{"id":85454,"date":"2019-04-25T00:01:57","date_gmt":"2019-04-24T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85454"},"modified":"2021-06-08T09:53:08","modified_gmt":"2021-06-08T07:53:08","slug":"ein-original-im-oesterreichischen-kunst-und-literaturbetrieb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/25\/ein-original-im-oesterreichischen-kunst-und-literaturbetrieb\/","title":{"rendered":"Ein Original im \u00f6sterreichischen Kunst- und Literaturbetrieb"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion<\/span>: Vor zehn Jahren starb Fabian Kulterer, ein Original im \u00f6sterreichischen Kunst- und Literaturbetrieb, Dichter und Aktionsk\u00fcnstler, Lebensk\u00fcnstler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden eigenartigsten, um nicht zu sagen skurrilsten Dichter, die mir je begegnet sind, waren \u201eder Kulterer\u201c und der Zoltan V\u00e9r. Beide waren in der Szene bekannt. Kulterer als lebende Legendenfigur, der einmal die \u201eEr\u00f6ffnungen\u201c herausgegeben, Ezra Pound\u201c besucht und sich im Dunstkreis des \u201eWiener Phantastischen Surrealismus\u201c (Ernst Fuchs) bewegt hatte. Die Dissertation des Dr. Fabian Kulterer \u00fcber die Haus- und Hofnamen des Jauntales in K\u00e4rnten, Umfang ca. 900 Seiten, habe ich einmal bei einem meiner vielen Aufenthalte in K\u00e4rnten querdurch gelesen. Die Dissertation ist ausgezeichnet, mit Details bis ins Kleinste \u00fcberh\u00e4uft, von einer bald erm\u00fcdenden Endlosigkeit eines bienenflei\u00dfigen Feldforschers. Eine wissenschaftliche Karriere an irgendeinem Universit\u00e4tsinstitut w\u00e4re ihm damit sicher offen gestanden. Aber so etwas verschm\u00e4hte der Kulterer. Er hat sich lieber der Kunst, der Literatur zugewandt. Ich wei\u00df nicht, ob der Kulterer je etwas jobm\u00e4\u00dfig gearbeitet und wovon er also gelebt hat. Niemand wei\u00df das. Jedenfalls tauchte der Kulterer \u00fcberall in der Szene auf, auch bei Vernissagen, eine Zeitlang in Begleitung seines (auch schon l\u00e4ngst verstorbenen) Freundes Werner Schneider. Geschrieben hat der Kulterer anscheinend nie etwas, vielleicht irgendwelche experimentelle Gedichte oder andere Texte, publiziert hat er in seinem ganzen Leben nichts, soweit ich informiert bin. Er hat mir aber einmal ein Buch von sich gezeigt, ein schmales B\u00e4ndchen, in dem auf jeder Seite nur ein Satz bzw. der Teil eines Satzes stand; das ganze B\u00fcchl bestand also aus einem einzigen Satz. Skurril, so eine Publikation in seiner Bibliographie zu haben! Der Kulterer war absolut gescheit und gebildet, und zwar umfassend, und hatte ein gro\u00dfes fundiertes Wissen, auf dem Gebiet der Literatur ebenso wie auf dem der Malerei, der Kunst \u00fcberhaupt, der Philosophie. Er war sowieso ein Lebensphilosoph. Gespr\u00e4che mit ihm waren anregend, ein Hin und Her im Geben und Nehmen. Der pr\u00e4gnanteste Ausdruck eines abgesicherten Bekenntnisses von ihm war sein Spruch: \u201eHeast, Jolly, das ist aber wirklich so und nicht so.\u201c Damit war alles gesagt; f\u00fcr ihn jedenfalls. Da gab es dann kein Nachfragen mehr, kein Infragestellen, das war so wie es war und aus. Was das mit dem \u201eJolly\u201c auf sich hatte, wei\u00df ich nicht, ich habe ihn nie danach gefragt. Wahrscheinlich h\u00e4tte er sowieso nur gesagt: \u201eHeast Jolly, des is halt mit dem Jolly so, wie es is!\u201c Der Kulterer lebte mal da, mal dort. In Wien sah man ihn zuletzt ganz selten. Auffallend war sein Kleidungsstil, ein Mix aus l\u00e4ngst vergangenen Stilrichtungen und Utensilien. Und er trug einen Schnauzbart, sp\u00e4ter dann einen langen wei\u00dfen Bart, wie es sich f\u00fcr einen Gelehrten, einen Privatgelehrten des 19. Jahrhunderts oder der Zeitlosigkeit geziemt. Er war eine auffallende Erscheinung. Er tauchte immer irgendwo unvermutet und \u00fcberraschend, meist zum Schlu\u00df einer Veranstaltung auf. Dann begann sein Vortrag f\u00fcr all jene Gespr\u00e4chspartner, die seinen Weg zuf\u00e4llig kreuzten. Alte Bekannte und Freunde &#8211; so wie mich \u2013 begr\u00fc\u00dfte er herzlich, ja fast \u00fcberschwenglich. Er fragte sofort, wie es einem geht. Er wu\u00dfte alles und erinnerte sich an kleinste, l\u00e4ngst der Vergessenheit anheimgefallene Details. Er vermittelte glaubw\u00fcrdige Anteilnahme. Ein skurriler, aber von mir gesch\u00e4tzter Freund. Eine Pers\u00f6nlichkeit &#8211; von ganz besonderer Art.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010, von Peter Paul Wiplinger. Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Phoro: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorbemerkung der Redaktion: Vor zehn Jahren starb Fabian Kulterer, ein Original im \u00f6sterreichischen Kunst- und Literaturbetrieb, Dichter und Aktionsk\u00fcnstler, Lebensk\u00fcnstler. 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