{"id":8615,"date":"2008-11-14T00:01:00","date_gmt":"2008-11-13T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8615"},"modified":"2022-02-20T14:09:04","modified_gmt":"2022-02-20T13:09:04","slug":"sommerliche-einblicke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/14\/sommerliche-einblicke\/","title":{"rendered":"Sommerliche Einblicke \u2219 Revisited"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/kirsch-sommerhuetchen-200.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8617\" title=\"kirsch-sommerhuetchen-200\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/kirsch-sommerhuetchen-200.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"313\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/kirsch-sommerhuetchen-200.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/kirsch-sommerhuetchen-200-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Steidl macht sch\u00f6ne B\u00fccher. Diesem wurde ein sonnen\u00adblumen\u00adgelber Leinen\u00adumschlag mit apfel\u00adgr\u00fcnem Rand spendiert. Es f\u00e4llt wegen der sommerlichen Farben\u00adfrische im Regal unmittelbar auf, wenn es dort quer zur Welt steht, also so platziert ist, dass es dem Betrachter eine visuelle Breitseite verpasst, die es wegen der Farbgebung und der Gr\u00f6\u00dfe und Schw\u00e4rze der ins Gelb geschlagenen Tief\u00addruck\u00adbuch\u00adstaben unm\u00f6glich macht, den Titel zu \u00fcber\u00adsehen: <em>Sommer\u00adh\u00fctchen<\/em> \u2013 Anfang April, nach dem Ende des Winters, am ersten T-Shirt-Tag des Jahres, ein wohliger, warmer, ver\u00adlockender Begriff. Das Buch ist von Sarah Kirsch. Ich greife zu. Ein Reflex. Optik und Titel machen mich neugierig. Ich bl\u00e4ttere. Es handelt sich um tagebuch\u00ad\u00e4hnliche Protokolle aus dem Jahr 2004, die am 16. April beginnen und am 16. Septembrius enden, also den Fr\u00fchling (gr\u00fcner Rand) und den Sommer (gelber Umschlag) als Halb\u00adjahres\u00adzyklus umfassen. Steidl hat sie 2008 zu diesem Buch gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schnappe hier und dort ein paar Zeilen auf, begegne dem typisch spr\u00f6den Sarah-Kirsch-Charme, irgendwo zwischen Distanz und N\u00e4he verortet, der auch ihren Gedichten eigen ist: Das Oszil\u00adlieren zwischen dem Bed\u00fcrfnis, sich poetisch mitzu\u00adteilen, und dem \u00fcber allem und in allem liegenden Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, um sehen, in-sich-aufnehmen und arbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lege das Buch zu den anderen, die ich in der Hand halte und gehe zur Kasse. Ich vermute in <em>Sommer\u00adh\u00fctchen<\/em> Lekt\u00fcre, die zum Sonnen\u00adschein passt, den ich zusammen mit meiner Frau Claudia im hessischen Mittelalter-St\u00e4dtchen Limburg genie\u00dfe. Lekt\u00fcre, die den Fr\u00fch\u00adlings\u00adtag zu einem ganz\u00adheitlichen, also auch litera\u00adrischen Erlebnis machen soll. Den ersten zwanzig, drei\u00dfig Seiten des Buches widme ich mich schon eine Stunde sp\u00e4ter bei einer Tasse Milchkaffee in einer Konditorei am Marktplatz der Stadt: Sarah Kirsch gew\u00e4hrt in knappen, schr\u00e4g-sch\u00f6nen lyrischen Notizen Einblick in ihren Alltag im schleswig-holsteinischen\u00a0<em>Tee<\/em> (Tielen\u00adhemme), den sie am liebsten ungest\u00f6rt in ihrem gro\u00dfen alten Bauernhaus am Deich verbringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Karpathen\u00adzimmer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schreibt von Zimmern mit wohl\u00adklingenden Namen (<em>Karpathen\u00adzimmer, Spitzes Zimmer, Fr\u00fch\u00adst\u00fccks\u00adzimmer, Ostsalon, Gr\u00fcner Gartensalon<\/em>), in die sie mit dem Sonnenlauf wechseln kann, vom wild wuchernden Garten, dem kaum noch Einhalt zu gebieten ist, vom <em>Trompeten\u00adbaum<\/em>, von <em>Glyzinien, Rosenhecken, rauschenden Pappeln<\/em>, vom <em>Duft des Holunders<\/em>, von <em>Brach\u00adv\u00f6geln, Kr\u00e4hen, Buchfinken, Schafen, Kiebitzen, Stockenten<\/em>, dem <em>Bachstelz<\/em> und von <em>Hauskatze Emily<\/em>. Sie schreibt von uner\u00adw\u00fcnsch\u00adter Bettel-Post, die sie in den Papierkorb bef\u00f6rdert, vom sehr fr\u00fchen Aufstehen am Morgen, von Spazorg\u00e4ngen (<em style=\"text-align: justify;\">War herrlich spazoren, zu den Azoren<\/em>.) zu Tageszeiten, die Einsamkeit versprechen, von <em>Schwalben\u00adschei\u00df\u00adpaket\u00adchen auf der Treppe<\/em>, von <em>Wolken<\/em>, <em>schwan\u00adkenden B\u00e4umen<\/em> und vom <em>Wetter<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Spielart von Voyeurismus? