{"id":85663,"date":"2014-11-10T00:01:23","date_gmt":"2014-11-09T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85663"},"modified":"2024-07-20T16:25:37","modified_gmt":"2024-07-20T14:25:37","slug":"sternstunde-der-verachtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/10\/sternstunde-der-verachtung\/","title":{"rendered":"Eine Sternstunde der Verachtung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Eine Genre-Mischung aus Science Fiction, Gro\u00dfstadtwestern, Thriller, Horror und Endzeitfilm (\u2026) ein klaustrophobisches, d\u00fcsteres Zukunftsbild einer Geisterstadt-Metropole, das geschickt mit durchaus realen Zukunfts\u00e4ngsten spielt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"Person\" style=\"color: #999999;\">Andreas Rauscher<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen ein<strong>\u00a0<\/strong>New York im Jahr 1997: Die Kriminalit\u00e4t hat in den 1980er Jahren derart zugenommen, dass herk\u00f6mmliche Gef\u00e4ngnisse nicht mehr ausreichen. Daher wurde Manhatten 1988 aufgegeben und die ganze Insel in ein Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis verwandelt. Rund um den Stadtteil Manhattan erhebt sich eine 20 Meter hohe Mauer. Wir wissen, da\u00df sich Geschichte nie exakt genauso wiederholt, wie sie einmal stattgefunden hat. Dennoch gibt es Muster, Argumente und Strukturen des Denkens, die aus der Ferne den Hut erheben und einem zuwinken. Alle Br\u00fccken, die aus der Filmkulisse herausf\u00fchren, sind mit explosiven Sprengs\u00e4tzen vermint. Es gibt keine W\u00e4chter innerhalb dieses Freiluftgef\u00e4ngnisses, sondern ausschlie\u00dflich Inhaftierte. Dies hat dazu gef\u00fchrt, da\u00df die Gefangenen inzwischen eigene Gesellschaftsformen entwickelt haben, die gleichsam den Cyberpunk und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> vorwegnimmt. Wir erkennen toxische Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse, befeuert von Alkohol, Sexismus und faschistoiden Tendenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terroristen entf\u00fchren die Airforce 1 und lassen sie gezielt in Manhattan abst\u00fcrzen. Die Sicherheitsmannschaft setzt den Pr\u00e4sidenten rechtzeitig in eine rote eif\u00f6rmige Rettungskaspel, zusammen mit einem Aktenkoffer, in dem ein Sender aktiviert wurde, und einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/01\/kassettenuntergrund\/\">Audiokassette<\/a>, die Informationen zu einer neuartigen Energiequelle enth\u00e4lt, der Kernfusion. Der Pr\u00e4sident \u00fcberlebt so den Absturz inmitten der Gef\u00e4ngniszone und wird von den H\u00e4ftlingen als Geisel genommen. Der Kinogeher erlebt eine Gesellschaft, die sich im Zustand der Selbstausl\u00f6schung befindet, hier taugt keine Strategie gegen den Horror aus Glaube, Gewalt und Geld, der diese Welt beherrscht. Vertreter einer Lost Generation streifen melancholisch durch die Ruinen ihrer Existenz. Wir sehen ein abgr\u00fcndiges Gesellschafts-Panorama.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Speckige Lederjacke, verfilztes Haar und eine Augenklappe, mehr braucht es nicht f\u00fcr den Nonkonformisten Snake Plisken.\u00a0Mit einem Segelflugzeug gelangt der ehemalige Soldat unbemerkt nach Manhattan und landet auf einer der D\u00e4cher der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/09\/11\/auch-das-schreckliche-inspiriert\/\">World Trade Center<\/a>s. Dies entbehrt nicht einer absurden Komik, denn in der realen Dystopie des beginnenden 21. Jahrhunderts fielen diese Geb\u00e4ude einem Anschlag zum Opfer. \u201aEscape from New York\u2018, ist weniger ein Heldenepos als die d\u00fcstere Vision einer verwahrlosten, pervertierten Zivilisation.\u00a0Der\u00a0Gegenspieler Isaac Hayes\u00a0spielt mit derart latenter Aggressivit\u00e4t, dass er zum Quell einer bedr\u00fcckend angstges\u00e4ttigten Atmosph\u00e4re wird.\u00a0Die Outlaws sind umgeben von\u00a0einer\u00a0d\u00e4mmrig heruntergedimmte Illumination, die zum Verzweifeln kalt get\u00f6nt ist.\u00a0Es ist ein hysterisches System, in dem Existenzen in br\u00f6ckelnden Bunkern gebaut werden, ein grellstichiges N.Y.C der Prostitution und Obdachlosigkeit, der vergammelten Luxusboutiquen und Ratten.\u00a0Man k\u00f6nnte die Handlung mit Strinbergs lakonischen Diktum zusammenfassen: \u201eEs ist schade um die Menschen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Wiedersehen fiel auf, wie gut der Film gealtert ist, er strahlt von satirischer Verve und Bosheit, man beginnt sich fast in die Dystopie zur\u00fcckzusehnen, da die Gegenwart erheblich bedrohlicher erscheint, als dieses schmuddlige B-Movie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Escape from New York<\/strong>, von John Carpenter. 1981<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-85665 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-649x1024.jpg 649w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-768x1212.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-560x884.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-260x410.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat-160x252.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Klapperschlange_Filmplakat.jpg 905w\" sizes=\"auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <em>Trash<\/em> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Genre-Mischung aus Science Fiction, Gro\u00dfstadtwestern, Thriller, Horror und Endzeitfilm (\u2026) ein klaustrophobisches, d\u00fcsteres Zukunftsbild einer Geisterstadt-Metropole, das geschickt mit durchaus realen Zukunfts\u00e4ngsten spielt. 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