{"id":85889,"date":"2022-01-07T00:01:48","date_gmt":"2022-01-06T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85889"},"modified":"2022-02-20T08:08:03","modified_gmt":"2022-02-20T07:08:03","slug":"baja-california","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/07\/baja-california\/","title":{"rendered":"Baja California"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ein Fan des Schweizer Erfolgsautors ist, wer seine spektakul\u00e4ren historischen Romane wie \u201eDas Gold der Kelten\u201c, \u201eDer Henker von Paris\u201c oder \u201eDer Bankier Gottes\u201c gelesen hat, wer seinen j\u00fcngsten Mahnruf zur drohenden Epidemie \u201eGenesis. Pandemie aus dem Eis\u201c geh\u00f6rt hat, der wird sich schon in den Eingangspassagen seiner \u201eBotschaft an Elodie\u201c verwundert die Augen reiben. Ein Hotel mitten in einer W\u00fcste, ein verwunderter Ich-Erz\u00e4hler auf der Suche nach einer gewissen Elodie, die niemand in diesem <em>Hotel California<\/em> kennt, ein Empfangstresen, hinter dem eine gewisse Penelope-Desiree auftaucht, die ihn in die Geheimnisse des Hotels einweiht, ein uralter Mann, der mit einem Gewehr auf der Treppe sitzt, um ein imagin\u00e4res Biest zu t\u00f6ten und nicht zuletzt Don Henry, ein Zimmerkellner, der Wein in Flaschen serviert, weil alle Gl\u00e4ser zerbrochen sind, so wie die Hoffnungen der Hotelg\u00e4ste, die schon l\u00e4ngst verschwunden sind. Und dennoch l\u00e4sst sich Claude nicht abschrecken auf der Suche nach seiner Enkeltochter Elodie. Seine Entdeckungsreise durch das abgewrackte Hotel besteht aus Wutanf\u00e4llen, \u00fcberraschenden Begegnungen im Indoor-Pool und \u00a0unerwarteten Einblicken in einen Speisesaal, in dem niemand diniert, und einer \u00fcberraschenden Begegnung mit Penelope, die ihm mitteilt, dass ein Herr Dachs und eine Frau Dr. Fuchs sich nach Claude erkundigt h\u00e4tten. Doch der sitzt im n\u00e4chsten Augenblick in einem schwarzen Mercedes-Benz, singt \u201eplay with me in Mendocino\u201c und wird pl\u00f6tzlich von einem Erdbeben durchgesch\u00fcttelt. Es ist einfach verr\u00fcckt, was Claude im st\u00e4ndigen Wechsel der Szenerien erlebt und auf diese Weise seine Leser*innen immer wieder verwirrt. Und diese Verwirrung ist umso gr\u00f6\u00dfer, als er pl\u00f6tzlich der abwesenden Elodie eine sozialpsychologische Analyse der amerikanischen Gesellschaft entwirft: \u201eWir leben zurzeit in einer infantilen Gesellschaft, die stets gekr\u00e4nkt, \u00fcberfordert, wehleidig und im Grunde genommen lebensuntauglich ist. In meiner Muttersprache bedeutet \u201agat\u00e9\u2018 sowohl verw\u00f6hnt als auch besch\u00e4digt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen aber geht der geisterhafte Spaziergang durch das Hotel California weiter. Pl\u00f6tzlich taucht wie aus dem Nichts eine Neonatalogin auf und kl\u00e4rt Claude \u00fcber die Praxis der Aufzucht von Embryonen au\u00dferhalb der Geb\u00e4rmutter auf; ein kleiner Mann tritt aus der Wand und teilt Claude unvermittelt mit, dass er die Versicherungspolice Nr. 1745.6732.7323 habe. Seine Agentur verf\u00fcge \u00fcber alle Chips und habe nun nicht nur Zugriff auf seine Krankheitsgeschichte, sondern sie wisse auch, wie viel er und seine Familie der Versicherungsagentur kosten w\u00fcrden. Und dann folgt der n\u00e4chste Szenenwechsel. Claude liegt irgendwo s\u00fcdlich von San Francisco inmitten eines Geb\u00fcschs, h\u00f6rt dem Gesang einer Gelbschnabelelster zu, die ihm \u201eWe had joy we had fun,\u00a0 we had seasons in the sun \u2026\u201d in seine Ohren tr\u00e4llert. Claude fragt sie unvermittelt nach Elodie, und erh\u00e4lt wieder eine verbl\u00fcffende