{"id":85702,"date":"2022-04-14T00:01:46","date_gmt":"2022-04-13T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85702"},"modified":"2022-02-24T06:16:04","modified_gmt":"2022-02-24T05:16:04","slug":"kinderschicksal-kindheitstrauma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/14\/kinderschicksal-kindheitstrauma\/","title":{"rendered":"Kinderschicksal &#8211; Kindheitstrauma"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der k\u00e4rntner-slowenische Dichter Andrej Kokot auf den Spuren seiner Kindheit<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 14. April 1942 ist ein bedeutender Tag im Leben des damals kleinen Buben und heutigen Schriftstellers Andrej Kokot. Denn da wird er mit seiner Familie, seinen Eltern und den zehn Geschwistern, so wie viele andere k\u00e4rntner-slowenische Familien, vom elterlichen Hof in Oberdorf\/Zgornja vas, in der Gemeinde K\u00f6stenberg\/Kostanje, an der S\u00fcdseite der Ossiacher Tauern gelegen, vertrieben. Grund: Sie sind K\u00e4rntner Slowenen; zu wenig deutsch, eigentlich gar nicht; sprechen eine andere Sprache, die zu sprechen verboten ist, f\u00fcr <em>Volksgenossen<\/em>, auf deutschem Reichsgebiet, das \u00d6sterreich, das K\u00e4rnten jetzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst 1946 kehrt die Familie &#8211; nach langen und bitteren Jahren in der Fremde: in den Lagern Rehnitz, Rastatt und Gerlachsheim in Deutschland, nach Jahren der Freiheitsberaubung, der Erniedrigung, der st\u00e4ndigen Bedrohung, des Hungers und der Zwangsarbeit &#8211; wieder in das neuerstandene \u00d6sterreich und nach K\u00e4rnten zur\u00fcck; allerdings ohne den geliebten, \u00e4ltesten Sohn und Bruder Josef\/Jo\u017eek. Der war &#8211; wie die Familie erst sehr viel sp\u00e4ter erf\u00e4hrt &#8211; bereits am 24. September 1944 in KZ Mauthausen ermordet worden; durch Erh\u00e4ngen. Erst 1953, also neun Jahre sp\u00e4ter, erf\u00e4hrt dies die Familie durch einen per Boten des Gemeindeamtes K\u00f6stenberg \u00fcberbrachten Brief, der die Sterbeurkunde von Josef Kokot enth\u00e4lt. <em>\u201eJo<\/em><em>\u017e<\/em><em>ek, unser Jo<\/em><em>\u017e<\/em><em>ek ist tot\u201c,<\/em> stammelt die Mutter Magdalena Kokot. Dann bricht sie zusammen. Niemand von der Gemeinde kondoliert, spricht sein <em>Beileid<\/em> aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenteil: Man gibt &#8211; so wie dem zur\u00fcckgekehrten Buben Andrej Kokot in der Schule der Nachkriegszeit &#8211; den Rat \u201e<em>die Sache zu vergessen\u201c.<\/em> Schon l\u00e4ngst hat im Nachkriegs\u00f6sterreich die Tabuisierung der NS-Vergangenheit, die Verdr\u00e4ngung des eigenen Beteiligtseins, die gro\u00dfe kollektive Verleugnung des getanen Unrechts, der eigenen Schuld und Verantwortung eingesetzt, hat alle Gesellschaftsbereiche erfa\u00dft und durchzogen. Die Ausrede, die Verharmlosung, oder ganz einfach das Verleugnen sind die Instrumentarien der Verdr\u00e4ngung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr als f\u00fcnfzig Jahre lang nach den Geschehnissen und der NS-Diktatur h\u00f6rt man in K\u00e4rnten, in \u00d6sterreich kaum etwas von der <em>Slowenenvertreibung;<\/em> setzt man sich nicht mit diesem Kapitel der \u00f6sterreichischen Geschichte auseinander. Im Gegenteil: Die <em>K\u00e4rntner-Slowenen <\/em>werden nur als <em>Problem<\/em> begriffen, sowohl von der Politik, von verschiedenen Parteien und Organisationen (K\u00e4rntner Heimatdienst), als auch von der Gesellschaft \u00fcberhaupt, der Bev\u00f6lkerung; besonders der d<em>eutschsprachigen<\/em> in K\u00e4rnten. Dies kommt am deutlichsten und besch\u00e4mendsten beim sogenannten <em>Ortstafelsturm <\/em>1972 in K\u00e4rnten zum Ausdruck; und darin, wie die Landes- und Bundespolitik damit umgeht, n\u00e4mlich durch Beugung des Rechtsstaates, durch politischen Pragmatismus, durch letztendliche Kapitulation vor Raudis und Antidemokraten, den <em>Slowenenhassern; <\/em>durch Kapitulation vor der Gewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Opfer unterliegen einer Verdr\u00e4ngung ihrer traumatischen Erfahrungen: Ihrer Erfahrung des Ausgesetztseins, der Bedrohung und der Gewalt, ihrer existenziellen Gef\u00e4hrdung, der Angst und Hilflosigkeit, ihrer Stigmatisierung durch das Anderssein &#8211; durch eine andere ethnische Zugeh\u00f6rigkeit; und somit auch der zu einer anderen Sprache. Dies ist und bleibt bedeutsam; vorallem f\u00fcr einen kleinen Buben, der sich pl\u00f6tzlich vertrieben in der Fremde wiederfindet, gewaltsam hinausgeworfen aus dem sch\u00fctzenden Nest und der Geborgenheit seiner Kindheit und Heimat. Dies gilt auch f\u00fcr den sp\u00e4teren k\u00e4rntner-slowenischen Dichter und \u00f6sterreichischen Schriftsteller Andrej Kokot. Er verbleibt in seiner inneren Abkapselung, so wie viele seiner Volksgruppe, er bleibt in einem Ghetto, das er nur<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit seinem Schreiben und in seiner Sprache durchbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter begibt er sich auf die Suche nach seiner Kindheit, nach den Spuren in den Aussiedlungslagern Nazideutschlands. Er f\u00e4hrt mit seiner Frau und zwei seiner Schwestern an diese Orte der Vergangenheit und Verschwiegenheit. Viele Spuren sind getilgt; auch aus dem Bewu\u00dftsein der Menschen. Viele wollen sich nicht mehr erinnern, auch nicht an die eigene Geschichte; oder verleugnen sie; schreiben sie um; nennen NS-Konzentrationslager sogar <em>Straflager<\/em> (der jetzige K\u00e4rntner Landeshauptmann Dr. J\u00f6rg Haider). &#8211; Strafe wof\u00fcr? &#8211; mu\u00df man ob der Ungeheuerlichkeit eines solchen Ausspruches (nicht Ausrutschers!) fragen; angesichts der Ermordung von Josef\/Jo\u017eek Kokot durch Erh\u00e4ngen in Mauthausen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ergebnis der Spurensuche von Andrej Kokot ist dieses Buch<em> \u201e Das Kind, das ich war\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein ber\u00fchrendes, ein ernstes Buch, das nachdenklich macht und machen soll. Das Ergebnis einer Erinnerungsarbeit durch Wiedervergegenw\u00e4rtigung traumatischer Kindheitserlebnisse, auch wenn diese damals nicht so sehr den Buben Andreas Kokot, sondern erst viel sp\u00e4ter den Erwachsenen Andrej Kokot gepr\u00e4gt haben. Dar\u00fcber hinaus ist dieses Buch ein St\u00fcck \u00f6sterreichische Gegenwartsliteratur, die sich mit<em> Vergangenheitsbew\u00e4ltigung<\/em> befa\u00dft; wenn es so etwas \u00fcberhaupt gibt. Vorallem aber ist es eine Mahnung, ein Warnzeichen, das wir &#8211; auch aufgrund neuer Umst\u00e4nde in unserem Land, in unserem Staat &#8211; dringend brauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-85706 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-665x1024.jpg 665w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-768x1183.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-997x1536.jpg 997w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-1329x2048.jpg 1329w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-560x863.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-260x401.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-160x246.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Kokot-Andrej-Fresach-1985-Copyright-P.P.Wiplinger1-scaled.jpg 1662w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Das Kind, das ich war<\/strong><em>.<\/em> Erinnerungen an die Vertreibung der Slowenen in K\u00e4rnten, von Andrej Kokot. Mit einem Vorwort von Nationalratspr\u00e4sident Dr. Heinz Fischer und einem Nachwort von Klaus Ottomeyer. Drava Verlag, Klagenfurt\/Celovec 1999, 183 S., \u00f6S 248,-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der k\u00e4rntner-slowenische Dichter Andrej Kokot auf den Spuren seiner Kindheit Der 14. April 1942 ist ein bedeutender Tag im Leben des damals kleinen Buben und heutigen Schriftstellers Andrej Kokot. 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