{"id":86561,"date":"2010-07-25T00:01:13","date_gmt":"2010-07-24T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86561"},"modified":"2021-10-25T13:01:12","modified_gmt":"2021-10-25T11:01:12","slug":"haecksel-und-die-bergwerkfloehe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/25\/haecksel-und-die-bergwerkfloehe\/","title":{"rendered":"H\u00e4cksel und die Bergwerkfl\u00f6he"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der M\u00fctter jener Bergm\u00e4nner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel war, was alle seine au\u00dferehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Bursch von f\u00fcnfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter der Erde befand, h\u00f6flich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der Erdoberfl\u00e4che, beim Tageslicht besehen, schien H\u00e4cksel das Gegenteil zu sein, st\u00f6rrisch, unfreundlich und ungem\u00fctlich. Teils war es das Licht und die laute Welt,\u00a0die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gew\u00f6hnt war, immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und L\u00e4rm waren es nicht allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten. Wenn H\u00e4cksel sichs klar gemacht h\u00e4tte, warum er sich oben auf der Erde, au\u00dferhalb des Schachtes, verwandelte, so w\u00fcrde er erz\u00e4hlt haben, da\u00df ihm drau\u00dfen im Leben, au\u00dferhalb der Kohlengrube, seine liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkfl\u00f6he, denen er zugetan war, und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bergwerkfl\u00f6he aber lieben nur die laue W\u00e4rme, die im Erdinnern herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfl\u00e4che zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten Augenblick ab, ehe der F\u00f6rderkorb den Schacht verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hatte sich durch nichts als durch sein s\u00fc\u00dfes Blut bei den Fl\u00f6hen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern\u00a0au\u00dferehelich, also wilds\u00fc\u00df, gezeugt worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, H\u00e4cksel hatte immer einen zur Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkfl\u00f6he bieten, als eine Erh\u00f6hung ihrer lahmgelegten Lebenslust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erh\u00f6hung der Geselligkeit ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu H\u00e4cksel und erhielten auch schon f\u00fcr einen Schluck kalten Kaffee einen sch\u00f6nen ausgewachsenen Floh von H\u00e4cksel geliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wei\u00df aber, da\u00df durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten Fl\u00f6he allm\u00e4hlich verbl\u00f6den k\u00f6nnen, und das geschah, \u2013 nachdem aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander gelebt und sich fortgezeugt hatten, \u2013 zur Zeit, da H\u00e4cksel f\u00fcnfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schw\u00e4chezust\u00e4nden befallen war. Die Bergleute stellten fest, da\u00df die heutigen Fl\u00f6he ihres Geschlechtes nicht\u00a0mehr so hoch springen konnten, da\u00df sie sich auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen f\u00fchlten, nicht mehr dieselben T\u00e4nze vollf\u00fchrten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und R\u00fccken ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht mehr vertrauen. Sie lie\u00dfen sich von jeder t\u00e4ppischen Hand fangen. Sie versimpelten so sehr, da\u00df es eine Schande f\u00fcr das ganze Bergwerk war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und auch die Triebe der Bergwerkfl\u00f6he in der Erde beleben kann, f\u00fchlte sich H\u00e4cksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit er Kohlen gehackt hatte, an die Fl\u00f6tzmauer stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr. H\u00e4cksel glaubte, es sei St\u00e4nker, sein Leibfloh, der fr\u00fchlingslustig geworden w\u00e4re. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr f\u00fchlte, merkte er, da\u00df ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasa\u00df, und er erkannte auch bald, da\u00df es Zinnoberchen war, eine Fl\u00f6hin, die so genannt wurde, weil sie am r\u00f6testen von allen Flohdamen leuchtete, wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken\u00a0hatte und man sie auf der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, da\u00df das Menschenblut aus ihrem K\u00f6rper einen r\u00f6tlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade sa\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel war \u00fcber den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde, die die Fl\u00f6he gut kannten, war meistens jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks zur\u00fcck. Dieser Stall lag neben den Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fu\u00df unter der Erde. Die alten G\u00e4ule, die dort fern vom Tageslicht in der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im M\u00e4hnenhaar der Blinden, auf den R\u00fcckenwirbeln und in den Schwanzhaaren \u00fcbernachteten die Bergwerkfl\u00f6he mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die Feierabendstunde nahte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch dachte, du w\u00e4rest schon schlafen gegangen,\u201c sagte H\u00e4cksel, als er Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. \u201eDu bist ja ganz abgeh\u00e4rmt, liebes Kind,\u201c\u00a0fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort. \u201eIch wei\u00df, Euch fehlt neues Blut.\u201c Er nickte und h\u00fcstelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge H\u00e4cksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge vererben k\u00f6nnen. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwinds\u00fcchtigen H\u00e4cksel gesagt, ein schwacher Mann wie er d\u00fcrfe nicht heiraten, und er d\u00fcrfe auch keine Frau k\u00fcssen, da er mit Ku\u00df und Umarmung nur Unheil anstiften k\u00f6nne. Ein Schwinds\u00fcchtiger m\u00fcsse nicht daran denken, Kinder zu zeugen. Durch ihn w\u00fcrden nur armselige kranke Menschen entstehen, die ihm und der Welt zur Last fallen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans Licht der Welt zur\u00fcckzukehren. Ihm war im Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine W\u00fcnsche gab. Nichts erwartete ihn au\u00dferhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis verbarg. H\u00e4cksel hatte im Stroh seit\u00a0Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch als vor Jahren von einem schlagenden Wetter versch\u00fcttet aus dem Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hatte von jenem Ungl\u00fcck von seinem Vater \u00f6fters erz\u00e4hlen h\u00f6ren. Der Alte hatte behauptet, bei den Versch\u00fctteten dort in dem blinden Stollen m\u00fcsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den Verungl\u00fcckten damals ein zuf\u00e4lliger Besucher des Bergwerks mit umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die m\u00fchsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem versch\u00fctteten Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages stie\u00df er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden von dem Fund zu erz\u00e4hlen, so hustete er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bergwerk lag in der N\u00e4he eines oberbayrischen Sees, in den Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn f\u00fchrte von dort an den D\u00f6rfern vor\u00fcber bis M\u00fcnchen. In mancher Nacht, wenn H\u00e4cksel daheim in seiner H\u00fctte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte, nahm er sich vor, am n\u00e4chsten Tag hinein nach M\u00fcnchen zu fahren und das Geld bei einem Wechsler in Markst\u00fccke umzutauschen. Aber er hatte sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld sollte nur f\u00fcr sein Begr\u00e4bnis ausgegeben werden. Denn der Todesgedanke war H\u00e4cksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom Tod k\u00f6nne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig h\u00fcstelnden K\u00f6rper abgelegt h\u00e4tte, dann w\u00fcrde er gesund auferstehn, meinte H\u00e4cksel. Es stand fest und klar in ihm, da\u00df er mit seinem Tod ein neues und gesundes Dasein beginnen w\u00fcrde.