Antwort. Sie sei drei Kilo schwer und m\u00fcsse noch etwas wachsen. Und schon folgt der n\u00e4chste Gedankensprung. Claude befindet sich mitten in der Welt der B\u00f6rse, denn Elodie, o Wunder, ist eine versierte Maklerin, die ihm so ganz nebenbei die Funktionsweise der Finanzwelt erl\u00e4utert, sich pl\u00f6tzlich verabschiedet, weil ein Sturm aufkommt und die Elster noch ihr Nest bauen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in den abschlie\u00dfenden Kapiteln 17 und 18 geht es zu wie auf dem Jahrmarkt der verlorenen Orientierungen. Mal wandert Claude auf Empfehlung eines Ziegenbocks durch Malgrovenw\u00e4lder in Tansania, mal findet er sich in der Wartehalle des Long Beach Airport im S\u00fcden von Los Angelos wieder, mal im Cockpit eines D\u00fcsenjets, mal kreisen seine \u00dcberlegungen um die Ursachen der Pandemie, dann sp\u00fcrt er den raschen Zerfall seines K\u00f6rpers, wacht aber wieder am Ausgangspunkt seiner surrealen Schwindeleien im Death Valley auf, nimmt noch den Tod seiner Phantasiegestalten wahr, h\u00f6rt noch den Werbespruch: <em>Welcome to the Hotel California<\/em> und \u2026 schade, dass Elodie nicht noch einmal als vision\u00e4re Gestalt auftaucht. Der Leser h\u00e4tte sich diesen Spuk zu gern gew\u00fcnscht, und Claude h\u00e4tte f\u00fcr ihn sicherlich noch eine Botschaft an Elodie gehabt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieses imagin\u00e4re Hotel California darf sich jeder einchecken, doch verlassen kann er es niemals \u2013 mit dieser Warnung wird der Leser in ein Labyrinth geschickt, das aus T\u00e4uschungen, \u00dcberraschungen, Zerrbildern und Wahnvorstellungen besteht. Er wird damit einer illusion\u00e4ren Bilderwelt ausgesetzt, mit der er an und f\u00fcr sich Tag f\u00fcr Tag konfrontiert ist, allerdings mit einem krassen Unterschied: Die Trugbilder aus der phantasiegeladenen Warenwelt erreichen ihn in einer \u00fcberschaubaren Reihenfolge, ohne ihn in einen Zustand der psychischen Verwirrung zu versetzen. Die \u201echaotischen\u201c Zust\u00e4nde im Hotel California erweisen sich somit als komprimiertes Abbild einer aus dem Ruder gelaufenen Welt, in der ein gewisser Claude seiner Enkelin Elodie etwas mitteilen will, die ohnehin die Ironie ihres Daseins begriffen hat, weil sie, eingeweiht in alle Finanzbetr\u00fcgereien, wei\u00df, dass es keine andere H\u00f6lle als ihre Welt gibt. Ein am\u00fcsantes Lehrst\u00fcck also \u00fcber den illusion\u00e4ren Umgang mit unseren Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen, ein schwindelerregender Spaziergang durch eine verspiegelte Welt amerikanischer Provenienz, am\u00fcsant und voller \u00dcberraschungen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-85894 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover-194x300.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover-194x300.jpg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover-260x402.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover-160x248.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/California_Cover.jpg 323w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><strong>Hotel California<\/strong>. One more thing: Meine Botschaft an Elodie von Claude Cueni. M\u00fcnchen -Z\u00fcrich (Nagel &amp; Kimche) 2021.<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer ein Fan des Schweizer Erfolgsautors ist, wer seine spektakul\u00e4ren historischen Romane wie \u201eDas Gold der Kelten\u201c, \u201eDer Henker von Paris\u201c oder \u201eDer Bankier Gottes\u201c gelesen hat, wer seinen j\u00fcngsten Mahnruf zur drohenden Epidemie \u201eGenesis. 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