{"id":85981,"date":"1996-11-29T00:01:13","date_gmt":"1996-11-28T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85981"},"modified":"2021-06-13T16:06:16","modified_gmt":"2021-06-13T14:06:16","slug":"eine-erinnerung-zum-10-todestag-von-hermann-schuerrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/11\/29\/eine-erinnerung-zum-10-todestag-von-hermann-schuerrer\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung zum 10. Todestag von Hermann Sch\u00fcrrer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der wildeste und verr\u00fcckteste Dichter, den ich kennengelernt habe, damals im legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c, im Anarchistencaf\u00e9, wo alle waren, die im Hawelka Lokalverbot hatten, war der Hermann Sch\u00fcrrer, das Dichtergenie; leider fr\u00fch verstorben. Der Alkohol hat ihn umgebracht, richtiger formuliert: Er hat sich mit dem Saufen zugrundegerichtet. Aber er war ein Genie! Nicht nur ein Au\u00dfenseiter. Im Caf\u00e9 Sport war er sowieso der Mittelpunkt, in jeder Hinsicht, er dominierte alles; wenn er &#8211; und eigentlich war dies sein Normalzustand &#8211; seinen Level an Trunkenheit erreicht hatte, also ziemlich besoffen war, dann schrie er herum, haute auf die Musikbox, da\u00df es nur so krachte, schrie irgendwas in die Runde, verlangte von jedem, der irgendwie nach Geldhaben aussah, mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit ein Bier, das er aus der Flasche in ein paar Z\u00fcgen ausgetrunken hatte. Dann bestellte er das n\u00e4chste, vielleicht das zehnte Bier. Die Frau Pauli sagte dann halb-streng, weil sie wu\u00dfte, da\u00df es sowieso nichts n\u00fctzte und sie den Sch\u00fcrrer anscheinend irgendwie mochte: \u201eAus jetzt. Schlu\u00df jetzt, Sch\u00fcrrer, du bekommst kein Bier mehr, von mir jedenfalls nicht mehr!\u201c &#8211; bis sie ihm das n\u00e4chste brachte. Die Frau Reichmann hinter ihrem Pult schaute streng und drohte mit der Polizei, die sie auch rief, wenn es gar nicht mehr anders ging. Die nahm dann den Sch\u00fcrrer mit auf die Stra\u00dfe, wo sie zu ihm sagte: \u201eVerschwind! Und la\u00df dich nicht mehr so schnell hier blicken!\u201c Man kannte ihn. Viele kannten ihn. Der Sch\u00fcrrer war &#8211; lokalm\u00e4\u00dfig jedenfalls &#8211; stadtbekannt. \u00dcberall hatte er Lokalverbot. Man konnte mit ihm sowieso nirgendwohin gehen. Nur im Caf\u00e9 Sport sa\u00df er jeden Abend bis zur Sperrstunde zu Mitternacht, und dar\u00fcber manchmal noch hinaus. Wo er dann hinging, hintaumelte, das wu\u00dfte kaum einer; in irgendeinen Unterschlupf, einmal soll das \u00fcber einige Zeit sogar ein Kohlenkeller gewesen sein. Der Sch\u00fcrrer hatte keinen festen Wohnsitz. Er hatte eine Schwester, die sich st\u00e4ndig um ihn sorgte. Der Sch\u00fcrrer hat einmal f\u00fcr ein paar N\u00e4chte bei mir \u00fcbernachtet, das war gar nicht lustig, nein, ganz im Gegenteil. Mein mir lieber Plattenspieler und die Glast\u00fcr waren dann kaputt, das Sofa war auch unbrauchbar. Den Plattenspieler hat er zertr\u00fcmmert, weil er die Musik, die ich aufgelegt hatte, nicht mochte, vielleicht eben gerade in dem Augenblick nicht. Der Sch\u00fcrrer war unberechenbar, konnte auch zuschlagen, was er aber kaum und nicht gezielt tat. Das war halt einer seiner Wahnsinnsausbr\u00fcche, die man gewohnt war, wo man dann besser nicht in seiner N\u00e4he war. Der Sch\u00fcrrer hat auch einen Proze\u00df gehabt. Der Kurier titelte \u201e Unterstandsloser Dichter!