{"id":85439,"date":"2003-02-08T00:01:21","date_gmt":"2003-02-07T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85439"},"modified":"2022-06-01T18:21:09","modified_gmt":"2022-06-01T16:21:09","slug":"schriftstellerbegegnungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/08\/schriftstellerbegegnungen\/","title":{"rendered":"Schriftstellerbegegnungen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der j\u00fcngste Dichter, dem ich in meinem Leben begegnet bin, war <em>Gert Jonke<\/em>; damals gerade 16 Jahre alt. Das war im \u201eCaf\u00e9 Ingeborg\u201c in Klagenfurt in den fr\u00fchen Sechzigerjahren. Jonke war ein schm\u00e4chtiges B\u00fcrschchen, sehr schweigsam, sehr freundlich, sanftm\u00fctig. Sp\u00e4ter trafen wir uns ein paarmal in Wien, als er hier an der Universit\u00e4t irgend etwas inskribiert hatte. Die meiste Zeit aber sa\u00df er zu Hause, d.h. in seinem Einbettzimmerchen im Internationalen Studentenhaus in D\u00f6bling, und schrieb; immer mit seiner F\u00fcllfeder in ein dickes Buch. Wir gingen ein paarmal miteinander spazieren, nicht in der Innenstadt, sondern meist am Stadtrand. Das Leben dort interessierte ihn und zwar bis ins kleinste Detail. Wir waren in alten Zinsh\u00e4usern mit den Bassenawohnungen, oft nur Zimmer-K\u00fcche oder Zimmer-K\u00fcche-Kabinett, Wasser und WC am Gang. Irgendwann brach\u00a0 Jonke sein Studium ab und kehrte nach Klagenfurt zur\u00fcck. Da verloren wir uns aus den Augen, f\u00fcr viele Jahre, ja f\u00fcr Jahrzehnte. Sp\u00e4ter liefen wir uns manchmal \u00fcber den Weg, wechselten ein paar belanglose Worte. Erschien sich irgendwie zu freuen, wenn wir uns zuf\u00e4llig trafen, da oder dort, aber es war immer eine gewisse Verlegenheit, die sich in einer uns trennenden Sprachlosigkeit, ausdr\u00fcckte, zwischen uns. Das letzte Mal sah ich den G.F.Jonke am 28. Oktober letzten Jahres auf dem Bahnsteig der U-3 Richtung Simmering. Ich machte schnell ein Foto von ihm. Auf dem Foto hat der Jonke wiederum dieses sanftm\u00fctige, etwas verlegene L\u00e4cheln, das eine gewisse Friedfertigkeit ausdr\u00fcckte, wie mir scheint; so wie damals, wenn wir uns im \u201eCaf\u00e9 Ingeborg\u201c trafen. Der Jonke war aber schmal geworden. Er war von seiner Krankheit, von der ich nichts wu\u00dfte, schon schwer gezeichnet. Wir fuhren zusammen vom Stephansplatz bis zur Landstra\u00dfe, wo er ausstieg. Ein \u201eServus!\u201c und ein Wink durch das Fenster war das Letzte zwischen dem Jonke und mir. Die Todesnachricht erfuhr ich von einem Freund. Sie machte mich traurig und stumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4lteste Schriftsteller, den ich kennengelernt habe, ist der <em>Friedl Stix<\/em> (Univ.-Prof. Dr. Gottfried Stix). Mit dem habe ich gestern telefoniert. Der wird &#8211; \u201eso Gott will\u201c, hat er gestern gesagt &#8211; im April dieses Jahres 98 ! Jahre alt, also fast ein Jahrhundert. Ich w\u00fcnsche ihm sehr, da\u00df er den Hunderter schafft. Wir sind, so darf ich sagen, miteinander gut befreundet. Wir haben einiges gemeinsam, wovon wir auch bei unseren Telefonaten immer sprechen, n\u00e4mlich das Obere M\u00fchlviertel, konkret: Aigen am B\u00f6hmerwald, wo er so wie ich am Hagerberg Schigefahren ist und in der Gro\u00dfen M\u00fchl gebadet hat. Und dann noch Rom, das wir beide sehr lieben und wo der Friedl. so nenne ich ihn, so wie er mich Peter Paul nennt, an die f\u00fcnfzig Jahre als Lektor f\u00fcr \u00d6sterreichische Literatur an einer dortigen Universit\u00e4t gelehrt hat. Irgendwie hat es ihn dort hingeschlagen, denn vorher war er schon in den Abruzzen, hat sich dort versteckt, er war n\u00e4mlich von der Deutschen Wehrmacht desertiert, \u201eich wollte nicht mehr mitmachen bei der ganzen Nazigschicht\u201c. hat er mir das einmal begr\u00fcndet. Mutig, dachte ich; und sympathisch noch dazu. Antimilitarist. Das verbindet uns auch. Und dann noch eine Stadt sehr weit \u00f6stlich, heute an in Polen, an der Grenze zur Ukraine, fr\u00fcher \u00f6sterreichisch, von der Architektur \u00fcber die Schule bis hin zur Verwaltung und zur bekannten Festung; eine Garnisonsstadt. An den \u201eTrotta\u201c dachte ich, als ich dort war und vor meiner Lesung in der Uni einen sch\u00f6nen Spaziergang machte. Ich habe auch zwei, drei Kirchen besucht; Kirchen, in denen der Sch\u00fcler Gottfried Stix, als er die dortige Volksschule besuchte, sicher oft gewesen ist. \u201eJa, das kenn\u2019 ich nat\u00fcrlich alles\u201c, hat er einmal zu mir gesagt. Zu seinem Neunziger haben wir einen gemeinsamen Spaziergang gemacht, drau\u00dfen in Sievering. Und da habe ich einige Fotos von ihm gemacht, so wie anschlie\u00dfend dann noch einige in seiner Bibliothek. Der Stix ist ein Hajku-Meister. Auch das verbindet uns: Die K\u00fcrze, die Knappheit, das Aufsp\u00fcren und Ausdr\u00fccken des Poetischen in ihr. Aber immer, wenn wir miteinander telefonieren, reden wir vom B\u00f6hmerwald, den wir beide nicht nur lieben, sondern dem wir uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, der uns auch gepr\u00e4gt hat. Das M\u00fchlviertel ist n\u00e4mlich eine Landschaft, die den Menschen in ganz besonderer Weise pr\u00e4gt, so da\u00df sich im Menschen etwas von der Landschaft widerspiegelt und wiederfindet. Das ist die Stille, das Schweigen, das Stillsein, die Liebe zum Leisen, anstatt zum Lauten; da\u00df man so leise ist, da\u00df man den Wind h\u00f6ren kann, wenn er \u00fcber die wogenden Felder und die Wipfel der B\u00e4ume streicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wildeste und verr\u00fcckteste Dichter, den ich kennengelernt habe, damals im legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c, im Anarchistencaf\u00e9, wo alle waren, die im Hawelka Lokalverbot hatten, war der <em>Hermann Sch\u00fcrrer<\/em>, das Dichtergenie; leider fr\u00fch verstorben. Der Alkohol hat ihn umgebracht, richtiger formuliert: Er hat sich mit dem Saufen zugrundegerichtet. Aber er war