{"id":85424,"date":"2024-05-15T00:01:58","date_gmt":"2024-05-14T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=85424"},"modified":"2022-02-23T08:45:13","modified_gmt":"2022-02-23T07:45:13","slug":"erinnerungen-an-said","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/05\/15\/erinnerungen-an-said\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an SAID"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam auf mich zu. Das war vor zweimal sieben Jahren. Er schrieb mir eine Mail und bot mir an, eine kleine Erz\u00e4hlung von ihm im Bonner <em>Dichtungsring<\/em> zu ver\u00f6ffentlichen. Sie gefiel mir nicht, sie passte auch nicht recht zum Thema, und so bat ich ihn, lieber einen anderen Text zu schicken, und nach einer Weile schickte er ein Liebesgedicht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wenn du aus deinem versteck herauskommst<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">um mich zu lieben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sind wir dann nicht bewaffnet gegen den tod<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mit unseren k\u00fcssen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und mit der zeit<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die auf unseren h\u00e4nden ruht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gefiel uns sehr. Und wir ver\u00f6ffentlichten es 2008 in unserer 36. Ausgabe, \u201eK\u00f6rper\u201c war das Thema. Liebe und Tod war seins. Wie das so ist mit den Themen und der Literatur: gerade ein Gedicht, selbst ein kurzes, kommt ja nicht mit einem Aspekt aus, und so ist es auch in seinem Gedicht \u2013 nat\u00fcrlich ist die Liebe gebunden an den K\u00f6rper, der K\u00f6rper unterworfen der Zeit, also: Liebe und Tod. Aber auch diese Aspekte sind hintergr\u00fcndig, doppeldeutig, und wie wir wissen, schrieb SAID gern Liebesgedichte, sie waren f\u00fcr ihn, den doppelt Heimatlosen, Zuflucht, die Liebe eine Zufluchtsheimat, nicht Ersatz, sondern das einzige Paradies, das sich im Leben verwirklichen l\u00e4sst, wenn auch nur tempor\u00e4r. Es sei denn, das Gedicht meint auch die Liebe zur Sprache \u2013 das wird in anderen Gedichten deutlicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Said Mirhadi schrieb alles klein, nur nicht seinen Namen. \u201eschreit euren namen \/ laut und deutlich \u2014 denn hier, \/ auf dem sklavenmarkt, \/ versteigert man den, \/ der schweigt.\u201c Das f\u00fchrt wieder zur\u00fcck zur Politik, die ihm zweimal seine Heimat nahm, erst das diktatorische Schah-Regime, dann die theokratische Diktatur der Mullahs. Geboren 1947 in Teheran als Sohn eines Offiziers, wurde SAID 1965 zum Studium nach Deutschland geschickt: so \u201e&#8230; verschlug mich das leben hierher, im alter von 17, wie ein kind, das schlafend fortgetragen wurde.\u201c In M\u00fcnchen studiert er Politikwissenschaft. Was sonst. Er will die Welt verstehen. Er erlebt den Besuch des Schahs am 2. Juni 1967 und die Studentenbewegung in Deutschland. Er wird zum politischen Dichter, schreibt gegen die alte und die neue Diktatur in seinem Land, bald in deutscher Sprache. Er begreift, dass das Exil sein Leben \u00fcberdauern wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wir teilen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">den vorrat an worten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mit den bed\u00fcrftigen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und gehen au\u00dfer landes<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der tag mit seinen riffelungen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">schweigt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die h\u00e4user r\u00fccken zusammen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und \u00fcberwinden die scham<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der tod<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">legt sich einen namen zu<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und bricht auf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SAID wird 1995 Mitglied im Pr\u00e4sidium des PEN-Clubs und dessen Pr\u00e4sident (2000-2002). In dieser Rolle kann er sich f\u00fcr Verfolgte und Verurteilte in seiner Heimat einsetzen, was ihn selbst gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr seine literarische