{"id":86543,"date":"2022-07-25T00:01:58","date_gmt":"2022-07-24T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86543"},"modified":"2022-02-24T14:13:57","modified_gmt":"2022-02-24T13:13:57","slug":"das-giftflaeschchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/25\/das-giftflaeschchen\/","title":{"rendered":"Das Giftfl\u00e4schchen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"9\" class=\"pagenum\" title=\"Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu\/10\"><\/span>Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die D\u00e4cher der H\u00e4user und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft \u00fcber Steinw\u00fcsten zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren Benzind\u00e4mpfen die Stra\u00dfen, wie fliegende \u00d6fen. Und die Sonne schien an diesem hei\u00dfen Junitag nicht von der Stelle zu wandern. \u00dcberall war Sonne, \u00fcberall H\u00f6llenhitze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends der Zug voll von Skandinaviern nach Sa\u00dfnitz. Es war, als ob alle Menschen vor der deutschen Junihitze fl\u00fcchteten. Das vornehme palastartige F\u00e4hrboot, das in vier Stunden in der Nacht von Sa\u00dfnitz \u00fcbers Meer nach Trelleborg f\u00e4hrt, landete aber am Morgen in Schweden im flachen Schonen immer noch wie von der berliner Hitze begleitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Drang, m\u00f6glichst rasch nach dem k\u00fchleren Norden zu kommen, lie\u00df uns nirgends Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe,\u00a0und ich, hatten uns vorgenommen, zuerst die Route an der Westk\u00fcste von Trelleborg bis Str\u00f6mstad zu fahren und dann nach Lappland zu reisen. Wir reisten die zw\u00f6lf Stunden von Trelleborg bis zur n\u00f6rdlichen Grenze Schwedens an der Westk\u00fcste ohne Aufenthalt, mit Ausnahme einer kurzen Mittagpause in Gothenburg, und wir waren am Abend um sieben Uhr am Ende unserer ersten Reiseroute in Str\u00f6mstad angekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier von Berlin, so sagte mir der Fahrplan. Aber meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde zu Stunde gesagt: jede Stunde wird hier ein Jahrtausend, und in Str\u00f6mstad trennen dich zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in Str\u00f6mstad aus, so versank ich in diese Jahrtausende wie ein Meteor, das von einem fremden Stern auf die Erde gefallen ist. Und nicht nur zwei kleine Stufen stieg ich vom Trittbrett der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen Erde, sondern ich war wie zweiundzwanzig Tausend Meilen tief in eine fremde Erde \u2013 bei einem fremden Meer, bei einem fremden Himmel, bei einer fremden Sonne \u2013 eingedrungen, als ich in Str\u00f6mstad aus dem\u00a0Waggon gestiegen war. Und ich kam nicht mehr los und sa\u00df dort bei Str\u00f6mstad auf einer Insel im Meer und lie\u00df mir neue Ohren wachsen, und soviel Haare ich sonst auf dem Kopf hatte, so viele Augen schien ich jetzt im Kopf zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland im Gewohnten und Althergebrachten eingekapselt sa\u00df, flutete und l\u00f6ste sich und wurde wie das Herz Adams am Tag, da Gott ihm das Paradies zeigte und alle B\u00e4ume.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Insel, auf der ich sa\u00df, und wo ich die Reisebillette meiner anderen beiden gro\u00dfen Reiserouten in Schweden verfallen lie\u00df, hie\u00df Koster. Es ist eine Insel im Kattegat, und sie wird dreimal in der Woche von einem Dampfschiff angelaufen, das den Weg in dreiviertel Stunden von Str\u00f6mstad zur\u00fccklegt und die Post bringt. Das macht aber nichts, wenn auch die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, diese Insel ist und bleibt doch f\u00fcr mich immer und ewig ein P\u00fcnktchen am Ende der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon \u201eam Ende der Welt\u201c angekommen zu sein \u2013 nachdem man noch zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Automobile rasen sah \u2013, das ist etwas Verbl\u00fcffendes und Erstaunliches, und ich habe mir vorgenommen,\u00a0ein ganzes dickes Buch \u00fcber die Insel Koster zu schreiben. Aber mit dieser kleinen Erz\u00e4hlung hier will ich euch nur den Mund w\u00e4sserig machen auf dieses P\u00fcnktchen am Ende der Welt, auf diese Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das ich einmal \u00fcber diese Insel schreiben will \u201edie K\u00f6nigst\u00f6chter von Koster\u201c hei\u00dfen soll, oder \u201edie Insel der heiligen K\u00fche\u201c, oder \u201ewilde Rosen, Wachholder und Urgestein\u201c, oder \u201edie Insel am Ende der Welt\u201c, das wei\u00df ich heute noch nicht genau zu sagen. Die Titel verrate ich aber hier nur deshalb, weil sie andeuten, was dort alles zu finden ist f\u00fcr den, der sich ein Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist und zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit zur\u00fcck, in der Urzeit dort ankommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in S\u00fcdschweden, in