ein Genie! Nicht nur ein Au\u00dfenseiter. Im Caf\u00e9 Sport war er sowieso der Mittelpunkt, in jeder Hinsicht, er dominierte alles; wenn er &#8211; und eigentlich war dies sein Normalzustand &#8211; seinen Level an Trunkenheit erreicht hatte, also ziemlich besoffen war, dann schrie er herum, haute auf die Musikbox, da\u00df es nur so krachte, schrie irgendwas in die Runde, verlangte von jedem, der irgendwie nach Geldhaben aussah, mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit ein Bier, das er aus der Flasche in 2-3 Z\u00fcgen und Minuten ausgetrunken hatte. Dann bestellte er das n\u00e4chste, vielleicht das zehnte Bier. Die Frau Pauli sagte dann halb-streng, weil sie wu\u00dfte da\u00df es sowieso nichts n\u00fctzte und sie den Sch\u00fcrrer anscheinend irgendwie mochte: \u201eAus jetzt. Schlu\u00df jetzt, Sch\u00fcrrer, du bekommst kein Bier mehr, von mir jedenfalls nicht mehr; bis sie ihm das n\u00e4chste brachte. Die Frau Reichmann hinter ihrem Pult schaute streng und drohte mit der Polizei, die sie auch rief, wenn es gar nicht mehr anders ging. Die nahm dann den Sch\u00fcrrer mit, sowieso nur mit auf die Stra\u00dfe, wo sie zu ihm sagte: \u201eVerschwind, verschwind. und la\u00df dich nicht mehr so schnell hier blicken!\u201c Man kannte ihn. Viele kannten ihn. Der Sch\u00fcrrer war &#8211; lokalm\u00e4\u00dfig jedenfalls &#8211; stadtbekannt. \u00dcberall hatte er Lokalverbot. Man konnte mit ihm sowieso nirgendwohin gehen. Nur im Caf\u00e9 Sport sa\u00df er jeden Abend bis zur Sperrstund, bis Mitternacht, und dar\u00fcber manchmal noch hinaus. Wo er dann hinging, hintaumelte, das wu\u00dfte kaum einer; in irgendeinen Unterschlupf, einmal soll das \u00fcber einige Zeit sogar ein Kohlenkeller gewesen sein. Der Sch\u00fcrrer hatte keinen festen Wohnsitz. Er hatte eine Schwester, die sich st\u00e4ndig um ihn sorgte. Der Sch\u00fcrrer hat einmal f\u00fcr ein paar N\u00e4chte bei mir \u00fcbernachtet, das war gar nicht lustig, nein, ganz im Gegenteil. Mein mir lieber Plattenspieler und die Glast\u00fcr waren dann kaputt, das Sofa war auch unbrauchbar. Den Plattenspieler hat er zertr\u00fcmmert, weil er die Musik, die ich aufgelegt hatte, nicht mochte, vielleicht eben gerade in dem Augenblick nicht. Der Sch\u00fcrrer war unberechenbar, konnte auch zuschlagen, was er aber kaum und nicht gezielt tat. Das war halt einer seiner Wahnsinnsausbr\u00fcche, die man gewohnt war, wo man dann besser nicht in seiner N\u00e4he war. Der Sch\u00fcrrer hat auch einen Proze\u00df gehabt. Der Kurier titelte \u201e Unterstandsloser Dichter!\u201c Oder so \u00e4hnlich. Der Sch\u00fcrrer ist aus einem Zug gesprungen, als er irgendwo abgeschoben werden sollte, so genau wu\u00dfte das niemand. Jedenfalls hie\u00df es: Der Sch\u00fcrrer ist tot. Er war aber nicht tot, sondern eine lebende Legende; jedenfalls in der damalige Wiener K\u00fcnstlerszene, die alles andere war als eine\u00a0 \u201eSeitenblicke-Schicki-Micki-Gesellschaft\u201c. Da gab es keine Bussis, sondern h\u00f6chstens Watschen, unfl\u00e4tige Worte sowieso; aber auch Liebes-Leidenschafts-Beziehungen und die daraus resultierenden Dramen. Also, nach dem Sch\u00fcrrer-Zugsprung suchte ich ihn und fand und besuchte ihn in Steinhof. Dort lag er mit verbundenem Sch\u00e4del in einem Gitterbett. Meine damalige Freundin, eine mond\u00e4ne aber ebenso verr\u00fcckte hochstaplerische Modesch\u00f6pferin, hat der Sch\u00fcrrer sehr verehrt. Wenn ich mit ihr einen \u201eWickel\u201c hatte, also gestritten haben, dann hat mich der Sch\u00fcrrer angeschrien: \u201eDu bl\u00f6der Arsch du, kannst gleich was erleben!\u201c Sie hat ihn, so habe ich nach unserer Trennung geh\u00f6rt, auch einmal im Gefangenenhaus in Wiener Neustadt besucht; hat \u00fcberhaupt l\u00e4nger als ich dann noch Kontakt zu ihm gehabt. Das st\u00e4ndige Domizil nach der Schlie\u00dfung des Caf\u00e9 Sport war dann das \u201eAlt-Wien\u201c, ein dunkles, verrauchtes, schmieriges \u201eKaffeehaus\u201c, eigentlich eine Schenke, voll mit Undergroundpeople mit Studenten, mit Scheink\u00fcnstlern und echten K\u00fcnstlern, wie der Maler Franz Ringel\u201c, den ich fast jedes Mal dort an der Theke traf, wenn ich &#8211; sowieso selten &#8211; einmal auf ein Dr\u00fcberstreuerachterl dort war. Dort hat man den Sch\u00fcrrer einmal wie leblos auf dem Klo gefunden. Wieder hie\u00df es, der Sch\u00fcrrer sei gestorben, er war es dann doch nicht. Aber lange hat es nicht mehr gedauert, bis er dann wirklich gestorben ist. Man fand ihn leblos an seinem Schreibtisch in seiner kleinen Gemeindewohnung, die er dann endlich bekommen hatte. Bei seinem Begr\u00e4bnis &#8211; selbstverst\u00e4ndlich ohne jede Zeremonie, wie er das absolut sicher gewollt hat &#8211; standen wir um das offene Grab herum, niemand sagte irgendwas, der Sarg sank in die Grube, die Pompf\u00fcneberer gingen, erwarteten von diesem Haufen von dubiosen Gestalten sowieso kein Trinkgeld. Eine alte Frau stand in einem gr\u00fcnen abgetragenen Wintermantel am Grab und weinte. Es war seine Schwester oder war es doch seine alte Mutter. Die Parte vom Sch\u00fcrrer habe ich bei der Sammlung von Parten meiner verstorbenen Freunde. Und dann habe ich noch ein Plakat, wo der Sch\u00fcrrer mit anderen Kollegen und Kolleginnen aus der Caf\u00e9-Sport-Literatur-Anarchistenszene auf einem kleinen Schiff, n\u00e4mlich der \u00dcberfuhr, \u00fcber den Donaukanal f\u00e4hrt. Auf dem Plakat steht der Satz: \u201eWo das Wort aufh\u00f6rt, beginnt die Gewalt!\u201c Ein Supersatz, der mich beeindruckt hat, vielleicht stammt er vom Sch\u00fcrrer, egal, jedenfalls ein Satz, den ich mir gemerkt habe, der zu einem Grundsatz von mir geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden eigenartigsten, um nicht zu sagen skurrilsten Dichter, die mir je begegnet sind, waren <em>\u201eder Kulterer\u201c<\/em> und <em>\u201eder Zoltan V\u00e9r\u201c.