{"id":85466,"date":"2001-06-14T00:01:54","date_gmt":"2001-06-13T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85466"},"modified":"2022-04-20T16:35:27","modified_gmt":"2022-04-20T14:35:27","slug":"eine-erinnerung-an-zoltan-ver","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/14\/eine-erinnerung-an-zoltan-ver\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an\u00a0Zoltan V\u00e9r"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eine Erinnerung an\u00a0Zoltan V\u00e9r<strong>,<\/strong>\u00a0ein ungarisch-\u00f6sterreichischer Dichter und Lebensk\u00fcnstler. Geboren 1924 in Budapest\/Ungarn, gestorben am 14.06.2001 in Wien.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein sehr eigenartiger Mensch war der ungarisch-\u00f6sterreichische Dichter Zoltan V\u00e9r (sprich: Scholtaan Veer, letzteres Wort mit schmalem, auseinandergezogenem Mund wie beim Wort \u201eBeere\u201c, so hat mir das Zoltan immer wieder mich streng korrigierend erkl\u00e4rt). Da\u00df Zoltan ein Dichter war, das wu\u00dften nur er selber und ein paar von ihm sorgf\u00e4ltig ausgesuchte Vertraute. Er hatte einen gro\u00dfen Bekanntenkreis, da er fast auf jeder Veranstaltung war, aber nur bei solchen der bildenden K\u00fcnste, denn den Literaturbetrieb und alles was damit zusammenhing, verachtete er zutiefst. Er weigerte sich auch best\u00e4ndig, irgend etwas von seinem Werk zu publizieren &#8211; \u201eNein, wirklich nicht, ich prostituiere mich doch nicht!\u201c sagte er des \u00f6fteren entr\u00fcstet zu mir, wenn ich ihm riet oder sogar meine Hilfe anbot, diesen Weg zu beschreiten. \u201eIch habe mein Notizbuch, das gen\u00fcgt mir\u201c, pflegte er zu sagen. Und schon zog er dieses schmale Notizbuch aus der Innenseite seines Rockes oder seines Mantels und sagte: \u201eNur ein Gedicht, Paul, nur ein Gedicht!\u201c Und er stellte sich sogleich unter die n\u00e4chste Stra\u00dfenlaterne oder vor ein noch hell erleuchtetes Schaufenster, denn ein solcher Augenblick war meistens lange nach Mitternacht, und dann las er mir nicht ein Gedicht, sondern immer mehrere Gedichte und dann noch eins und noch eins bis zum \u201eGeht-nicht-mehr\u201c vor. Und wehe, man machte ein Anzeichen, endlich gehen zu wollen. Dann war man in seinen Augen auch \u201eeiner von diesen Banausen\u201c, die er &#8211; so wie eigentlich die ganze Gesellschaft &#8211; verachtete. \u201eAlles Banausen\u201c, pflegte er mit einer wegwerfenden Handbewegung zu sagen. Sich selbst hielt er f\u00fcr einen gro\u00dfen Dichter, f\u00fcr einen, der die Einsamkeit des Dichtens und im Dichten und in den eigenen Gedichten brauchte, vielleicht weil er auch nicht anders konnte. Zoltan V\u00e9r hat nie eine andere Lesung als diese \u201eLaternenlesungen\u201c, wie ich sie nannte, abgehalten. Er h\u00e4tte sich nie in und bei einer \u00f6ffentlichen Lesung \u201eprostituiert\u201c. Nein, der Zoltan war anders. F\u00fcr ihn z\u00e4hlte nur der reine Gedanke, die reine Poesie. Alles andere interessierte ihn nicht, lehnte er ab, das hatte keinen Platz in seinem Leben. Von seinem Tod erfuhr ich aus der Zeitung; aus einer Zeitung, die ich aus einem Zeitungsb\u00fcndel entnahm, das verschn\u00fcrt und f\u00fcr irgendwen abholbereit in einer sch\u00e4bigen Schiffahrtsstation am Ufer der Donau in Budapest lag. Ich war an der Zeitung interessiert, schlug sie auf, bl\u00e4tterte sie durch; und pl\u00f6tzlich sah ich den Namen \u201eZoltan Vier\u201c auf einer Todesanzeige am Ende der Zeitung. Ich erinnere mich: Es hat mir einen Stich ins Herz gegeben. Dann habe ich ihm einen Gru\u00df hinauf ins Irgendwohin hingeschickt und gesagt: \u201eAlso, Servus, Zoltan V\u00e9r (Veer!), egal wo du bist, ich schick dir einen Gru\u00df aus deiner Heimatstadt!\u201c Wo wohl sein Notizbuch mit seinen Gedichten geblieben ist? Ich wei\u00df es nicht. Einem Kulturattach\u00e9 vom Collegium Hungaricum und meinem ungarischen Freund G\u00e1bor G\u00f6rgey, der ja sogar f\u00fcr kurze Zeit Kulturminister in der ungarischen Regierung gewesen ist, habe ich gesagt: \u201eSucht doch das Gedichte-Notizbuch vom Dichter Zoltan V\u00e9r!\u201c Aber ich glaube nicht, da\u00df sie das veranla\u00dft oder getan haben; sie hatten wahrscheinlich Wichtigeres zu tun.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Erinnerung an\u00a0Zoltan V\u00e9r,\u00a0ein ungarisch-\u00f6sterreichischer Dichter und Lebensk\u00fcnstler. Geboren 1924 in Budapest\/Ungarn, gestorben am 14.06.2001 in Wien. 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