Schonen, aus dem Eisenbahnfenster zuerst weite Kornfl\u00e4chen gesehen hatten und gr\u00fcne Waldz\u00fcge, aus denen die herrlichsten Buchen und die st\u00e4mmigsten Eichen nah am Meer die Luft mit Bl\u00e4tter- und Rindenduft w\u00fcrzen und die reichen Geh\u00f6fte dort umwehen, verl\u00e4\u00dft uns pl\u00f6tzlich die weiche sinnliche Erde. Statt der runden Buchenw\u00e4lder\u00a0wachsen runde Granith\u00fcgel auf, und von allen B\u00e4umen bleiben nur noch die Tannen am Wege, die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem Ahorn, der Pappel, dem Nu\u00dfbaum und der Kastanie, \u2013 allen diesen geht der Atem aus vor dem Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet ist. Das Land ist dort mit Granit gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt eine Steinzone, wie sie sich kein Deutscher in keiner Ecke Deutschlands tr\u00e4umen kann, nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge, \u2013 nirgends; und auf meiner Reise um die ganze Erde, die ich vor f\u00fcnf Jahren machte, bin ich niemals, selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken Steinwelt begegnet, wie die ist, die sich von Gothenburg bis nach Str\u00f6mstad breitet. Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser Steinwelt die Station Fjellbacka, die nur eine Schiffstation ist und keine Eisenbahn hat. An der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und Str\u00f6mstad, ist es haupts\u00e4chlich der Umkreis um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt derart furchtbar, da\u00df das Land hier nicht mehr von Menschen bev\u00f6lkert scheint, nicht von Tieren, nicht von V\u00f6geln, nicht von B\u00e4umen, sondern von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier in das Land hereinreichte, hat das Steinreich in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren gleichen bald riesigen versteinerten Walrossen, bald meilenlangen Herdenz\u00fcgen von Mammuttieren und den R\u00fccken versteinerter Elefantenherden. Dazwischen lagern Schichten von versteinerten Urweltb\u00e4umen, von denen mancher eine Meile lang scheint; und von der Totenstille, die dieser blaugraue Granit ausstr\u00f6mt, macht sich kein Ohr, das bisher nur in Gebirgen, Feldern und in W\u00e4ldern gelebt hat, eine Vorstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier und da sitzen eine Holzh\u00fctte, ein zwerghafter Baum, ein winziges Fleckchen Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten grauen Granitungeheuern. Das graue Land dort am Meer scheint wie mit einer einzigen R\u00fcstung voll Eisenbuckeln bedeckt. Und wo der Bahnweg den Granit mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren wie eine Ameise, vor der Geste eines einzigen gespaltenen Blockes, der auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht aufgegeben hat und herausfordernd daliegt, wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein\u00a0bi\u00dfchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber das Dynamit wie machtlos verrauchte. Denn wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten wurde, er ist ja nur ein Sandkorn, auf das das Dynamit hintrat, und auf Meilen liegt hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und der Gedanke kommt einem, da\u00df es kein Zufall ist, da\u00df in Schweden, dem Granitlande, Nobel, der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Schweden, dieses Stein- und Eisenland von urspr\u00fcnglichster Kraft, forderte direkt das menschliche Gehirn dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen und das Dynamit zu erfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso steinig wie der K\u00fcstenlandstreifen von Gothenburg bis Str\u00f6mstad sind auch die Inseln, die Sch\u00e4ren, die dem K\u00fcstenstreifen vorgelagert sind. Und die Insel Koster ist ungef\u00e4hr eine der letzten gro\u00dfen Sch\u00e4ren im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und bei Str\u00f6mstad auf einem H\u00fcgel das ber\u00fchmte steinerne Wikingschiff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Insel Koster gibt es aber in den\u00a0Talsenkungen einige B\u00e4ume: Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen Zwergb\u00e4ume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen gr\u00fcnen Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft wie die Landschaft eines japanischen Gartens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden Rosenb\u00fcschen, die ganz \u00fcbersch\u00fcttet von rosa Kelchen dastanden, als ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein blendend wei\u00dfer, wie ein gro\u00dfes Marmorei, dort ein gelber, wie ein harter Honigbrocken oder wie ein St\u00fcck Bernstein, dort ein rosenroter wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer flacher wie ein Rabenfl\u00fcgel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren Kronen flach wie gr\u00fcne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden wie mit einem Messer beschnitten, \u2013 bei diesen kleinen Eichen und gro\u00dfen Wacholderb\u00fcschen