{"id":85459,"date":"2003-05-30T00:01:52","date_gmt":"2003-05-29T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85459"},"modified":"2022-12-29T15:55:33","modified_gmt":"2022-12-29T14:55:33","slug":"erinnerung-an-ein-wiener-faktotum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/30\/erinnerung-an-ein-wiener-faktotum\/","title":{"rendered":"Erinnerung an ein Wiener Faktotum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Zeitgenosse aus dem legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c der Sechzigerjahre in Wien war der Joe Berger, der mit dem einen Auge; d.h. er hatte schon zwei Augen im Kopf, aber eines war ganz zusammengekniffen und mit dem sah er fast nichts. Mit dem anderen und mit seinen inneren Augen jedoch sah er alles ganz genau und auch sofort. Er sah sogleich jede sch\u00f6ne Frau, die bei der T\u00fcr hereinkam; genauso wie jeden \u201eSchweinehund\u201c, den er nicht mochte.\u00a0 Die feineren Herren, \u201edie feinen Pinkel\u201c betitelte man sie im \u201eSport\u201c, die kamen sowieso nicht zu uns nach hinten, zu den dreckigen, stinkenden Tischen, wo wir in zusammengeh\u00f6renden Gruppen, zwischen denen es oft genug Streit gab, hingel\u00fcmmelt an den Tischen sa\u00dfen. Diese \u201efeinen Pinkel\u201c hatten ihre Pl\u00e4tze vorne beim Ausschank, wo die Frau Chefin, die Frau Reichmann, sa\u00df und wie ein Wachhund \u00fcber alles wachte. Diese feinen Pinkel sa\u00dfen dort auf manchen Polstersesseln, bekamen zu ihrem Bier ein Glas &#8211; wir nat\u00fcrlich nicht, au\u00dfer man verlangte extra eines, dann schaute einen die Paula verwundert an und sch\u00fcttelte den Kopf, als wollte sie sagen \u201eder spinnt aber jetzt ganz sch\u00f6n\u201c &#8211; also die feinen Pinkel sa\u00dfen vorne beim Billardtisch, am anderen Ende des Saales. Und die redeten auch anders miteinander, n\u00e4mlich reserviert und h\u00f6flich, und hatten \u00fcberhaupt ein anderes &#8211; sie meinten: ein besseres &#8211; Benehmen als wir. Also, der Joe Berger erkannte einen \u201efeinen Pinkel\u201c sofort. Und der hatte nichts bei uns verloren. Falls er sich bei uns sich anbiedern und niedersetzen wollte, wurde er gleich mit einem \u201eVerschwind!\u201c aus unserem Bereich verwiesen. Der Joe Berger war ein Weiberheld. Er v\u00f6gelte alles, was wer kriegen konnte. Und er konnte viele kriegen, trotz seiner vermeintlichen H\u00e4\u00dflichkeit, weil er ja ausschaute wie der \u201eQuasimodo\u201c aus dem \u201eGl\u00f6ckner von Notre Dame\u201c in der Verfilmung mit Anthony Quinn. Der Joe Berger pflegte noch dazu diese H\u00e4\u00dflichkeit, indem er gerne Grimassen schnitt, auch sein kaputtes Auge dabei einsetzte, selber sogar schrie: \u201eIch bin der Quasimodo!\u201c Aber die \u201eWeiber\u201c, wie die \u201eDamen\u201c genannt wurden, mochten das und mochten ihn, sie waren \u201espitz auf ihn\u201c, er \u201ehatte ein Leiberl\u201c bei Ihnen, er konnte sie aufrei\u00dfen und abschleppen; wohin, das wu\u00dfte niemand, er fragte aber manchmal gleich und sehr direkt: \u201eHeast, scheene Frau, willst mit mir v\u00f6geln?\u201c Und er hatte damit oft einen \u00fcberraschenden Erfolg. Was und wo er schrieb, wu\u00dfte niemand. Er publizierte erst sehr sp\u00e4t, in irgendwelchen obskuren Zeitschriften oder Verlagen. Ich kenne nichts Literarisches von ihm. Ich erinnere mich nur an seinen oft emphatisch hinausgeschrienen Slogan: \u201cHuatela, huatela!