{"id":85763,"date":"2021-05-06T00:01:56","date_gmt":"2021-05-05T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85763"},"modified":"2021-06-08T15:50:47","modified_gmt":"2021-06-08T13:50:47","slug":"erich-fried","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/06\/erich-fried\/","title":{"rendered":"Erich Fried, zum 100."},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Unverge\u00dflich ist mir das Zusammentreffen mit Erich Fried am 16. September 1987 in Wien. Wir hatten das Treffen telefonisch vereinbart. Es ging um meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, in dem ich mich mit dem Thema des Holocaust und mit dem ehemaligen KZ Mauthausen befa\u00dfte und dem ich den Untertitel \u201eGedichte gegen das Vergessen\u201c geben hatte wollte. Doch genau diesen Untertitel fand ich auf einem Gedichtband von Erich Fried. Also konnte ich diesen Untertitel nicht mehr verwenden. Daher schrieb ich an Erich Fried nach London, auch mit der Frage, was ich jetzt tun solle und ob er mir vielleicht einen Vorschlag machen k\u00f6nnte, diesen Untertitel so zu formulieren, da\u00df er zwar die gleiche Aussage beinhalte, aber kein Plagiat darstelle. Fried lie\u00df mir \u00fcber den Alekto Verlag in Klagenfurt ausrichten, ich solle ihn in London anrufen, was ich dann auch vom Postamt in Treibach-Althofen, wo ich gerade zur Kur war, tat. Ich w\u00e4hlte die mir \u00fcbermittelte Nummer, es tutete eine Weile, dann meldete sich eine dunkle Stimme mit \u201eFried\u201c. Ich nannte meinen Namen, er wu\u00dfte sogleich Bescheid. Wir kannten einander von der Begegnung beim Ersten \u00d6sterreichischen Schriftstellerkongre\u00df 1981 in Wien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Wohnung eines Freundes von Erich Fried, in einem Haus am Wiener Naschmarkt, sollte ich ihn zum vereinbarten Termin nach vorherigem Anruf aufsuchen. Fried war damals schon sehr krank und sichtbar schlecht beisammen. Trotzdem nahm er sich nicht nur Zeit f\u00fcr mich, sondern ging in einer mehr als einst\u00fcndigen Sitzung mit mir das Manuskript \u201eFarbenlehre\u201c durch. Ich bin &#8211; wenn man das ausnahmsweise so sagen darf &#8211; stolz darauf, da\u00df ihm das Manuskript, da\u00df ihm meine Gedichte und Fotos von Mauthausen gefallen haben, ja da\u00df er davon sogar beeindruckt war, wie er mir versicherte. Mit der Vorgangsweise einer poetischen Textanalyse gingen wir gemeinsam Gedicht f\u00fcr Gedicht durch. Er machte ein paar Vorschl\u00e4ge bez\u00fcglich Wortwahl, die wir gemeinsam besprachen. In einem Gedicht hei\u00dft es \u201ewarte noch ein weilchen\/ in diesem chaos\/ in diesem kinderspiel\/ von leben und tod\u201c. Er schlug anstatt des Wortes \u201eWeilchen\u201c die Formulierung \u201ewarte noch eine Zeitlang\u201c vor. Ich erkl\u00e4rte ihm aber, da\u00df es sich bei meiner Wortwahl um eine assoziative Version des volkst\u00fcmlichen Spruches \u201eWarte noch ein Weilchen, bald kommt er mit dem Hackebeilchen und macht Schabefleisch aus dir!\u201c. Ich wei\u00df gar nicht, in welchem Zusammenhang &#8211; vielleicht eines Sprichwortes &#8211; das vorkommt, jedenfalls mu\u00dfte meine Formulierung davon bestimmt gewesen sein; also das Unbewu\u00dfte oder Unterbewu\u00dfte im eigenen Gedicht. Nat\u00fcrlich war und ist das in diesem Textzusammenhang und in dieser Assoziation eine Metapher f\u00fcr den Tod. Darauf wies ich Erich Fried hin, und das interessierte ihn auch. Er dachte eine Weile nach und sagte schlie\u00dflich: \u201eDann lassen wir das, es ist gut so.\u201c Gegen Ende unserer Sitzung nickte Fried, als ich ihm einige Gedichte vorlas, f\u00fcr einen Augenblick ein, war aber sogleich wieder wach, als ich mit dem Lesen aufh\u00f6rte. Er rief seine Begleiterin, eine junge Frau, herbei und bat sie aufzuschreiben, was er formulieren w\u00fcrde. Und ohne da\u00df ich ihn darum gebeten hatte, diktierte er sein Vorwort f\u00fcr meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, autorisierte das Diktierte auch noch mit seiner Unterschrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So habe ich Erich Fried in Erinnerung: bedachtsam, ruhig, entschieden, aber auch ob seiner Emp\u00f6rung \u00fcber etwas erregt protestierend; wie zum Beispiel beim Ersten \u00d6sterreichischen Schriftstellerkongre\u00df in Wien, als er davon sprach, was ihn all die Jahrzehnte hindurch daran gehindert habe, nach \u00d6sterreich zur\u00fcckzukehren. N\u00e4mlich da\u00df \u00d6sterreich und die meisten \u00d6sterreicher, vor allem die Regierungen und die Politik sich immer noch auf jene tradierte kollektive Geschichtsl\u00fcge ausredeten, da\u00df \u00d6sterreich nur ein Opfer des Hitler-Nazitums gewesen sei, und sich nicht zu ihrer Verantwortung auch als T\u00e4ter oder begeisterte Anh\u00e4nger des Nationalsozialismus bekannten. Eben da\u00df \u00d6sterreich seine eigene Geschichte aus jener Zeit nicht aufgearbeitet hatte, sich auch in den Achtzigerjahren noch davor dr\u00fcckte, ja gar nicht bereit war, endlich sein eigenes Beteiligtsein und seine eigene Geschichte aufzudecken und aufzuarbeiten. Damals gab es einen erregten Tumult im Rathaussaal. Davon gibt es ein Foto, auf dem ich mit Erich Fried in unserer gemeinsamen Emp\u00f6rung zu sehen bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Immer wenn ich ein Buch von Erich Fried sehe oder an seinem ehemaligen Gymnasium in Wien vorbeigehe oder wenn ich mit etwas Wesentlichem nicht zurechtkomme, denke ich an sein wunderbares Liebesgedicht mit den S\u00e4tzen: \u201eEs ist was es ist&#8230;\u201c. Dieser Satz ist f\u00fcr mich zu einer Chiffre geworden, sowohl f\u00fcr die Infragestellung als auch f\u00fcr die Akzeptanz von Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Das oben erw\u00e4hnte Vorwort von Erich Fried lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/09\/19\/farbenlehre\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<div><strong>\u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Unverge\u00dflich ist mir das Zusammentreffen mit Erich Fried am 16. September 1987 in Wien. Wir hatten das Treffen telefonisch vereinbart. Es ging um meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, in dem ich mich mit dem Thema des Holocaust und mit dem ehemaligen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/06\/erich-fried\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":19169,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2992,1142],"class_list":["post-85763","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-erich-fried","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85763"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85763\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}