weiden gl\u00e4nzende rothaarige K\u00fche und K\u00fche, wei\u00df und schwarz gesprenkelt, als h\u00e4tten sie sich von der Nacht bemalen lassen mit dunkeln Flecken\u00a0und mit wei\u00dfen Flecken vom Mond, mit gelben und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden K\u00fche mit ihren Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen schwarzen, wei\u00dfen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen Meerumrahmung, zwischen den gr\u00fcnen Sonnenflecken unter den Eichen, zwischen den rosa Flecken der Rosenb\u00fcsche und im Weihrauchgeruch der Wacholderb\u00fcsche, wie vierbeinige kauende G\u00f6tzenbilder. Tags fressen sie immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen den geschweiften H\u00f6rnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen kreischen die silberwei\u00dfen Flecken von M\u00f6wenscharen im indigoblauen Junihimmel. Nachts, in den Sommern\u00e4chten, in denen die Sonne kaum f\u00fcr eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die K\u00fche drau\u00dfen unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet und liegen beieinander in der lauen D\u00e4mmerung der hellen Nacht und unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzwei\u00dfer Teppich von Hermelin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleine H\u00fctten sind \u00fcberall zerstreut. In einer, bei einem gro\u00dfen Getreidefelde, wohnt der K\u00f6nig von Koster. Es ist der \u00e4lteste und\u00a0der reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen S\u00f6hnen und T\u00f6chtern bev\u00f6lkert. Die K\u00f6nigst\u00f6chter waschen und b\u00fcgeln, schlagen Gras und m\u00e4hen Korn, melken die K\u00fche und singen abends. Die K\u00f6nigss\u00f6hne spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, n\u00e4hen tags Fischernetze, fahren Mist, liegen drau\u00dfen in den Booten, sehen nach ihren Hummerk\u00e4sten und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche Fischer wurden Kapit\u00e4ne auf Last- und Personendampfern an der Steink\u00fcste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde. Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke, und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren in den Taschen und gingen wieder zur\u00fcck zu ihren Hummerk\u00e4sten und Angelschn\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Nie aber, solange die K\u00f6nige, die K\u00f6nigst\u00f6chter und die K\u00f6nigss\u00f6hne von Koster zur\u00fcckdenken k\u00f6nnen, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung oder ein Polizist<\/i>\u00a0<i>auf Koster gewesen.<\/i> Die Menschen dieser Insel sind unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies alles mu\u00df man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem winzigen Giftfl\u00e4schchen zu verstehen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war kurz nach Johanni, als das gro\u00dfe Makrelenboot abfuhr, das die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und drau\u00dfen w\u00e4hrend des Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der wichtigste Sommertag f\u00fcr alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das gro\u00dfe Boot mit seinen gro\u00dfen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot sa\u00dfen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Sch\u00fcrzen vor das Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre M\u00e4nner fortsegeln sahen, Br\u00e4ute ihre Br\u00e4utigams und M\u00fctter ihre S\u00f6hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ganze weibliche K\u00f6nigsgeschlecht von Koster sa\u00df dort auf dem Wasser und weinte, und auf dem Mammutr\u00fccken der blauen Granitklippen\u00a0standen vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere Hunde, so da\u00df die Luft voll Schluchzen und Bellen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4lterer Mann, den alle den \u201eHeiden\u201c nannten, weil er f\u00fcrchterlich fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der fr\u00fcher Kapit\u00e4n gewesen war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und reichte mir ein kleines Fl\u00e4schchen mit einem zusammengefalteten kleinen Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart sa\u00df ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen sonnt\u00e4glichen Tuchanzug an und seine alte Kapit\u00e4nsm\u00fctze auf, mit einer goldenen Borte daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSir,\u201c sagte er, denn er sprach mit Vorliebe einige Brocken Englisch, um seine h\u00f6here Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der Insel hervorzutun. Er untermischte immer seine Rede mit \u201eWell\u201c und \u201eAllright\u201c und verabschiedete sich nie, ohne \u201eGoodbye\u201c zu sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSir, ich habe das gefunden,\u201c sagte er und\u00a0schob mir das kleine Fl\u00e4schchen aufdringlich in die Hand, als wenn dieses mir eben erst aus der Tasche gefallen w\u00e4re. Und breitspurig wanderte er davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe das nicht verloren,\u201c rief ich ihm nach. Er aber sah sich nicht mehr um und stolperte \u00fcber die Granitbuckel und \u00fcber das Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren R\u00fccken, der so viereckig war, als tr\u00fcge er eine gro\u00dfe Schulschiefertafel unter dem Rock.