\u00a0Darum war sein Sterben sein sch\u00f6nstes und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er w\u00fcnschte sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit w\u00fcrdig zu begehen, ein w\u00fcrdiges Begr\u00e4bnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel, Musik und Glockengel\u00e4ute, ebenso wie das, das unl\u00e4ngst der Hauptmann der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem H\u00e4cksel wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges Begr\u00e4bnis gewesen war. Ob nun das Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, unt\u00e4tig und unn\u00fctz, oder ob es f\u00fcr ein sch\u00f6nes Grab und einen sch\u00f6nen Sarg Verwendung finden w\u00fcrde, das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte, wohl gleich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Feierabend, an welchem H\u00e4cksel auf seinem Zeigefinger die kleine Fl\u00f6hin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in der Stadt in Markst\u00fccke umzuwandeln, als ihm die Fl\u00f6hin lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferder\u00fccken zu setzen. Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft\u00a0vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkm\u00fctze gesprungen. Dort sa\u00df er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in H\u00e4cksels Kammer blieb er beharrlich auf H\u00e4cksels M\u00fctze sitzen, und als es ganz still im Zimmer war, h\u00f6rte der Bursch den Floh auf der flachen M\u00fctze leise springen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAh,\u201c sagte H\u00e4cksel zu sich, \u201eZinnoberchen hat meinen Entschlu\u00df geh\u00f6rt! Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten? Zinnoberchen will mit nach M\u00fcnchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, das will ich,\u201c gab der fr\u00f6hlich h\u00fcpfende Floh durch Tanzlaute auf der M\u00fctze kund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht noch band sich H\u00e4cksel die alte Geldtasche voll Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine M\u00fctze auf, auf der der Floh Spr\u00fcnge machte, die, wenn man sie in T\u00f6ne umgesetzt h\u00e4tte, Juchzer gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bursch ging durch den Wald zur n\u00e4chsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am n\u00e4chsten Tag wollte\u00a0H\u00e4cksel wieder zur\u00fcckkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen. Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei Tage im Walde verirrt und verlaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich hinter H\u00e4cksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte H\u00e4cksel, da\u00df alle Gedanken, die er im linken Ohr h\u00f6rte, ihm von Zinnoberchen eingegeben waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel \u00fcber den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues Vorfr\u00fchlingswetter herrschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,\u201c sagte Zinnoberchen zum linken Ohre H\u00e4cksels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNun wei\u00df ich, warum ich so zufrieden bin,\u201c meinte das rechte Ohr zum linken Ohr, \u201eweil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zinnoberchen hing sich an einem Schl\u00e4fenhaar fest und schaukelte an diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich aber fuhr dem H\u00e4cksel ein schrecklicher Gedanke durch das rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so da\u00df er heftig und schmerzhaft husten mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fl\u00f6hin sprang bei der Ersch\u00fctterung aus dem Haar fort und rasch hinter H\u00e4cksels Ohr, kam aber gleich wieder zur\u00fcck, unerschrocken, und hing sich wieder fest an das Schl\u00e4fenhaar und schaukelte weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wilde Gedanke scho\u00df aber in H\u00e4cksel kreuz und quer und rief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Ungl\u00fcck gibt. Denn man sagt, die Bergwerkfl\u00f6he verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn sie schlagende Wetter vorauswittern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses wu\u00dfte H\u00e4cksel aus dem Munde seines seligen, au\u00dferehelichen Vaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein, nein und nochmals nein,\u201c antwortete aber darauf das linke Ohr, das von Zinnoberchen beraten war. \u201eEs ist eine h\u00f6here Notwendigkeit, warum ich das Bergwerk heute verlie\u00df.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEine h\u00f6here Notwendigkeit?\u201c echote es in H\u00e4cksel erstaunt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJawohl,\u201c rief die Fl\u00f6hin auf H\u00e4cksels\u00a0Kopf von links. \u201eDa\u00df ich heute reise, geschieht aus allerh\u00f6chster Notwendigkeit. Ich bin eine Abgesandte. Ich mu\u00df Flohm\u00e4nner ins Bergwerk herbeiholen, frische kr\u00e4ftige gesunde starke Flohkerle.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWarum ist St\u00e4nker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug gewesen,\u201c fragte H\u00e4cksel ein wenig verletzt die Fl\u00f6hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHat man je geh\u00f6rt, da\u00df ein Flohkerl so reizend ist, da\u00df seinetwegen andere Flohkerle einen Sprung machen? Es mu\u00df schon eine Fl\u00f6hin kommen, wenn Flohm\u00e4nner sich holen lassen sollen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach M\u00fcnchen geschickt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von mir und uns allen ausersehen worden, mich nach M\u00fcnchen zu bringen,\u201c behauptete die Abgesandte hinter H\u00e4cksels Ohr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten gehe ich nach M\u00fcnchen,\u201c meinte H\u00e4cksel st\u00f6rrisch, als eben das Morgenlicht aus den Waldb\u00e4umen grell auf seine Nase schien. \u201eLicht und L\u00e4rm kommen immer zusammen,\u201c\u00a0f\u00fcgte er m\u00fcrrisch und gereizt hinzu. \u201eWenn ich nun aber umkehre?\u201c setzte er fort. \u201eWas dann?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir lieber, nur noch an einem F\u00e4dchen h\u00e4ngt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wu\u00dfte es ja,\u201c schmunzelte H\u00e4cksel pl\u00f6tzlich aufger\u00e4umt. \u201eIch sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten Gulden umwechseln will, um Geld zu einem sch\u00f6nen Begr\u00e4bnis bereit zu haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDen Glauben will ich dir gern lassen,\u201c meinte die Fl\u00f6hin zweideutig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie meinst du das?