{"id":8541,"date":"2012-11-06T00:01:11","date_gmt":"2012-11-05T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8541"},"modified":"2022-02-22T05:27:46","modified_gmt":"2022-02-22T04:27:46","slug":"asthetische-prothetik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/06\/asthetische-prothetik\/","title":{"rendered":"\u00c4sthetische Prothetik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #6e6e6e;\"><span style=\"color: #999999;\">Ann\u00e4herung an die Visuellen Arbeiten von Angelika Janz<\/span> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit einer behutsamen Bewegung, deren Notwendigkeit kaum wahrzunehmen ist, beginnt alles, was seit wenigstens zwei Jahrtausenden sich unter dem Namen der Sprache zu versammeln trachtete \u2026sich nun in den Namen der Schrift zu verlagern, zumindest darunter sich zusammenfassen zu lassen\u2026 J. Derrida<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/582109_4349094774478_1631594811_n-300x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-8570\" title=\"582109_4349094774478_1631594811_n-300x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/582109_4349094774478_1631594811_n-300x3001-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/582109_4349094774478_1631594811_n-300x3001-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/582109_4349094774478_1631594811_n-300x3001.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Man muss kein Schriftgelehrter sein, um diesem Gedanken Derridas folgen zu k\u00f6nnen. Die Schrift hat auch sichtbar im genannten Zeitraum an Bedeutung gewonnen, die Welt ist, k\u00f6nnte man sagen, komplett be- und gezeichnet. Der Sinn flieht, rettet sich in die Sprache durch Schrift, und als Schrift finden wir mehr vor als eine gewisse Anzahl von Buchstaben aus der sich eine endliche Gruppe von W\u00f6rtern generieren l\u00e4sst. Letztlich schnurrt hier alle Bewegung zusammen, wird zum Punkt wie das Jojo in der N\u00e4he der Hand des Spielers, um sich von da aus erneut zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sichtbaren bleibt es jedoch als Vergangenes, als Spur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fernen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9015 alignright\" title=\"fernen\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fernen-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fernen-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fernen-723x1024.jpg 723w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fernen.jpg 1240w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Andererseits hat sich zumindest seit dem Mittelalter der grafische Ausdruck, der den M\u00f6nchen im Skriptorium schon physische Selbstverst\u00e4ndlichkeit war, immer weiter in die Schrift zur\u00fcckgezogen, versteckt sich in genormten Industriellen Typen. Meine T\u00f6chter haben in der Schule mit der Anlauttabelle schreiben gelernt, das hei\u00dft ohne Haken und Schw\u00fcnge direkt in Druckschrift. Das ging schnell, aber es \u00fcberspielte auch den physischen Charakter, lie\u00df ihm keinen Raum Erfahrung zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0In der Kunst wird dieser Charakter neu entdeckt, einerseits bei Carlfriedrich Claus zum Beispiel, der die Physis deutlich vor den Sinn schiebt, so dass seine Gebilde letztlich Klang und Bild sind, dass sie sich jenseits der Semantik neu erfahren lassen, oder eben bei\u00a0 Angelika Janz, die das physisch Bildhafte des Textes, seine Konkretion in Schrift zerst\u00f6rt, um ihn in einer neuen graphischen und so auch semantischen Gestalt wieder aufleben zu lassen. Ihr, Angelika Janz und ihrem Werk, sei dieser Text gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0In den siebziger Jahren baute mein Vater Epithesen. Aus einem s\u00fc\u00dflich riechenden wachs\u00e4hnlichem Material fertigte er Ohren oder Nasenfl\u00fcgel, die mit einer Brille verbunden beim Tr\u00e4ger einen Verlust ausgleichen sollten. Der vorliegende Band arbeitet \u00e4hnlich mit Text. Die Crux an dieser wie an jeder \u00c4hnlichkeit ist aber, dass sie den fundamentalen\u00a0 Unterschied beinhaltet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der neu gegr\u00fcndete freiraum-verlag aus Greifswald legt mit tEXt bILd den ersten Band einer auf drei B\u00e4nde angelegten Ausgabe mit Texten von Angelika Janz vor. Und dieser erste Band enth\u00e4lt Visuelle Arbeiten, Essays zur Arbeitsweise und ein sehr instruktives <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8389\">Vorwort<\/a> von Michael Gratz, in dem er anhand der Gebilde von Janz einen Begriff des Experiments und des Fragments jenseits akademischer und eben auch antiakademischer Hochn\u00e4sigkeit entwickelt. Einen Begriff also, der sich der Janzschen Arbeiten annimmt, ohne auf eine gewisse Verbeugung zu verzichten. Die Literaturtheorie findet hier zu einer dienenden Rolle zur\u00fcck ohne unterw\u00fcrfig zu sein. Sie bleibt selbstbewusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/5700_1159518557066_6635749_n-300x2581.