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem Fl\u00e4schchen gegeben hatte, und an welchem man noch den Abdruck des Fl\u00e4schchens bemerkte, das in das Papier eingewickelt gewesen war, auf diesem Zettel stand mit vergilbter alter Tinte das Wort \u201eGift\u201c geschrieben, dreimal unterstrichen und dann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<i>Zehn Tropfen<\/i> reizen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort gebraucht, das ich hier nicht wiedergeben kann).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Zwanzig Tropfen<\/i> bringen den <i>Wahnsinn<\/i> und<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>jeder Tropfen<\/i> dar\u00fcber \u2013 <i>den Tod<\/i>.\u201c So stand auf dem Zettel. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrachtete das Fl\u00e4schchen verbl\u00fcfft. Es war mit einer gelbw\u00e4sserigen Fl\u00fcssigkeit\u00a0zur H\u00e4lfte gef\u00fcllt und mochte vielleicht vierzig Tropfen enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stand ich nun pl\u00f6tzlich mitten auf der gro\u00dfen unschuldigen Steininsel, umgeben von der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben von der unendlichen Festlichkeit des durchdringend blauen Sommermeeres, sah die unschuldigen buntscheckigen K\u00fche ihre vollen Euter \u00fcber das Heidekraut tragen, sah sie in friedlichen gutm\u00fctigen Reihen wildes Rosenlaub, Eichenlaub und Kr\u00e4uter auf dem Granit abweiden, diese K\u00fche, die gutm\u00fctig wie die Erdg\u00fcte selber waren; ich h\u00f6rte die wilden Bienen und die Hummeln, die sich \u00fcber die Bl\u00fcten des Heidekrauts summend verbreiteten, und sah sie Honig suchen, Sonnens\u00fc\u00dfe f\u00fcr den Winter sammeln; ich sah dann \u00fcber die Insel hin, auf welcher niemals noch eine b\u00f6se Tat begangen worden war, wo man nicht Gef\u00e4ngnis, nicht Gericht und keine menschliche Niedertracht kennen gelernt hatte. Und ich, ich hatte da pl\u00f6tzlich ein schauderhaftes Gift in einem kleinen Fl\u00e4schchen zwischen meinen Fingern, eine kleine H\u00f6lle von vierzig Tropfen. Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord begehen und Mord. Ich schaute auf die weinenden Br\u00e4ute hinunter, auf die jungen\u00a0weinenden Frauen, die in den Booten neben den bellenden Hunden jetzt langsam wieder zum Ufer zur\u00fcckruderten, und die von ihren M\u00e4nnern verlassen waren. Hier konnte ich Unheil stiften, ich konnte blindlings den Verf\u00fchrer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe h\u00e4tten die z\u00fcchtigen, unschuldigen, aber zu derber Sinnlichkeit veranlagten Fischerm\u00e4dchen in geile, gierige, m\u00e4nnertolle Furien verwandeln k\u00f6nnen. Ich schauderte vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir von diesem Giftfl\u00e4schchen aufgezwungen wurden, und wunderte mich. Ich schauderte vor dem winzigen Giftfl\u00e4schchen, das da pl\u00f6tzlich in meine H\u00e4nde gekommen war, hier fern von aller \u00fcberreizten Kultur, fern von dem gro\u00dfen Menschentrubel Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, Morde und Selbstmorde t\u00e4glich die Zeilen der Zeitungen \u00fcberschwemmten. Hier, sozusagen am Ende der Welt, wie kam hier, zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin, auf diese unschuldige Erde dieses rasend und liebestoll machende Gift?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte des Fl\u00e4schchens war die:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Heide, der alte Kapit\u00e4n, erz\u00e4hlte sie mir endlich notgezwungen nach ein paar Tagen.\u00a0Ich traf ihn zuf\u00e4llig wieder, bei einem Besuch in einer H\u00fctte, wo man seit ein paar Wochen einen pl\u00f6tzlich tobs\u00fcchtig gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge Mann h\u00e4tte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen, und einige M\u00e4nner, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang hinausgezogen waren, mu\u00dften abwechselnd bei dem Tobs\u00fcchtigen Wache halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden k\u00f6nnen, diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der St\u00e4dte an der K\u00fcste abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen Wahnsinnigen der Insel gewu\u00dft und fand auf einem Spaziergang durch Zufall die H\u00fctte, im Innern der Insel, wo der Tobs\u00fcchtige von seiner Wache von vier M\u00e4nnern, die sich t\u00e4glich abl\u00f6sten, festgehalten wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapit\u00e4n, der mir das Giftfl\u00e4schchen gegeben hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, \u201efeste Handschuhe anhabe\u201c, womit sie seine straffen