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17 Uhr. Ich klappe das Buch zu. Das Caf\u00e9 wird geschlossen. Mit dem Auto fahren wir in den nahen Wester\u00adwald zur\u00fcck. Zuhause, es d\u00e4mmert, die Amseln singen, lese ich weiter. Sarah Kirsch schreibt vom <em>Regen<\/em>, immer wieder vom Regen, der sich leitmotivisch durch die Seiten zieht: Regen, der auf die Dach\u00adfenster\u00adschr\u00e4ge klappert, Regen, der sich in der Dunkelheit der Nacht versteckt, Regen, der den fr\u00fchen Morgen sch\u00e4tzt, Regen am Mittag, Regen am Abend, Gewitter, Wolken\u00adbr\u00fcche, Schauer, Regen\u00adger\u00e4usche, Regen\u00advorh\u00e4nge \u00fcber der Eider, Regen, der die Katze ins Haus zwingt und solcher, der sie durchn\u00e4sst, weil sie es dennoch verlas\u00adsen hat. Der Sommer 2004 fand im Norden offenbar nur in kurzen Regenpausen statt. Ich sehe aus dem Fenster in die D\u00e4mmerung, h\u00f6re eine Weile den Amseln zu und denke nach. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich meinen Sommer 2004 empfunden habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sommerh\u00fctchen<\/em> ist ein sehr pers\u00f6nliches Buch von Sarah Kirsch. Vielleicht war es neben der Freude am erfrischend wie elegant gestalteten Buchumschlag und der Vorfreude auf unkonventionelle Lekt\u00fcre, auch eine Spielart von Voyeurismus, die mich <em>Sommerh\u00fctchen<\/em> in der Buchhandlung zur Kasse tragen lie\u00df: Das Interesse und die Neugier, durch Sprossen\u00adfenster in beleuchtete Zimmer zu schauen und in das Schreib\u00adleben einer der angesehensten deutsch\u00adsprachigen Lyrikerinnen der Gegenwart einzutauchen. So zu erfahren, wie diese ins Leben blickt und es zu Poesie gerinnen l\u00e4sst. Dabei best\u00e4tigt zu finden, dass auch das Dichter\u00adleben Sarah Kirschs \u00fcberwiegend von Alltag gepr\u00e4gt ist, der gelebt und bew\u00e4ltigt werden will, wenn er auch gelassener und unab\u00adh\u00e4ngiger erscheint als der von Menschen, die von Termin zu Termin eilen oder sich im B\u00fcro vom unberechen\u00adbaren Telefon zu st\u00e4ndiger Reaktions\u00adbereit\u00adschaft zwingen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dramatisches Zeitgeschehen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufschlussreich ist die Lekt\u00fcre von <em>Sommerh\u00fctchen<\/em> jedoch nicht nur deshalb, weil Sarah Kirsch als Chronistin in eigener Sache auftritt. Sie arbeitet immer wieder auch dramatisches Zeitgeschehen ein: Tote im Irak, Tote in Afghanistan, Tote durch Erdbeben in Japan, Tote durch Star\u00adfighter-Absturz bei St. Peter-Ording, Tote in Beslan usw. Ungl\u00fccke, die in meiner Erinnerung l\u00e4ngst durch die Kata\u00adstrophen nachfolgender Jahre versch\u00fcttet wurden. Sie dr\u00e4ngen bei der Lekt\u00fcre unvermit\u00adtelt ins Bewusst\u00adsein und wirken durch die Kompression auf etwa 160 Seiten und drei Lesestunden, noch bedrohlicher und unheim\u00adlicher, als in der damals erlebten Echtzeit von sechs Monaten. Sarah Kirsch l\u00e4sst die Ereignisse dabei stets unkommentiert. Sie nimmt zur Kenntnis und protokolliert, ohne durchscheinen zu lassen, inwieweit sie von dem Ges(ch)ehenem emotional ber\u00fchrt wurde.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">Es ist l\u00e4ngst dunkel, als ich <em>Sommerh\u00fctchen<\/em> nach der letzten Seite schlie\u00dfe. Ich bin Sarah Kirsch gerne durch ihren Regensommer in <em>Tee<\/em> gefolgt. M\u00f6ge die bevorstehende Warmzeit\u00a0ihr Sonnensoll zwischen Eider und Inn erf\u00fcllen. Im Herbst\u00a02013\u00a0werden wir wissen, ob wir uns in den Monaten\u00a0zuvor vor lauter Sonnenschein ein H\u00fctchen kaufen mussten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Sommerh\u00fctchen<\/strong>, von Sarah Kirsch, Steidl, G\u00f6ttingen 2008.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=28066&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Andreas-Noga.jpeg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"234\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Qualit\u00e4t von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/15\/bewegung-ins-offene\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steidl macht sch\u00f6ne B\u00fccher. 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