\u201c Oder so \u00e4hnlich. Der Sch\u00fcrrer ist aus einem Zug gesprungen, als er irgendwo abgeschoben werden sollte, so genau wu\u00dfte das niemand. Jedenfalls hie\u00df es: Der Sch\u00fcrrer ist tot. Er war aber nicht tot, sondern eine lebende Legende; jedenfalls in der damaligen Wiener K\u00fcnstlerszene, die alles andere war als eine\u00a0 Seitenblicke-Schicki-Micki-Gesellschaft. Da gab es keine Bussis, sondern h\u00f6chstens Watschen, unfl\u00e4tige Worte sowieso; aber auch Liebes-Leidenschafts-Beziehungen und die daraus resultierenden Dramen. Also, nach dem Sch\u00fcrrer-Zugsprung suchte ich ihn und fand und besuchte ihn in Steinhof. Dort lag er mit verbundenem Sch\u00e4del in einem Gitterbett. Meine damalige Freundin, eine mond\u00e4ne aber ebenso verr\u00fcckte hochstaplerische Modesch\u00f6pferin, hat der Sch\u00fcrrer sehr verehrt. Wenn ich mit ihr einen \u201eWickel\u201c hatte, wir uns also gestritten haben, dann hat mich der Sch\u00fcrrer angeschrieen: \u201eDu bl\u00f6der Arsch du, kannst gleich was erleben!\u201c Sie hat ihn, so habe ich nach unserer Trennung geh\u00f6rt, auch einmal im Gefangenenhaus in Wiener Neustadt besucht; hat \u00fcberhaupt l\u00e4nger als ich dann noch Kontakt zu ihm gehabt. Das st\u00e4ndige Domizil nach der Schlie\u00dfung des Caf\u00e9 Sport war dann das \u201eAlt-Wien\u201c, ein dunkles, verrauchtes, schmieriges \u201eKaffeehaus\u201c, eigentlich eine Schenke, voll mit Undergroundpeople, mit Studenten, mit Scheink\u00fcnstlern und echten K\u00fcnstlern, wie dem Maler Franz Ringel, den ich fast jedes Mal dort an der Theke traf, wenn ich ab und zu einmal auf ein Dr\u00fcberstreuerachterl dort war. Dort hat man den Sch\u00fcrrer einmal wie leblos auf dem Klo gefunden. Wieder hie\u00df es, der Sch\u00fcrrer sei gestorben, er war es dann doch nicht. Aber lange hat es nicht mehr gedauert, bis er dann wirklich gestorben ist. Man fand ihn leblos an seinem Schreibtisch in einer kleinen Gemeindewohnung. Bei seinem Begr\u00e4bnis &#8211; selbstverst\u00e4ndlich ohne jede Zeremonie, wie er das absolut sicher gewollt hat &#8211; standen wir um das offene Grab herum, niemand sagte irgendwas, der Sarg sank in die Grube, die Pompf\u00fcneberer gingen, erwarteten von diesem Haufen dubioser Gestalten sowieso kein Trinkgeld. Eine alte Frau stand in einem gr\u00fcnen abgetragenen Wintermantel am Grab und weinte. Es war seine Schwester oder vielleicht doch seine alte Mutter. Die Parte vom Sch\u00fcrrer habe ich bei der Sammlung von Parten meiner verstorbenen Freunde. Und dann habe ich noch ein Plakat, wo der Sch\u00fcrrer mit anderen Kollegen und Kolleginnen aus der Caf\u00e9-Sport-Literatur-Anarchistenszene auf einem kleinen Schiff, n\u00e4mlich der \u00dcberfuhr, \u00fcber den Donaukanal f\u00e4hrt. Auf dem Plakat steht der Satz: \u201eWo das Wort aufh\u00f6rt, beginnt die Gewalt!\u201c Ein Satz, der mich beeindruckt hat, vielleicht stammt er vom Sch\u00fcrrer, egal, jedenfalls ein Satz, den ich mir gemerkt habe, der zu einem Grundsatz von mir geworden ist.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der wildeste und verr\u00fcckteste Dichter, den ich kennengelernt habe, damals im legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c, im Anarchistencaf\u00e9, wo alle waren, die im Hawelka Lokalverbot hatten, war der Hermann Sch\u00fcrrer, das Dichtergenie; leider fr\u00fch verstorben. 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