F\u00e4uste meinten. Nach dem zuf\u00e4lligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapit\u00e4n, hatte ich diesen\u00a0t\u00e4glich in seiner H\u00fctte aufgesucht und ihn niemals daheim getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, da\u00df er mir die genaue Herkunft des Giftfl\u00e4schchens berichten sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da h\u00f6rte ich endlich nach vielem unverst\u00e4ndlichem Geknurre: wohl habe er die Flasche \u201egefunden\u201c; aber das war schon ungef\u00e4hr <i>drei\u00dfig Jahre<\/i> her. Er fand sie in der Kapit\u00e4nskabine eines Dampfers, den er sich gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des Schiffsb\u00fccherschrankes stand dies Fl\u00e4schchen in Papier eingewickelt, und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus vergossen. Ich glaubte es ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hockten einander gegen\u00fcber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der N\u00e4he bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des Teufels Gro\u00dfmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen Abend war, wo sich die K\u00fchle des Meeres mit der Granitw\u00e4rme der Steine vermengt, wischte sich der alte Kapit\u00e4n, w\u00e4hrend er mir erz\u00e4hlte, doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter Angstschwei\u00df zu perlen schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschlu\u00df fassen k\u00f6nnen, das Fl\u00e4schchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu zerschellen oder es zu \u00f6ffnen und den Inhalt auszusch\u00fctten. Hundert Gr\u00fcnde spukten in meinem Hirn und sprachen daf\u00fcr und dagegen, das Fl\u00e4schchen los zu werden. Welches Ungl\u00fcck konnte es anrichten, wenn das Fl\u00e4schchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer wei\u00df ob das Fl\u00e4schchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde. Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverl\u00e4ssig. Ich durfte es nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem Koffer. Seit ich dieses Giftfl\u00e4schchen in die Hand bekommen hatte, lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache, die einen Tobs\u00fcchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern mu\u00df zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser Beobachter des\u00a0Lebens. Ich trug mit dem Giftfl\u00e4schchen wie ein Zauberer geheimnisvolle Kr\u00e4fte der schwarzen Magie in der Tasche, ich erschien mir \u00fcber alle menschlichen Begriffe einer d\u00e4monischen Kraft, einer Willk\u00fcr, preisgegeben. Mit einem Wort, \u2013 ich war nicht mehr ich. Ich war der Sklave dieses Giftfl\u00e4schchens geworden. Ich schrie nachts im Traum auf, tr\u00e4umte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapit\u00e4n jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift besa\u00df, hundertmal den Angstschwei\u00df von der Stirn wischen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDrei\u00dfig Jahre,\u201c hatte der Kapit\u00e4n erz\u00e4hlt, \u201ehabe ich das Fl\u00e4schchen mit mir getragen und habe es nicht los werden k\u00f6nnen. Jahrelang habe ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fl\u00e4schchen gelenkt worden. Bald f\u00fchlte ich mich \u00fcberm\u00fctig allm\u00e4chtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift besitze, den \u201a<i>Heiden<\/i>\u2018.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das Gift besa\u00df, mir selbst fremd geworden. Aber ich h\u00e4tte das Fl\u00e4schchen um keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert h\u00e4tte. Und\u00a0als der Alte sagte: \u201eWas haben Sie mit dem Giftfl\u00e4schchen getan?\u201c log ich mitten im Sonnenschein, zwischen den g\u00fctig kauenden K\u00fchen, umgeben vom himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. \u201eIch habe es fortgeworfen,\u201c sagte ich, damit es der Alte nicht zur\u00fcckfordern konnte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wollte ich mit dem Fl\u00e4schchen tun? Ich wollte es doch los sein! Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die F\u00fc\u00dfe? Ich f\u00fchlte, wie mich das viereckige Fl\u00e4schchen in meinem wei\u00dfen Flanellsommeranzug unbequem dr\u00fcckte, und ich fuhr seitdem \u00e4ngstlich, oft mitten in den ruhigsten Stunden, pl\u00f6tzlich mit der Hand nach meiner Westentasche. Ich wich dem Kapit\u00e4n von diesem Tage an aus, damit er nicht nach dem Fl\u00e4schchen fragen sollte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld, nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses Giftfl\u00e4schchen. T\u00e4glich w\u00fcnschte ich das Gift zu behalten und t\u00e4glich, es los zu werden. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgek\u00fchlt. Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die N\u00e4chte wieder die Dunkelheit wie eine schwarze Maske \u00fcber das Land legen und die paar Wiesenflecken abgem\u00e4ht sind, die es da gibt, und die paar Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines fr\u00fchen Herbstes die B\u00e4ume aussehen l\u00e4\u00dft, als w\u00e4ren sie aus verblichenem gr\u00fcnem Papier angefertigt, dann werden all die K\u00fche in die St\u00e4lle zu den H\u00fctten heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die kleinen H\u00fctten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der K\u00fche laufen wei\u00dfe M\u00f6wenscharen auf den abgem\u00e4hten Wiesen herum, Wiesen, die nur j\u00e4hrlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den wei\u00dfen M\u00f6wen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind wie der Vorschein fr\u00fchen Schnees.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem katholischen Lande an Morgenl\u00e4uten, Mittag- und Abendl\u00e4uten gew\u00f6hnt bin, hinausgehorcht. Aber nichts r\u00fchrte sich. Es gab auf der Insel\u00a0keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder zur Taufe mit K\u00e4hnen auf andere Inseln. Ebenso mu\u00dften die Brautpaare und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der gro\u00dfen blauen Glocke des Himmels, und der \u201eHeide\u201c, der alte Kapit\u00e4n, hatte recht, wenn er einmal in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel gibt, dr\u00f6hnend auf den Tisch schlug und ausrief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und die Sonne scheint nicht sch\u00f6ner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden, wie von den Christen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das st\u00e4mmige K\u00f6nigsgeschlecht von Koster l\u00e4chelt gutm\u00fctig \u00fcber seinen Stammheiden, \u00fcber den Kapit\u00e4n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sommer war hier fr\u00fcher zu Ende, als man sich in Deutschland vorstellen kann. Und\u00a0in den ersten Tagen des August sahen die Frau, die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfl\u00e4schchen in meiner Westentasche erz\u00e4hlt hatte, und ich, wir beide sahen mit Fr\u00f6steln das schnelle M\u00fcdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unb\u00e4ndige Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war jeden Abend unser letztes Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frauen, die sich sehr geliebt f\u00fchlen, fassen immer resoluteste Entschl\u00fcsse. So sagte diese Frau eines Tages:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir wollen nach Italien. Dort ist es noch Hochsommer. Es ist viel zu sp\u00e4t f\u00fcr die lappl\u00e4ndische Reise. Wir w\u00fcrden nur den sch\u00f6nen Eindruck von Koster verwischen. Schweden ist zu sch\u00f6n, als da\u00df man es in einem Sommer fl\u00fcchtig durchreisen kann. Man mu\u00df viele Sommer darauf verwenden, um alle seine Sch\u00f6nheiten zu erreisen. Damit wir den Norden recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast den S\u00fcden aufsuchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich deutete schwerf\u00e4llig und gewissenhaft wie jeder Mann auf den gro\u00dfen Koffer, in welchem die Wintersachen f\u00fcr Lappland lagen, auf Pelz und Wolle. \u201eSollen die ganz umsonst hieher gewandert sein?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber hartn\u00e4ckig, weil sie meine Sehnsucht nach Sonne kannte, sagte die Frau:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn du soviel Respekt vor Koffern hast, m\u00f6chte ich sie schon gleich ins Meer versenken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGerade so wie ich mein Giftfl\u00e4schchen,\u201c entfuhr es mir. Und nun mu\u00dfte ich die ganze Geschichte vom Giftfl\u00e4schchen, das mir wie ein D\u00e4mon in der Westentasche sa\u00df, und das den Kapit\u00e4n wie ein D\u00e4mon drei\u00dfig Jahre lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist ein neuer Grund,\u201c rief diese erfinderisch aus. \u201eIch sehe, du und ich, wir werden dieses Giftfl\u00e4schchen ebensowenig los wie der Heide, der Kapit\u00e4n. Aber es f\u00e4llt mir gar nicht ein, deine Liebe mit einer Giftflasche zu teilen. Wir m\u00fcssen nach Rom und das Gift an der einzigen Stelle der Welt, wo es hingeh\u00f6rt und keinen Schaden anrichtet, abliefern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, wenn noch in Rom die alten R\u00f6mer leben w\u00fcrden,\u201c meinte ich. \u201eAber dort sind ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit dr\u00fcckst du einfach das Fl\u00e4schchen in die Hand, so wie es der Kapit\u00e4n dir pl\u00f6tzlich in die Hand gedr\u00fcckt hat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLiebende Frauen sind weise Frauen,\u201c sagte ich. Und indessen sie die Koffer packte und die Wolle f\u00fcr Lappland zu unterst stopfte und dabei italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von Str\u00f6mstad direkt nach Rom, immer das Giftfl\u00e4schchen in der Westentasche betastend, da\u00df es mir nicht ausk\u00e4me.