<\/em> Beide waren in der Szene bekannt. Kulterer als lebende Legendenfigur, der einmal die \u201eEr\u00f6ffnungen\u201c herausgegeben, Ezra Pound\u201c besucht und sich im Dunstkreis des \u201eWiener Phantastischen Surrealismus\u201c (Ernst Fuchs) bewegt hatte. Die Dissertation des <em>Dr. Fabian Kulterer<\/em> \u00fcber die Haus-, Hof- und Flurnamen des Jauntales in K\u00e4rnten, Umfang ca. 900 Seiten, habe ich einmal bei einem meiner vielen Aufenthalte in K\u00e4rnten querdurch gelesen. Die Dissertation war bzw. ist ausgezeichnet, mit Details bis ins Kleinste \u00fcberh\u00e4uft, von einer bald erm\u00fcdenden Endlosigkeit eines bienenflei\u00dfigen Feldforschers. Eine wissenschaftliche Karriere an irgendeinem Universit\u00e4ten Institut w\u00e4re ihm damit sicher offen gestanden. aber so etwas verschm\u00e4hte der Kulterer. Er hat sich lieber der Kunst, der Literatur zugewandt. Ich wei\u00df nicht, ob der Kulterer je etwas jobm\u00e4\u00dfig gearbeitet und wovon er also gelebt hat und noch lebt. Niemand wei\u00df das. Jedenfalls tauchte der Kulterer \u00fcberall in der Szene auf, auch bei Vernissagen, eine Zeitlang in Begleitung seines (auch schon l\u00e4ngst verstorbenen) Werner Schneider. Geschrieben hat der Kulterer anscheinend nie etwas, vielleicht irgendwelche experimentelle Gedichte oder andere Texte, publiziert hat er in seinem ganzen Leben nichts, soweit ich informiert bin. Er hat mir aber einmal ein Buch von sich gezeigt, ein schmales B\u00e4ndchen, in dem auf jeder Seite nur ein Satz, bzw. der Teil eines Satzes stand; das ganze B\u00fcchl bestand also aus einem einzigen Satz. Genial, so eine Publikation in seiner Bibliographie zu haben. Der Kulterer war absolut gescheit und gebildet, und zwar umfassend, und hatte ein gro\u00dfes fundiertes Wissen, auf dem Gebiet der Literatur ebenso wie auf dem der Malerei, der Kunst \u00fcberhaupt, der Philosophie. Er war sowieso ein Lebensphilosoph. Gespr\u00e4che mit ihm waren anregend, ein Hin und Her im geben und Nehmen. Der pr\u00e4gnanteste Ausdruck eines abgesicherten Bekenntnisses von ihm war sein Spruch: \u201eHeast, Jolly, das ist aber wirklich so und nicht so.\u201c Damit war alles gesagt; f\u00fcr ihn jedenfalls. Da gab es dann kein Nachfragen mehr, kein Infragestellen, das war so wie es war und aus. Was das mit dem \u201eJolly\u201c auf sich hatte, wei\u00df ich nicht, ich habe ihn nie danach gefragt. Wahrscheinlich h\u00e4tte er sowieso nur gesagt: \u201eHeast Jolly, des is halt mit dem Jolly so, wie es is!\u201c Wo der Kulterer jetzt lebt? keine Ahnung. Mal da oder dort. In Wien sieht man ihn selten, ganz selten, nur mehr gelegentlich. Auffallend ist sein Kleidungsstil, ein Mix aus allen l\u00e4ngst vergangenen Stilrichtungen und Utensilien. Und er tr\u00e4gt einen langen, nun wei\u00dfen Bart, wie es sich f\u00fcr einen Gelehrten, einen Privatgelehrten des 19. Jahrhunderts oder der Zeitlosigkeit geziemt. Er ist eine auffallende Erscheinung. Er taucht immer irgendwo unvermutet und \u00fcberraschend und meist zum Schlu\u00df einer Veranstaltung auf, in deren Anschlu\u00df es ein Buffet gibt. Dann beginnt sein Vortrag f\u00fcr all jene Gespr\u00e4chspartner, die seinen Weg zuf\u00e4llig kreuzen. Alte Bekannte und Freunde &#8211; so wie mich &#8211; begr\u00fc\u00dft er herzlich, ja fast \u00fcberschwenglich. Er fragt sofort, wie es einem geht. Er wei\u00df alles und erinnert sich an alles bis an kleinste, an sonst l\u00e4ngst der Vergessenheit anheimgefallenen Details. Er vermittelt glaubw\u00fcrdige Anteilnahme. Ein skurriler, aber von mir gesch\u00e4tzter Freund. Eine Pers\u00f6nlichkeit &#8211; von ganz besonderer Art. manchmal denke ich: Vielleicht lebt der Kulterer gar nicht wirklich, in der Wirklichkeit ja sowieso nicht, vielleicht ist er \u201enur\u201c (mehr) eine Legende, eine Erscheinung, eine wie aus einer ganz anderen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein ebenfalls sehr eigenartiger Mensch war der ungarisch-\u00f6sterreichische Dichter <em>Zoltan V\u00e9r<\/em> (sprich: Scholtaan Veer, letzteres Wort mit schmalem, auseinandergezogenen Mund wie das Wort \u201eBeere\u201c, so hat mir das Zoltan jedesmal mich streng korrigierend erkl\u00e4rt). Da\u00df Zoltan ein Dichter war, das wu\u00dften nur er selber und ein paar von ihm sorgf\u00e4ltig ausgesuchte Vertraute. Er hatte einen gro\u00dfen Bekanntenkreis, da er fast auf jeder Veranstaltung war, aber nur bei solchen der bildenden K\u00fcnste, denn den Literaturbetrieb und alles was damit zusammenhing, verachtete er zutiefst. Er weigerte sich auch best\u00e4ndig, irgend etwas von seinem Werk zu publizieren &#8211; \u201enein, wirklich nicht, ich prostituiere mich doch nicht!\u201c, sagte er des \u00f6fteren entr\u00fcstet zu mir, wenn ich ihm riet oder sogar meine Hilfe anbot, diesen Weg zu beschreiten. \u201eIch habe mein Notizbuch, das gen\u00fcgt mir\u201c, pflegte er zu sagen. Und schon zog er dieses schmale Notizbuch aus der Innenseite seines Rockes oder seines Mantels und sagte \u201eNur ein Gedicht, Paul, nur ein Gedicht!\u201c Und er stellte sich sogleich unter die n\u00e4chste Stra\u00dfenlaterne oder vor ein noch hell erleuchtetes Schaufenster, denn ein solcher Augenblick war meistens lange nach Mitternacht, und dann las er mir nicht ein Gedicht, sondern immer mehrere Gedichte und dann noch eins und noch eins \u201ebis zum \u201eGeht-nicht-mehr\u201c vor. Und wehe, man machte ein Anzeichen, endlich gehen zu wollen. Dann war man in seinen Augen auch \u201eeiner von diesen Banausen\u201c, die er &#8211; so wie eigentlich die ganze Gesellschaft &#8211; verachtete. \u201eAlles Banausen\u201c, pflegte er mit einer wegwerfenden Handbewegung zu sagen. Sich selbst hielt er f\u00fcr einen gro\u00dfen Dichter, f\u00fcr einen, der die Einsamkeit des Dichtens und im Dichten und in den eigenen Gedichten brauchte, vielleicht weil er auch nicht anders konnte. Zoltan V\u00e9r hat nie eine andere Lesung als diese \u201eLaternenlesungen\u201c, wie ich sie nannte, abgehalten. Er h\u00e4tte