{"id":86486,"date":"1995-12-27T00:01:49","date_gmt":"1995-12-26T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=86486"},"modified":"2021-10-11T08:52:02","modified_gmt":"2021-10-11T06:52:02","slug":"die-mondscheinrune","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/27\/die-mondscheinrune\/","title":{"rendered":"Die Mondscheinrune"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"stext\">Die Nacht \u00f6ffnet ihr Tor,<br \/>\nDu kannst in den Himmel gehen,<br \/>\nWo Wege voll silberner Leuchter stehen;<br \/>\nSo weit die Augen sich dehnen<br \/>\nKannst Du Dich nach Ewigkeit sehnen, &#8211;<br \/>\nKommt der Spaziergang Dir nicht doch<br \/>\nNoch viel zu endlich vor?<\/p>\n<p>Einer l\u00e4uft \u00fcber den n\u00e4chtlichen Flu\u00df<br \/>\nMit trunkenem Fu\u00df \u00fcber die dunkelnde Flut;<br \/>\nAuch dieser Weg d\u00fcnkt ihm gut.<br \/>\nWarum nicht auf dem Kopf in den H\u00e4usern wohnen,<br \/>\nDie kopf\u00fcber im Wasser am Ufer thronen?<br \/>\nKopfunten stehen die H\u00e4user im Wasser drunten.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re Schritte unter den Pflastersteinen.<br \/>\nIch h\u00f6re einen mit seinen Sohlen an meinen,<br \/>\nIch h\u00f6r&#8216; ihn tiefen Atem holen im Sonnenschein drunten.<br \/>\nW\u00e4hrend meine Haare im Nachtwind stehen,<br \/>\nSp\u00fcre ich Sonne von unten an meinen Zehen.<\/p>\n<p>Der Mond hat sich aufgemacht,<br \/>\nEin\u00e4ugig ist die Nacht.<br \/>\nKommt einer durch die Nacht gerannt,<br \/>\nNiemand hat ihn mir je genannt;<br \/>\nH\u00e4lt mir eine ganze Vase<br \/>\nMit Blumenduft an die Nase.<\/p>\n<p>Hat je ein Herz geschlafen am Tag oder bei Nacht?<br \/>\nHat nicht stets ein Herz im Wachen zugebracht?<br \/>\nEs gibt nur einen Schlaf, der ist sechs Fu\u00df tief<br \/>\nUnter der Erde, wo man hinf\u00e4hrt<br \/>\nOhne Geste und ohne Geb\u00e4rde.<\/p>\n<p>Im mondhellen Schein<br \/>\nWachsen die Berge zum Fenster herein.<br \/>\nGehst Du in Berge hinein, h\u00f6rst Du&#8217;s schallen;<br \/>\nDort vergruben Nachtigallen ein Lied jede Nacht,<br \/>\nUnd Fr\u00f6sche quaken im Berg. Es ist gleich,<br \/>\nOb die Liebe quakt oder lacht.<\/p>\n<p>Der Mond, der grinsende Zwerg, tut, was er will.<br \/>\nDie Finsternis macht er zum Bild, malt Mauern<br \/>\nUnd D\u00e4cher, Gedanken und Sehnsucht<br \/>\nUnd l\u00e4\u00dft nichts dauern, verschiebt alle Schatten,<br \/>\nDie um Dinge kauern, und macht<br \/>\nWehe Narren, die H\u00e4user anstarren,<br \/>\n\u00dcber die dunkel die B\u00e4ume trauern.<\/p>\n<p>Keine Fliege ist wach, und Fliegen und Menschen,<br \/>\nDie t\u00e4glich wimmeln,<br \/>\nLiegen irgendwo wie tot,<br \/>\nOder wohnen in Narrenhimmeln,<br \/>\nIn Himmeln, die von M\u00fcdigkeit rot.<\/p>\n<p>Wie ist das Gr\u00fcn weggekommen von jedem Blatt?<br \/>\nHat&#8217;s jemand in seine Tasche genommen?<br \/>\nWer wei\u00df noch, da\u00df der Tag gr\u00fcne Bl\u00e4tter hat?<br \/>\nDa waren Schwalben und Sperlingsscharen<br \/>\nAm Morgen und Abend mit Nahrungssorgen,<br \/>\nIm falben Mondschein ist Herbst jetzt im Wald,<br \/>\nWo gr\u00fcn der Sommer noch gestern war,<br \/>\nSind B\u00e4ume wie K\u00f6pfe mit finsterem Haar.<\/p>\n<p>Ich geh auf den krummen Schultern<br \/>\nDer stummen Erde,<br \/>\nIch sehe meine Geb\u00e4rde irgendwo,<br \/>\nSie treibt eine Herde von fremden Geb\u00e4rden<br \/>\nVor sich hin, und ist nicht traurig und ist nicht froh.<\/p>\n<p>Die Nacht hat Sorgen.<br \/>\nSie mu\u00df sich stets<br \/>\nVom Tag etwas borgen.<br \/>\nSie sendet die Seelen der Schwalben und Spatzen<br \/>\nIm Traum hinaus, l\u00e4\u00dft sie Traumm\u00fccken fangen,<br \/>\nUnd die Nacht l\u00e4\u00dft sich atzen.<\/p>\n<p>Was haben die Flu\u00dffeuer ausgedacht?<br \/>\nSie haben ein Feuer im Flu\u00df angemacht.