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich in Rom dann das Fl\u00e4schchen Seiner Heiligkeit in die Hand dr\u00fcckte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, l\u00e4chelte Pius und sagte verst\u00e4ndnisvoll:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas macht nichts, das kommt \u00f6fters vor.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNat\u00fcrlich,\u201c sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. \u201eDarf ich Eure Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,\u201c setzte ich neugierig hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas stellen wir zu den andern,\u201c nickte der Papst. Und ebenso nickte Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen war: \u201eDas stellen wir zu den andern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch wurde in den vatikanischen G\u00e4rten gef\u00fchrt, die mir durch ihre Regelm\u00e4\u00dfigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der <i>Insel der heiligen K\u00fche<\/i> kam, <i>vom Lande, wo die Steine<\/i>\u00a0<i>sprechen<\/i>, von <i>Wacholder, wilden Rosen<\/i> und <i>Urgestein, von der schwedischen Heideninsel<\/i>, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne t\u00e4glich zu einem Fest gegl\u00e4nzt hatte, wo das gro\u00dfe freie Meer gel\u00e4utet hatte, und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See Genezareth.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd um die Erde sind Sie auch gereist?\u201c meinte Seine Eminenz der Kardinal. \u201eUnd haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen, der von allen G\u00f6ttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter \u201edie gefl\u00fcgelte Erde\u201c studiert. Wenn die s\u00fcndige Erde wirklich rundum so voll sch\u00f6ner Wunder ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken. Wir hatten wirklich nicht geglaubt, da\u00df noch etwas irdisch Sch\u00f6nes an der Welt w\u00e4re. Wir dachten, wir h\u00e4tten alles Verf\u00fchrerische mit heiliger Christenstrenge ausgemerzt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eO!\u201c rief ich aus und machte meinen Mund gr\u00f6\u00dfer auf, als in den vatikanischen G\u00e4rten erlaubt ist, \u201ewenn Sie nur \u201adie gefl\u00fcgelte Erde\u2018 gelesen haben, dann haben Sie\u00a0noch nicht vom Sch\u00f6nsten geh\u00f6rt, was ich gesehen habe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns gehen lie\u00dfen, setzte sich auf das St\u00fchlchen, das die Schweizer Wache, die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein Giftfl\u00e4schchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal \u00f6fters hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfl\u00e4schchen gegen die Sonne:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt wie dem Heiden auf Koster. Der Kapit\u00e4n hat das Fl\u00e4schchen auch nicht mehr hergegeben, als er es einmal zwischen den Fingern hatte. Und obwohl ich vom Allersch\u00f6nsten, was es auf der Welt gab, eben hatte erz\u00e4hlen wollen, hatte der Papst nicht zugeh\u00f6rt, sondern immer an das Gift denken m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete die Fragen, die das Gift betrafen, und ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes Ged\u00e4chtnis, der alles genau behalten hatte, was ich ihm \u00fcber das Giftfl\u00e4schchen vorher mitgeteilt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas gibt es Sch\u00f6neres in der Welt als Rom,\u201c fragte der Papst, schw\u00e4rmerisch durch das Giftfl\u00e4schchen den r\u00f6mischen Himmel betrachtend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Insel Koster,\u201c sagte ich prompt. \u201eDort w\u00fcrden Eure Heiligkeit sich einmal recht von allem Glockengel\u00e4ute erholen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Kardinal lie\u00df sich jetzt von der Schweizer Wache, die auf seinen Wink herbei eilte, ein St\u00fchlchen unterschieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sa\u00dfen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, Seine milde Heiligkeit im wei\u00dfen fleckenlosen Gewand und der Kardinal im Scharlachkleid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, und die ich auf Koster singend beim Kofferpacken zur\u00fcckgelassen habe, aus der Taxushecke k\u00e4me! Nur sie k\u00f6nnte mir jetzt aus der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich. Denn dieses mit dem Glockengel\u00e4ute habe ich verkehrt gesagt, das sah ich den beiden Italienern an den gelben Gesichtern an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche und keine Glocken hat,\u201c fuhr ich fort und eilte mich mit den Worten, um mich bei den Italienern wieder in Gunst zu reden, \u201ediese Insel Koster ist n\u00e4mlich heute noch der unschuldigste\u00a0Platz der Welt. Dort gab es noch nie eine L\u00fcge, nie einen Diebstahl, nie einen Mord; nie mu\u00dfte dort jemals das Gericht einschreiten und keine Polizei. Die Menschen dort sind noch die reinsten unschuldigsten Heiden,\u201c platzte ich heraus, weil mich die hochm\u00fctigen Gesichter der r\u00f6mischen Herren \u00e4rgerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Worte mu\u00dften sehr