sich nie in und bei einer \u00f6ffentlichen Lesung \u201eprostituiert\u201c. Nein, der Zoltan war anders. F\u00fcr ihn z\u00e4hlte nur der reine Gedanke, die reine Poesie. Alles andere interessierte ihn nicht, lehnte er ab, das hatte keinen Platz in seinem Leben. Von seinem Tod erfuhr ich aus der Zeitung; aus einer Zeitung, die ich aus einem B\u00fcndel von Zeitungen entnahm. Dieses Zeitungsb\u00fcndel lag verschn\u00fcrt und f\u00fcr irgendwen abholbereit in einer sch\u00e4bigen Schiffahrtsstation am Ufer der Donau in Budapest. Ich war an der Zeitung interessiert, schlug sie auf, bl\u00e4tterte sie durch; und pl\u00f6tzlich sah ich den Namen \u201eZollten VR\u201c auf einer Todesanzeige am Ende der Zeitung. Ich erinnere mich: Es hat mir einen Stich ins Herz gegeben. Dann habe ich ihm einen Gru\u00df hinauf ins Irgendwohin hingeschickt und gesagt: \u201eAlso, servus, Zoltan V\u00e9r (Veer!), egal wo du bist, ich schick Dir einen Gru\u00df aus Deiner Heimatstadt!\u201c Wo wohl sein Notizbuch mit seinen Gedichten geblieben ist? Ich wei\u00df es nicht. Einem Kulturattach\u00e9 vom Collegium Hungaricum und meinem ungarischen Freund G\u00e1bor G\u00f6rgey, der ja sogar f\u00fcr kurze Zeit Kulturminister in der ungarischen Regierung gewesen ist, habe ich gesagt: \u201eSucht doch das Gedichte-Notizbuch vom Dichter Zoltan V\u00e9r!\u201c Aber ich glaube nicht, da\u00df sie das veranla\u00dft oder getan haben; sie hatten wahrscheinlich Wichtigeres zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer damaliger Zeitgenosse aus dem legend\u00e4ren \u201eCaf\u00e9 Sport\u201c war der <em>Joe Berger<\/em>, der mit dem einen Auge; d.h. er hatte schon zwei Augen im Kopf, aber eines &#8211; welches war das nur, das linke oder das rechte, ich glaube es war das linke &#8211; war ganz zusammengekniffen und mit dem sah er fast nichts. Mit dem anderen und mit seinen inneren Augen jedoch sah er alles ganz genau und auch sofort. Er sah sogleich jede sch\u00f6ne Frau, die bei der T\u00fcr hereinkam. genauso wie jeden \u201eSchweinehund\u201c, den er nicht mochte.\u00a0 Die feineren Herren, \u201edie feinen Pinkel\u201c betitelte man sie im \u201eSport\u201c, die kamen sowieso nicht zu uns nach hinten, zu den dreckigen, stinkenden Tischen, wo wir in zusammengeh\u00f6renden Gruppen, zwischen denen es oft genug Streit gab, oft hingel\u00fcmmelt an den Tischen sa\u00dfen. Diese \u201efeinen Pinkel\u201c hatten ihre Pl\u00e4tze vorne beim Ausschank, wo die Frau Chefin, die Frau Reichmann, sa\u00df und \u00fcber alles wie ein Wachhund wachte. Diese feinen Pinkel sa\u00dfen dort sogar auf manchen abgewetzten Polstersesseln, bekamen zu ihrem Bier ein Glas &#8211; wir nat\u00fcrlich nicht, au\u00dfer man verlangte extra eines, dann schaute einen die Paula verwundert an und sch\u00fcttelte den Kopf, als wollte sie sagen \u201eder spinnt aber jetzt ganz sch\u00f6n\u201c &#8211; also die feinen Pinkel sa\u00dfen vorne beim Billardtisch, am anderen Ende des Saals. Und die redeten auch anders miteinander, n\u00e4mlich reserviert und h\u00f6flich, und hatten \u00fcberhaupt ein anderes, sie meinten: ein besseres Benehmen &#8211; als wir. Also, der Joe Berger erkannte einen \u201efeinen Pinkel\u201c sofort. Und der hatte nichts bei uns verloren. Falls er sich bei uns sich anbiedern und niedersetzen wollte, wurde er gleich mit einem \u201eVerschwind!\u201c aus unserem Bereich verwiesen. Der Joe Berger war ein Weiberheld. Er v\u00f6gelte alles, was wer kriegen konnte, Und er konnte viele kriegen, trotz seiner von jedem Mann vermeintlichen H\u00e4\u00dflichkeit, weil er ja ausschaute wie der \u201eQuasimodo\u201c aus dem \u201eGl\u00f6ckner von Notre Dame\u201c in der Verfilmung mit Anthony Quinn. Der Joe Berger pflegte noch dazu diese H\u00e4\u00dflichkeit, indem er gerne Grimassen schnitt, auch sein kaputtes Auge dabei einsetzte, selber sogar schrie: \u201eIch bin der Quasimodo!\u201c Aber die \u201eWeiber\u201c, wie die \u201eDamen\u201c genannt wurden, mochten das und mochten ihn, sie waren spitz auf ihn er hatte ein Leiberl bei Ihnen, er konnte sie aufrei\u00dfen und abschleppen; wohin, das wu\u00dfte niemand, er fragte aber manchmal gleich und sehr direkt: \u201eHeast, scheene Frau, willst mit mir v\u00f6geln?\u201c Und er hatte damit oft einen \u00fcberraschenden Erfolg. Was und wo er schrieb, wu\u00dfte niemand. Er publizierte erst sehr sp\u00e4t, in irgendwelchen obskuren Zeitschriften oder Verlagen. Ich kenne nichts Literarisches von ihm. Ich erinnere mich nur an seinen oft emphatisch hinausgeschrienen Slogan :\u201cHuatela, huatela!\u201c. Was das bedeutete, ob allgemein oder nur f\u00fcr ihn, habe ich nie in Erfahrung gebracht, wei\u00df ich also bis heute nicht. H\u00e4tte ich bl\u00f6d gefragt, h\u00e4tte ich mir vielleicht eine Watschn oder einen Boxer eingfangt. Also lie\u00df ich das bleiben, lie\u00df ich den Ausruf \u201eHuatela, huatela!\u201c wie den \u201eHoppauf-hoppauf\u201c-Anfeuerrungsruf im Sport gelten und so im Ged\u00e4chtnis. Der Joe Berger hatte ein frohes Gem\u00fct. Er lachte oft, laut und gern. F\u00fcr ihn war es das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt, da\u00df er, der Joe Berger, wenn er da war, Mittelpunkt in \u201eseiner Runde\u201c war. Der Sch\u00fcrrer-Tisch war daneben. Dazwischen war eine unsichtbare Kluft. Der Sch\u00fcrrer war abgr\u00fcndig und eine\u00a0 tragische Figur , der Joe Berger war laut und dominant als Lebenslustigkeit und Begeisterung. Er hatte auch ein mitf\u00fchlendes Herz, ja, ich w\u00fcrde sogar so weit gehen zu sagen, er hatte ein kindliches, ein sanftes Gem\u00fct. Bei seinem Begr\u00e4bnis in Kaltenleutgeben, Jahrzehnte nachdem das Caf\u00e9 Sport geschlossen hatte und die ganzen Gruppen auseinandergefallen und ins Niemandsland verstreut worden waren, sah man viele alte Kumpeln aus der damaligen Zeit des Caf\u00e9 Sport. Man begr\u00fc\u00dfte sich mit \u201eseavas!