\u201c fuhr H\u00e4cksel auf. \u201eWerde ich am Ende doch nicht bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begr\u00e4bnis verwenden d\u00fcrfen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir Fl\u00f6he eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als Mensch in unserer Flohgewalt bist, mu\u00dft du gehorchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHoho!\u201c hustete H\u00e4cksel und hustete sich blaurot vor Eifer. \u201eIch bin in niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der Grubenherr hat mir au\u00dferhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte mehr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa\u00df ich nicht lach,\u201c kicherte Zinnoberchen und lie\u00df das schaukelnde Schl\u00e4fenhaar los, sprang zur\u00fcck und bi\u00df herzhaft dem H\u00e4cksel in das linke Ohrwatschel, so da\u00df ein Blutstropfen, gro\u00df wie der dickste Floh, dem Burschen aus der Haut quoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh bi\u00df, teils um seiner Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit V\u00e4terszeiten im Bergwerk gew\u00f6hnt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und fr\u00fchst\u00fcckte lebhaft besch\u00e4ftigt, w\u00e4hrend der arme Bursche unter den kahlen Waldb\u00e4umen ging, manchmal von Husten gesch\u00fcttelt und von Hunger gekr\u00fcmmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Fl\u00f6hin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal \u201edanke\u201c, sondern kroch unter dem M\u00fctzenrand unten durch auf H\u00e4cksels Kopf, wo die Luft zwischen Haar\u00a0und M\u00fctzenfutter gem\u00fctlich warm war. Dort machte sie sich\u2019s bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren Bei\u00dfwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem Verdauungsschl\u00e4fchen aus. Sie h\u00fcstelte nicht, sie dachte nicht an den Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenu\u00df. Sie murmelte im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergn\u00fcgen ein wenig auf den Haarboden trommelte: \u201eDummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist der St\u00e4rkere! Du, der mir doch zum Fr\u00fchst\u00fcck dienen mu\u00df!\u201c Dann schlief die altadlige Fl\u00f6hin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein, indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und hungernd und hustend den Bahnhof des n\u00e4chsten Dorfes erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegr\u00fcbelt, wie er unauff\u00e4llig mit dem n\u00e4chsten Zug nach M\u00fcnchen kommen k\u00f6nnte. Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm eingefallen, da\u00df immer ein langer Kohleng\u00fcterzug um diese Morgenstunde nach\u00a0M\u00fcnchen fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses schien ihm gef\u00e4hrlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um seine Silbergulden ungest\u00f6rt umwechseln zu k\u00f6nnen. Er beschlo\u00df, sich unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach M\u00fcnchen fahren zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kohlenzug kam immer langsam und gem\u00e4chlich daher und hielt einen Augenblick drau\u00dfen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und er dann ebenso gem\u00e4chlich weitertrotten konnte. Dieses hatte H\u00e4cksel fr\u00fcher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich unter den Wagen an den Ketten dort anh\u00e4ngen. Der Platz war schrecklich unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der G\u00fcterzug w\u00fcrde erst in der Nacht in M\u00fcnchen ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der so dringend ein reiches Begr\u00e4bnis erster Klasse haben wollte. F\u00fcr die Ehren, die seinen Leichnam sp\u00e4ter dann einmal erwarten w\u00fcrden, h\u00e4tte er gern noch Schlimmeres ertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen R\u00e4dern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte und der furchtbare Eisenl\u00e4rm,\u00a0das Sch\u00fctteln und Rasseln und Stampfen des Wagens, unter dem er schwei\u00dftriefend angeklammert war, ihn zu bet\u00e4uben drohte, schlief die Fl\u00f6hin im Kopfhaar des Burschen k\u00f6stlich, und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an H\u00e4cksels Nacken entlang und suchte sich eine m\u00f6glichst zarte Stelle seines R\u00fcckens oder seiner Brust aus, bi\u00df herzhaft zu und sog das s\u00fc\u00dfe hei\u00dfe Menschenblut in sich ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kamen beide, jedes auf seine Art, vorw\u00e4rts. Der Mensch geplagt, ge\u00e4ngstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, ges\u00e4ttigt und verliebt in Blut und Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4t in der Nacht fuhr der G\u00fcterzug langsam in den Bahngeleisen von M\u00fcnchen ein. Unbemerkt machte der ersch\u00f6pfte blinde Mitreisende sich unter dem Wagen los und schlich sich im G\u00fcterbahnhof auf Seitenwegen \u00fcber Schienen, \u00fcber einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der G\u00fcterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in n\u00e4chster N\u00e4he standen einfache schweigende H\u00e4userreihen, und in weiten Abst\u00e4nden brannten einsame Laternen. H\u00e4cksel wollte einen Gasthof aufsuchen und am n\u00e4chsten Morgen die alten Guldenst\u00fccke umwechseln\u00a0und dann mit der Bahn gem\u00e4chlich auf einem Sitzplatz zur\u00fcckfahren und auf einer Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So w\u00fcrde dann die Reise unbemerkt geblieben sein, er w\u00e4re dann nur als Waldverirrter in die Kohlengrube zur\u00fcckgekehrt und h\u00e4tte ohne viel Worte seine Arbeit im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack versteckt und eingen\u00e4ht worden w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es sind immer bei Entschl\u00fcssen mehrere M\u00e4chte mitbeteiligt, und niemand f\u00fchrt einen Entschlu\u00df allein aus. Das sollte jeder bedenken, ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend Mithandelnden verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hatte H\u00e4cksel nicht daran gedacht, da\u00df nach der langen Fahrt unter dem Kohlenwagen sein Kopf bet\u00e4ubt, seine Kr\u00e4fte ersch\u00f6pft, sein Herz schreckhaft und gedankenlos sein w\u00fcrde, wie es nicht am Morgen, da er frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem hatte er vergessen, da\u00df es Fastnachtsonntag war. Der Fastnachttrubel in der Gro\u00dfstadt M\u00fcnchen war ihm ganz unbekannt.\u00a0H\u00e4cksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben versunken, so da\u00df er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen. Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wu\u00dfte er von Faschingstagen, nichts vom n\u00e4rrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder erlebt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ging er, in M\u00fcnchen angekommen, mit schwankenden m\u00fcden Knien unter den dunkeln Vorstadth\u00e4usern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken und ihren vielen dunkeln Fenstern einsch\u00fcchterten. Als seine Schritte in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde ihm schwindlig vor Hunger, Schw\u00e4che und Aufregung. Und \u00e4ngstlich gemacht, weil er glaubte, die stillen H\u00e4userbewohner wecken zu k\u00f6nnen, zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte keine Ahnung, da\u00df in den leeren H\u00e4usern, die meistens Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an den unbewohnten frischwei\u00dfen H\u00e4usern stumm und behutsam und lautlos wie ein Nachtvogel hin und wu\u00dfte nicht, da\u00df er wie ein ertappter Dieb aussah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war<span id=\"99\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/100\">\u00a0<\/span>l\u00e4ngst wach und aufmerksam und witterte mit Begierde, von H\u00e4cksels linker Schl\u00e4fe aus, die tausend Fl\u00f6he der Stadt M\u00fcnchen, die jetzt in der Nacht alle auf waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die H\u00e4user hier unbewohnt waren, witterte die eifrige Fl\u00f6hin den menschlichen Blutgeruch aus den n\u00e4chsten bewohnten Stadtteilen, und H\u00e4cksels Beine gingen ihr viel zu langsam vorw\u00e4rts; sie w\u00e4re am liebsten in gro\u00dfen Spr\u00fcngen \u00fcber die n\u00e4chsten D\u00e4cher dem vor Schw\u00e4che taumelnden H\u00e4cksel vorausgeeilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun stie\u00df H\u00e4cksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte und fiel, von Hunger und \u00dcberanstrengung geschw\u00e4cht, besinnungslos neben der Laterne nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das brachte die Fl\u00f6hin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stie\u00df einen jener Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren h\u00f6ren k\u00f6nnen, der aber weiter zu h\u00f6ren ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer tot dort, wo ein Flohohr noch Laute h\u00f6rt. Sofort antwortete der Fl\u00f6hin ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Fl\u00f6hin, die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte ein rotgl\u00fchender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen bewachte, sa\u00df ein M\u00e4dchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen. Das hatte die Fl\u00f6hin, die H\u00e4cksels Fl\u00f6hin zupfiff, im Nacken sitzen. Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn hinaufger\u00fcckt, so zeigte er zwei Gesichter \u00fcbereinander. Der Mann war gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und seine T\u00e4nzerin, die eine \u201eK\u00f6nigin der Nacht\u201c vorstellte, hatte ihn begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe zum Pfandhaus getragen habe. Das M\u00e4dchen behauptete, sie habe nur noch einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den k\u00f6nne sie morgen noch versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das M\u00e4dchen habe ihn betrogen, weil sie bei einer Freundin noch ein B\u00fcgeleisen verborgen halte, das sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern T\u00e4nzer suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,\u201c lachte das M\u00e4dchen \u00fcberm\u00fctig\u00a0und sagte frech, sie werde sich nicht erst morgen, sondern gleich f\u00fcr diese Karnevalsnacht noch einen neuen T\u00e4nzer suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, da\u00df sie von den Backsteinen aufflog und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so da\u00df Funken und Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6nigin der Nacht \u00f6ffnete rasch die Plankenzaunt\u00fcre und wollte nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zur\u00fcckrufen, als sie nahe bei sich unter der n\u00e4chsten Laterne den ohnm\u00e4chtigen H\u00e4cksel liegen sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut verst\u00e4ndigt und verstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe da einen Esel von einem Kerl,\u201c rief Zinnoberchen der andern Fl\u00f6hin, die sich \u201eVielliebchen\u201c nannte, zu. \u201eIch will nicht in der Nacht mit dem Dicksch\u00e4del zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie man einen solchen T\u00f6lpel zur Besinnung zur\u00fcckruft? Ich habe n\u00e4mlich Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die Menschentiere \u00e4rgern k\u00f6nnen! Ich habe ihn\u00a0schon in den Augendeckel gebissen, aber er schl\u00e4gt die Augen nicht auf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGuten Abend,\u201c rief Vielliebchen vom Nacken des M\u00e4dchens. \u201eIst Ihnen Ihr Mensch gest\u00fcrzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen Sie her\u00fcber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch, nein, das geht nicht,\u201c pfiff Zinnoberchen, \u201eich w\u00fcrde den Schw\u00e4chling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl. Aber erst mu\u00df er mich doch noch nach unserem Bergwerk zur\u00fccktragen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAh, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,\u201c wunderte sich die Stadtfl\u00f6hin laut. \u201eSie sind wohl zum Tanzvergn\u00fcgen in die Stadt gekommen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, hm, hm,\u201c meinte die Fl\u00f6hin H\u00e4cksels, welche sich \u00e4rgerte, da\u00df die Rednerin kein Floh war, den sie h\u00e4tte ins Bergwerk einladen k\u00f6nnen. Doch ihren Auftrag, M\u00e4nner zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kopf der \u201eK\u00f6nigin der Nacht\u201c bog sich eben ganz nah \u00fcber H\u00e4cksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie <span id=\"103\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/104\"><span class=\"pagenumber noprint\">[<b><a title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/104\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite%3ADe_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu\/104\">103<\/a><\/b>]<\/span> <\/span>nichts fand, nahm sie die Stiefel, die neben H\u00e4cksel lagen, und warf den einen \u00fcber den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas geht nicht. Den Stiefel her, sie mu\u00df sofort den Stiefel wieder holen,\u201c begehrte heftig \u00e4rgerlich Zinnoberchen. \u201eWir brauchen den Stiefel zum Heimweg.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDen Stiefel her,\u201c rief jetzt auch Vielliebchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr kommt schon,\u201c antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste Arbeiter, der das Wurfgescho\u00df im Eifer f\u00fcr einen zweiten Backstein gehalten hatte, den Stiefel \u00fcber den Zaun zur\u00fcck, und er fiel H\u00e4cksel auf die Stirn, so da\u00df der Besinnungslose erwachte, als eben die Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eO, o,\u201c seufzte H\u00e4cksel und starrte auf die in schwarze Schleier geh\u00fcllte Gestalt, an der unz\u00e4hlige st\u00e4hlerne aufgen\u00e4hte Paillettensterne im Laternenlicht bl\u00e4ulich glitzerten. \u201eWer bist du?\u201c fragte der Erwachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle n\u00e4mlich die K\u00f6nigin\u00a0der Nacht vor. So hei\u00dft man meine Maskentracht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verdutzt und verbl\u00f6det vor Schw\u00e4che und Staunen sch\u00fcttelte H\u00e4cksel den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn ich nur was zu essen h\u00e4tte,\u201c murmelte er, \u201edann w\u00e4r alles gut.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin, wo du bald satt wirst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erschrocken fuhr H\u00e4cksel mit den H\u00e4nden um seinen Leib und tastete nach seinem Leibgurt, und er wurde kr\u00e4ftig, als er merkte, da\u00df ihm die Silbergulden nicht fehlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die K\u00f6nigin der Nacht geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber vorher sah H\u00e4cksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch die offenstehende Plankent\u00fcr im Erdgescho\u00df eines Hauses einen gro\u00dfen fensterlosen Raum, dort stand ein gl\u00fchender Ofen, und vor der offenen roten Ofent\u00fcre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas tut der dort?