{"id":85978,"date":"2007-06-13T00:01:52","date_gmt":"2007-06-12T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85978"},"modified":"2021-06-14T14:23:28","modified_gmt":"2021-06-14T12:23:28","slug":"wohin-sollte-er-nun-gehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/13\/wohin-sollte-er-nun-gehen\/","title":{"rendered":"Wohin sollte er nun gehen?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er stand betrunken und unschl\u00fcssig, ja mehr noch: ratlos, auf dem Gehsteig in der Spiegelgasse. Es war noch zu fr\u00fch am Abend, immer fr\u00fcher erreichte er ja diesen ausweglosen Zustand; auch dadurch, da\u00df er zu einer immer fr\u00fcheren Tageszeit diesen Weinkeller und auch andere Elendsquartiere, wie er solche St\u00e4tten f\u00fcr sich bezeichnete, aufsuchte, und somit zu einem immer fr\u00fcheren Tageszeitpunkt betrunken war. Wenn die anderen erst kamen, von der Arbeit, nach Gesch\u00e4ftsschlu\u00df, um ihren geselligen Abendtrunk zu nehmen, dann war er schon in einem Zustand, da\u00df er aus dem Lokal gewiesen wurde. Was ihm jetzt blieb, das waren die Nachtasyle, wie er solche, meist heruntergekommene Gastst\u00e4tten nannte, in die man ihn auch in diesem betrunkenen Zustand hineinlie\u00df und wo er, gegen Vorauszahlung, noch etwas zu trinken bekam, vorausgesetzt, da\u00df er sich in irgend einen unauff\u00e4lligen Winkel, meist irgendwo hinten im Lokal, verkroch. Also blieb ihm nur das Caf\u00e9 Alt-Wien in der B\u00e4ckerstra\u00dfe. Dort kannte man ihn auch noch von fr\u00fcher. Am Anfang wurde dieses Lokal noch von Frau Reichmann gef\u00fchrt, der fr\u00fcher das als Anarchistenlokal verrufene Caf\u00e9 Sport geh\u00f6rt hatte. Dieses war dann, einerseits wegen Umbau des Hauses, wegen Neu\u00fcbernahme des Caf\u00e9s, wahrscheinlich aber aufgrund von Interventionen seitens der Anrainer und der Bezirksverwaltung wegen der vielen Exzesse, die sp\u00e4ter auch durch die aufkommende Drogen-szene in Wien ins Kriminelle gesteigert worden waren, geschlossen worden. Das alles war lange her, mehr als ein Vierteljahrhundert, mehr als seine halbe Lebenszeit. Damals war alles anders gewesen: Wien, die Szene, die K\u00fcnstler, die Intellektuellen, ja sogar die Zuh\u00e4lter und die Halbwelt; nat\u00fcrlich auch er. Die Frau Reichmann hatte noch ein paar Jahre das Caf\u00e9 Alt-Wien gef\u00fchrt, das hei\u00dft, sie sa\u00df, wie im Caf\u00e9 Sport, auf einem Sessel hinter einem Tischchen und \u00fcberwachte das ganze Geschehen, mehr tat sie ja nicht, au\u00dfer da\u00df sie es auch war, die, wenn sie meinte, es ginge nicht mehr anders, die Polizei rief; zum Schaden der G\u00e4ste, aber auch zu ihrem eigenen; das hatte sie nie begriffen, dann vielleicht doch, aber zu sp\u00e4t. Irgendwann war sie dann nicht mehr da, sie war gestorben; so wie viele andere auch, aus der Szene des Caf\u00e9 Sport, aus dem gemeinsamen Kreis von damals. Einige, darunter begabte Dichter, hatten sich umgebracht; andere, wie zum Beispiel ein damals schon bekannter Maler, waren verungl\u00fcckt; andere wiederum hatten sich, wie man so sagt, zu Tode gesoffen, so wie Gabor, der Ungar, sein damaliger Freund und Mitbewohner. Viele waren ins Ausland gegangen, nach Berlin, nach Amerika, sonstwohin. Der Rebellendichter Hermann Sch\u00fcrrer, der jahrelang als Unterstandsloser in Kohlenkellern oder auf Parkb\u00e4nken oder in sonst einem Unterschlupf gehaust hatte, wurde, nachdem man ihn dreimal ins Irrenhaus und auch immer wieder ins Gef\u00e4ngnis gesteckt hatte, schlie\u00dflich, als er dann endlich eine kleine Wohnung von der Stadtverwaltung bekommen hatte, eben in dieser an seinem Schreibtisch tot aufgefunden. Zuvor hatte man in schon einmal v\u00f6llig leblos aus dem WC im Caf\u00e9 Alt-Wien herausgeholt und zur Wiederbelebung in eine Anstalt eingeliefert. Alles gescheiterte Existenzen, dachte er. Aber auch: Ja, so geht diese Stadt mit ihren K\u00fcnstlern, die nicht zum Establishment geh\u00f6ren, um; seit jeher. Diese Politiker und Kulturmacher lieben nur die Speichellecker, die Angepa\u00dften, die Hohlk\u00f6pfe und Schw\u00e4tzer; ihre Ebenbilder eben. Alles andere m\u00f6chten sie am liebsten vernichten, zum Verschwinden bringen. Sie kennen nichts und wissen nichts. Sie wissen nichts von der Tragik zum Beispiel des pers\u00f6nlichen Lebensschicksales\u00a0 von Joseph Roth. Sie gehen in die Kapuzinergruft, aber sie lesen nicht das gleichnamige Buch von Joseph Roth. Und wenn, dann begreifen sie es nur als historischen Roman. Am liebsten sehen sie so etwas sowieso als Film, am besten im Fernsehen, mit dem Kaugeb\u00e4ck im Mund. In welch einer Stadt lebe ich denn eigentlich, dachte er. Warum habe ich hier mein Leben vergeudet? W\u00e4re es woanders besser gewesen? Aber wo woanders? Wohin h\u00e4tte er denn gehen k\u00f6nnen, au\u00dfer ins Ausland, um diesem zynischen, selbstgef\u00e4lligen, eitlen, snobistischen, aber oft so aggressiven Neobiedermeiertum und dieser Pseudokulturkitschwelt, dieser &#8222;Seitenblicke&#8220;-Welt zu entkommen. Er verwendete diese Wortsch\u00f6pfung von ihm, die er nach einer gleichnamigen Gesellschaftsklatsch-Serie<br \/>\nim \u00f6sterreichischen Fernsehen, in der die Schein- und Schickimickiwelt der sogenannten High Society in eitler Selbstdarstellung sich produzierte, kreiert hatte. Alles war ein einziger Sumpf, alles war integrierbar, alles kommentierbar, alles, auch der gr\u00f6\u00dfte Dreck, verwertbar; so waren die Medien, so war das sogenannte Kulturleben, so war die \u00d6ffentlichkeit, die Gesellschaft in dieser Stadt, in diesem Land. Alles war nur eine hohle Scheinwelt. Die Medien waren der Spiegel, in dem sich alles, verzerrt und bis zur L\u00e4cherlichkeit deformiert, spiegelte. Von Geist und Niveau, von Strenge und Ernst, von Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit keine Spur. Entw\u00fcrdigung \u00fcberall. Und dies, ohne da\u00df es jemanden st\u00f6rte oder jemandem wehtat. Niemand schrie mehr auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>ausgesto\u00dfen<\/strong>, von Peter Paul Wiplinger. Arovell Verlag, Gosau, 2006<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er stand betrunken und unschl\u00fcssig, ja mehr noch: ratlos, auf dem Gehsteig in der Spiegelgasse. 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