\u201c, fragte aber sonst nach nichts, auch nicht mit dem formelhaften \u201eWie geht\u2019s\u201c, sondern nahm den anderen als selbstverst\u00e4ndlich, so wie es schon immer und damals gewesen war. Schweigend gingen wir nebeneinander &#8211; eine gro\u00dfe Menschenmenge &#8211; den Friedhofsberg hinauf. Keine Zeremonie. Genauso wie beim Sch\u00fcrrer-Begr\u00e4bnis. Aber der Wolfi Bauer hielt eine phantastische, w\u00fcrdigende und sogar w\u00fcrdige Grabrede auf den \u201eJoe\u201c. Dann sank der Sarg in die Grube. Joe Bergers Lebensgef\u00e4hrtin oder Witwe weinte, man kondolierte ihr, so man sie kannte. Dann gingen wir alle in ein Wirtshaus unten im Ort. Ich sa\u00df mit Elisabeth W\u00e4ger, die ich nur aus dem Caf\u00e9 Sport von damals her kannte und Jahrzehnte nicht gesehen hatte, und mit dem Jazzer-Saxophonisten Uzzi F\u00f6rster, ebenfalls eine Legendenfigur, zusammen. Wir tranken einige Gl\u00e4ser Wein, Schnaps oder Bier auf den \u201eJoe\u201c, der uns nun verlassen hatte, und dann ging wieder jeder seines dem andern unbekannten Weges. Das n\u00e4chste Mal war ich dann beim Begr\u00e4bnis vom Uzzi, mit dem ich dort zusammengesessen war; auch einem \u201eSportler\u201c von damals, einer l\u00e4ngst vergangenen, aber nie vergessenen Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer der nie im Caf\u00e9 Sport war, weil der wirklich nirgendwo dazugeh\u00f6rte und kaum mit jemandem sprach, sondern nur trank, war \u201eder letzte Arbeiterdichter \u00d6sterreichs\u201c, wie er sich selbst bezeichnete, n\u00e4mlich der <em>Kobalek<\/em> oder <em>Kovalek<\/em>. Wie man seinen Namen schreibt, wei\u00df ich nicht und wu\u00dfte ich nie, das war auch v\u00f6llig wurscht. Er war halt der Kobalek oder Kovalek und aus. Er sa\u00df an jedem Abend an der \u201eTheke\u201c im \u201eB\u00fccke-dich\u201c, einem Caf\u00e9, besser gesagt: einem Lokal an der Zweierlinie bei der Stadion- und Josefst\u00e4dterstra\u00dfe, in das, als das Sport geschlossen worden war und die einen ins \u201eSavoy\u201c oder ins \u201eCaf\u00e9 Alt Wien\u201c oder anderswohin auswichen waren, bald auch zu einem Unterschlupf wurde, aber ohne feste Szene, sondern eben nur ein Lokal war f\u00fcr Einzelg\u00e4nger, nicht mehr f\u00fcr Gruppen. Das Lokal hatte seinen Namen davon, da\u00df man sich, wenn man es, da es im Souterrain war und nur einen kleinen schmalen Eingang hatte, b\u00fccken mu\u00dfte, wenn man es betreten wollte. Also, da sa\u00df jedes Mal dann der Kovalek\/Kobalek, er sa\u00df auf einem Hocker an der Theke, vor sich ein Achtelglas mit billigem, schlechten Rotwein, starrte vor sich hin, schweigend, sagte nie ein Wort, deutete nur auf sein Glas, wenn das leer war und bestellte so ein neues. Mich interessierte dieser \u201eletzte Arbeiterdichter\u201c, also suchte ich seine N\u00e4he, setzte mich auf den Hocker neben ihm in der Hoffnung auf eine Gemeinsamkeit, auf ein Gespr\u00e4ch. Er aber sagte, soweit ich mich erinnern kann: \u201eRed\u2019 mich blo\u00df ned an!\u201c Und dann schwieg er wieder. Also mu\u00dfte ich mich mit dem Mythos Kovalek-Kobalek-Arbeiterdichter aus Wien abfinden. Man sagte, er sei gebildet, er kenne die Arbeiterdichtung, die Proletarierdichter, die fr\u00fcher einmal, auch wenn sie gar keine waren, in der legend\u00e4ren \u201eAZ-Arbeiterzeitung\u201c vor dem Krieg, als die Sozis noch auf Bildung wert legten, ihre Gedichte ver\u00f6ffentlichten und diese nicht nur mit Zustimmung und manchmal sogar mit Begeisterung aufgenommen, sondern sogar diskutiert und zeilenweise auswendig gelernt und hergesagt werden konnten. Der Kobalek\/Kovalek war einer von ihnen, er z\u00e4hlte sich jedenfalls dazu; \u201enicht zu dem Schmarrn, den es heutzutage gibt\u201c, soll er einmal gesagt haben. Der Kobalek\/Kovalek hatte immer blaue Lippen und eine blaue Zunge, vom Rotwein. Er hatte immer das gleiche verschmuddelte Gewand an. das er anscheinend ewig nicht gewaschen hatte, er stank etwas, aber der schwei\u00dfige K\u00f6rpergeruch wurde durch den von Kohle \u00fcberdeckt und gab allem eine herbe Note. Der Kovalek\/Kobalek lebte n\u00e4mlich in einem Kohlenkeller, den er von seiner Mutter geerbt hatte und den er bedarfsweise betrieb. In den Kohlenkellern, die es damals noch gab, war meistens auch so eine Art Verschlag mit einem B\u00fcro drinnen und manchmal stand da auch noch eine alte dreckige Couch, auf der man sich ausruhen oder wieder Kovalek mit einer Kotzen zugedeckt die Nacht verbringen konnte. In der Fr\u00fch sperrte man sein Gesch\u00e4ft dann auf, wenn die ersten Leute kamen, um sich Kohlen und Brennholz zu holen. Das war also praktisch. Und obwohl der Kovalek\/Kobalek also eigentlich ein Gesch\u00e4ftsmann war, weil er ja ein Gesch\u00e4ft hatte, war er doch \u201eder einzige lebende \u00f6sterreichische Arbeiterdichter\u201c, Mit ihm und dem grundlegenden verderblichen Wandel der Sozis ist dieses Genre der Literatur ausgestorben. Angeblich hatte und hat der Kovalek\/Kobalek einen ganz ber\u00fchmten Bruder, einen weit \u00fcber die Grenzen \u00d6sterreichs hinaus bekannten bildenden K\u00fcnstler, einen Maler, dessen Werke auf dem Internationalen Kunstmarkt preislich ganz oben rangieren, also sauteuer sind. Jeder Kunstkenner von zeitgen\u00f6ssischer Kunst kennt ihn, da die Werke dieses K\u00fcnstlers bei gro\u00dfen Ausstellungen gezeigt werden und in allen Museen zu finden sind. Dieser Mann soll sein oder ist es wirklich, der Halbbruder vom Arbeiterdichter Kovalek\/Kobalek. Der Mann hei\u00dft Franz West.