\u201c stotterte H\u00e4cksel erschrocken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKomm weiter!\u201c sagte die geheimnisvolle\u00a0Schwarzverschleierte, \u201edas ist mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich la\u00df ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas zeigen?\u201c fragte H\u00e4cksel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGeld zeigen,\u201c schnauzte ihn die K\u00f6nigin der Nacht barsch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNiemals,\u201c gab der Verwirrte zur\u00fcck. \u201eDas ist mein Begr\u00e4bnisgeld, das verausgabe ich nicht f\u00fcrs Tanzen. Das g\u00e4b ich auch nicht dem Teufel!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas, du Aff, du bl\u00f6der,\u201c kreischte ihn das Frauenzimmer an. \u201eVon mir aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!\u201c Und da sie von fern den Schritt eines Schutzmannes h\u00f6rte, gab das Frauenzimmer dem H\u00e4cksel eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Backenstreich hatte das Gute, da\u00df er den Burschen w\u00e4rmer machte, als wenn er einen Kognak bekommen h\u00e4tte. Und ganz wach geworden, begann auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen Neubautenstra\u00dfe der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu sein schien, das ihn lockte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDanke Ihnen!\u201c hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen, als sie sp\u00fcrte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie hatte, w\u00e4hrend H\u00e4cksel sich mit Hilfe des M\u00e4dchens aufgerafft hatte, allerhand Ratschl\u00e4ge von der Fl\u00f6hin erhalten, besonders nachdem sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. \u201eSie m\u00fcssen Ihren Kerl in ein Haftlokal lenken,\u201c hatte ihr die kluge Stadtfl\u00f6hin noch zuletzt geraten. \u201eDort wimmelt es von allerhand M\u00f6glichkeiten, Flohm\u00e4nnerbekanntschaften zu schlie\u00dfen.\u201c Dann hatte sie ihrem Menschenvieh ins Ohr geschrien: \u201eHaue ihm eine Ohrfeige hin.\u201c Was auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war H\u00e4cksel stark und unternehmend ins Leben zur\u00fcckgekehrt und f\u00fchlte sein Blut besonders auf der linken Gesichtsh\u00e4lfte, wo der Schlag hingefallen, angenehm warm kreisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte hei\u00df der Geohrfeigte. Die K\u00f6nigin der Nacht und der Teufel sind mir schon begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Fl\u00f6he staunen, wenn sie davon h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er \u00fcberzeugte sich, mit dem Zeigefinger\u00a0hinter sein Ohr tastend, da\u00df er die Fl\u00f6hin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war zufrieden dar\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann fand H\u00e4cksel endlich eine lebhaftere Stra\u00dfe, und da funkelte Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten vor\u00fcber. Und in der n\u00e4chsten Stra\u00dfe war so viel Licht, als wenn H\u00e4cksel einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen h\u00e4tte und Feuerfunken tanzen sehen k\u00f6nnte. Menschen, M\u00e4nner und Frauen, Arm in Arm, sich wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten wei\u00dfe, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten besonders gro\u00dfe Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten vergn\u00fcgt. H\u00e4cksel hatte niemals \u00e4hnliche Menschen gesehen und wurde scheu und \u00e4ngstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes Haus kam, dachte er, das m\u00fcsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein leuchtendes Schild davor, das gl\u00e4nzte auf und verschwand, und der Wirt, der das Gasthaus besa\u00df, hie\u00df \u201eKino\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann stand in einem langen gr\u00fcnen Rock vor der hellerleuchteten T\u00fcre, und viele goldene Kn\u00f6pfe gl\u00e4nzten an ihm und goldene Tressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch, Herr Wirt,\u201c gr\u00fc\u00dfte H\u00e4cksel den T\u00fcrw\u00e4chter des Kinotheaters, das er f\u00fcr ein Wirtshaus hielt, \u201ekann ich hier ein Glas Bier trinken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNat\u00fcrlich,\u201c nickte der, \u201eBier gibt es auch in den Zwischenpausen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann mu\u00dfte H\u00e4cksel an einer Kasse einen Platz f\u00fcr das Biertrinken bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte. Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das J\u00fcngste Gericht. Denn alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen, die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl vor\u00fcberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ert\u00f6nte von unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber H\u00e4cksel nahm sich vor, lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen J\u00fcngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, da\u00df er einen Gurt voll unrechtm\u00e4\u00dfig erworbener Silbergulden bei sich habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er drehte sich rasch entschlossen auf dem\u00a0Absatz um und lief wieder auf die Stra\u00dfe hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kam ein erleuchteter langer Stra\u00dfenbahnwagen gefahren, und H\u00e4cksel sah, da\u00df viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten glitzerten bunte Kleider unter den M\u00e4nteln, und alle trugen bunte M\u00fctzen, und die Frauen hatten Kapuzen \u00fcberm Kopf, und alle kicherten und lachten und kreischten, und sie waren so vergn\u00fcgt, als ob sie in den Himmel f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und H\u00e4cksel dr\u00e4ngte auch mit in den Wagen, und als das Gef\u00e4hrt sich bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Scho\u00df eines Mannes, der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht h\u00e4ngen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen F\u00e4den gestickt: \u201eAndreas Hofer\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df das der Andreas Hofer selbst war, glaubte H\u00e4cksel nicht. Er m\u00fc\u00dfte h\u00f6chstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der Bergmann. Und wie er noch ganz verbl\u00fcfft dem Andreas Hofer im Scho\u00df sa\u00df, schien ihm\u00a0der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann, sondern eine Frau w\u00e4re. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich sa\u00df, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Scho\u00df von Andreas Hofer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen fl\u00fcsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: \u201eIch hei\u00dfe Ida Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00e4cksel war zwar ein schwachbr\u00fcstiger, sonst aber ein ganz schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re er eine M\u00e4nnersch\u00f6nheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und ein Brustkasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine wundersch\u00f6ne Stadt, diese Stadt M\u00fcnchen! Die M\u00e4nner verwandeln sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer gehei\u00dfen haben und einen schwarzen Backenbart besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ging H\u00e4cksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Br\u00e4u, nachdem sie ihm vorher gezeigt hatte, da\u00df ihr Bart nicht angewachsen war. In dem Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gedr\u00e4ng erschien dort pl\u00f6tzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem Kopf, das war der K\u00f6nig, und er hatte auch einen roten\u00a0Mantel und ein goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem H\u00e4cksel die Andreas Hofer vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00e4cksel staunte schon bald \u00fcber gar nichts mehr, auch nicht, als er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vor\u00fcbertanzenden Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Stra\u00dfenbahn war der Bergmann im Gedr\u00e4ng mitgefahren, ohne zu bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkst\u00fcck, das er bei sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in den Scho\u00df fallen lassen; er wu\u00dfte es nicht mehr genau. Er wu\u00dfte nur, da\u00df er pl\u00f6tzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es nicht, sondern dr\u00fcckte sich heimlich auf die Stra\u00dfe zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei f\u00fchlte H\u00e4cksel pl\u00f6tzlich, da\u00df ihm viel Leben in die Kleider gekommen war. Denn die Bergwerkfl\u00f6hin hatte \u00fcberall im Gedr\u00e4ng Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Fl\u00f6hin ritt, um sich zu entscheiden, ob\u00a0diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zinnoberchen lobte H\u00e4cksels Blut \u00fcber alle Ma\u00dfen. Es w\u00e4re besonders s\u00fc\u00df, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein Blut immer um einiges w\u00e4rmer, als Menschenblut sonst ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fl\u00f6he aber waren alle zimperliche verw\u00f6hnte Stadtherren und fanden gar keinen Gefallen an H\u00e4cksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem andern wieder im Gedr\u00e4nge abzuspringen und die Bergwerkfl\u00f6hin mit ihrem Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Fl\u00f6hin ihnen versicherte, das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht s\u00fc\u00df, sondern s\u00e4uerlich. Ein \u00e4lterer Flohherr gab der Bergwerkfl\u00f6hin noch rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie m\u00fcsse den Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort w\u00e4re manchmal eine Zufuhr von frischen Arbeiter- und Kroatenfl\u00f6hen vorr\u00e4tig. Diese k\u00f6nnten dem Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel, dessen Magen leer und \u00fcberhungert\u00a0war, schwankte wieder in das Brauhaus zur\u00fcck, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein gro\u00dfer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte drau\u00dfen unter einer Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen. Eine lange wei\u00dfe Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte er gesehen, und unter einem wei\u00dfen Laken grinste ihn ein Totenkopf so schaurig an, wie nur die Totenk\u00f6pfe der Versch\u00fctteten ausgesehen hatten, die H\u00e4cksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den Geldgurt gesto\u00dfen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rasch wendete sich H\u00e4cksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in das Brauhaus zur\u00fcck und lie\u00df sich vom Gedr\u00e4nge vorw\u00e4rtsschieben, halb erw\u00fcrgt von Hunger, Durst, Schw\u00e4che und Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stand ein h\u00fcbsches M\u00e4dchengesicht vor ihm; das war von einem Vergi\u00dfmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kr\u00e4uselten sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom Kopf fiel ein br\u00e4utlicher Schleier, der war dem blonden Gesch\u00f6pf unterm Kinn zusammengebunden und h\u00fcllte auch den K\u00f6rper zart und dicht ein. Auch Silberspangen und Silberg\u00fcrtel gl\u00e4nzten an ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBist du mein Schutzengel?\u201c stie\u00df der ge\u00e4ngstigte H\u00e4cksel hervor. Die wei\u00dfe Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und legte ihren wei\u00dfbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen da\u00df sie schweigen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bursche war froh, da\u00df er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von dem vergi\u00dfmeinnichtbekr\u00e4nzten M\u00e4dchen begleitet wurde. Er bestellte bei der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschlo\u00df sich, die Zeche von seinem Begr\u00e4bnisgeld zu bezahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu bist ja so bla\u00df,\u201c wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am Biertisch, der dichtbesetzt war, auf H\u00e4cksels Scho\u00df. Die Bekr\u00e4nzte reichte ihm dann aus ihrem Handt\u00e4schchen einen Spiegel und einen roten Stift. W\u00e4hrend H\u00e4cksel in den Spiegel guckte, malte das M\u00e4dchen ihm gesunde rote Backen und eine kr\u00e4ftige rote Nase in sein Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel mu\u00dfte lachen und sich wundern \u00fcber das, was die Schutzengel alles verstehen. Er, der kranke blasse H\u00e4cksel, sah nun wie das gl\u00fchende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen links und\u00a0rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein Schutzengel den schweren Geldgurt abgekn\u00f6pft hatte, indessen er in sein gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen, als H\u00e4cksel zugriff und den Gurt heftig an sich ri\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen Tellern und Sch\u00fcsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln und Brot und mit Biergl\u00e4sern beladen, sich \u00fcber den Tisch beugte und Essen und Trunk vor H\u00e4cksel niedersetzte. Die Bratend\u00e4mpfe stiegen dem schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er verga\u00df den Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm hinger\u00fcckt waren, ihn ganz mit Essensgier erf\u00fcllten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberst\u00fccken unter Tisch und St\u00fchlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten <span id=\"116\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/117\"><span class=\"pagenumber noprint\">[<b><a title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/117\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite%3ADe_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu\/117\">116<\/a><\/b>]<\/span> <\/span>ihn, und er fuhr auf. Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden geb\u00fcckt hatte, verschwand rasch im Gedr\u00e4nge zwischen den n\u00e4chsten Tischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute in n\u00e4chster N\u00e4he, die das viele Geldherumrollen h\u00f6rten, b\u00fcckten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zur\u00fcck, aber viele Gulden blieben auch in den H\u00e4nden der Suchenden und unter ihren F\u00fc\u00dfen, die sich fest daraufstellten und nicht weiterr\u00fcckten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel bekam nicht die H\u00e4lfte der Gulden zur\u00fcck, und der Gurt war viel leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte, um wievieles weniger sch\u00f6n sein Begr\u00e4bnis nun werden w\u00fcrde. Und Schuld daran war sein diebischer Schutzengel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor H\u00e4cksel stehen geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit einem rothaarigen Menschen vor H\u00e4cksel\u00a0stand und diesen f\u00fcr einen Falschm\u00fcnzer erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alten Gulden w\u00e4ren nachgemachte Gulden aus Zinn, erkl\u00e4rte der Rothaarige und forderte von H\u00e4cksel, da\u00df er ihm augenblicklich den Ledergurt mit den M\u00fcnzen ausliefere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel sagte das, was er sich f\u00fcr alle F\u00e4lle vorher zurechtgelegt hatte, er habe die Silbergulden geerbt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs sind Zinnm\u00fcnzen,\u201c erkl\u00e4rte der Rothaarige und winkte einem Schutzmann, der den Schutzengel und H\u00e4cksel beide zum Saal hinausdr\u00e4ngte. Viel Volk begleitete sie, und drau\u00dfen wurden beide in die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem H\u00e4cksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der Schutzmann, die mit ihm in der Droschke sa\u00dfen, fl\u00fcsterten miteinander. Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hie\u00dfen ihn warten. Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte, nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen hatte, H\u00e4cksel m\u00fcsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie wiederk\u00e4men. Wenn er\u00a0sich aber r\u00fchren w\u00fcrde, dann k\u00e4men die Bluthunde hinter dem Zaun hervor und w\u00fcrden ihn zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und h\u00f6ren konnte, setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell eingen\u00e4hter Mensch, der einen k\u00fcnstlichen L\u00f6wenkopf aufgest\u00fclpt hatte, und ein kahlk\u00f6pfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der Hand trug, die fanden H\u00e4cksel tief eingeschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der L\u00f6we beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann beleuchtete ihn, und dann setzten sich L\u00f6we und Greis zu beiden Seiten neben H\u00e4cksel nieder und schliefen neben H\u00e4cksel ein. Die Laterne, die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und auf H\u00e4cksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu H\u00e4cksels Fl\u00f6hin Zinnoberchen geh\u00fcpft waren. Die Fl\u00f6he berieten, was aus ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der Schutzmann und der Schutzengel H\u00e4cksels ganzes Geld\u00a0behalten hatten, und sie wu\u00dften, da\u00df diese Leute Spitzbuben gewesen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSeid nur ruhig!\u201c sagte ein Floh des Laternenmannes. \u201eWir treffen alle zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ein Floh aus dem L\u00f6wenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte, sprang er vergn\u00fcgt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr zur\u00fcck. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein H\u00fchnerhaus stand, und dort lie\u00df er es sich wohl sein bei den Fl\u00f6hen der H\u00fchner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der L\u00f6we, der Greis und H\u00e4cksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie besessen, trotzdem die B\u00e4ckerjungen auf Fahrr\u00e4dern mit K\u00f6rben und S\u00e4cken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal aber versah sich einer der B\u00e4cker aus Erstaunen \u00fcber die drei Schl\u00e4fer, so da\u00df sein Rad an den Stra\u00dfenrand stie\u00df\u00a0und sein Korb mit Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden H\u00e4cksel an die Stirn fiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender frischer Br\u00f6tchen war. Er griff mit beiden H\u00e4nden zu, und er hatte bereits zwei Wecken verschlungen, als der gest\u00fcrzte B\u00e4ckerbursche herbeigelaufen kam und ein gro\u00dfes Geschrei aufschlug, weil er H\u00e4cksel sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der L\u00f6we und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach dem Brot. Als der B\u00e4cker so sehr schrie, warf ihm der eine die brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der B\u00e4cker die drei eintr\u00e4chtlich seine Br\u00f6tchen verschlingen sah und sie genauer betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und erkannte pl\u00f6tzlich H\u00e4cksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen hatte. Er war entschl\u00fcpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen Vergi\u00dfmeinnichtkranz, seine blonde Perr\u00fccke und sein Schleiergewand abgelegt und war in seine B\u00e4ckerei, wo er\u00a0Lehrling war, geeilt, weil er die Wecken austragen mu\u00dfte. Jetzt aber f\u00fcrchtete er, von H\u00e4cksel erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der L\u00f6we und der Greis sich satt gegessen hatten, lie\u00dfen sie H\u00e4cksel den Korb und sagten, als er ihnen klagte, da\u00df ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die Bierbrezeln in den Wirtsh\u00e4usern verkaufen, damit er Heimreisegeld bek\u00e4me. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der L\u00f6we verbeugte sich, und beide verschwanden am Ende der Stra\u00dfe im Morgennebel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Stra\u00dfenpumpe, wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, da\u00df er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken hatte und sich aufrichtete, erz\u00e4hlte er auch diesem Kutscher, da\u00df man ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon geh\u00f6rt. Ein Kollege habe ihm heute morgen erz\u00e4hlt, da\u00df zwei Fahrg\u00e4ste, ein Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen h\u00e4tten, und da\u00df beide\u00a0von wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal gef\u00fchrt worden seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem H\u00e4cksel wurde ganz wohl, als er das h\u00f6rte, und er schenkte dem Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn daf\u00fcr zu jener Polizeistation zu fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es h\u00f6rte, da\u00df H\u00e4cksel freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergn\u00fcgt und guter Dinge und vermi\u00dfte ihren treulosen Floh aus dem L\u00f6wenfell nicht l\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch Fl\u00f6he bekommen nicht in allem ihren Willen. H\u00e4cksel wurde nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube gef\u00fchrt. Dort fand die Fl\u00f6hin gar nicht, was sie wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man gab H\u00e4cksel seinen Gurt zwar nicht zur\u00fcck, aber man zeigte ihm denselben, und er erkannte ihn als den seinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wurde ein Polizist beauftragt, H\u00e4cksel in sein Heimatdorf zu begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie H\u00e4cksel zu dem Silbergeld gekommen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam H\u00e4cksel auf Polizeikosten zur\u00fcck in sein Heimatdorf. Nach langem\u00a0Fragen glaubte man endlich H\u00e4cksel, und man lie\u00df ihn wieder seine Bergwerkarbeit antreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von ihm, der damals in der Nacht \u00fcber den Plankenzaun in den H\u00fchnerstall gefl\u00fcchtet war. Die Flohm\u00e4nner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit H\u00e4cksel ins Bergwerk zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zur\u00fcck, doch fand sich kein einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der Polizei herausgerollt, und niemand wu\u00dfte wohin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als H\u00e4cksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwerm\u00fctig. Er fieberte t\u00e4glich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben, da ihn kein Begr\u00e4bnis erster Klasse erwartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam gar nicht mehr an die Erdoberfl\u00e4che. Davon, da\u00df er \u00fcberhaupt nicht mehr die Luft wechselte und immer in der durchw\u00e4rmten Schachtluft wohlbesch\u00fctzt dahinlebte, heilte seine Lunge aus,\u00a0und er gena\u00df von seiner Schwindsucht und dem Fieber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben b\u00fcckte, mit dem Hinterfu\u00df vor den Kopf, da H\u00e4cksels Leibfloh das Pferd unsanfter als sonst in die Weichen gebissen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ganze Nacht lag H\u00e4cksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand war da, und nur die Fl\u00f6he sahen von allen Pferder\u00fccken herunter neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es wundersch\u00f6n, indessen H\u00e4cksel nochmals die Nacht durchlebte, da er alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein den Stall schwach aufhellte, und von der Decke \u00fcber dem Heu, wo die Spinnweben dick festhingen, l\u00f6ste sich die K\u00f6nigin der Nacht los und krallte eine Hand in H\u00e4cksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf geschlagen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLa\u00df mich, la\u00df mich,\u201c kr\u00e4chzte der Verwundete und w\u00e4lzte sich zum Vergn\u00fcgen der jungen Fl\u00f6he hin und her. Und er sah dann, wie der schwarzb\u00e4rtige Andreas Hofer mit\u00a0der K\u00f6nigin der Nacht zu ringen begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer besiegt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann nahte der vergi\u00dfmeinnichtbekr\u00e4nzte Schutzengel und fragte H\u00e4cksel streng, ob er noch etwas zu gestehen h\u00e4tte, er solle sich das Herz durch ein Gest\u00e4ndnis erleichtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fl\u00f6he verfolgten von den Pferder\u00fccken herunter dieses Theater im fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang mit dem Menschenblut des H\u00e4cksels aufgef\u00fcttert waren, verstanden sie dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen vermeinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wette, er wird nichts gestehen,\u201c lachte der J\u00fcngste der Flohbrut. \u201eGesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,\u201c rief er mit Eifer zu H\u00e4cksel herunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein, sage es nur! Er wei\u00df es ja schon selber, da\u00df du die Silbergulden aus dem blinden Stollen gestohlen hast,\u201c kreischte der Chor der andern frech und lustig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4cksel schwieg und \u00e4chzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vor\u00fcberzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da winkte der Teufel in der Ecke des\u00a0Stalles, und herein sprang der H\u00f6llenhund und stand wie ein gro\u00dfer L\u00f6we mitten im Stall und sch\u00fcttelte sich knurrend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zugleich kam auch ein Greis herein \u2013 das war Petrus \u2013 und fa\u00dfte den H\u00f6llenhund an der M\u00e4hne, so da\u00df er sich nicht auf H\u00e4cksel st\u00fcrzen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGesteh, da\u00df du das Silbergeld nicht geerbt hast,\u201c drohte der glatzk\u00f6pfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte, da\u00df er das Lebenslicht in der Laterne, das dem H\u00e4cksel geh\u00f6rte, ausblasen w\u00fcrde, so da\u00df der Halsstarrige dann vom finstern H\u00f6llenhund verschlungen werden m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBravo,\u201c lachten die Fl\u00f6he und h\u00f6hnten, \u201esiehst du, jetzt hast du dein erstklassiges Begr\u00e4bnis im Bauch des H\u00f6llenhundes.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe das Geld \u2013 das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt habe, \u2013 im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,\u201c schrie H\u00e4cksel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHier hast du ein St\u00fcck Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit diesem schreibe dein Gest\u00e4ndnis an die Kalkwand des Stalles, damit die Leute dein Gest\u00e4ndnis schwarz auf wei\u00df haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann, als H\u00e4cksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den Zeigefinger drohend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSiehst du, mein lieber H\u00e4cksel, du hast es erleben sollen, da\u00df unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genu\u00df bereitet. Und da\u00df Diebstahl einem mehr M\u00fche, Schwei\u00df und \u00c4rger bereitet als die h\u00e4rteste ehrliche Arbeit, das wei\u00dft du jetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da du aber im Leben bereits deine Tat geb\u00fc\u00dft hast, will ich dir nun doch ein Begr\u00e4bnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten. Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stallt\u00fcre steht. Mit dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begr\u00e4bnis erster Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten, als er dich traf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in ihren Leibern wurde ganz bla\u00df, und sie sprangen f\u00fcr diese Nacht weit fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zur\u00fcck, als man H\u00e4cksels Leichnam an die Erdoberfl\u00e4che gebracht und dort wieder in die Erde gebettet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses ist die Geschichte von H\u00e4cksel und\u00a0den Bergwerkfl\u00f6hen. Und wenn die Fl\u00f6he inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben sie heute noch dort, so frech wie damals.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-86434 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-560x751.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-260x348.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-160x214.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg 764w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Farben und T\u00f6nen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren \u00c4sthetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sinnenhafte Eindr\u00fccke in impressionistische Wortkunstwerke um. Bereits seine erste Gedichtsammlung von 1893 mit dem Titel \u201eUltra-Violett\u201c l\u00e4sst die Ans\u00e4tze einer impressionistischen Bildkraft erkennen, die dichterisch gestaltete Wahrnehmung von Farben, D\u00fcften, T\u00f6nen und Stimmungen offenbart. In seiner sp\u00e4teren Natur- und Liebenslyrik steigerte sich dies bis zur Verherrlichung des Sinnenhaften und Erotischen und traf sich mit seiner Philosophie, die das Leben und die Welt als Fest, als panpsychische \u201eWeltfestlichkeit\u201c begriff. Rilke bezeichnete ihn als einen \u201eunserer sinnlichsten Dichter, in einem fast \u00f6stlichen Begriffe\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; H\u00e4cksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. 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