\u201c. Was das bedeutete, ob allgemein oder nur f\u00fcr ihn, habe ich nie in Erfahrung gebracht, wei\u00df ich also bis heute nicht. H\u00e4tte ich bl\u00f6d gefragt, h\u00e4tte ich mir vielleicht eine Watschen oder einen Boxer eingefangen. Also lie\u00df ich das bleiben, lie\u00df ich den Ausruf \u201eHuatela, huatela!\u201c wie den \u201eHoppauf-hoppauf\u201c-Anfeuerungsruf im Sport gelten und so im Ged\u00e4chtnis. Der Joe Berger hatte ein frohes Gem\u00fct. Er lachte oft, laut und gern. F\u00fcr ihn war es das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt, da\u00df er, der Joe Berger, wenn er da war, Mittelpunkt in \u201eseiner Runde\u201c war. Der Sch\u00fcrrer-Tisch war daneben. Dazwischen war eine unsichtbare Kluft. Der Sch\u00fcrrer war abgr\u00fcndig und eine tragische Figur, der Joe Berger war laut und dominant, ein Inbegriff von Lebenslust und Begeisterung. Er hatte auch ein mitf\u00fchlendes Herz, ja, ich w\u00fcrde sogar so weit gehen zu sagen, er hatte ein kindliches, ein sanftes Gem\u00fct. Bei seinem Begr\u00e4bnis in Kaltenleutgeben, Jahrzehnte nachdem das Caf\u00e9 Sport geschlossen hatte und die ganzen Gruppen auseinandergefallen und ins Niemandsland verstreut worden waren, sah man viele alte Kumpel aus der damaligen Zeit des Caf\u00e9 Sport. Man begr\u00fc\u00dfte sich mit \u201eSeavas!\u201c, fragte aber sonst nach nichts, auch nicht mit dem formelhaften \u201eWie geht\u2019s\u201c, sondern nahm den anderen als selbstverst\u00e4ndlich, so wie es schon immer und damals gewesen war. Schweigend gingen wir nebeneinander &#8211; eine gro\u00dfe Menschenmenge &#8211; den Friedhofsberg hinauf. Keine Zeremonie. Genauso wie beim Sch\u00fcrrer-Begr\u00e4bnis. Aber der Wolfi Bauer hielt eine phantastische, w\u00fcrdigende und sogar w\u00fcrdige Grabrede auf den \u201eJoe\u201c. Dann sank der Sarg in die Grube. Joe Bergers Lebensgef\u00e4hrtin oder Witwe weinte, man kondolierte ihr, so man sie kannte. Dann gingen wir alle in ein Wirtshaus unten im Ort. Ich sa\u00df mit Elisabeth W\u00e4ger, die ich nur aus dem Caf\u00e9 Sport von damals her kannte und Jahrzehnte nicht gesehen hatte, und mit dem Jazz-Saxophonisten Uzzi F\u00f6rster, ebenfalls eine Legendenfigur, zusammen. Wir tranken einige Gl\u00e4ser Wein, Schnaps oder Bier auf den \u201eJoe\u201c, der uns nun verlassen hatte, und dann ging wieder jeder seines dem andern unbekannten Weges. Das n\u00e4chste Mal war ich dann beim Begr\u00e4bnis vom Uzzi, mit dem ich dort zusammengesessen war; auch einem \u201eSportler\u201c von damals, einer l\u00e4ngst vergangenen, aber nie vergessenen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Phoro: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein Zeitgenosse aus dem legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c der Sechzigerjahre in Wien war der Joe Berger, der mit dem einen Auge; d.h. er hatte schon zwei Augen im Kopf, aber eines war ganz zusammengekniffen und mit dem sah er fast&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/30\/erinnerung-an-ein-wiener-faktotum\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2949,1142],"class_list":["post-85459","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joe-berger","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85459"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100588,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85459\/revisions\/100588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}