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-8571\" title=\"5700_1159518557066_6635749_n-300x258\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/5700_1159518557066_6635749_n-300x2581-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Aber sie, Janz, und mit ihr die Theorie, arbeitet eben auch auf einer Grenze, denn die ausgew\u00e4hlten visuellen Arbeiten bewegen sich in einem Zwischenreich aus Zeichen und Sinn. \u201eImmer,\u201c so Janz,\u00a0 \u201ebewahrte der fremdgedruckte Text, der Textkern, etwas f\u00fcr die eigene Sprache Sch\u00fctzendes auf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ein bestimmtes Zeichen ein Sinntr\u00e4ger werden kann, und zwar Tr\u00e4ger in nicht \u00fcbertragener Bedeutung gefasst, sondern w\u00f6rtlich als etwas, das Sinn transportiert, weg vom Ort seiner Produktion, braucht es, das Zeichen, einen eigenen materialen Ausdruck, der wie ein Rucksack den Sinn zwar aufnehmen kann, aber als Gef\u00e4\u00df gewisserma\u00dfen \u00fcber ihn hinausweist. Sinn und Zeichen sind nichtidentisch, weil sie nur so zu einer ortsfreien Identit\u00e4t f\u00e4hig sind. Diese Nichtidentit\u00e4t bedeutet aber auch, dass ein verletztes, verst\u00fcmmeltes Gef\u00e4\u00df einen Sinn weiterhin transportiert, der sich in eine neue Form geschmiegt, zumindest einen neuen Grund ergibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Meditation.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9016 alignright\" title=\"Meditation\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Meditation-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Meditation-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Meditation-723x1024.jpg 723w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Meditation.jpg 1240w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Man k\u00f6nnte Janz Verfahren als eine \u00e4sthetische Prothetik beschreiben. Sie nimmt vorgefundenen Text zur Grundlage und setzt ihm mit der Schere zu, zerlegt und\u00a0 verst\u00fcmmelt ihn. Nun aber wird er repariert oder besser erg\u00e4nzt. Aber eben nicht im Sinne einer herk\u00f6mmlichen Prothetik, die versucht auf mehr oder weniger einfallsreiche Art einen urspr\u00fcnglichen Zustand, oder eine dem Unfall vorausgegangene Funktionalit\u00e4t wieder herzustellen, sondern in dem ein neuer Sinnraum geschaffen wird. Dieser r\u00fchrt zwar von der Vorlage her, weil diese aber eben nicht rekonstruiert wird, entspinnt er sich in Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ergebnis sind Textgebilde die auf beiden Ebenen wirken, der visuellen und der semantischen. Ein verbl\u00fcffendes Ergebnis, das das Bildhafte des Textes, und zwar \u00fcber das konkrete Gebide hinaus, in den Blick und ins Bewu\u00dftsein treten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #888888;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/freiraum-verlag.de\/de\/der-verlag\/programm\/39-angelika-janz-text-bild.html\"><em><strong>tEXt bILd<\/strong> \u2013 Ausgew\u00e4hlte Werke 1: Visuelle Arbeiten und Essays<\/em><\/a> von Angelika Janz, freiraum-Verlag, Greifswald 2012.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98669 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Janz_KommaStrich-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin. <\/em>Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ann\u00e4herung an die Visuellen Arbeiten von Angelika Janz Mit einer behutsamen Bewegung, deren Notwendigkeit kaum wahrzunehmen ist, beginnt alles, was seit wenigstens zwei Jahrtausenden sich unter dem Namen der Sprache zu versammeln trachtete \u2026sich nun in den Namen der Schrift&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/06\/asthetische-prothetik\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":98669,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918,500,924,919],"class_list":["post-8541","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz","tag-jacques-derrida","tag-jan-kuhlbrodt","tag-michael-gratz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8541"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99415,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8541\/revisions\/99415"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98669"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}