l\u00e4chelt er und verschlingt ihre Anklagen. Wenn die beiden Frauen ihn morden wollen, l\u00e4chelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist liebensw\u00fcrdig, spa\u00dfhaft; er ist nie m\u00fcrrisch. Er ist nur launenhaft verschlossen, wo er sich f\u00fcrchtet zu sprechen, weil er sich bei aller l\u00e4chelnder Offenheit nie ganz offen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine l\u00e4chelnde Offenheit ist ein Abgrund, in den er die Offenheit der andern hineinlockt. Und er sieht l\u00e4chelnd zu, wie Menschen in diesen st\u00fcrzen, die er angelockt hat. Er l\u00e4chelt und gleitet \u00fcber die Angstblicke, die er sehen m\u00fc\u00dfte, hinweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen wird? Wo ist die Grenze, die seiner Unendlichkeit im Grausamsein gesetzt ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges Leben aus den Augen Claudias starren. Will sie sein Ende erleben, und ist sie deshalb\u00a0noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das ungeheuerliche Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, die in der Brust Dagons das l\u00e4chelnde Herz voll Ungeheuerlichkeiten t\u00f6ten wird, die ihm und sein allesverschlingendes L\u00e4cheln aus der Welt schaffen wird, \u2013 wartet Claudia darauf? \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir zu den Eulenk\u00e4figen kamen, trug ich diese letzte Frage in mir. Da sa\u00dfen wie seltsame wei\u00dfe und graue Federgruppen die Eulen, diese weichen, lautlosen Nachtgesch\u00f6pfe, auf den \u00c4sten abgestorbener B\u00e4ume hinter den Gitterst\u00e4ben. Einige konnten die K\u00f6pfe ganz rund um den Nacken drehen. Andere spitzten die katzenartigen Ohren. Aber alle sa\u00dfen da wie ausgestopfte Federb\u00e4lge. Die einen hatten wunderbar silberwei\u00dfes Gefieder, und es wirkte jeder wei\u00dfe Vogel wie eine einzige ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere graue Eulen waren wie ein dicker Ballen Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal die K\u00f6pfe rundum gedreht h\u00e4tten, so da\u00df das Gesicht nicht auf der Brust, sondern pl\u00f6tzlich auf den R\u00fccken stand, so h\u00e4tte man in ihnen kein Leben vermutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sahen die Eulen aus, als wir von weitem an die K\u00e4fige kamen. Aber als wir n\u00e4hertraten,\u00a0da verschwanden die Federk\u00f6rper. Da standen nur in der Luft \u00fcber den abgestorbenen Baum\u00e4sten paarweise ungeheuerliche schwarze Augen. Augen, die so gro\u00df und rund in ihrer Schw\u00e4rze starrten, als m\u00fc\u00dften sie alles und nichts sehen; als k\u00f6nnten sie die Tiefe des ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen und alle Trostlosigkeiten der Abgr\u00fcnde des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich alle meine Freunde beim N\u00e4herkommen \u00fcber die Federn, die Haltung, die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, wurden sie jetzt stumm. Und nur Claudia, die vorher stumm gewesen war, als wir die Eulen zuerst erblickten, wurde jetzt vor den Eulenaugen laut und begeistert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHaben diese V\u00f6gel nicht die sch\u00f6nsten Augen der Welt? Da sprechen die Menschen immer von glotzenden Eulenaugen, und ich finde, es sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, geheimnisreichsten und schicksalsschwersten Blicke, mit denen nur je ein lebendes Wesen auf die Welt herabsehen kann. Solche Augen m\u00f6chte ich haben,\u201c setzte Claudia hinzu. \u201eWie ich diese Tiere um ihre Augen beneide! Auf was warten sie nur, diese Eulenaugen?\u201c \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir uns sp\u00e4ter unter dem schwerh\u00f6lzernen, blutroten chinesischen Tor am Ausgang des Zoologischen Gartens trennten und der Abend schon \u00fcber den Stra\u00dfenschachten dunkelnd lag, die elektrischen Lampen in den Stra\u00dfenfluchten aufleuchteten, ging ich einsam heim. Der Himmel wurde immer nachtdunkler, und als ich in den nachtschwarzen \u00c4ther sah, der noch sternlos \u00fcber den D\u00e4chern der H\u00e4user stand, erkannte ich in dem schwarzen Himmelsabgrund, den Eulenaugen und Claudias Augen eine Einheit. In der Nacht und in jenen Augen war kein Blick mehr, den man h\u00e4tte f\u00fchlen k\u00f6nnen. Sie schienen alles innere Leben hergegeben zu haben. Und nur ein Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer Macht den Untergang der Lebenden, auf die sie herabsahen, zu erwarten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-86434 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-560x751.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-260x348.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-160x214.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg 764w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Farben und T\u00f6nen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren \u00c4sthetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sinnenhafte Eindr\u00fccke in impressionistische Wortkunstwerke um. Bereits seine erste Gedichtsammlung von 1893 mit dem Titel \u201eUltra-Violett\u201c l\u00e4sst die Ans\u00e4tze einer impressionistischen Bildkraft erkennen, die dichterisch gestaltete Wahrnehmung von Farben, D\u00fcften, T\u00f6nen und Stimmungen offenbart. In seiner sp\u00e4teren Natur- und Liebenslyrik steigerte sich dies bis zur Verherrlichung des Sinnenhaften und Erotischen und traf sich mit seiner Philosophie, die das Leben und die Welt als Fest, als panpsychische \u201eWeltfestlichkeit\u201c begriff. Rilke bezeichnete ihn als einen \u201eunserer sinnlichsten Dichter, in einem fast \u00f6stlichen Begriffe\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich habe manchmal dar\u00fcber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen vergleichen lie\u00dfen. 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