<br \/>\nEine Kerze im Fenster am Berggipfel oben<br \/>\nHat Feuer ins Wasser unten geschoben.<br \/>\nJemand an das Wasser anklopft<br \/>\nMit einer Hand, an der Feuer tropft.<br \/>\nWeil er keinen Eingang fand, wird mir bang;<br \/>\nSeine Fingern\u00e4gel wachsen,<br \/>\nWachsen wie die N\u00e4gel der Toten in Gr\u00e4bern lang.<br \/>\nAch ja, die wei\u00dfen Toten sind die Feinde vom roten Blut,<br \/>\nWeil Neid zum Leben am wehesten tut.<\/p>\n<p>Ich backe aus dem Mond mir gern ein Brot,<br \/>\nEsse Scheibe um Scheibe,<br \/>\nUnd trage, wie&#8217;s Jahr, zw\u00f6lf Monde im Leibe.<br \/>\nHunger gibt Dir auf alles ein Recht,<br \/>\nUnd nur dem wird&#8217;s schlecht<br \/>\nUnd wird&#8217;s \u00fcbel genommen,<br \/>\nDer nie will zu seinem Hunger kommen.<br \/>\nHunger ist nicht zu trauen,<br \/>\nHunger l\u00e4\u00dft nicht mit sich handeln,<br \/>\nHunger kann Dich zerkauen und in Erde verwandeln.<br \/>\nSo sind die Worte der Schlauen.<br \/>\nAber die Wolkenlosen,<br \/>\nDie mit blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen im Mondschein gehen<br \/>\nUnd mit den Ohren an Sterne ansto\u00dfen,<br \/>\nFragen: &#8222;Wer hat das Wort Hunger genannt?<br \/>\nWir haben dies W\u00f6rtlein nie gekannt.&#8220;<br \/>\nNimm sie beim Wort, der Mond geht heim.<br \/>\nKaum zog er sich ohne Seil hinauf,<br \/>\nDauert&#8217;s kein Weil&#8216;, biegt er sich ins Ge\u00e4st hinein,<br \/>\nLiegt er wie ein Ei bei dem Baum,<br \/>\nWie ein bleierner Hauf.<br \/>\nUnd Kieselsteine sind nicht in den Kissen<br \/>\nDerer, die&#8217;s Ende der Mondrune wissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-86434 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-560x751.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-260x348.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey-160x214.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Max-Dauthendey.jpg 764w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Farben und T\u00f6nen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren \u00c4sthetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sinnenhafte Eindr\u00fccke in impressionistische Wortkunstwerke um. Bereits seine erste Gedichtsammlung von 1893 mit dem Titel \u201eUltra-Violett\u201c l\u00e4sst die Ans\u00e4tze einer impressionistischen Bildkraft erkennen, die dichterisch gestaltete Wahrnehmung von Farben, D\u00fcften, T\u00f6nen und Stimmungen offenbart. In seiner sp\u00e4teren Natur- und Liebenslyrik steigerte sich dies bis zur Verherrlichung des Sinnenhaften und Erotischen und traf sich mit seiner Philosophie, die das Leben und die Welt als Fest, als panpsychische \u201eWeltfestlichkeit\u201c begriff. Rilke bezeichnete ihn als einen \u201eunserer sinnlichsten Dichter, in einem fast \u00f6stlichen Begriffe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Nacht \u00f6ffnet ihr Tor, Du kannst in den Himmel gehen, Wo Wege voll silberner Leuchter stehen; So weit die Augen sich dehnen Kannst Du Dich nach Ewigkeit sehnen, &#8211; Kommt der Spaziergang Dir nicht doch Noch viel zu&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/27\/die-mondscheinrune\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":225,"featured_media":86434,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3011],"class_list":["post-86486","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-max-dauthendey"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/225"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=86486"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86486\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=86486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=86486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=86486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}