Arbeit erh\u00e4lt SAID mehrere Preise, 2006 die Goethe-Medaille und 2016 den Friedrich-R\u00fcckert-Preis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bonner Literaturzeitschrift <em>Dichtungsring<\/em> ver\u00f6ffentlichte gerade in den letzten f\u00fcnf Jahren mehrmals Texte von SAID, zwei Gedichte und drei Erz\u00e4hlungen. In seinen Mails schenkte er uns beinahe jedes Mal ein Gedicht dazu. Alle Texte, die uns SAID gab, enthielten einen politischen Kern, manchmal muss man ihn mit der Lupe suchen, aber der Text stellt die Lupe bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Erz\u00e4hlung \u201eeine stadt horcht\u201c (DR52\/2018), eine kafkaeske, surrealistisch zugespitzte Parabel \u00fcber das Wesen der Diktatur und die Machtlosigkeit der Unterdr\u00fcckten, geht ein Fremder, oder ein Tr\u00e4umer?, zum Bahnhof und l\u00f6st eine Fahrkarte: \u201enach einem ort, der zuh\u00f6rt.\u201c Als der Fremde den Ort erreicht, fliehen in der Allee die B\u00e4ume vor ihm. Ein Polizist gibt dem Fremden Anweisungen, er soll nicht zu klug erscheinen, und deutet auf ein Geb\u00e4ude, in dem nackte Frauen auf dem Boden sitzen, Gem\u00fcse schnippeln und vom n\u00e4chsten Krieg reden. Wieder drau\u00dfen vor der Halle sieht der Fremde: Jeder B\u00fcrger tr\u00e4gt einen lebendigen, zappelnden Fisch in der Hand. Nun soll der Fremde, so teilt der \u201epolizist im auftrag des staates\u201c mit, \u201ejedem b\u00fcrger in 99 w\u00f6rtern erkl\u00e4ren, warum das schweigen so wichtig ist -\u201c Am Stra\u00dfenrand liegen lauter tote Fische. In einer weiteren Halle sitzt \u201eeine menschenmenge auf dem boden, vor jedem lag ein toter fisch. die menge wehklagte, schlug sich ins gesicht und schluchzte.\u201c Der Fremde dreht sich um und schaut dem Polizisten in die Augen. Der sagt zu ihm: \u201eentweder betrauern sie einen eigenen fisch oder sie verlassen die stadt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die abh\u00e4ngigkeit von einer sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die bleiben will<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">das gedicht<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">gepr\u00e4gt von stunden und kontinenten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">fl\u00fcstert zu ende<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">an einem ort<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">aus zweifel und zweigen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rettet uns wenigstens die Liebe? In \u201eparadise blue\u201c(DR55\/2019) erz\u00e4hlt SAID gleichnishaft von einer Person, die 71 Jahre alt ist und er selbst sein k\u00f6nnte, vom Verlust des Paradieses, seiner iranischen Heimat, von Liebe und Verrat \u2013 durch seine Unbedachtsamkeit kommt der Freund ins Gef\u00e4ngnis, der die gleiche Frau liebt \u2013 und vom Warten im Exil auf den Putsch. Das alles schreibt der Ich-Erz\u00e4hler in einem Brief an seine einstige Geliebte. \u201edann kommt der putsch, und ich kehre nach hause zur\u00fcck. dort habe ich keinen garten und ein paradies suche ich schon lange nicht mehr.\u201c Er fragt nach dem verratenen Freund, der will ihn nicht mehr sehen.\u00a0 \u201eer ist besiegt, von mir, von dir. und auch wir beide sind besiegt. besiegt durch die zeit und ihre launen. man nennt sie allerorts politik. wir sollten uns vers\u00f6hnen, bevor der tod uns besiegt. die art der vers\u00f6hnung m\u00fcssen wir offen lassen \u2013 falsche paradiese haben ihren eigenen code. komm du nach hause, wir finden einen weg, ohne begierde. niemand will etwas von uns, nicht einmal der geheimdienst.\u201c \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Erz\u00e4hlung zeigt deutlich, wie schwer die Wunden und Selbstverletzungen sind. Sie k\u00f6nnen nicht heilen, auch nicht durch die Liebe. Aber die Liebe, und dazu geh\u00f6rt auch das Verzeihen, ist die Grundvoraussetzung, um das eigene Leben zu ertragen, und sie ist in ihrer politischen Dimension, als N\u00e4chstenliebe, das Fundament einer ertr\u00e4glicheren Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er kam auf mich zu. Das war vor zweimal sieben Jahren. Er schrieb mir eine Mail und bot mir an, eine kleine Erz\u00e4hlung von ihm im Bonner Dichtungsring zu ver\u00f6ffentlichen. 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