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Jeannie Ebner<\/em> war eine Dame. Und f\u00fcr mich eine etwas exotische Frau: Sie war ja in Sydney geboren und erst dann nach \u00d6sterreich gekommen. Sie war eine bekannte Dichterin. Sie war eine sehr sch\u00f6ne Frau, nat\u00fcrlich vor allem in jungen Jahren. Da verkehrte sie im legend\u00e4ren \u201eStrohkoffer\u201c, einem K\u00fcnstlertreff, vor allem der Maler und Bildhauer. Sie hatte ja selbst Bildhauerei studiert. Und sie z\u00e4hlte sich zuerst auch zu den bildenden K\u00fcnstlern. Erst etwas sp\u00e4ter verschrieb sie sich ganz der Literatur. Sie war hochgebildet, stets von einer Aura der W\u00fcrde umgeben, obwohl sie auch heiter und gelockert konnte; frivol war sie &#8211; trotz ihrer vielen Abenteuer (wie sie mir einmal in einem Vertrauensgesp\u00e4ch bekannt hatte) nie. Nein, ihr lag vielmehr das Einfache, das ihr &#8211; auch literarisch &#8211; viel bedeutete; im wahrsten Sinn des Wortes. Ich erinnere mich an unser gemeinsames Leberbl\u00fcmchen-Pfl\u00fccken im Fr\u00fchling beim Stift Heiligenkreuz, in sp\u00e4teren Jahren, nicht lange nachdem ihr geliebter \u201eErnstl\u201c verstorben war. Eigentlich hie\u00df die Jeannie ja mit b\u00fcrgerlichen Namen gar nicht Ebner, sondern Allinger. Den K\u00fcnstlernamen Ebner hatte sie in Anlehnung an ihren Onkel, den \u00f6sterreichischen Philosophen Ferdinand Ebner, angenommen. Die Jeannie Ebner betrieb w\u00e4hrend des Krieges in Wiener Neustadt ein von der Familie ererbtes Transportunternehmen. Als dieses zusammenbrach, studierte sie in Wien Bildhauerei, hielt sich mit \u00dcbersetzungen \u00fcber Wasser, bis sie sich eben der Literatur zuwandte und Romane und Lyrik schrieb. Lange Zeit war sie auch Redakteurin der Literaturzeitschrift \u201eWort in der Zeit\u201c t\u00e4tig. Zuhause, in einer winzigen alten Gemeindewohnung am Mittersteig im f\u00fcnften Bezirk, die mit B\u00fcchern vollgerammelt war und wahnsinnig nach Tabakrauch stank, lebte sie mit ihrem Mann, der Chemiker war. Beide tschickten sie, was das Zeug h\u00e4lt; die Jeannie immer \u201eAustria drei\u201c, die st\u00e4rkste und billigste Zigarette, nat\u00fcrlich filterlos, ein Barabertschick. Kochen lag ihr nicht, sagte sie mir einmal.; \u201eaber ich mu\u00df es tun, der Ernstl braucht doch schlie\u00dflich was zum Essen\u201c. Sie selber war mehr als gen\u00fcgsam. Am Achterl Wein nippte sie &#8211; ich m\u00f6chte fast sagen: stundenlang. Dazwischen rauchte sie Unmengen Zigaretten, oft auch mit einem Zigarettenspitz. Die Jeannie hat, wie sie mir einmal, ich glaube es war in ihrer Wohnung, mitteilte, viele Jahre hindurch ihre vom Schlaganfall gel\u00e4hmte Mutter gepflegt. Das stand ganz im Gegensatz zu ihrer zierlichen, ja fast zerbrechlichen Erscheinung. Gekleidet und gepflegt war sie immer tipptopp. Meine Lebensgef\u00e4hrtin Susanne liebte sie ganz besonders. \u201eSei froh, da\u00df du sie hast\u201c, sagte sie immer wieder zu mir, \u201edie schaut auf dich!\u201c Ihre Gedichte mag ich. Sie sind trotz der oft Gro\u00dfen Themen von einer solchen Einfachheit und Schlichtheit, da\u00df sie mich ber\u00fchren und mein Innerstes erreichen. Daf\u00fcr und f\u00fcr die Begegnung mit ihr \u00fcberhaupt bin ich sehr dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer der ganz sicher nicht ins Caf\u00e9 Sport gegangen w\u00e4re und so naturgem\u00e4\u00df auch nicht dorthin ging, war der leider heute fast g\u00e4nzlich vergessene Dichter und damalige Staatspreistr\u00e4ger <em>Franz Kiessling<\/em>. Der lebte nur in seinem Bezirk, eigentlich nur in seinem Gr\u00e4tzel, n\u00e4mlich in der Neustiftgasse, N\u00e4he Neubaugasse. Dort verkehrte er in drei Lokalen: Im Gasthaus Vyklicki, im Gasthaus Sinkovic &#8211; und wenn diese Sperrstund machten &#8211; dann noch auf ein Dr\u00fcberstreuerachterl im Caf\u00e9 Neustift vis-\u00e0-vis, das bis 2 Uhr nachts offen hatte; ein Espresso-artiges, eher ungem\u00fctliches Lokal mit Neonlicht und unpers\u00f6nlicher Bedienung. Der Kiessling war immer in einen Anzug gekleidet, manchmal, im Sommer, trug er auch eine Kombination, wie man das zur damaligen Zeit nannte, n\u00e4mlich eine Kombination aus verschiedenfarbiger Hose und Rock, genannt Sakko. Er trug stets Krawatte und ein geb\u00fcgeltes Hemd, wenngleich dieses schon die vorige Woche gesehen haben mochte. Seit einem Unfall war er im Kopf und auch so, psychisch sagte man damals noch nicht, krank und hatte eine sehr kleine Pension. Er lebte von seiner Familie getrennt, hatte mit seiner Frau viele Kinder, jedenfalls mehr als f\u00fcnf, er war sehr katholisch, jedes Freigeistertum, so wie meines, war ihm nicht nur fremd, sondern auch verd\u00e4chtig und nicht sympathisch. Trotzdem mochten wir uns. Das ist vielleicht zuviel gesagt. Wir trafen uns halt des \u00f6fteren. Erstens, weil auch ich ein Wirtshaugeher und kein Kaffeehaussitzer war und nie geworden bin, und zweitens, weil der Kiessling der erste Dichter war, den ich pers\u00f6nlich kannte, der mit seine Gedichte vorlas und der sich meine anh\u00f6rte und mir bez\u00fcglich dieser diverse Ratschl\u00e4ge gab, manchmal welche, die man beherzigen mochte, andere wiederum, die hoffnungslos in die literarische Stilvergangenheit zur\u00fcckf\u00fchrten. Er geh\u00f6rte der literarischen Nachkriegsgeneration an, seine Dichterkollegen, die er und die ihn kannten, ohne da\u00df dies je zu Begegnungen gef\u00fchrt h\u00e4tte, waren der Johann Gunert, die Christine Busta, die Jeannie Ebner, die Doris M\u00fchringer, der Herbert Eisenreich, um nur einige Namen zu nennen. Er geh\u00f6rte keiner Vereinigung an, ging zu keinerlei Veranstaltungen, so auch nicht zu Lesungen oder \u00e4hnlichem, er sa\u00df oder stand meistens stundenlang nur in den genannten Gasth\u00e4usern und trank, trank so vor sich hin. Um ihn bildete sich mit der Zeit eine kleine Runde von Lyrikfreunden: auch der Schneider Fritz war dabei, durch den ich die italienische (Ungaretti\/Alberti) und die spanische Lyrik (Lorca), ja sogar s\u00fcdamerikanische Lyrik kennenlernte. Der Schneider Fritz war Naturwissenschaftler, arbeitete in Seibersdorf, kannte sich auch in der Musik gut aus, ich lernte viel von ihm. Er war &#8211; im Gegensatz zu mir &#8211; leider total verkrampft. \u201eFritz, wenn du so weitermachst, dann endet es noch einmal schlimm mit dir\u201c, sagte ich einmal zu ihm. Und so war es auch. Er ist in einem Anfall von Verwirrung von einem hohen Felsen hinuntergesprungen, hat noch kurz gelebt, hat angeblich nur mehr lateinisch gesprochen und ist so umnachtet gestorben. Das mu\u00df lange nach unserer gemeinsamen \u201eKiessling-Zeit\u201c gewesen sein; denn die war in den sehr fr\u00fchen Sechzigerjahren. Der Kiessling ist im Spital von Korneuburg gestorben. Freunde, n\u00e4mlich der Mann der Schriftstellerin Ilse Tielsch, der an dem Krankenhaus Arzt war, und die Tielsch selber haben ihn dorthin gebracht. Ein wunderbares Gedicht vom Kiessling ist mir in Erinnerung und einen Satz daraus kenne ich seither auswendig. Das Gedicht hei\u00dft \u201eB\u00e4ume\u201c. Daraus die folgenden Zeilen: Noch steht der Wald, den ich als Kind bewundert,\/ und scheint nicht \u00e4lter, als er damals schien.