gut gewirkt haben, denn Seine Heiligkeit l\u00e4chelte Seine Eminenz an, und Seine Eminenz l\u00e4chelte Seine Heiligkeit an. Und diese L\u00e4cheln gingen miteinander \u00fcber die Taxushecken, \u00fcber die Palmen und \u00fcber die wei\u00dfen Gel\u00e4nder der Terrassen des vatikanischen Gartens, vers\u00f6hnlich hinauf bis in den \u00fcppigen blauen r\u00f6mischen Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Papst hob das Giftfl\u00e4schchen, das zugleich mit dem gro\u00dfen Ring am Daumen seiner Hand funkelte, wieder ans Licht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir zu gleicher Zeit mit dem Schiller des Giftfl\u00e4schchens entgegen. Ich verstand nicht sogleich, da\u00df diese Geste des Papstes mir meine sch\u00f6ne unschuldige Insel Koster beleidigen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMenschliches Gift kann lange im Verborgenen\u00a0leben,\u201c sagte der alte Mann mit den blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit der blassen Nase und mit den blassen Augen, die mir pl\u00f6tzlich unheimlich lebensm\u00fcde aus dem dunkelgr\u00fcnen schw\u00fclen Palmengarten entgegenleuchteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, wie Ihr erz\u00e4hlet, von jener Barbareninsel gebracht?\u201c t\u00f6nte es ironisch von seinen blassen Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa,\u201c sagte ich eifrig, meine Insel Koster verteidigend. \u201eDas Gift kam von der Welt dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr dort. Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer Sechzigstundenfahrt, und das Giftfl\u00e4schchen gleich \u00fcbergeben, damit Eure Heiligkeit es aus der Welt schaffen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Lieber,\u201c sagte die wei\u00dfe Figur vor mir, die da unter dem blauen r\u00f6mischen Himmel im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem St\u00fchlchen aufstand, und deren wei\u00dfe Lippen tief Atem holten, als wollten sie mir eine tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon vorschnell:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Heiligkeit wird sagen: <i>nichts kann das Gift der Welt aus der Welt schaffen,<\/i>\u00a0<i>nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht die Christen, nicht die Heiden. Und ich dachte, da\u00df ich mit dieser gro\u00dfen Weisheit dann entlassen w\u00fcrde.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nein, \u2013 Pius reichte mir nur die Hand, die das Giftfl\u00e4schchen hielt, zum Abschiedsku\u00df, und mit den Augen auf das Fl\u00e4schchen deutend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.\u201c \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn das nur nicht gro\u00dfes Ungl\u00fcck anstiftet,\u201c sagte sp\u00e4ter die Frau, die ich liebe, zu mir. \u201eDas kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan ein Giftfl\u00e4schchen zum andern stellt. Der Kapit\u00e4n auf Koster, der drei\u00dfig Jahre das Fl\u00e4schchen aufbewahrt hatte, ist ganz wild davon geworden, und die Leute nannten ihn schlie\u00dflich einen Heiden. Wenn nur nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte wieder recht. Ein paar Wochen sp\u00e4ter schon begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und die Bannfl\u00fcche fliegen seitdem wie Giftpfeile aus dem Vatikan \u00fcber die Alpen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas kommt davon,\u201c sage ich zu meiner Frau (wenn ich die Bayerische Landeszeitung\u00a0aus der Hand lege, worin der Memminger so genau die Zust\u00e4nde und die Aufregungen des Papstes schildert), \u2013 \u201edas kommt davon, da\u00df der Papst als Ratgeber nur Kardin\u00e4le und keine Frau hat. Die Liebe einer Frau ratet besser als alle Kardin\u00e4le.\u201c \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-100190\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Max_Dauthendey-e1645708408981.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Farben und T\u00f6nen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren \u00c4sthetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sinnenhafte Eindr\u00fccke in impressionistische Wortkunstwerke um. Bereits seine erste Gedichtsammlung von 1893 mit dem Titel \u201eUltra-Violett\u201c l\u00e4sst die Ans\u00e4tze einer impressionistischen Bildkraft erkennen, die dichterisch gestaltete Wahrnehmung von Farben, D\u00fcften, T\u00f6nen und Stimmungen offenbart. In seiner sp\u00e4teren Natur- und Liebenslyrik steigerte sich dies bis zur Verherrlichung des Sinnenhaften und Erotischen und traf sich mit seiner Philosophie, die das Leben und die Welt als Fest, als panpsychische \u201eWeltfestlichkeit\u201c begriff. Rilke bezeichnete ihn als einen \u201eunserer sinnlichsten Dichter, in einem fast \u00f6stlichen Begriffe\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die D\u00e4cher der H\u00e4user und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft \u00fcber Steinw\u00fcsten zittert. 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