\/ Mich \u00e4ndert jedes Jahr. Und dies Jahrhundert\/ wird mich begraben irgendwo bei Wien. &#8230;Wer bin ich dann? &#8211; Ich habe kein Verm\u00e4chtnis,\/ das meinen Namen hier unsterblich macht.\/ Doch w\u00e4r ich gern in eines Baums Ged\u00e4chtnis,\/ so wie ich seinesgleichen gern gedacht.\u201c Ein sch\u00f6nes Gedicht! Ein tiefer Sinn! Ein tragischer Mensch, dieser Franz Kiessling, der ein gro\u00dfer Dichter war, der heute vergessen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei mich tief beeindruckende Begegnungen, keine direkt pers\u00f6nlichen sondern literarische, waren die beiden Lesungen von in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur Christine Lavant und von Ingeborg Bachmann; beide damals noch in dem sehr vitalen, heute heruntergewirtschafteten Palais Palffy am Josefsplatz in Wien. Die Lesung von der <em>Christine Lavant <\/em>war am 21. Mai 1965, die Einladungskarte liegt jetzt vor mir, gelesen haben fr\u00fche und neue Gedichte K\u00e4the Gold und Eva Zilcher, die Einleitung hat der philosophisch und kulturell sehr engagierte Jesuitenpater Alfred Focke gehalten, der tragischerweise von einem seiner Sommerspazierg\u00e4nge in gebirgiger Gegend nicht mehr zur\u00fcckgekommen ist und dessen Leichnam bis heute nicht gefunden wurde. Ich erinnere mich noch gut. \u201eDie Lavant\u201c, eine von\u00a0 ihrem schweren Schicksal niedergedr\u00fcckte, zerbrechliche Gestalt betrat sch\u00fcchtern und gebeugt den Saal, sie war wie in eine \u00e4rmliche lange Kutte gekleidet, mit einem braunen Kopftuch auf dem Haupt, das ebenso wie ihre Gestalt gebeugt war, sie blickte zu Boden, kaum ins Publikum, alle klatschten, begeistert und verehrungsvoll, denn sie war damals schon eine Dichterlegende. Ihre Erscheinung entsprach in Wirklichkeit genau dem Bild, das Werner Berg von ihr gemalt und ebenso als Holzschnitt angefertigt hatte. Gro\u00dfe dunkle Augen, mit denen sie wie unber\u00fchrt von allem in eine weite Ferne schaute. Dann eine kurze Kopfhebung, ein scheues L\u00e4cheln zum Publikum hin, und wieder senkte sie den Blick und das Haupt und zog sich in sich selbst, in ihre Einsamkeit auch zur\u00fcck. Nie mehr habe ich einen Dichter, eine Dichterin in einer solchen Bescheidenheit und Zur\u00fcckhaltung, ja Sch\u00fcchternheit erlebt. Und dies bei einem solchen dichterischen Lebenswerk, wie es Lavant vorzuweisen hatte. Ich besa\u00df damals schon die Lyrikb\u00e4nde \u201eDer Pfauenschrei\u201c (2 Auflage 1968) und \u201eDie Bettlerschale\u201c (4. Auflage 1972) und hatte mich &#8211; ebenso wie mit Georg Trakl &#8211; eingehend mit dem lyrischen Werk der Christine Lavant befa\u00dft, das mich in seine Tiefgr\u00fcndigkeit hineingezogen, durch den poetischen Bilderreichtum bereichert und in seiner Expressivit\u00e4t sogleich angesprochen hat. Da sa\u00df nun die Dichterin, drau\u00dfen im Scheinwerferlicht, h\u00f6rte ihre eigenen Gedichte, wie sie rezitiert wurden und war von all dem wie in eine unerreichbare Ferne entr\u00fcckt. Im Saal war es &#8211; der Ausdruck pa\u00dft zur Lavant und ihren Gedichten &#8211; totenstill. Und nach der Lesung wurde zwar geklatscht, aber man sp\u00fcrte, da\u00df fast jeder in seiner eigenen Nachdenklichkeit versunken war. Eine Frau, die h\u00f6chst seltsam war und die Gedichte schrieb, die einem im Innersten ber\u00fchrten. Eine unverge\u00dfbare Begegnung mit einer Dichterin und ihrer Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenfalls im Palais Palffy fand am 10. Mai 1965 die Lesung von <em>Ingeborg Bachmann<\/em> statt. Der Saal war zum Bersten voll. Ich ergatterte gerade noch einen Stehplatz vorne am Rand. Dann setzte ich mich seitlich auf das Podium, auf dem die Dichterin stand und ihre Gedichte vorlas. Nein, sie rezitierte nicht, sondern sie las sie wie die Abfolge eines Zugfahrplanes v\u00f6llig emotionslos, mit immer derselben Stimmlage und Modulierung vor, fast wie teilnahmslos. Keine Emotionalit\u00e4t sollte st\u00f6ren. Das einzige, was z\u00e4hlte, war das dichterisch Wort, das reine Gedicht, sonst nichts. Gro\u00df und schlank und mit blondem glatten Haar, das sie immer wieder in gleichm\u00e4\u00dfigen Bewegungen aus ihrem Gesicht zur\u00fcckstreifte, stand sie aufrecht da und las ihre Gedichte. Und diese ert\u00f6nten wie in einem Singsang, wie in einem Lied. Eigenartig und unerh\u00f6rt war all dies. Etwas v\u00f6llig Neues, Unbekanntes; auch die Subjektivit\u00e4t, das eigene Ich in ihren Gedichten und die Widerspiegelung ihres Ichs in ihrem Gedicht, in ihrer poetischen Sprache, in diesem Strom an Worten, in der Str\u00f6mung einer neuen Sprache und Bildhaftigkeit, die man nicht sogleich verstand, die man erst entschl\u00fcsseln mu\u00dfte, um zu begreifen, wovon die Rede war. \u201eUnd B\u00f6hmen liegt am Meer&#8230;\u201c: Dieser Satz hat mich seither als etwas geheimnisvolles und zugleich Geoffenbartes begleitet und ich wei\u00df, er wird nie mehr aus meinem Ged\u00e4chtnis, aus meinem Leben verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unverge\u00dflich das Zusammentreffen mit<em> Erich Fried<\/em> am 16. September 1987 in Wien. Wir hatten das Treffen telefonisch vereinbart. Es ging um meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, in dem ich mich mit dem Thema des Holocaust und mit dem ehemaligen KZ Mauthausen befa\u00dfte und dem ich den Untertitel \u201eGedichte gegen das Vergessen\u201c geben hatte wollte. Doch genau diesen Untertitel fand ich auf einem Gedichtband von Erich Fried. Also konnte ich diesen Untertitel nicht mehr verwenden. Also schrieb ich an Erich Fried nach London, auch mit der Frage, was ich jetzt tun solle und ob er mir vielleicht einen Vorschlag machen k\u00f6nnte, diesen Untertitel so zu formulieren, da\u00df er zwar die gleiche Aussage beinhalte, aber kein Plagiat darstelle. Fried lie\u00df mir \u00fcber den Alekto Verlag in Klagenfurt ausrichten, ich solle ihn in London anrufen, was ich dann auch vom Postamt aus in Treibach-Althofen, wo ich gerade zur Kur war, tat. Ich w\u00e4hlte die mir \u00fcbermittelte Nummer, es tutete eine Weile, dann meldete sich eine dunkle Stimme mit \u201eFried\u201c. Ich nannte meinen Namen, er wu\u00dfte sogleich Bescheid. Wir kannten einander von der Begegnung beim Ersten \u00d6sterreichischen Schriftstellerkongre\u00df 1981 in Wien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wohnung eines Freundes von Erich Fried, in einem Haus am Wiener Naschmarkt, sollte ich ihn zum vereinbarten Termin nach vorherigem Anruf aufsuchen, was ich auch tat. Fried war damals schon sehr krank und sichtbar schlecht beisammen. Trotzdem nahm er sich nicht nur Zeit f\u00fcr mich, sondern ging in einer mehr als einst\u00fcndigen Sitzung mit mir das Manuskript \u201eFarbenlehre\u201c durch. Ich bin &#8211; wenn man das ausnahmsweise so sagen darf &#8211; stolz darauf, da\u00df ihm das Manuskript, da\u00df ihm meine Gedichte und Fotos von Mauthausen gefallen haben, ja da\u00df er davon sogar beeindruckt war, wie er mir versicherte. Mit der Vorgangsweise einer poetischen Textanalyse gingen wir gemeinsam Gedicht f\u00fcr Gedicht durch. Er machte ein paar Vorschl\u00e4ge bez\u00fcglich Wortwahl, die wir gemeinsam besprachen. In einem Gedicht hei\u00dft es \u201ewarte noch ein weilchen\/ in diesem chaos\/ in diesem kinderspiel\/ von leben und tod\u201c. Er schlug anstatt des Wortes \u201eWeilchen\u201c die Formulierung \u201ewarte noch eine Zeitlang\u201c vor. Ich erkl\u00e4rte ihm aber, da\u00df es sich bei meiner Wortwahl um eine assoziative Version des volkst\u00fcmlichen Spruches \u201eWarte noch ein Weilchen, bald kommt er mit dem Hackebeilchen und macht Schabefleisch aus dir!\u201c. Ich wei\u00df gar nicht, in welchem Zusammenhang vielleicht eines Sprichwortes das vorkommt, jedenfalls mu\u00dfte meine Formulierung davon bestimmt gewesen sein; also das Unbewu\u00dfte oder Unterbewu\u00dfte im eigenen Gedicht. Nat\u00fcrlich war und ist das in diesem Textzusammenhang und in dieser Assoziation eine Metapher f\u00fcr den Tod. Darauf wies ich Erich Fried hin, und das interessierte ihn auch. Er dachte eine Weile nach und sagte schlie\u00dflich: \u201eDann lassen wir das, es ist es gut so.\u201c Gegen Ende unserer Sitzung nickte Fried, als ich ihm einige Gedichte vorlas, f\u00fcr einen Augenblick ein, war aber sogleich wieder wach, als ich mit dem Lesen aufh\u00f6rte. Er rief seine Begleiterin, eine junge Frau, herbei und bat sie aufzuschreiben, was er formulieren w\u00fcrde. Und ohne da\u00df ich ihn darum gebeten hatte, diktierte er sein Vorwort f\u00fcr meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, autorisierte das Diktierte auch noch mit seiner Unterschrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So habe ich Erich Fried in Erinnerung: bedachtsam, ruhig, entschieden, aber auch ob seiner Emp\u00f6rung \u00fcber etwas erregt protestierend; wie zum Beispiel beim Ersten \u00d6sterreichischen Schriftstellerkongre\u00df in Wien, als er davon sprach, was ihn all die Jahrzehnte hindurch daran gehindert habe, nach \u00d6sterreich zur\u00fcckzukehren. N\u00e4mlich da\u00df \u00d6sterreich und die meisten \u00d6sterreicher, vor allem die Regierungen und die Politik sich immer noch auf jene tradierte kollektive Geschichtsl\u00fcge ausredeten, da\u00df \u00d6sterreich nur ein Opfer des Hitler-Nazitums gewesen sei, und sich nicht zu ihrer Verantwortung auch als T\u00e4ter oder begeisterte Anh\u00e4nger des Nationalsozialismus bekannten. Eben da\u00df \u00d6sterreich seine eigene Geschichte aus jener Zeit nicht aufgearbeitet hatte, sich auch in den Achtzigerjahren noch davor dr\u00fcckte, ja gar nicht bereit war, endlich sein eigenes Beteiligtsein und seine eigene Geschichte aufzudecken und aufzuarbeiten. Damals gab es einen erregten Tumult im Rathaussaal. Davon gibt es ein Foto, auf dem ich mit Erich Friede in unserer gemeinsamen Emp\u00f6rung zu sehen bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wenn ich ein Buch von Erich Fried sehe oder an seinem ehemaligen Gymnasium in Wien vorbeigehe oder wenn ich mit etwas Wesentlichem nicht zurechtkomme, denke ich an sein wunderbares Liebesgedicht mit den S\u00e4tzen: \u201eEs ist was es ist&#8230;\u201c. Dieser Satz ist f\u00fcr mich zu einer Chiffre geworden, sowohl f\u00fcr die Infragestellung als auch f\u00fcr die Akzeptanz von Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/p>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der j\u00fcngste Dichter, dem ich in meinem Leben begegnet bin, war Gert Jonke; damals gerade 16 Jahre alt. Das war im \u201eCaf\u00e9 Ingeborg\u201c in Klagenfurt in den fr\u00fchen Sechzigerjahren. Jonke war ein schm\u00e4chtiges B\u00fcrschchen, sehr schweigsam, sehr freundlich, sanftm\u00fctig.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/08\/schriftstellerbegegnungen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-85439","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85439"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100166,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85439\/revisions\/100166"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}